Atiu – wild und unberührt
Auf Aitutaki ist der Flughafen nie weit entfernt, bereits nach wenigen Fahrminuten stehen wir am Check-in. Kein Anstehen und keinerlei Fragen, den Angestellten lassen sogar unsere Pässe kalt. Rasch wird das Gepäck gewogen, von jeglichen Kontrollen bleiben wir verschont. Geschwind drückt uns der speditive Herr einen Boarding Pass in die Hand, Gepäckcoupons kennen sie offensichtlich nicht. „That’s it?“, frage ich verblüfft. „That’s Aitutaki“, erwidert der Insulaner schelmisch. Das Warten in der luftigen Halle fühlt sich nicht wie am Flughafen an, sondern wie an einem nahezu verwaisten Busbahnhof. Nebst uns sind lediglich vier weitere Touristen an Bord, die Hälfte der Sitze bleibt frei. Leichtfüssig schwingt sich der kleine Blechvogel von der Piste. Noch ein letzter Blick auf die paradiesische Lagune mitsamt ihren Inselchen, bevor uns nur noch der tiefblaue Südpazifik begleitet…
Nach einer knappen Flugstunde gegen Südosten setzt uns der Pilot auf Atiu ab, einem grünen Inselfleck. Über die unebene Korallenpiste rollend, nimmt die wohl angenehmste aller Flugreisen ein holpriges Ende. Das Flughafengebäude, eine schlichte Hütte. Jackey erwartet uns bereits mit polynesischen Blumenketten und nimmt uns herzlich in Empfang. Die junge Frau sprüht vor Witz und Energie. Die langen Haare aus der Stirn gekämmt und hochgesteckt, die dunklen Augen hinter einer randlosen Brille. Auf der Fahrt zu unserer Unterkunft erzählt sie uns eifrig einiges über ihr geliebtes Eiland. Kreuzen wir andere Inselbewohner, winkt und ruft die quirlige Jackey. Sie kennt alle, alle kennen einander, die Inselwelt ist klein. Gelegentlich springt sie an den Strassenrand und schüttelt Papayabäume, bis eine reife Frucht in ihre Hände plumpst. Zwar mag sie keine Papayas und meint schulterzuckend, das seien Mangos für die Schweine. Im Verlaufe unseres Aufenthalts serviert man auch uns „Schweinefutter“ – doch wir mögen es.
Nebst Koffern, Rucksäcken und uns sechs Gästen wurden auch Kartons mit Eiern und Hähnchen auf den Pick-up verladen. „Lebensmittel von der Hauptinsel Rarotonga einzufliegen ist kostspielig, der Transport teurer wie das Fleisch“, seufzt Jackey und legt ihre Stirn in Falten. Nicht verwunderlich, wenn das gefrorene Hühnerfleisch aus Amerika keine zwei Franken pro Kilo kostet… Nur einmal im Monat komme ein Versorgungsschiff nach Atiu, wann genau ist ungewiss. Viele Einwohner lästern. Jacky ist zufrieden. „Schliesslich gibt es auch Inseln, wo nur alle drei bis vier Monate ein Schiff anlegt.“ Nach dem kurzen Abstecher zum Hafen geht es durch
wildes Inselgrün weiter. Atiu ist völlig überwachsen und vulkanischen Ursprungs. Die kleine Insel mit etwa sechs Kilometern Durchmesser ist durch einen Hotspot in der Erdkruste hervorgegangen. Es entstand ein Unterwasservulkan, der allerdings erlosch, bevor er die Meeresoberfläche erreichte. Infolge tektonischen Bewegungen wurde in Jahrmillionen das Korallenriff mitsamt des erloschenen Vulkans aus dem Wasser gehoben. „Noch heute wächst Atiu, im Gegensatz zu den meisten anderen Inseln der Südsee“, weiss Jackey, „wenn auch weniger als einen Millimeter pro Jahr.“
Auf Atiu gibt es nur eine Handvoll Unterkünfte, insgesamt weniger als zwanzig Gästezimmer, die Touristenzahl bleibt immer überschaubar. Zwischenzeitlich sind wir in der kleinen Anlage im Inselinneren angekommen. Sechs Bungalows aus massivem Holz stehen erhaben in einem grosszügigen Tropengarten. Aus einer Schale zwinkern uns Kokosnüsse, Bananen und „Schweinefutter“ verführerisch zu. Treten
wir auf die Veranda, umarmen uns Bananenbäume und Kokospalmen, gewähren uns lauschige Privatsphäre. Zum ersten Mal auf den Cook Islands können wir nicht das Meer sichten, dafür bunte Blumen. Es grünt und blüht in jeder Ecke. Sanft streichen laue Brisen durch die Palmwedel. Ein pustender Windzug schubst uns eine frische Kokosnuss vor unsere Hütte – Nachschub für den Früchtekorb.
