Abstecher Waikaremoana
„Lohnt sich ein Abstecher in den Te Urewera Nationalpark?“, fragen wir uns gegenseitig. Hin- und hergerissen, wie so oft bei unserer Routenplanung. Unzählige Ziele locken, doch alle können wir uns zeitlich nicht leisten, ansonsten bleibt schlussendlich die Südinsel auf der Strecke… Der Te Urewera Nationalpark umfasst eine riesige, fast unberührte Wildnis im Osten und
erstreckt sich quer über das gebirgige Rückgrat der Nordinsel – seine Grösse entspricht jener des Kantons St. Gallen. Sein Herzstück ist ein grosser See mit einem langen, schwierigen Namen – Waikaremoana. Der Nationalpark wird aufgrund seiner Abgeschiedenheit eher selten angesteuert, und genau dies ist unter anderem der Grund, warum wir uns letztendlich für den Besuch entscheiden…
Von Gisborne, dem östlichsten Ende der Region East Cape, kurven wir einmal mehr durch eine hügelige Landschaft in Richtung Süden. Gelbes Farmland und bewaldete Abschnitte wechseln sich ab, bis wir rund 100 Kilometer später Wairoa an der Küste erreichen. Es ist Mittag. Wir schwenken ab ins Zentrum, in der Hoffnung, im kleinen Ort ein Café aufzuspüren – mein Geburtstagswunsch. Das Wasser läuft uns im Mund zusammen, als die freundliche Angestellte des stilvollen Lokals uns einen verführerisch duftenden Cappuccino und ein Stück Kuchen vor die Nase stellt. Das Café bietet kostenloses Wifi, was in Neuseeland keine Selbstverständlichkeit ist. Wir nutzen die Gelegenheit, insbesondere zum Herunterladen von informativen Broschüren für uns Wandervögel.
Wairoa ist das Tor zu den abgeschiedenen bewaldeten Bergen des Te Urewera. Von hier führt eine Strasse tief ins spärlich besiedelte Landesinnere, die uns in rund 70 Kilometern an den besagten See, ähhm, den Waikaremoana lotsen wird. Neuseeländische Orte tragen
oft Namen, die wir uns kaum merken können oder zum Verwechseln ähnlich tönen… Auf der asphaltierten Fahrbahn kommen wir verhältnismässig flott voran, doch als diese plötzlich in Schotter übergeht, sind wir einerseits vor den Kopf gestossen und andererseits um einiges langsamer unterwegs. Auf einen unbefestigten Abschnitt folgt wieder ein Teerstück, um sich dann wieder in eine Staubpiste aufzulösen. Hätten wir im Vorfeld gewusst, dass die Hälfte der Strecke ungeteert ist, hätten wir uns kaum auf diesen Abstecher eingelassen. Keines unserer beiden Reisehandbücher hat uns vorgewarnt. Dass, abgesehen von dieser Zufahrtsstrasse, nur Schotterpisten durch den Nationalpark führen, ist uns bekannt.
Der Campingplatz am südlichen Ende des Parks liegt unmittelbar am Ufer des Waikaremoana, dem „See des sich kräuselnden Wassers“. Das von Busch umschlossene Gewässer ist das unbestrittene Highlight der Region und nimmt ein großes Becken in einer Höhe von knapp 600 Metern ein. Der See entstand vor etwa 2200 Jahren, als sich eine riesige Felsmasse aus Sandstein vom Gebirge löste und den Fluss blockierte, der einst die Täler bewässerte… Ein grundsätzlich friedlicher Fleck, oft wäre man hier wohl fast allein. Doch mitten im verlängerten Wochenende mit dem morgigen Nationalfeiertag wuseln viele Camper umher, aber jeder Stellplatz ist bei weitem nicht besetzt. Zum Glück, den die Plätze sind knapp bemessen und liegen eng beieinander…
Gemütlich schlendern wir am Seeufer entlang. Der Waikaremoana ist von Bergen umrahmt, sein Wasser glitzert kristallklar. Die Kulisse ist bezaubernd. Familien tummeln sich am steinigen Strand, planschen vergnügt im seichten Nass. Das Wetter ist ein Traum und zeigt sich selbst in dieser Höhe hochsommerlich heiss. Zumal unser Stellplatz über keinen Schatten verfügt, ist es sogar am frühen Abend noch zu heiss, um draussen zu speisen – unglaublich.
