Ala-Archa – vor der Haustüre Bishkeks
Nach einem langen Reisetag weist unser GPS dem Fahrer den Weg zur ausgesuchten Unterkunft in Bishkek. Die Adresse stimmt, doch das grüne verschlossene Stahltor in der staubigen Seitenstrasse birgt nicht geringste Anzeichen eines Hotels. Mist, hat uns das Navi in die Irre geführt? Auf das Klingeln erscheint ein älterer Herr, hinterlässt einen etwas verwirrten und abweisenden Eindruck. Er spricht zwar nur Russisch, gibt uns aber unmissverständlich das Gefühl, am falschen Ort zu sein. Doch der Anruf auf die Nummer des Guesthouses bestätigt zu unserem Erstaunen das Gegenteil – endlich sind wir am Ziel.
Müde fallen wir ins Bett, doch an Schlaf ist so schnell nicht zu denken. Kaum wende ich mich auf die Seite, rebelliert mein Magen-Darm-Trakt, lässt mich immer wieder aufs Klo spulen. Am nächsten Tag hüte ich das winzige Zimmer, doch das Guesthouse eignet sich nur bedingt zur Kur – die Betten sind steinhart (keine richtige Matratze, sondern nur zwei dünne Matten auf einem Holzgestell), die Wände hellhörig und dünn wie aus Karton, geteilte sanitäre Anlagen befinden sich auf dem Flur. Der französische Besitzer verlangt 20 Euro pro Nacht und lässt uns im Glauben, dass die unbequeme Bleibe immerhin günstig sei. Doch später stellt sich heraus, dass der Preis pro Person zu verstehen ist, was wir völlig überteuert finden. Roland schaut sich noch ein weiteres Hotel an, doch auch hier stimmt das Preis-/Leistungsverhältnis nicht. Wie in vielen Hauptstädten der Welt, sind die Unterkünfte wohl auch hier verhältnismässig teuer…
Etwas verspätet reagiert auch Rolands Darm mit Durchfall auf den Übeltäter Plov. Der Ramadan ist zwar zu Ende, doch für uns beginnt nun die Fastenzeit – nicht ganz, aber wir halten eine strikte Tee-Zwieback-Bananen-Diät und hoffen, unser Verdauungssystem zu besänftigen. Eigentlich haben wir uns den Aufenthalt in Bishkek kulinarisch anders vorgestellt, haben wir uns im Vorfeld auf die reich bestückten Supermärkte und die Restaurants mit abwechslungsreicher Speisekarte gefreut. Denn das sich stets wiederholende, eintönige und fade Essen Zentralasiens haben wir mittlerweile richtig satt. Doch in den Homestays und Jurtencamps auf dem Lande bleibt uns nichts anderes übrig, als das zu verdrücken, was auf den Tisch kommt – eine Wahl haben wir selten.
Nach zwei schlappen Tagen raffen wir uns für eine Stadttour auf. Bishkek liegt im Vergleich des restlichen Landes tief, auf nur rund 800 Metern Höhe, und dementsprechend ist es sommerlich heiss. Noch etwas geschwächt schlendern wir durch die Strassen der Hauptstadt, welche im Schachbrettmuster angeordnet sind. Trotz einer knappen Million Einwohner erinnert in Bischkek wenig an eine asiatische Metropole, dafür umso mehr an eine russische Provinzstadt mit unzähligen Bäumen und Parks, Denkmälern und Plattenbauten. Mittlerweile hat jedoch auch die Moderne Einzug gehalten und westliche Supermärkte,
Einkaufszentren und Restaurants prägen das Gesamtbild. Ein zentraler Hauptplatz war Bestandteil jeder sowjetischen Stadtplanung, in dessen Mitte eine grösstmögliche Statue von Lenin platziert wurde. In Bischkek trägt dieser Platz mittlerweile den Namen Ala-Too-Platz und Genosse Lenin hat man ins Abseits verfrachtet. Auffallend viele hellhäutige und blonde Menschen bewegen sich in den Strassen, hier sind offensichtlich noch viele Russen beheimatet, im Gegensatz zu anderen Winkeln Kirgistans, wo asiatische Gesichtszüge klar dominieren.
