Aqaba – am Roten Meer
Ein Muezzin reisst uns in aller Herrgottsfrühe aus dem Schlaf. Der Gebetsruf der nahen Moschee dringt in geballter Lautstärke in unser Hotelzimmer, draussen ist es noch stockdunkel. Die Nacht war kurz. Erst nach Mitternacht sind wir am Flughafen von Aqaba gelandet, hier am südlichen Zipfel von Jordanien. Als der ohrenbetäubende Singsang nach einer gefühlten Ewigkeit verstummt, gleiten wir nochmals ins Reich der Träume. Doch bald ist es um die versöhnliche Ruhe erneut geschehen: In der gegenüberliegenden Schule beginnt demnächst der Unterricht. Aus einem Megaphon fliegen bald endlos arabische Wortfetzen über den Schulhof. Etwa um die herumtollende Meute zu bändigen? Oder gar den Lernstoff zu vermitteln? Müde drehe ich mich noch einmal im Bett und versuche, weiterzuschlafen – allerdings erfolglos.
Nach dem Frühstück machen wir uns aus dem Haus. Inzwischen brennt die Oktobersonne steil vom Himmel. Das Golden Tulip Hotel liegt mitten in der Innenstadt, an guter Lage für erste Besorgungen in der Fremde. An einem Geldautomaten heben wir jordanische Dinar ab, danach kaufen wir uns eine lokale SIM-Karte fürs Smartphone. Alles klappt bestens, und anschliessend erkunden wir die lebhaften Strassen. Verkehr fliesst, Fussgänger wuseln umher – hier pocht das Herz von Aqaba. Es sei die sauberste Stadt Jordaniens, meint unser Reisehandbuch. Ob das stimmt, können wir erst in einem Monat beurteilen, aber Müll liegt tatsächlich kaum herum. Auf dem Souk – wie sich ein Markt im Orient nennt – findet man alles für das alltägliche Leben. In den modernen Shopping Malls kann man Konsumgüter zollfrei erwerben, da Aqaba in einer Freihandelszone liegt.
Mittlerweile haben wir die Corniche erlangt, eine zum Strand parallel verlaufende Promenade. Hier ist der Strand öffentlich zugänglich, andere Abschnitte sind in Hotelbesitz. Eine leichte Meeresbrise weht, und wir schlendern der Wasserlinie entlang. Aqaba am Roten Meer ist die einzige Küstenstadt des Landes. Im Wasser schaukeln bunte Glasbodenboote, sachte schlagen Wellen am Ufer auf. Die überdachten Boote liegen bereit für Ausfahrten zum vorgelagerten Korallenriff. Einheimische flanieren oder sitzen plaudernd am Strand. Sämtliche Frauen verbergen ihre Haarpracht unter einem Kopftuch. Westlich ausschauende Touristen fallen uns nur vereinzelt auf. Unsere Blicke schweifen über den Golf von Aqaba hinüber nach Eilat, dem israelischen Ferienort, der nur einen Katzensprung entfernt liegt. Auch abends ist es noch mollig warm. Unsere hungrigen Bäuche füllen wir in einem indischen Restaurant mit leckeren Curry-Gerichten.
Anderntags checken wir mittags aus dem Stadthotel aus. An der Strassenecke halten wir nach einem Taxi Ausschau und handeln den vom Fahrer genannten Betrag erfolgreich auf einen angemessenen Preis herunter. Wir lassen uns südwärts zur zwanzig Kilometer entfernten Tala Bay chauffieren. Die mit Hotels und Ferienwohnungen verbaute Bucht liegt kurz vor der saudi-arabischen Grenze. Für die kommende Woche ziehen wir im Mövenpick Tala Bay Resort ein. Unser Zimmer mit Meerblick befindet sich am Rande der grosszügigen Anlage, die mit
verschiedenen Pools, Restaurants und Bars aufwartet. Am hoteleigenen Strand laden unzählige Liegen zum Relaxen ein. Hauptsächlich sind wir wegen der Unterwasserwelt hier. Von unserem Balkon erblicken wir die Tauchbasis der Sinai Divers, dahinter leuchtet das Meer in satten Blautönen. Der Golf von Aqaba ist hier am nördlichen Ende nur rund fünf Kilometer breit. Eine karge Bergkette zieht sich an der gegenüberliegenden Seite entlang, Ägypten scheint zum Greifen nah. Nachts funkelt es dort drüben, und die bewohnten Gebiete muten wie eine Lichterkette an.