Am nächsten Morgen um halb neun holt uns Marshall ab. Der gebürtige Engländer lebt schon seit 25 Jahren auf Atiu und bietet Inseltouren an. Um einen ersten Eindruck zu gewinnen, lassen wir uns von ihm herumkutschieren. Fünf winzige Dörfer liegen nah beisammen auf dem zentralen Inselplateau. Ein Kreisel regelt den Verkehr, sofern es dann überhaupt welchen hat. Auch das Schild „kein Vortritt“ ist wohl meistens überflüssig. Was es hingegen im Überfluss gibt, sind Kokospalmen und Kirchen. Entlang der ländlichen Hauptstrasse reiht sich ein weisses Gotteshaus ans nächste – sechs verschiedene Glaubensrichtungen des Christentums kommen hier zusammen. Dagegen wirken die restlichen Einrichtungen geradezu mickrig – zwei Tante-Emma-Läden,
eine Bäckerei, ein Bankschalter. Und die Polizei, mit begrenzter Einsatzzeit. „No crime after 3 o’clock in the afternoon“, scherzt Marshall. Unser grauhaariger Führer berichtet uns viel von Insel und Leuten, von ihrem Alltag unter Südseepalmen. Einheimische können weder Land erwerben noch verkaufen, bleibt es im Familienbesitz von Generation zu Generation. Auf den Grundstücken fallen hin und wieder Familiengräber ins Auge. Für uns Europäer wirkt das seltsam, aber Angehörige dürfen ihre Verstorbenen zwischen den Blumenbeeten beerdigen. Auch auf den anderen Cooks ist das völlig normal.
„Atiu zählt heute nur noch rund 400 Einwohner. Als ich hier ankam, waren es noch dreimal so viele“, gibt uns Marshall nachdenklich preis. „Vor zwanzig Jahren, als der Staat fast pleite war, sind viele gegangen.“ Seit über 50 Jahren ein unabhängiger Inselstaat, regieren sich die Cookinseln selbst, sind aber politisch nach wie vor eng mit Neuseeland verbunden. Eine eigene Staatsangehörigkeit besteht nicht – die Cook Islander sind Bürger Neuseelands und besitzen neuseeländische Pässe, was ihnen erlaubt, dort zu wohnen und arbeiten. Fast die gesamte Bevölkerung machen die dunkelhäutigen Cook Islands Maori mit polynesischen Wurzeln aus. Wie alle Inseln des Archipels leidet auch Aitu unter Bevölkerungsschwund und die Einwohnerzahl geht stetig zurück. Vor allem junge Menschen streben wegen besserer Berufsperspektiven und höheren Gehältern eine Auswanderung an. Etwa 80 Prozent der Cooks leben bereits im Ausland, hauptsächlich in Neuseeland, aber viele auch in Australien.
Vom leicht höher gelegenen Inselherzen geht es durch den Tropendschungel und über das einstige, heute überwachsene Korallenriff, auf einem schmalen Strässchen zur Küste hinunter. Meist im Busch verläuft eine unbefestigte Piste in zwanzig Kilometern um das schier unberührte Eiland. Auf unserer Inselrundfahrt begegnen wir keinem
anderen Fahrzeug. Vereinzelt führen Fusswege bis ans Meer, meist über spitzes Korallengestein. Weisse Sandstrände verstecken sich zwischen schroffen Klippen, der aufgebrachte Ozean wirft hohe Wellen. Im Jahre 1777 legte der britische Seefahrer James Cook, nach dem der Pazifikstaat bekannt ist, auf seiner
Route durch den südlichen Archipel hier einen Stopp ein… Nach dem Schlürfen einer erfrischenden Kokosnuss deckt der sympathische Marshall zum Schluss seiner spannenden Tour den Tisch. Reichlich mit weiteren Leckerbissen, die die Insel hergibt. Genüsslich spachteln wir tropischen Fruchtsalat und selbst gebackene Bananenmuffins.
