Am Rande des Kaokovelds
Unsere Pläne, weiter nordwärts bis zur Grenze zu Angola zu fahren und das abgeschiedene Kaokoveld im äussersten Nordwesten zu bereisen, begraben wir schlussendlich schweren Herzens. Es ist nicht nur der defekte Stossdämpfer vom Fahrzeug unserer Freunde, der uns zu diesem Schluss kommen lässt, sondern auch die Strassenzustände. Da es in den letzten Tagen ausgiebig geregnet hat, ist ein Durchqueren von Flussbetten, die die Strasse kreuzen, sehr ungewiss. Auch ist eine der Pisten wegen Bauarbeiten nicht befahrbar und es muss auf eine – angeblich miserable – Umfahrungsroute ausgewichen werden. Die Vernunft siegt…
Wir lassen es uns aber nicht nehmen, noch bis nach Khowarib, an den Rande des Kaokovelds weiterzureisen, um einen kleinen Eindruck dieser Region zu erhaschen. Die malerische rote Landschaft zieht am Autofenster vorbei – wir können uns kaum sattsehen. Soweit das Auge reicht dominieren Tafelberge und grosse hellgrüne Büsche. Die Triebe dieser Büsche ähneln langen Bohnen, deshalb taufe ich sie kurzerhand „Bohnenbüsche“. Sogar ein paar Giraffen und Zebras halten sich zu unserer Freude nahe der Strasse auf. Dann ändert sich das Landschaftsbild – das Tal öffnet sich weit und wir rollen grauen, schroffen Bergen entgegen. Die Schotterpiste ist erstaunlich gut im Schuss, bestimmt erst kürzlich geglättet. Schon nach zwei Stunden erreichen wir Khowarib, ein winziges Dorf.
Die Lodge mit dem Campingplatz liegt ein paar Kilometer weiter in der gleichnamigen Schlucht, wo der Hoanib-Fluss ganzjährig etwas Wasser führt. Äusserst herzlich werden wir begrüsst und willkommen geheissen. Unser neuer Plan hingegen, ein Ausflug zu den im Hoanib-Tal beheimateten Wüstenelefanten, fällt buchstäblich ins Wasser. Denn der Fluss ist aufgrund der heftigen Regenfälle weit über die Ufer getreten, so dass kein Durchkommen möglich ist und die Elefanten weggezogen sind. Wüstenelefanten unterscheiden sich von den „normalen“ Elefanten ausschliesslich durch ihr Verhalten, inbesondere dadurch, dass sie über extrem raues Gelände auf der Suche nach Nahrung bis zu 70 Kilometer am Tag zurücklegen. Auch können sie bis zu vier Tage ohne Wasser auskommen. Die „normalen“ Rüsseltiere legen nur etwa zehn Kilometer täglich zurück und müssen jeden Tag bis zu 150 Liter trinken.
Alternativ buchen wir einen Ausflug zu den Himbas, deren Heimat das unwirtliche Kaokoveld ist. Wegen der Kargheit dieser Region leben die Himbas weit verstreut voneinander in kleinen Clans. Ursprünglich stammt das Volk aus dem benachbarten Angola. Die Einflüsse der modernen Zivilisation haben auch vor dem Kaokoveld nicht haltgemacht, doch viele Traditionen prägen das Leben der Nomaden heute noch ähnlich stark wie im letzten Jahrhundert und sie konnten ihre ursprüngliche Lebensweise bisher weitgehend bewahren.
Unser Führer Ueera ist ein Strahlemann. Vergnügt führt er uns zuerst in sein Dorf mit ein paar Rundhütten, wo er im Rahmen einer Grossfamilie ein einfaches Bauernleben führt. Dann begeben wir uns mit einem klapprigen Landcruiser auf die Piste in Richtung Norden. „We are so happy about the rain“, verrät uns der schlanke Schwarzafrikaner mit dem
struppigen Ziegenbärtchen, „denn die letzten zwei Jahre gab es überhaupt keinen Regen“. Das wertvolle nasse Gut lässt nun grünes, flaumiges Gras aus dem trockenen Boden spriessen, erste zarte Blättchen wachsen an den Büschen. Nach einer Fahrstunde kommen wir bei den Himbas an. Bevor wir das Dorf betreten, macht uns Ueera mit den Gegebenheiten vertraut.
Ein Himba-Dorf besteht aus mehreren kreisrunden Hütten. Der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens bildet ein Feuer, dass immer am Brennen gehalten wird. Dieses heilige Feuer ist das wichtigste Element der Himba-Religion, hier treten sie mit den Geistern ihrer Ahnen in Verbindung. Als Halbnomaden und Hirten besitzen Himbas hauptsächlich Rinder, aber auch Ziegen und Schafe. Männer sind tagsüber kaum im Dorf zu sehen, da sie mit ihren Herden auf der Suche nach Weidegründen und Wasser sind. Manchmal sind sie sogar wochen- oder monatelang unterwegs.
