Alpenpanorama der Nelson Lakes
Erneut streifen wir durch Nelson. Das Strassenbild wird von der grauen Kathedrale beherrscht, die erhaben auf einem Hügel thront. Das mit Blumen verzierte Stadtzentrum wirkt beschaulich und versprüht ein angenehmes Flair. Hübsche Häuser fallen uns nur vereinzelt ins Auge, dafür umso mehr exotische Restaurants und kunterbunte Galerien. Nelson ist die Heimat von Künstlern – und Lebenskünstlern, und wirkt viel kleiner als man sich eine Stadt mit rund 50’000 Einwohnern vorstellt.
Der kurze Umweg über Nelson war eigentlich nicht geplant. Doch unsere Wanderschuhe stehen kurz vor dem Aus, haben bereits vor über einem Jahr in der afrikanischen Hitze arg gelitten. Ob Rolands ausgetretenen Latschen noch eine nächste Wanderung überstehen, ist höchst ungewiss – sie drohen mit akutem Sohlenverlust. Wir klappern etliche Geschäfte ab, doch die Auswahl ist
beschränkt, das Angebot teuer. Schlussendlich spüren wir in einem Laden „unsere“ Lowa-Schuhe auf. Ein Strahlen steht uns ins Gesicht geschrieben, zumindest bis wir das Preisschild entdecken – sie kosten 50 Prozent mehr wie in der Schweiz, wir sind fassungslos. Doch Zufriedenheit geht vor, und auch für die restlichen Exemplare werden stolze Preise verlangt.
Wieder auf Fahrt, in südwestlicher Richtung. Die reich an Kurven gesegnete Strecke führt auf und ab, Nadelbäume dominieren die einsame Landschaft. Mit knapp 100 Kilometern mehr auf dem Zähler erreichen wir nachmittags den Nelson Lakes Nationalpark. St. Arnaud ist ein kleines Nest am Nordufer des Lake Rotoiti, was in der Maori-Sprache „kleiner See“ bedeutet.
Der Gletschersee ist etwa acht Kilometer lang und liegt an den nördlichen Ausläufern der neuseeländischen Alpen auf 660 Metern Höhe. Kaum einen Fuss ans Ufer gesetzt, umschwirren uns erste Sandfliegen. Die winzigen Plagegeister stechen ungehemmt zu, mit Vorliebe in unsere nackten Füsse. Vielleicht ist es an der Zeit, die neuen Wanderschuhe einzuweihen…
Unser Asyl für die kommende Nacht liegt zwar ganz in Ufernähe, gewährt jedoch keinen Blick auf das von Bergen umrahmte Gewässer. Langsam schlendern wir dem groben Kieselstrand entlang, um uns Aussicht auf das sagenhafte Alpenszenario zu verschaffen. Das Wasser ist glasklar, die Berghänge dicht von dunklen Wäldern überzogen. Wolken kommen und gehen, machen der Sonne nur gelegentlich Platz. Abends kühlt es schnell ab, wir verziehen uns in unsere rollende Stube. Und schicken Stossgebete in den Himmel – möge das Wetter morgen unseren Wanderplänen gut gesinnt sein.
Der Ausgangspunkt für den Mount Robert Circuit liegt nur wenige Fahrminuten entfernt. Die zehn Kilometer lange Rundwanderung soll fünf Stunden beanspruchen, zu bewältigen sind 600 Höhenmeter. Wir freuen uns auf den Aufstieg und sind gespannt auf das alpine Panorama, welches sich auf der anderen Seite des Berges verbirgt. Der Weg klettert steil bergan, führt im Zickzack den Hang hinauf und lässt unseren
Puls schnell in die Höhe schnellen. Aber es tut gut, die Muskeln zu spüren – mittlerweile sind diese auch wieder etwas trainiert. Der Pfad schlängelt sich durch ein bemoostes Waldstück, die meisten Baumstämme sind fabelhaft mit Flechten überzogen. Aus dem Schatten heraus, zurück in der Sonne – Petrus zeigt Gnade – tut sich eine phänomenale Aussicht auf den blauen Bergsee auf.
Nach einer kurzen Pause hat sich unser Atem wieder beruhigt, gutgelaunt schnauben wir weiter. Den 1420 Meter hohen Gipfel des Mount Robert erzwungen, schustern wir nun einmal rund um den Berg. Ein weites Blickfeld zu grauen Riesen tut sich auf – die Bergketten ragen bis zu 2300 Meter in den blauen Himmel. Die mit Grasbüscheln und Moosen durchsetzten Wiesen sind
stachlig, geschmückt mit filigranen grünen Pflänzchen und blühenden Blumen. Nach einem stärkenden Picknick und einer heissen Tasse Tee brechen wir zur zweiten Etappe auf, die uns in Schleifen wieder in tiefere Lagen bringt. Fast zu rasch kehrt der Weg den hohen Alpen den Rücken, dafür erobern wir den fantastischen Seeblick zurück…
Wir ziehen in Erwägung, nochmals im Nationalpark zu nächtigen, doch sehen den angriffslustigen Sandflies wegen davon ab. Auf Kurs in Richtung Westküste, lockt noch ein kurzer Abstecher zum grössten See der Nelson Lakes, dem Lake Rotoroa – die Maoris nennen ihn „langen See“. Das klare Gewässer liegt idyllisch abgelegen und ist wie sein kleiner Bruder malerisch von bewaldeten Bergen eingeschlossen. Weiter westwärts. Murchison, eine ehemalige Goldgräberstadt, liegt an unserer Strecke, wo wir auf einem Campingplatz wohlverdient unsere müden Glieder in der wärmenden Abendsonne ausstrecken…
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