Nach einem gemütlichen Nachmittag in unserem „botanischen Garten“, bricht unsere Truppe abends für ein Bier in den Dschungel auf. In der Buschbar nehmen uns die Inselbewohner herzlich in ihre Trinkrunde auf. Ein Verschlag aus Palmenblättern, als Barstühle dienen niedrige Holzhocker. Tumunu, wie sich die Buschbars nennen, sind ein Teil von Atius Kultur und einzigartig. Fünf verschiedene Tumunus, für jedes Dorf eine, verteilen sich über die Insel, etwas versteckt im Busch. Hier treffen sich die Trinkclubs regelmässig, sei es abends oder sonntags nach der Kirche. Die Versammlungen sind jedoch, ganz inseltypisch, ziemlich flexibel. Getrunken wir selbstgebrautes Bier aus Orangen. Der Barmann sitzt mit in der Runde, schöpft das Gebräu aus einem grossen Plastikeimer und reicht die kleine Kokosnussschale gefüllt der
Reihe nach in die Runde. Alle nippen am selben Becher, stürzen den grossen Schluck meist in einem Zuge herunter. Das Inselbier schmeckt ungewöhnlich und rinnt leicht süsslich, fast eher wie Wein, die Kehle hinab. „Heimtückisch!“, warnte uns Jackey und redete uns vorgängig ins Gewissen. „Spätestens nach zehn Schalen solltet ihr aufhören, danach wird es gefährlich.“ Wer nicht mehr mag oder eine Runde aussetzen möchte, darf höflich ablehnen. Früher waren die Tumunus den Männern vorbehalten, doch seit kurzem sind auch Frauen zugelassen. Immer quetschen sich noch mehr Durstige in die
gesellige Runde. Nach einer Weile bittet der Bierschöpfer uns Fremde, uns kurz vorzustellen. Dann geht das Saufen wieder, und weiter, bis sich zu später Stunde der harte Kern sturzbetrunken auf den Heimweg macht. Auf unsere Frage, ob die Polizei keine Alkoholkontrollen durchführe, muss sich Jackey das Lachen verkneifen und antwortet verschmitzt: „The police could probably have served you…“
Mit einer kleinen Spende und einer Ausrede verabschieden wir uns bald, leicht angeheitert – das Abendessen ruft. Wir haben uns etwas Inseltypisches gewünscht. Nun erwartet uns ein kleines Buffet, in unsere Nasen steigt der köstliche Duft von lokalen Speisen. Wie immer sitzt Jackey als aufgestellte Gastgeberin mit uns allen am grossen Tisch. Mit ihr, einem holländischen Paar und den Honeymoonern aus Österreich unterhalten wir uns blendend. Jackey ist neugierig, wir sind es auch. Ihr Englisch ist einwandfrei, ist die knapp Dreissigjährige zwar auf Atiu geboren, hat ihre Kindheit jedoch in Australien verbracht. Erst vor einigen Jahren ist sie als junge Erwachsene alleine in ihre Heimat zurückgekehrt. Alleine ist sie hier jedenfalls nicht, leben ihre Grosseltern und jede Menge Verwandte hier. In ihrer Familie zählt sie über 50 Cousins und Cousinen – polynesische Familien sind in der Regel riesig.
Elegant recken Kokospalmen in den blauen Vormittagshimmel. Voller Tatendrang die Wanderschuhe montiert, schustern wir durch den Regenwald. Durch dessen dichtes Blätterdach dringt kaum Sonnenlicht. Vorbei an mit Pflanzen überwuchertem Korallengestein, bis hinunter zum Takauroa Beach an der Ostküste. Zahlreiche Buchten säumen die wilde, unberührte Küstenlandschaft. Der
weisse Sand ist meist grob, durchsetzt mit Muscheln und Korallenschrott. Immer auf der Hut nicht hinzufallen, klettern wir behutsam über die messerscharfen Klippen. Das raue Gestein ist reich an Fossilien – die versteinerten Muster geben ein schmuckes Bild ab. Vor unseren Augen breitet sich eine schmale Lagune aus, das Saumriff verläuft küstennah. Wild schäumend überschlagen sich die Wellen
des dunkelblauen Ozeans, das Tosen der Brecher ist laut. Die seichte Lagune ist mit Felsenpools durchzogen, im glasklaren Wasser schimmern hinreissend flache Steinformationen. In einem türkisfarbenen Becken entfaltet sich ein wundervoller Korallengarten, wo sich Fische tummeln – im natürlichen Aquarium geht es bunt zu und her. Überwältigt bewundern wir den verlassenen Küstenstrich, begegnen keiner einzigen Menschenseele.
