5-Seen-Wanderung am Pizol
Es ist soweit. Schon lange liebäugelten wir mit der 5-Seen-Wanderung am Pizol, doch der Zeitpunkt hat nie richtig gepasst. Am Wochenende ist der Schweizer Wanderklassiker masslos überlaufen. Nun sind alle Kriterien erfüllt: Es ist Freitag, die Schulferien sind vorbei und das vorhergesagte Bergwetter tönt perfekt. Die Morgensonne strahlt in voller Kraft vom Augusthimmel, als wir um acht im Heidiland ankommen. Zwar sind wir eine Viertelstunde zu früh an der Talstation in Wangs, aber längst nicht die ersten. Der Fahrkartenschalter ist noch geschlossen, der Ticketautomat funktioniert nicht. Seufzend stellen wir uns geduldig in die Warteschlange…
Pünktlich wie eine Schweizeruhr setzt sich um viertel nach acht die Bahn in Bewegung; erst dann öffnet die Kasse. Die erste Etappe erfolgt mit der Gondelbahn. Anschliessend steigen wir auf den Sessellift um, und auch auf dem letzten Streckenabschnitt schweben wir nochmals auf einem Sessel bergan. Oben auf 2222 Metern über Meer bei der Pizolhütte angelangt, ist es schon neun. Die Terrasse des Restaurants ist noch menschenleer. Die Frühaufsteher streben schnurstracks dem Wanderwegweiser zu, und wir würdigen erstmals das Panorama.
Spiegelglatter Wangsersee
Die 5-Seen-Wanderung ist eine hochalpine Wandertour mit drei anstrengenden Auf- sowie Abstiegen. Auf einer Strecke von 11 Kilometern geht es in rund 5 Stunden insgesamt 550 Höhenmeter hinauf und 900 Höhenmeter hinab – oder umgekehrt. Der hoch über der Waldgrenze verlaufende Bergweg zieht sich durch ständig wechselnde Landschaften, fünf Bergseen prägen die Route. Der erste See ist leicht geschafft, liegt der Wangsersee nur einen Katzensprung von der Pizolhütte entfernt. Während wir am Ufer des spiegelglatten Tümpels die reizvolle Bergwelt bestaunen, baden Kühe ihre Füsse.
Route: Pizolhütte 2222 m – Wangsersee 2205 m (10 min) – Pizolhütte 2222 m (10 min) – Wildseeluggen 2493 m (60 min) – Schottensee 2335 m (30 min) – Schwarzplangg 2505 m (40 min) – Schwarzsee 2368 m (20 min) – Rossstall 2456 m (30 min) – Baschalvasee 2174 m (40 min) – Gaffia 1861 m (50 min)
Inzwischen ist auf der Terrasse der Pizolhütte etwas Leben eingekehrt. Doch wir lassen Kaffee und Gipfeli links liegen und folgen beschwingt der ausgeschilderten 5-Seen-Wanderung, die als eine der schönsten Panoramawanderungen der Schweiz gilt. Doch wir lassen uns von dieser Einschätzung nicht zu hohen Erwartungen verleiten und bleiben kritisch. Hält die Tour was sie verspricht? Oder ist der Wanderklassiker überbewertet?
Es geht leicht bergan, bevor ein Zickzackweg jäh den sonnigen Wiesenhang empor leitet. Um nicht völlig ausser Puste zu geraten, drosseln wir das Tempo. Viele Ausflügler sind auf den Beinen. Vor uns pilgern Menschen, hinter uns ebenso. „Eine richtige Ameisenstrasse“, brummt Roland. Schweifen unsere Augen zur Passhöhe, wirken die bunten Gestalten am Berg tatsächlich wie krabbelnde Ameisen. Trotz Werktag haben wir uns auf ein Gewusel eingestellt und nehmen es ziemlich gelassen hin, obschon wir sonst in den Bergen die Ruhe suchen. Bestimmt ist noch wenig los, verglichen mit einem heitern Sonntag.
Milchig blauer Wildsee
Oben bei Wildseeluggen auf knapp 2500 Metern angelangt, tut sich ein völlig neues Bild auf. Der hellblaue Wildsee bettet sich fabelhaft in das Grau der hochalpinen Gegend, vereinzelte Schneeflecken sind auszumachen. Hinter dem See erblicken wir den Pizolgletscher. Der 2844 Meter hohe Pizolgipfel sowie die spitzen Grauen Hörner heben sich von einem tiefblauen Himmel ab. Um den Wegweiser lagert eine Menschentraube. Es war zwar nicht anders zu erwarten, aber jetzt wird es uns doch zu viel…
Schleunig schwenken wir auf einen anderen Weg ab, der uns über Felstrümmer auf die andere Seite des Bergsees bringt. Die Sonne im Rücken, zeigt sich der Wildsee nun in besten Lichtverhältnissen und sein milchiges Blau schimmert. Nur Vereinzelte wagen es auf diese Seeseite. Glückselig gönnen wir uns eine erste Pause und saugen die friedvolle Stimmung tief in uns auf. Am Horizont ragen die unverkennbaren sieben Churfirsten schemenhaft auf. Auch erstreckt sich in unserem Blickfeld der Hochwart, ein Nebengipfel des Pizols.