Die Sonne steht mittlerweile tief am Himmel und verspricht einen wundervollen Sonnenuntergang. Am Strand ist es ruhig, die Leute haben sich zurückgezogen. Noch jetzt ist eine Abkühlung angebracht und wir waten ins knietiefe Wasser. Wir hätten nicht gedacht, in Neuseeland einst unsere Badehose zu nässen. Der See ist zwar frisch, aber immerhin nicht so kalt wie das Meer. In vollen Zügen geniessen wir
die Abendstunden am stimmungsvollen Ufer des Waikaremoana und lassen es uns gut gehen. Mit einem Schluck Rotwein stossen wir auf meinen Geburtstag an, währenddessen die Sonne die Umgebung in ein warmes Licht taucht und den Himmel später mit orange-roten Farbtönen in Szene setzt. Ein wildromantischer Abend, so lauschig und mild, noch nie gehabt in Neuseeland. Erst um halb zehn treibt uns eine kühle Brise in unsere vier Wände…
Um einen echten Eindruck des gigantischen Nationalparks zu gewinnen, muss man sich in Wanderschuhe stürzen. Viele wählen hierfür den „Lake Waikaremoana Track“, eine viertägige Wanderroute rund um den See, mit Übernachtungen in Hütten oder im Zelt. Das Trekking zählt zu den populären Great Walks, denen acht weitere mehrtägige Touren angehören. Doch eine Wanderung von mehreren Tagen entspricht nicht unserem momentanen Bedürfnis – wir möchten die Zeit mit dem gemieteten Campervan voll auskosten. Auch sind wir für ein solches Unterfangen nicht gut genug ausgerüstet und es würde uns schwer fallen, zwecks Buchung uns lange im voraus für ein Datum zu entscheiden. Für Tageswanderungen hingegen, sind wir stets zu begeistern.
Nach einem kurzen Aufstieg zu einem Lookout sind wir warmgelaufen und wagen uns an die erste Etappe des genannten Great Walks. Zwar ziehen sich noch Dutzende kürzere Wanderungen durch den Te Urewera, doch viele verlaufen mehrheitlich versteckt im dichten Busch. Doch uns ist nach Aussicht zumute… Der Aufstieg über weichen Waldboden verläuft steil. Baumstämme sind dick mit flauschigem Moos eingekleidet, Farne
wuchern am Wegesrand. Zahllose Wurzeln bilden natürliche Stufen, bringen uns bald in schwindelerregende Höhe. Ein herrlicher Pfad durch einen lichten, verwunschenen Wald. Unser Herz schlägt höher. Immer wieder lassen sich von hohen Klippen auf knapp 1200 Metern atemberaubende Ausblicke über den sich unter uns ausbreitenden, verzweigten See erhaschen. In der Sonne schimmert sein Wasser blaugrün, Sandstrände leuchten schneeweiss. Ein wunderschönes Naturschauspiel – wir sind überwältigt.
Früher als uns lieb ist, treten wir den Rückmarsch an. Spätnachmittags gelangen wir
zurück zum Parkplatz, kurven retour nach Wairoa an die Küste. Zwei Stunden später lehnen wir in unseren Campingstühlen, blicken zufrieden auf den Fluss. Ein lauer Abend, kein Lüftchen weht. Sieben Uhr, noch immer zeigt das Thermometer heisse 29 Grad an – fast wie in den Tropen. Heute treibt uns für einmal nicht die Kälte, sondern die Müdigkeit ins Bett. Doch wir sind uns einig – der Abstecher Waikaremoana hat sich vollends gelohnt.
das war das „Lieblingsgebiet“ von meinem Ex…. – ich selber war nie dort, aber er hatte oft darüber gesprochen….