Auf Atiu ist nicht viel los. Die meisten Einheimischen können nicht verstehen, warum hier jemand Urlaub macht – hier gibt es doch gar nichts. Ruhesuchende und Naturliebhaber, Vogelfreunde und Höhlenbegeisterte, kommen allerdings auf ihre Kosten. Zu den letzten beiden zähle ich mich nicht, und auch geführte Touren sind normalerweise weniger unser Ding. Auf Aitu machen wir DIE grosse Ausnahme und kombinieren sogar beides – eine geführte Höhlentour. Fast ein Muss, aber zugegeben, es hat sich durchwegs gelohnt.
Unser Führer Ben an der Spitze, lotst die kleine Gruppe über die sogenannte Makatea, den mit Busch bedeckten Gürtel aus scharfkantigem Korallengestein. Er drückt uns zwei Holzstöcke in die Hände, welche uns beim konzentrierten Balancieren über die grossen Brocken etwas Sicherheit leisten sollen. Doch aufgepasst, leicht verkanten sich die Wanderstöcke und bleiben im durchlöcherten Pfad stecken…
Nach einer halben Stunde erlangen wir die von Feigenbaumwurzeln und dichtem Dschungel umgebene Anatakitaki Cave, die angeblich entzückendste aller Kalksteinhöhlen auf Atiu. Mit Stirnlampe bewaffnet hangeln wir uns über eine Leiter in die düstere Tiefe. In den verschiedenen Kammern der fabelhaften Korallenhöhle verbergen sich riesige Stalaktiten, die
teilweise den Boden berühren, und mächtige Stalagmiten. Auf allen Vieren kraxeln wir weiter hinab zu einem Wasserbecken. Roland zeigt sich mutig und gleitet als einziger ins kühle Nass… Die schwarze Gruft ist der Lebensraum der Kopeka, kleinen Vögeln, die hier auf Atiu endemisch sind. „Ihr Augenlicht taugt nur fürs Freie, im Dunkeln der Höhle orientieren sie sich am Echo ihrer
unverwechselbaren Klicklaute“, erklärt uns der stämmige Ben sichtlich beeindruckt. In Neuseeland geboren und aufgewachsen, später nach Sydney umgezogen, raubte ihm dort sein Arbeitsweg viele wertvolle Stunden. Bestimmt gibt es besseres, als Zeit im hektischen Verkehr zu vertrödeln, dachte er eines Tages. Er besann sich seiner Wurzeln und lebt nun seit ein paar Jahren auf Atiu, glückselig und ohne Stress.
Mitten in der Nacht wecken uns heftige Regengüsse. Es tropft von der Decke, Roland mitten auf den Kopf. Am Morgen schüttet es noch immer, bei unserer Abreise ist es immerhin nur noch bewölkt. Vier erlebnisreiche und gleichzeitig erholsame Tage enden. Jackey bringt uns zusammen mit den Holländern, Kiki und Robert, zum Flughafen. Noch einmal vereinfacht sich das Prozedere beim Check-in. Nach unserem Namen wird nicht
gefragt, einen Boarding-Pass gibt es keinen. Während wir warten entdecken wir plötzlich ein unscheinbares Schild an der Wand. „Volontary Security Check“, wir kugeln uns vor Lachen. Falls man mag, kann man seine Waffen beim Einsteigen dem Pilot übergeben… Noch ein letztes Mal quatschen wir mit der lustigen Jackey, die alles im Griff hat und sich stets liebevoll um ihre Gäste kümmert. Meitaki – vielen Dank.
Die kleine Propellermaschine ist pünktlich im Landeanflug. Keine Absperrungen, wir alle lauern unmittelbar am Rollfeld und schauen gebannt in den mausgrauen Himmel. Drei Passagiere kommen, vier reisen ab. Die Auswahl an Sitzplätzen ist gross, der Flieger mehr als halbleer – die Flugreise mutet wie in einem privaten Rahmen an. Ein letztes Abschiedswinken aus der Luft. Dann wird die kleine Flughafenhütte immer noch kleiner, und wir verduften endgültig, tauchen ein in dunkle Wolkenschwaden…
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