Der schroffe Gipfel lockt, spontan erweitern wir unseren Abstecher. Über Geröll und Fels strolchen wir beherzt dem besagten Berg entgegen. Schnaubend erlangen wir schliesslich das
Gipfelkreuz, das auf 2669 Metern Höhe thront. Auf dem Hochwart sind wir fast allein – die Gipfelstürmer sind an einer Hand abzuzählen. Die Rundumsicht ist eine Wucht und reicht über das imposante Gebirgsmassiv des Pizols bis in die Bündner- und Glarner Bergwelt; in der Tiefe setzt sich der dritte See in Szene. Unsere Emotionen sprudeln und wir könnten noch ewig hier oben hocken bleiben, aber es ist schon halb eins. Die Zeit drängt uns zurück auf den eigentlichen 5-Seen-Weg.
Türkisfarbener Schottensee
An der Abzweigung bei Wildseeluggen lauert noch immer eine Menschenmenge rund um den Wegweiser. Kopfschüttelnd steuern wir am Geschehen vorbei und machen uns flink auf den steilen Abstieg hinunter zum Schottensee. Inzwischen kreuzen wir Wanderer aus der Gegenrichtung. Bemüht auf dem steinigen Pfad nicht auszurutschen, erhaschen wir gelegentliche Blicke auf den Schottensee. Sein zartes, sattes Türkis erinnert an einen gigantischen Farbtopf. Auf der hinteren Seite von Felsen eingerahmt, zieht sich auf der vorderen ein Strand dem Ufer entlang. Leute picknicken, baden und palavern. Wir treffen vorwiegend auf Ausländer – zumindest sprechen sie kein Schweizerdeutsch.
So berauschend der Schottensee ist, wir wollen und können nicht verweilen: einerseits wegen der Meute, andererseits wegen der Zeit. Noch sind drei Wanderstunden veranschlagt und wir möchten die letzte Talfahrt um halb fünf keinesfalls verpassen. Also weiter, stetig bergauf. Noch immer scheint die Sommersonne unermüdlich und zaubert uns im Nu Schweissperlen auf die Haut. Werfen wir einen Blick zurück, schauen wir mitten ins Unesco Weltnaturerbe Sardona mit Pizolgletscher, Piz Sardona und Ringelspitz. Der markante Spitz ist der höchste Berg des Kantons St. Gallen und misst stolze 3247 Meter.
Grünblauer Schwarzsee
In weiten Kehren nähern wir uns der angepeilten Krete namens Schwarzplangg, die auf 2505 Metern liegt. Vom höchsten Punkt der 5-Seen-Wanderung erspähen wir den Schwarzsee, den mittlerweile vierten See. Nun brauchen wir dringend Kalorien, der Magen knurrt immer heftiger. Etwas abseits des Wanderwegs zücken wir unser Picknick aus dem Rucksack. Schnabulierend gucken wir versonnen auf das grünblaue Gewässer.
Den letzten Bissen verdrückt, müssen wir leider schon weiter. Der Abstecher zum Hochwart hat uns arg in Verzug gebracht, doch wir bereuen es kein bisschen. Der Abstieg zum Schwarzsee ist rasch gemeistert. Sein Wasser ist glasklar, magisch spiegeln sich darin die umgebenden Berge. Die graue Hochgebirgswelt ist längst in bucklige Alpwiesen übergegangen, wo Blumen Farbakzente setzen. Ein letzter Aufstieg steht an: kurz, aber knackig.
Oben bei Rossstall verblüfft uns ein riesiger Garten voller sagenumwobenen Steinmännchen. Die Verkleinerungsform ist zwar etwas fehl am Platz, sind gewisse Steintürme mächtig und gar meterhoch. Auch sichten wir das weite Rheintal und die Österreicher Berge. Auf einem breiten Wiesengrat erfolgt der letzte Abstieg über die Ostflanke des Gamidaur. Mühelos geht es leicht bergab, den Weg teilen wir mit einer Kuhherde.
Grün gefärbter Baschalvasee
Bald liegt uns der Baschalvasee zu Füssen, der fünfte und letzte See. Das grüne Wässerchen liegt verträumt und verlassen in der alpinen Idylle und lädt zu einer Pause ein. Leider müssen wir dankend ablehnen – der Blick auf die Uhr lässt uns zügig weiterziehen. Weiter bergab, bis zur Sesselbahnstation Gaffia auf rund 1800 Metern. Der steile Endspurt fordert den Knien einiges ab. Aber immerhin schaffen wir es rechtzeitig, sogar noch vor den Allerletzten.
Überwältigt schweben wir talwärts. Ein Lächeln umspielt meine Lippen, der Fahrtwind streicht angenehm durch unsere Haare. Die 5-Seen-Wanderung hat uns völlig in ihren Bann gezogen, der Abstecher auf den Hochwart war das Tüpfchen auf dem i. Die himmlischen Panoramen machen in unseren Augen die Wandertour aus, ebenso das facettenreiche Gelände: von hochalpin karg bis saftig grün. Zudem ist jeder der fünf Seen anders – allesamt sind sie bezaubernde Farbkleckse. Der einzige Wermutstropfen ist das knappe Zeitfenster. Denn wir lieben es, uns in aller Gemütlichkeit treiben zu lassen. Schade fahren die Pizolbahnen nicht länger…
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