Am Fusse des Rinjani
Von Senggigi führt die Strecke malerisch der Nordwestküste von Lombok entlang. Immer wieder können wir Ausblicke auf den Ozean einfangen, bevor wir von der vielbefahrenen Hauptroute ins Landesinnere abzweigen. Die sich in die Berge hochwindende Strasse wird immer schmaler, bei Gegenverkehr wird es richtig knapp. Auch ausgedehnte Schlaglöcher lassen unseren höflichen Taxifahrer abbremsen. “Sorry”, entschuldigt sich der junge Mann zaghaft für das Gerüttel, obwohl wir es sind, die ihm diese mühselige Fahrt eingebrockt haben. Das Taxameter klettert nur im Schneckentempo in die Höhe. Die zweistündige Fahrt bis Teres Genit kostet uns lediglich 25 Franken, weniger, wie wenn wir einen Fahrer zu einem fixen Preis engagiert hätten. Öffentliche Verkehrsmittel verkehren auf dieser Strecke keine…
“Hallo, ich bin Toni”, begrüsst uns eine ältere Frau mit festem Händedruck, “willkommen in unserem kleinen Paradies!” Nebst einer aufgeschlossenen Gastgeberin erwartet uns auch eine sagenhafte Aussicht, weit über grüne Felder bis hinunter zum tiefblauen Meer. Die Gästefarm ist harmonisch in Reisterrassen eingebettet, die naturnahe Lage einmalig. Toni führt uns zu einer der rustikalen Holzhütten – einstige Reisspeicher wurden zu schmucken Bungalows umfunktioniert. Nebst den Gästen kümmert sich die gutgelaunte Frau mit den silbergrauen Haaren auch fürsorglich um ihre zahlreichen Tiere – Hunde, Katzen, Pferde, Hühner und
Truthähne streunen im Gelände herum. Gütig streckt uns die deutsche Dame spätnachmittags die Speisekarte entgegen: “Was möchtet ihr denn heute Abend essen?” Hungrig fiebern wir dem Nachtessen entgegen, das zusammen mit weiteren vier Gästen an einem gemeinsamen Tisch eingenommen wird. Das Gulasch mit den hausgemachten Spätzle ist ein wahrer Gaumenschmaus, der Teller grosszügig gefüllt. “Hier gibt es deutsche Portionen”, schmunzelt Toni. Mit prallvollen Bäuchen kugeln wir uns später glücklich ins Bett…
Auch das Frühstücksbuffet fällt herzhaft aus. Das dunkle Brot ist selbstgebacken, dazu wird saftiger Schinken und Wurst gereicht. Bereits im Vorfeld haben wir uns auf etwas Abwechslung und ein Stück Heimat in unserem Speiseplan gefreut… Frisch gestärkt erkunden wir die nähere Umgebung, spazieren durch das Dorf Teres Genit sowie dem Bewässerungskanal in den Feldern entlang. Kinder beäugen uns skeptisch, sind meistens ziemlich schüchtern. Oft grüssen uns Menschen, sprechen manchmal ein paar Worte Englisch oder
sogar Deutsch: “Alles klar?” Ständig fragen sie neugierig, wohin wir gehen. Wie üblich wenden wir dafür unsere indonesische Standard-Antwort “Jalan-Jalan” an, wenn lediglich der Weg unser Ziel ist. Meist wird unsere Antwort etwas ungläubig wiederholt und löst ein kicherndes Geschnatter aus. Ihre Gespräche könnten vielleicht in etwa so klingen: “Spazieren? Die beiden gehen ohne Grund zu Fuss? Touristen sind doof, die schustern ziellos in der Gegend herum. Sie sind doch im Urlaub und könnten faulenzen. Wozu nur diese Anstrengung?”
