Auckland – auf Vulkanen erbaut
Kühler Wind schlägt uns entgegen, als wir die Flugzeugtreppe hinuntersteigen. Trotz strahlendem Sonnenschein überzieht Hühnerhaut meine Arme. Die Temperaturen sind um über zehn Grad gefallen. Gestern den tropischen Gefilden entflohen, begrüssen uns heute in Auckland “nur” zwanzig Grad… Müde reihen wir uns in die lange Warteschlange, harren geduldig, bis wir endlich in Neuseeland einreisen dürfen. Es bleibt genug Zeit, die strengen Einfuhrregeln zu studieren. Frischprodukte sind tabu, auch darf kein Dreck an den Schuhen kleben. Alles muss genau deklariert werden, jeder wird befragt und dementsprechend stecken wir bei der Zollkontrolle erneut im Stau. Immerhin will der Beamte kein Blick in unsere Rucksäcke werfen und vertraut uns blind…
Geschafft. Nach einer über zwölfstündigen Flugreise von Malaysia betreten wir neuseeländischen Boden. Der Flug verlief soweit gut, wie üblich eingepfercht in engen Sitzen der Holzklasse. Zugegeben, vielleicht war es diesmal noch etwas enger. Doch wer “Low Coast” fliegt und sozusagen fast nichts bezahlt, darf auch nichts erwarten. Am Flughafen von Kuala Lumpur wunderten wir uns, warum viele
Reisende mit auffallend grossem Handgepäck unterwegs sind. Etwas später fiel der Groschen – das eingecheckte Gepäck muss zusätzlich bezahlt werden. Doch am meisten verwunderte uns, dass diese Handgepäckschmuggler ungeschoren davon kamen, keiner kontrollierte. Mühselig gestaltete sich die Zwischenlandung in Australien am kleinen Flughafen Gold Coast. Ohne Vorahnung der bevorstehenden Gepäckkontrolle mussten wir uns über eine Stunde im Flughafengebäude anstellen, schlussendlich wurden wir sogar des im Flieger erstandenen Trinkwassers beraubt. Ärgerlich auch deshalb, weil wir mit trockenen Kehlen lange auf die nächste Kaufgelegenheit warteten. Die Crew schien überfordert, aber natürlich wird überall, auch an der Anzahl der Flugbegleiter gespart…
Die Sonne neigt sich langsam dem Horizont entgegen, als wir mit dem öffentlichen Flughafenbus durch die sauberen Strassenzüge der Vororte kurven. Von der Endstation in der Innenstadt trennen uns nur noch wenige Schritte vom gebuchten Hotel. Unsere Bleibe für die nächsten Tage ist einfach und für hiesige Verhältnisse günstig, trotzdem schlucken wir einmal leer, sind wir uns von Asien an ein tieferes Preisniveau gewohnt… Gähnend verkriechen wir uns im Bett und gönnen uns eine wohlverdiente Mütze Schlaf. Die Zeiger stehen schon auf halb zwölf, als wir am nächsten Tag verschlafen einen ersten Blick auf die Uhr werfen. Kein Wunder, unsere inneren Uhrwerke ticken anders, hinken noch fünf Stunden hinterher. Draussen begrüsst uns eine angenehme Frische, und wir begrüssen es, ist die Luft nicht mehr so feuchtheiss und stickig wie in den Tropen. Aber sobald sich die Sonne hinter eine Wolke verzieht wird uns schlotternd bewusst, dass wir uns erst an das kühlere, aber soweit angenehme Klima gewöhnen müssen.
Wie ein Tintenfisch erstreckt sich Auckland über eine Landenge, die durch mehrere Meeresarme fast durchtrennt wird. In der Länge breitet sich die dünn besiedelte Grossstadt über 70 Kilometer auf Neuseelands Nordinsel aus. Auf einem Gebiet, welches flächenmässig doppelt so gross wie London ist, leben nur 1.5 Millionen Menschen, was einem Drittel der gesamten Bevölkerung entspricht… Die Stadt selber ist nichts Besonderes, aber ihre Lage ist spektakulär. Eingebettet in über 50 erloschene Vulkane, fast rundum von Wasser umgeben. Geologisch gesehen ist Neuseeland ein Newcomer, ragt erst seit 100 Millionen Jahren aus dem Meer. Zum Vergleich – die australische Landmasse sei ungefähr 230 Millionen Jahre alt und die Erde vor rund 4.7 Milliarden Jahren entstanden.