Euphorisch suchen wir das im Reiseführer empfohlene europäische Restaurant und freuen uns bereits auf eine Abwechslung in unserem öden Speiseplan. Stattdessen finden wir an der genannten Adresse jedoch ein japanisches Lokal vor und auf dem Teller landet Fisch mit Reis anstelle von Risotto oder Lasagne. Das Mahl ist nicht grundsätzlich zu verachten, doch es bringt meinen Verdauungstrakt bereits wieder arg in Aufruhr. Trotzdem nehmen wir am nächsten Tag den geplanten Tagesausflug in Angriff…
Kein Wölkchen verunstaltet den stahlblauen Himmel. Frühmorgens verspricht das Wetter einen wunderbaren Wandertag. Ein Taxi kutschiert uns aus der Stadt. In unzähligen Kurven windet sich die Strasse langsam nach oben, das Tal wird enger, steil ragen Berge vor uns auf. Der Ala-Archa Nationalpark liegt vor der Haustüre Bishkeks, nur 40 Kilometer südlich der Stadt. In einer Fahrstunde erreichen wir das sogenannte Alplager auf 2100 Metern. Schon zu Sowjetzeiten gab es hier eine Wetterstation und Unterkunftsmöglichkeiten, die heute alle in einem desolaten Zustand sind. Auf einer Fläche von 200 Quadratkilometer finden sich über 20 Gletscher und 50 Berggipfel – der höchste misst 4810 Meter. Ala-Archa ist ein beliebtes Ziel für Wochenendausflügler, die sich jedoch mehr dem Picknicken wie dem Wandern widmen.
Langsam steigen wir in Serpentinen steil bergan, bis die Baumgrenze erreicht ist. “So stelle ich mir Kanada vor”, meint Roland, als wir unseren Blick über das unter uns liegende Flussbett, die ausgedehnten Nadelbaumwälder und die umliegenden Bergkämme schweifen lassen. Eine Gebirgskulisse wie aus dem Bilderbuch – wir sind begeistert. Entlang des Tales wandern wir in die Höhe, bis wir ein Rinnsal von einem Wasserfall erreichen. Immer näher gelangen wir an den Ak-Say Gletscher und die hohen schneebedeckten Gipfel. Der Weg wird steiler und ist von losem Geröll übersät, was das Vorwärtskommen – vor allem in meinem kränkelnden Zustand – kräftezerrend gestaltet. Auf rund 2900 Meter geben wir uns geschlagen und stärken uns mit dem Picknick aus dem Rucksack, bevor wir uns an den Abstieg machen.
Mittlerweile hat das Wetter leider umgeschlagen. Die erst harmlos wirkenden Wolkenfetzen haben sich viel zu schnell in bedrohlich dunkle Schwaden verwandelt. “Was liegt dort auf dem Fels, ist das ein Tier?”, frage ich Roland verunsichert. Wir sind uns dann schlüssig, das es ein Murmeltier ist, aber nicht, ob lebendig oder tot. Erst als wir unmittelbar vor dem Steinbrocken stehen, sucht der riesige Mungge die Weite – er scheint uns weder gehört noch gerochen zu haben, wohl des heulenden Windes wegen. Donnergrollen in der Ferne.
Wir haben das Alplager noch nicht erreicht, als sich das Gewitter über uns entlädt. Im strömenden Regen wandeln wir auf dem rutschigen Pfad vorsichtig unserem Ausgangspunkt entgegen. Unsere Wanderung endet triefend nass, was wir am Morgen nicht geahnt hätten. Doch in den Bergen hält das Wetter stets Überraschungen bereit. Zurück in Bishkek strahlt die Sonne, als wäre nichts gewesen, lässt uns zum Glück blitzschnell aufwärmen und trocknen…
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