Indonesier spazieren selten zum Vergnügen, sondern vorwiegend um Besorgungen zu tätigen oder um von A nach B zu gelangen. Heutzutage steht auch vielen ein Motorroller zur Verfügung, den sie schon für kurze Strecken unter den Hintern klemmen. Sogar auf den engen Pfaden entlang der Reisterrassen sind wir gelegentlich gezwungen, den vorbeibrausenden Töffs auszuweichen. Das Geknatter nervt uns – “je lauter desto besser” scheint das Motto hierzulande zu lauten. Bestimmt wird geschraubt was das Zeug hält, um einiges mehr herauszuholen… Erste dicke Tropfen
fallen aus den über den Bergkämmen aufgezogenen Wolken, nur unten am Meer scheint noch vergnügt die Sonne. Nach unserer Erkundungstour hechten wir in den kühlen Quellwasserpool und nässen unsere verschwitzten Körper. Kaum im Bungalow zurück, entleeren sich die schwarzen Wolken mit voller Wucht, alles ist grau verhangen. Doch auf unserem überdachten Balkon ist der heftige Regenguss nur halb so schlimm…
Am Fusse des Rinjani ist ein solches Wetterszenario keine Seltenheit, oft wälzen sich Wolkenschwaden am Vulkan. “Die Regenzeit hält dieses Jahr einen Monat früher Einzug wie sonst, gewöhnlich schüttet es erst im Dezember”, meint Toni, die schon jahrelang in Indonesien lebt. Wenn sich das Wetter in der Schweiz so launisch verhält, ziehen wir eine Bergtour nicht in Erwägung. Doch hier geht uns die
Besteigung des Gunung Rinjani trotzdem nicht aus dem Kopf. Seine Gipfelhöhe beträgt 3726 Metern – es ist der zweithöchste Vulkan Indonesiens. Der letzte Ausbruch von Ende September liegt noch nicht weit zurück, doch seit ein paar Wochen sind Touren wieder zugelassen. Wann der kleine Vulkan Baru im riesigen Krater des Rinjani wieder Lava speit, ist ungewiss. Auch muss in der Regenzeit wegen Erdrutsch- oder Steinschlaggefahr jederzeit mit der Schliessung dieses Nationalparks gerechnet werden. Für die Bewohner Lomboks ist der Rinjani der heiligste Ort der Insel und Wohnsitz der Götter. Wären uns diese wohl gut gesinnt?
Am nächsten Tag beschert uns Petrus tonnenweise Sonnenstrahlen – bald baden wir im eigenen Saft. Unser Führer Suotono schleust uns durch die verwinkelte grasgrüne Reisterrassenlandschaft. Ohne ihn hätten wir kaum eine Chance, die richtigen Abzweigungen zu erwischen. Sein deutsches Vokabular ist ums einiges grösser wie unser indonesisches. “Langsam, langsam”, warnt er uns vor
steilen Stufen auf den teils glitschigen Pfaden zwischen den Reisfeldern. Auch Dorothea, der dritte Gast im Resort, ist mit von der Partie. Der Ausblick über die fruchtbare Gegend und das in der Ferne blau schimmernde Meer ist herrlich – wir können uns kaum sattsehen. Nach zwei schweisstreibenden Wanderstunden sind reizende Wasserfälle erreicht, deren Gischt uns eine sprühende Dusche bescheren – eine Wohltat.
Und wieder purzeln unsere Gedanken kreuz und quer durch den Kopf. Noch immer sind wir unschlüssig wegen des allfälligen Erklimmens des Rinjani. Vielleicht könnten wir es nach einem Strahletag wie diesem trotz eingesetzter Regenzeit wagen? Doch selbst gestern klebten Wolken dicht am Berg. Unser Verstand rät uns eigentlich vom Vorhaben ab. Das ausserordentlich kräftezerrende Unterfangen dauert insgesamt drei Tage, am ersten müssen 2000 Höhenmeter bewältigt werden. In der darauffolgenden Nacht erfolgt der Aufstieg zum Gipfel, der noch weitere 1000 Meter über dem Kraterrand thront. Gewisse Wegabschnitte sind exponiert und mit viel losem Geröll übersät, was mir – zugegeben – etwas Angst einflösst. Ungern gestehen wir uns ein, dass wir einerseits für dieses Jahr zu spät da sind, aber auch unsere Muskeln nicht mehr warmgelaufen sind und wir für das Unterfangen besser ausgerüstet sein könnten. Schweren Herzens lassen wir uns von unserem Verstand leiten und entscheiden uns schliesslich gegen den Rinjani…
Endlich Klarheit im Kopf, können wir die verbleibenden Tage so richtig geniessen. Abgesehen von gelegentlichem Motorenlärm, schwebt ein Frieden über der ländlichen Idylle. Da wir uns rund 500 Meter über dem Meer befinden, ist das Klima gemässigt, die Brise im Schatten angenehm erfrischend. Ohne viel zu tun, verfliegen unsere Tage… Gegen Abend kehren Anna und Christoph, zwei weitere Gäste, vom Rinjani-Trekking zurück. “Ihr habt genau richtig entschieden!”, ruft uns Anna abgekämpft zu. Die jungen Deutschen sind ausgelaugt, das Gehen fällt ihnen schwer. “Es war äusserst anstrengend, der Führer jagte uns den Berg hoch, um den straffen Zeitplan einzuhalten. Wandern ist klar das falsche Wort, wir mussten uns oft hochkämpfen und über Felsen klettern. Es gibt Passagen, die richtig gefährlich, aber dennoch ungesichert sind – eine Thailänderin ist kürzlich zu Tode gestürzt”, schildert Anna aufgebracht. “Das Material war schlecht, unser Zelt hatte Löcher und den Schlafmatten entwich jegliche Luft. Wir schlotterten die ganze Nacht.” Kein Wunder, sinken die Temperaturen um 3000 Meter Höhe gegen den Gefrierpunkt. Immerhin erwischten die beiden ein gutes Wetterfenster und es regnete lediglich am dritten Tag beim Abstieg. Doch trotz Strapazen geraten die zwei auch kurzerhand ins Schwärmen: “Der Ausblick dort oben ist atemberaubend und das Gefühl, es geschafft zu haben, unbeschreiblich.”