Die Queens Street, die Hauptschlagader des Zentrums, ist gesäumt von Läden und Banken. Auf der Suche nach neuer Trekkingkluft steuern wir eine Handvoll Outdoor-Geschäfte an. Zum Glück schont der Ausverkauf unsere Geldbeutel zumindest ein bisschen. Die regulären Preise übersteigen gelegentlich sogar jene der Schweiz, insbesondere bei Schuhen. Aber vielleicht ist die Queens Street die Zürcher Bahnhofstrasse von Auckland und dort ist alles etwas teurer… “Woher kommt ihr? Wie lange bleibt ihr?”, fragt uns die Kassiererin im Supermarkt interessiert und verwickelt uns in eine nette Plauderei, währenddessen sie unseren Einkauf scannt. Die Neuseeländer hinterlassen einen freundlichen Eindruck und sind ein aufgeschlossenes Volk, soweit wir das in den ersten Tagen zu beurteilen vermögen.
Segelschiffe schaukeln im Wasser, blitzen im Sonnenschein. Am Hafen herrscht reges Treiben, täglich legen riesige Kreuzfahrtschiffe an. Mit einer Fähre gondeln wir an den luxuriösen Giganten vorbei, fühlen uns winzig klein. Auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht liegt Devonport, nur eine zehnminütige Fahrt entfernt. Ein kurzer Marsch bringt uns auf den Mount Victoria, einen grün
überwachsenen Vulkan, dessen Gipfel uns ein Blick rundum gewährt. Doch das Wetter hat umgeschlagen, die Sicht ist wolkenverhangen und kräftiger Wind pfeift uns um die Ohren. Nach einer kulinarischen Stärkung in einem Café schlendern wir dem Strand entlang, der von hübschen viktorianischen Häusern mit gepflegten Gärten gesäumt ist. Trotz eines Sonntags ist in Devonport nicht viel los, es herrscht eine angenehm entspannte Atmosphäre.
Rangitoto, eine unbewohnte zerklüftete Insel, liegt vor den Toren der Stadt. Es ist Aucklands höchster und jüngster Vulkan. Die Erdkruste ist hier so dünn, dass das Magma alle paar tausend Jahre einen Spalt findet, unter lautem Getöse an die Oberfläche tritt und einen weiteren Vulkan entstehen lässt. Dass es im Inneren ab und zu ganz ungestüm bebt, hat mit der Erdbebenzone zu tun, in der Neuseeland liegt. Vor rund 600 Jahren fand die letzte Eruption statt, deren Ergebnis war die beinahe runde Insel Rangitoto.
Mit der Schnellfähre flitzen wir dem flachen, grün überwucherten Lavakegel entgegen. Ein guter Wanderweg ist angelegt, windet sich langsam nach oben. Das dunkle poröse Gestein knirscht unter unseren Sohlen. Die Vulkanerklimmung ist fast ein Spaziergang, vor allem im Vergleich zu unseren mühseligen Aufstiegen in Indonesien. Nach einer Stunde erreichen wir den Kraterrand und nur noch wenige Schritte trennen uns vom höchsten Punkt. Die Aussicht aus 260 Metern Höhe ist
spektakulär, das Wetter sonnig gelaunt. Glücklich blicken wir über die weiteren umliegenden Eilande sowie die Downtown mit ihren Hochhäusern und dem herausragenden, 328 Meter hohen Skytower. Auf der Insel gibt es nichts zu kaufen – gut haben wir Kalorien eingepackt. Das Picknick verzerrt, verabschieden wir uns vom 360 Grad-Panorama und nehmen den Abstieg in Angriff. Mit Wurzeln übersäte Wege führen in Schleifen durch den Wald, oft sind Bäume und Boden mit Moos und Flechten überwachsen – märchenhaft.
