Altyn Arashan – über saftige Alpweiden
In der Hoffnung, aufschlussreiche Informationen über die vor der Haustüre gelegene Gebirgswelt in Erfahrung zu bringen oder sogar eine geführte Wandertour zu buchen, schustern wir von Agentur zu Agentur. Die Ausbeute ist jedoch ernüchternd – die Angestellten in den Büros kennen sich entweder kaum aus, sind knapp angebunden oder wir stehen gar vor verschlossenen Türen, und das mitten in der Hochsaison. Die bergige Gegend um Karakol gilt als Trekkinggebiet Nummer Eins in Kirgistan und deshalb sind wir mehr als erstaunt…
Die beliebteste und stets offerierte Route führt in drei bis vier Tagen über den Ala-Köl-Pass auf 3860 Metern – der Höhepunkt stellt der gleichnamige türkisfarbene Bergsee dar. Doch für diese mehrtägige Tour sind wir auf einen verlässlichen Trekkingspezialisten angewiesen, der uns nebst einem Führer auch die nötige Ausrüstung wie Zelt, Matten, warme Schlafsäcke
und Kocher, resp. Mahlzeiten zur Verfügung stellen kann. Das scheint schwierig, oft ist nicht alles vorhanden. “In welchem Zustand ist dieses Material?”, sorgen wir uns wohl zu Recht, denn nachts sinken die Temperaturen in dieser Höhe gegen Null Grad. Viele Touristen bringen ihre eigene Campingausrüstung mit, wissen somit woran sie sind.
Der zweite Unsicherheitsfaktor ist das liebe Wetter, das sich momentan sehr launisch verhält. In Karakol scheint zwar ab und zu die Sonne, doch über den Bergketten thronen meist dunkle Wolkentürme. Wir verfolgen dauernd die Wettervorhersage, die leider nicht nur Gutes verspricht. Erstaunlicherweise sind die Prophezeiungen des kirgisischen Wetterfroschs meist eingetroffen… Wir haben die Nase voll von kalten, niederschlagsreichen Tagen in der Höhe. Auf knapp 4000 Metern kann es zu jeder Zeit schneien, auch im Sommer. Wir sind sehr
unschlüssig, lassen die Tage verstreichen. Dies können wir uns in Kirgistan immerhin gut leisten, da wir visumsfrei für 60 Tage bleiben dürfen. Wir Aktualisieren unseren Blog und widmen uns der weiteren Reiseplanung. Ein täglicher Besuch im Café versüsst uns den Tag. Im westlich orientierten Lokal lockt die Karte mit Cappuccino und Latte Macchiato, auf der Theke duften frisch gebackene Kuchen. Der “Swiss-Pie” kommt einer echten Bündner Nusstorte ganz nah, glauben immerhin wir Nicht-Bündner. Bald haben wir uns durch das leckere Sortiment gefressen – ein wahrer Genuss.
Nach einer halben Woche ist noch keine Wetterbesserung in Sicht und wir sind nahe dran, am nächsten Tag die Weiterreise anzutreten. Doch meine Erkältung frisst jegliche Energie und wir verweilen deshalb noch länger in Karakol, was sich später als Glückstreffer herausstellt. Mittlerweile liegt auch ein gutes Wetterfenster in Griffnähe und es juckt uns plötzlich in den Füssen. Vorher stets hin und her gerissen, können wir uns nun endlich für die Bergwelt des Tien Shan begeistern. Das gesamte Gebirgsmassiv des Tien Shan erstreckt sich über eine Länge von 2500 Kilometern von China, über Kasachstan und Kirgistan, bis nach Usbekistan.