Unser letzter Tag. Die anderen Touristen sind abgereist, wir sind allein. Wir geniessen die Ruhe, knabbern genüsslich an einem Stück Kuchen, das frisch aus dem Ofen kommt. Auch freuen wir uns noch ein letztes Mal auf die reichhaltige Hausmannskost abends. Wie schon in den vergangenen Tagen nimmt sich Toni immer wieder Zeit, mit ihren Gästen zu plaudern. Daraus ergeben sich stets interessante Gespräche und wir erfahren von Tag zu Tag mehr über ihr Leben in der Fremde. Wir sprechen sie auf den fast überall in Indonesien herumliegenden Müll an, der
uns immer wieder erneut zum Grübeln anregt. “Das eigene Haus halten die Indonesier sehr sauber, aber was daneben oder an der Strasse liegt, ist ihnen egal, dort stört sie der Kehricht in keiner Weise”, erklärt sie eifrig und schüttelt den Kopf, “zwei Jahre habe ich gebraucht, um meine Angestellten soweit zu bringen, dass sie den Abfall nicht achtlos auf den Boden fallen lassen.” Ungläubig verdrehen wir die Augen. Weiter berichtet uns Toni über den häufigen Personalwechsel – werde es den
Arbeitern zu streng, sind sie von heute auf morgen weg, ungeachtet, ob sie einen neuen Job oder Geld besitzen. Wir bewundern die liebenswürdige Frau und könnten uns ein Arbeitsleben hier beim besten Willen nicht vorstellen. Doch Indonesien ist längst zu ihrer Heimat geworden – was sie nicht verstehen kann, versucht sie zu akzeptieren. Ein Leben in Deutschland kann sie sich nicht mehr vorstellen, auch wenn vor erst einem
Monat ihr Mann Roland unerwartet verstorben ist. Über zwanzig Jahre sind vergangen, seit die beiden zusammen mit einem Segelschiff dem sicheren Hafen der Heimat den Rücken kehrten, und sie etliche Jahre später in Indonesien hängen blieben und sich ihr kleines Paradies am Fusse des Rinjani aufbauten. “Das Leben geht weiter”, seufzt die starke Frau, die optimistisch vorwärts blickt. Die Farm ist und bleibt Tonis Lebenstraum. Für sie ist es sonnenklar, dass sie die Zukunft hier verbringen möchte, auch ohne ihren vertrauten Roland an ihrer Seite. Ihre Geschichte und ihr Lebensmut beeindruckt uns tief…
Unser Taxi wartet schon. Nach sechs Tagen nehmen wir wehmütig Abschied. Zurück in Senggigi quartieren wir uns wieder im selben netten Homestay ein. Wenige Bungalows sind in einem üppigen Tropengarten verstreut, wo es auf Meereshöhe wieder drückend heiss und schwül ist. Nach einer kurzen Verschnaufpause ruft nachmittags unser Termin auf der Einwanderungsbehörde in der nahegelegenen Hauptstadt Mataram. Für die Verlängerung unseres Visums sind Fingerabdrücke und ein Foto notwendig. Trotz angeblichem Termin warten wir über eine Stunde, bis unsere Nummer aufgerufen wird und wir endlich an der Reihe sind. Abends können wir dann unsere fertigen Pässe beim Agenten in Senggigi abholen. Doch sein Versprechen kann Halil offensichtlich nicht halten: “Come again tomorrow!”. Wenn das nur klappt bis morgen früh und wir wie geplant weiterreisen können, denn in Senggigi hält uns nichts. Freundlich wedelt Halil am nächsten Morgen mit unseren roten Pässen. Erleichterung macht sich breit. Alles hat geklappt, ein neuer Stempel lacht uns entgegen – wir dürfen einen zusätzlichen Monat in Indonesien verweilen!
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