Tauchen ist am Hausriff vom Strand aus möglich, und umliegende Tauchplätze werden mit dem Boot angepeilt. Zuerst steht ein sogenannter Check-Dive am Hausriff auf dem Programm, wo ein Tauchguide unsere Tauchfertigkeiten prüft und wir uns mit der Ausrüstung vertraut machen können. Seit unseren letzten Tauchferien sind fast zwei Jahre verstrichen, und wir freuen uns darauf, endlich den Kopf wieder unter Wasser zu stecken und die Fischwelt zu begrüssen. Im Seegras verteilen sich hübsch bewachsene Korallenblöcke, die Unterwasserlandschaft ist abwechslungsreich, die Sichtweiten grandios. Doch wo sind die Fische? Das Riff wirkt auf den ersten Blick etwas ausgestorben, dann aber entdecken wir kleine Wunder. Hier und dort beglücken uns tanzende Schwärme bunter Fischchen. Oder Muränen, die frei herumschwimmen. Häufig verbergen sich die schlangenartigen Geschöpfe ansonsten in Rifflöchern, und nur der Kopf mit den runden Knopfaugen lugt heraus. Heute ahnen wir noch nicht, dass das Hausriff schliesslich der für uns reizvollste aller Tauchplätze sein wird…
Nachmittags fahren wir mit dem Speedboot hinaus. Jordaniens Küste misst nur 27 Kilometer und so verteilen sich die Tauchspots auf ein verhältnismässig kleines Gebiet, die Anfahrten sind entsprechend kurz. In den Neoprenanzug gezwängt und die Pressluftflasche bereits an Land auf den Rücken geschnallt, gestaltet sich das Sitzen nicht sonderlich bequem. Aber bald können wir rücklings ins Meer plumpsen. Zischend entweicht die Luft unserer Tarierwesten und während des tiefen Ausatmens sinken wir blubbernd allmählich ab. Mohammed weist uns den Weg in geheimnisvolle Sphären; unten angekommen schweben wir auf zwanzig Meter Tiefe. Ich fröstle leicht, der Tauchcomputer zeigt „nur“ 25 Grad an. Fische gibt es auch hier nicht wie Sand am Meer, dafür viele Taucher. Die Korallen sind mancherorts farbenfroh und gesund, anderenorts wirken sie blass und kränkeln. Bestimmt hat das Unterwasserreich einst bessere Zeiten erlebt.
Heute tauchen wir wieder am Hausriff, diesmal mit John. Der britische Tauchguide hat wenig Haare, dafür viel Humor, den wir zwar nicht immer verstehen. Mit von der Partie ist eine Beginnerin, die während des Tauchgangs plötzlich ausser Sichtweite gerät. John entdeckt die verschwundene Frau schliesslich an der Wasseroberfläche und muss sie von dort oben zurück in die Tiefe bugsieren. Das dauert. Währenddessen gucken wir zwei uns um, paddeln neugierig umher. Plötzlich entdeckt Roland eine riesige Schildkröte. Ein Prachtexemplar. Anmutig gleitet es langsam durchs Wasser und leistet uns eine Weile Gesellschaft. Roland hat nur noch Augen für die Schildkröte mit dem wunderschönen Panzer. Ich, sein Tauchbuddy, bin auf einmal gänzlich uninteressant. Dann verschwindet das urzeitlich wirkende Geschöpf im weiten Blau, noch bevor John mit seinem verlorenen Buddy zurück ist. Als wir ihm später von der faszinierenden Begegnung erzählen, schäumt er vor Eifersucht. Angeblich sind Schildkröten rar – und wir Glückspilze.
Die Zeit vergeht, wir tauchen jeweils ein- oder zweimal pro Tag. „Heute steuern wir einen Platz an, wo niemand taucht“, verkündet Jabril vielversprechend. „No Name“, nennt er den verheissungsvollen Spot. Recht hat er; nur unsere Tauchgruppe navigiert über den Korallenteppich. Hin und wieder sichten wir etwas Müll, den Jabril einsammelt. Und wie überall zeigen sich ein paar grosse Nemos, die in den Anemonen auf und ab hüpfen. Hingerissen bewundern wir die süssen Farbtupfer des Riffs. Strömungen gibt es hier in Aqaba kaum, das Tauchen ist friedlich und entspannt. Unser Herz schlägt jeweils nicht vom Flossenschlagen höher, sondern dann, wenn wir beispielsweise einen Drachenkopf entlarven, der gut getarnt mit der Korallenwelt verschmilzt. Oder wenn eine geringelte Seeschlange elegant vorbei wedelt.
Nach insgesamt neun Tauchgängen klappt es bei mir mit dem Druckausgleich nicht mehr, aus einer leicht verstopften Nase ist eine Erkältung geworden. So verstreichen die letzten beiden Tage hauptsächlich im Liegestuhl am Strand. Am späten Nachmittag gönnen wir uns einen Sundowner in einem der nahe gelegenen Lokale an der Hafeneinfahrt, wo die untergehende Sonne die schroffen Berge im Hinterland in ein rötliches Licht taucht. Manchmal bestellen wir dort anschliessend auch Abendessen. Andere Male schlemmen wir uns durchs riesige Hotelbuffet, wo wir am liebsten die orientalischen Spezialitäten kosten.
Und schon ist er da, der letzte Abend in der Tala Bay. Morgen fängt unsere eigentliche Reise durch Jordanien erst an. Mit einem Mietwagen werden wir das arabische Land erkunden, von Süden nach Norden und wieder zurück. Gespannt auf das, was kommt, lassen wir die Zeit am Roten Meer auf unserem Balkon ausklingen. Die Nacht ist lau, zufrieden und satt lauschen wir der sanften Melodie des Meeres…
Jordan looks amazing! We love the sea turtle video so much. I am so impressed that you drove around the country in your own car. That seems so difficult with all the signs in Arabic! I love seeing pictures of places I have read about – it makes it all seem more real. Thanks for sharing your journeys!
Thank you Chanti for your comment. We love Jordan. This country is so interesting and diverse. Traveling was easy. The worst thing about driving was the numerous speed bumps. Nevertheless, I’m glad not to have to drive in the busy capital Amman.
The encounter with the turtle was awesome. It swam right at me and I had to get out of her way…
Best regards
Roland & Christine