Doch von der anstrengenden Klassikerroute zum Ala-Köl-See sowie einem geführten Trekking sehen wir ab und ziehen auf eigene Faust los. In der vergangenen Nacht hat es kräftig geregnet, noch zeugen Restwolken davon. In einer kurzen Fahrt mit dem öffentlichen Minibus gelangen wir ins östliche Nachbarsdorf Ak-Suu, auf 1800 Metern gelegen. Von dort stiefeln wir zu Fuss weiter. Der Pfad führt langsam entlang des wild
rauschenden Flusses im Arashan-Tal bergan. Die Fluten des weiss schäumenden Gewässers stürzen laut in die Tiefe. Auf dem steinigen Weg rinnt Regenwasser herab, wir balancieren an riesigen Pfützen vorbei. Die Umgebung strotzt von Grün, hohe Tannen bestechen das Landschaftsbild. Schon bald kann sich die Sonne nicht mehr richtig in Szene setzen, je tiefer wir ins Tal gelangen, desto mehr Wolkenschwaden hängen über uns. Etwas eingeschnappt stülpen wir unsere Jacken über, um beim Picknick nicht zu schlottern…
Der Weg windet sich steil in die Höhe, bis sich das Tal öffnet und uns freien Blick auf eine weite Hochebene mit verschneiten Berggipfeln gewährt. Nach knapp vier Stunden haben wir unser Ziel erwandert – Altyn Arashan liegt uns zu Füssen. Zwar auf Säntishöhe, doch die Vegetation erinnert da oben eher an die Schwägalp… Es bieten sich verschiedene Übernachtungsmöglichkeiten – eine Handvoll Gästehäuser und Jurtencamps haben sich hier angesiedelt. Ucha, der aufgeschlossene Besitzer des erst einjährigen Guesthouses, steuert mit einem warmherzigen Lächeln auf uns zu. “Where are you from?”, fragt er interessiert. “Ah, Roger Federer!”, kommt wie aus der Pistole geschossen, als wir unser Heimatland preisgeben. Er und seine schwangere Frau managen zusammen liebevoll den kleinen Gästebetrieb mit fünf Zimmern und freuen sich, uns zu beherbergen.
Nach einem Willkommens-Tee machen wir uns trotz unsicherer Witterung auf, die saftigen Alpweiden zu erkunden, marschieren tiefer ins Tal hinein, etwas weiter dem weissen Hochgebirge entgegen. Im Süden erhebt sich die schneebedeckte Spitze des Pik Palatka – der “Zeltberg” erhielt seinen Namen nicht von ungefähr und ist über 4000 Meter hoch. Wir legen uns in die Wiese und würdigen das grandiose Panorama bei sich vereinzelt durchsetzenden Sonnenstrahlen. Je fortgeschrittener der Nachmittag, desto besser die Wetterverhältnisse. Erst als der wärmende Ball hinter einem Bergkamm versinkt, kehren wir ins Guesthouse zurück.
Unterdessen sind noch weitere Gäste eingetroffen. Das Nachtessen wird an einem langen Tisch im familiären Rahmen serviert. Die aufgetragenen Speisen schmecken erstaunlich würzig, ja sogar fast etwas scharf. Wir haben nicht mehr daran geglaubt, dass in Kirgistans Küche einst Gewürze Verwendung finden… Regen prasselt aufs Dach, der Himmel hat seine Schleusen geöffnet. Wenn jetzt nur das stinkende Klohäuschen nicht im feuchten Garten stehen würde! Ansonsten herrscht hier etwas Luxus – es gibt fliessendes Wasser im Haus und sogar eine Dusche. Unser Zimmer hingegen ist spartanisch eingerichtet, verfügt aber immerhin über Betten mit richtigen Matratzen. Der Vorhang ist hauchdünn und – wie fast ausnahmslos in Zentralasien – nur zur Zierde da, lässt uns bereits zu früher Morgenstunde in einem taghellen Zimmer aufwachen.