Auch am vierten und letzten Tag sind wir nochmals zu Fuss unterwegs. Die Wanderung “Coast to Coast” führt in rund 16 Kilometern vom Pazifik zum Tasmanischen Meer, quer über die Landenge. Schnell gelangen wir aus dem Stadtzentrum heraus und landen in ruhigen, beschaulichen Vororten. Die Strassen sind breit, ebenso die Gehsteige, immer wieder Grünflächen und niedliche
Häuser, meist einstöckig. Fast jede Familie besitzt oder bewohnt zumindest ein Häuschen mit kleinem Garten, Hochhäuser gibt es nur im Innenstadtbereich. Der Mount Eden ist mit 196 Metern der höchste Vulkan auf Stadtboden. Er überragt die umliegenden Vorortsiedlungen nur geringfügig, aber vom Gipfel bietet sich ein weiter Rundumblick über die Dächer der
Stadt und die weiteren Vulkankegel, die wie grosse Maulwurfhügel anmuten. Der 183 Meter hohe One Tree Hill, auch ein vulkanischer Erdhügel, wird von einem hohen Granit-Obelisken gekrönt – einen Baum sucht man hier allerdings vergebens. Erneut würdigen wir die Aussicht, erblicken die auf beiden Seiten liegenden blauen Ozeane.
Der Weg ist zwar eigentlich gekennzeichnet, trotzdem fühlen wir uns oft wie auf einem Postenlauf. Wohl jeder zweite Wegweiser fehlt, meist an Schlüsselstellen, und wir spüren den richtigen Pfad nur anhand eines groben, vorgängig aus dem Internet heruntergeladenen Plans auf. Doch der Orientierungslauf macht uns Spass und es ist eine gelungene Idee, die höchsten Aussichtspunkte der Stadt in einer Wanderung zu verbinden, anstelle diese separat mit öV anzupeilen. Und so kriegen wir nebst der Downtown noch weitere Einblicke in das Stadtleben. Vom Endpunkt Onehunga an der Tasman Sea düsen wir
mit dem Zug in einer halben Stunde zurück ins Stadtzentrum am Pazifischen Ozean… Spätnachmittags, das Wetter wird je länger desto besser, der Himmel zeigt sich stahlblau. Müde werfen wir uns in die bequemen, heiss begehrten Sitzsäcke, die auf der Wiese beim Bahnhof anstelle harter Holzbänke für die Allgemeinheit zur Verfügung stehen. Ausgelaugt strecken wir unsere schweren Glieder aus – unsere Beine müssen sich erst wieder ans Wandern gewöhnen.
Am anderen Ende der Welt, in einer anderen Welt gelandet, unserer Heimat zwar weiter entfernt, aber doch irgendwie näher. Das Wasser kann wieder vom Hahnen getrunken werden und das Klopapier wird die Toilette hinuntergespült. Die grosszügigen Gehsteige sind eine Wohltat, ebenso die an den Zebrastreifen haltenden Autos. Alles Dinge, die in Asien nicht an der Tagesordnung sind… Doch im Gegenzug liegt das Preisniveau in Neuseeland über dem der besuchten asiatischen und afrikanischen Länder, was uns noch fremd ist. Der erste Kauf, eine grosse Flasche Wasser – die wir nachher mit Hahnenwasser auffüllen werden – denken wir, der Preis sei moderat. Doch am nächsten Tag stellen wir ernüchtert fest, dass wir versehentlich noch die Umrechnungsformel für malaysische Ringgit anstelle für neuseeländische Dollar angewendet haben. Unser Einkauf im Minimarkt entpuppte sich mit umgerechnet über drei Franken als enorm teuer – na ja. Langsam gewöhnen wir uns an die neue Währung und wissen später auch, dass im Supermarkt für dieselbe Flasche Wasser nur ein Viertel veranschlagt wird…
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