Gespannt schreiten wir langsam dem kleinen Dorf, wo rund 40 Menschen wohnen, entgegen. Einige Frauen sitzen auf dem Boden im Schatten, Kinder tollen herum. Wir kommen uns wie Eindringlinge vor, aber Ueera ermuntert uns stets zum Fotografieren und Fragen zu stellen – er übersetzt. Die Haut der stolzen, meist korpulenten Frauen glänzt rotbraun. Auf die schwarze Haut wird zweimal täglich ein Tierfett vermischt mit einem Pulver von
zerstossenen, ockerfarbenen Steinen aufgetragen. Dies erfüllt vorallem ästhetische Zwecke, wie auch die Kleidung und der reiche Schmuck. Die Frauen tragen dekorative Messingringe und Halsketten sowie ein Lendenschurz aus Kalbfell. Die Haare frisiert man je nach Status. Verheiratete Frauen tragen ihre Haarpracht in überschulterlangen, gedrehten und mit Ocker eingeriebenen Flechten sowie mit Fellhaube geschmückt. Ich stelle mir diese Haarpracht ziemlich steif und unbequem vor…
„Für die Heirat einer Frau muss ein Mann drei Kühe bieten“, erklärt uns Ueera. Seine makellosen weissen Zähne blitzen im dunklen Gesicht. „Eine Kuh bekommt die Mutter der Braut, eine der Vater und die dritte wird als Festmahl verspiesen. Oft kriegen die Frauen schon früh und vor der Ehe Kinder. Das ist aber normal und es wird sogar toleriert, wenn die Kinder verschiedene Väter haben“, ergänzt er schmunzelnd. „Um dem Schönheitsideal zu entsprechen, werden den Kindern im Alter von etwa neun Jahren die unteren vier Schneidezähne ausgeschlagen.“ Dank unserem sympathischen Führer wird uns ein spannender Einblick in das traditionelle Leben der Himbas mit ihren uns fremden Traditionen ermöglicht.
Zwischenzeitlich ist es Mittag geworden, die Sonne brennt senkrecht vom Himmel. Es ist brütend heiss und wir sehnen uns nach Abkühlung, die das kleine Schwimmbad der Lodge verspricht. Leider entpuppt sich der Pool als leere Versprechung – das Wasser ist badewannenwarm. Einmal mehr gilt es, Pläne für die Weiterreise zu schmieden. Unser nächstes Ziel ist der Etosha Nationalpark, da sind wir uns alle vier einig. Bei der Wahl der Route hingegen, sind wir uns weniger schlüssig. Der Nationalpark liegt nur 80 Kilometer entfernt im Osten. Wir liebäugeln mit der direkten, gemäss Reisehandbuch aber schlechten Strasse, die durch eine Schlucht führt und Flussbette durchquert. Wir rätseln über deren Zustand, denn die Strecke „rundum“ misst doch 260 Kilometer, was einen massiven Umweg bedeutet.
Am Ende gewinnt der Umweg. Es wurde uns von Einheimischen und Ortskundigen abgeraten, die während der Regenzeit bestimmt matschige Piste unter die Räder zu nehmen – das Risiko sei zu gross. Somit kehren wir dorthin zurück, wo wir herkamen. Das Tal ist nach zwei Tagen kaum wiederzuerkennen. Ein grüner Rasenteppich breitet sich aus, die Wiesen sind mit gelb blühen Blumen übersät. Die ansonsten wüstenhafte Gegend ist zu saftigem Leben erwacht.
Nach 70 Kilometern Fahrt sind wir zurück in Palmwag, wo wir auch den Veterinärzaun erreichen. Dieser Zaun durchschneidet Namibia auf einer Länge von 600 Kilometern von Ost nach West und wurde wegen der Maul- und Klauenseuche errichtet. Kein Fleisch darf den Zaun von Nord nach Süd passieren. Die Räder unseres Autos werden mit einem stinkenden Desinfektionsmittel besprüht, unsere Schuhe müssen wir auf einer durchtränkten Matte abstreifen. Der Kühlschrank wird nur eines kurzen Blickes gewürdigt und schon dürfen wir weiterziehen. Es wäre also nicht nötig gewesen, unseren Salami-Vorrat aus dem Kühlschrank zu verbannen und zwischen den Kleidern zu verstauen. Bei Pia und Felix nehmen sich die Beamten etwas mehr Zeit und fordern sogar, alle Schuhe, nicht nur jene an ihren Füssen, der gründlichen Desinfektion zu unterziehen.
Eine Schotterpiste führt nach Westen und schlängelt sich durch die reizvolle Gegend der Tafelberge. Bald erreichen wir den Grootbergpass auf 1540 Meter, fegen hinunter in den kleinen Ort Kamanjab und steuern nordwärts dem Etosha Nationalpark entgegen…
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