Der Morgen begrüsst uns mit strahlendem Sonnenschein, wir sind ausser uns vor Freude. Die Gebirgszüge heben sich scharfkantig von einem tiefblauen, wolkenlosen Himmel ab. Ucha, stets die Ruhe selbst, macht uns eine Wanderung zu einem kleinen Bergsee schmackhaft. In einem Seitental steigt der Weg steil über loses Geröll an, bevor er sich in blumigen Alpweiden verliert. Kühe grasen gierig, Pferde wiehern aufgeregt, Schafe blöken um die Wette. Immer wieder ändert sich der Blickwinkel auf die imposante Bergkulisse. Wir trampeln über die üppigen Sommerwiesen und hoffen, richtig auf Kurs zu sein. Denn es gibt weder Wegweiser, noch richtig gute Wanderkarten.
Endlich, nach drei schweisstreibenden Stunden raubt uns der reizvolle Suuk-Köl den Atem. Eng umrahmt von schroffen Bergen schmiegt sich der grün schimmernde See auf 3200 Metern unmittelbar an steile Felshänge – wir sind überwältigt. Weisse Akzente setzen wie Wattebäusche anmutende Wolken und Schnee auf dem höchsten Gipfel. Suuk-Köl bedeutet “kalter See” und so ziehen wir ein Bad im klaren Wasser nicht in Erwägung. Es ist traumhaft ruhig, wir sind ganz allein – vorerst. Bald weicht die friedliche Stimmung russischem Geschwafel. Doch Platz ist reichlich vorhanden, wir verlegen unsere Siesta um ein paar Meter und geniessen das wundervolle Hochgebirgspanorama in vollen Zügen…
Erst als sich die Sonne um sieben Uhr hinter die Berge verabschiedet, treffen wir im Guesthouse ein. Der ultra-sportliche Spanier ist bereits daheim, er hat die fehlenden 1400 Höhenmeter bis zum Ala-Köl-Pass spielend gemeistert. Doch von den vier Jungs aus Holland mit demselben Tagesziel fehlt noch jede Spur. Erst beim Eindunkeln zotteln sie nach zwölf Stunden keuchend an, mögen vor Erschöpfung kaum mehr den Löffel in den Mund schieben. Aber alle Achtung, schliesslich wagten wir uns nicht an dieses Unterfangen. Doch wie wir heraushören, haben wir im Vergleich den friedlicheren Tag verbracht und unseren Weg kaum mit anderen Wanderern teilen müssen.
Auf eine sternenklare Nacht folgt ein weiterer Prachtstag. Nach dem Frühstück verabschieden wir uns von unseren herzlichen Gastgebern und machen uns glücklich auf den Weg zurück nach Karakol. Immer wieder werfen wir nochmals einen Blick auf die bergige Kulisse zurück, können unser Wetterglück kaum fassen. Doch wer redet da von Glück? Eigentlich haben wir die Wandertage anhand des Wetterberichts akribisch geplant… Der Rückweg zieht sich unglaublich in die Länge, mechanisch setzen wir einen Fuss vor den anderen. Nach 14 Kilometern, die Bushaltestelle fast erreicht, gabelt uns ein Auto auf und nimmt uns für einen Batzen netterweise mit in die Stadt. Wer weiss, wie lange wir auf die öffentliche Marschrutka gewartet hätten…
Es ist wie ein Heimkommen. “Unser” Zimmer ist frei, schnell duschen wir unsere mit Schweiss verklebten Körper. Müde raffen wir uns nach einem Nickerchen nochmals auf, schlemmen in einer Gartenbeiz eine Pizza. Unser Blick schweift in Richtung Gebirge, welches sich inzwischen wolkenverhüllt und bedrohlich schwarz präsentiert. Später giesst es wie aus Kübeln, wir liegen im warmen Bett und sind uns einig: Das Warten hat sich gelohnt, genauso wie auch unsere letzte Wanderung in Kirgistan – wir konnten uns von der sagenhaften Bergwelt doch noch gebührend verabschieden…
Kommentare
Altyn Arashan – über saftige Alpweiden — Keine Kommentare
HTML tags allowed in your comment: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>