Auf Achse in Jordanien
Die Strasse windet sich durch die Häuserzeilen von Wadi Musa steil bergan und mündet schliesslich in den Kings Highway. Die „Königsstrasse“ bringt uns weiter nordwärts. Am Autofenster fliegt eine hügelige Wüstenlandschaft vorbei, immer wieder durchqueren wir Dörfer. Seit einer knappen Woche sind wir nun mit einem Mietauto in Jordanien auf Achse. Währenddessen haben wir im Wadi Rum Wüstenluft geschnuppert und die antike Felsenstadt Petra bewundert. Was wird uns neben diesen beiden Highlights wohl noch alles erwarten? Es bleiben gute zwei Wochen, um den Rest des arabischen Königreichs buchstäblich zu erfahren…
Weisse Felsbuckel im Wadi Dana
Nach einer Fahrstunde kommen wir nachmittags in Dana an. Das Dörflein thront auf 1200 Höhenmetern am oberen Ende des Wadi Dana, einer stark zerklüfteten, steil abfallenden Schlucht. Ursprünglich von Beduinen gegründet, sind heute die meisten Häuser verlassen oder gar Ruinen. „Nur noch fünf Familien leben hier“, erzählt uns ein Ladenbesitzer schulterzuckend, „allerdings nur in der wärmeren Jahreszeit.“ Das Nest lebt vom Tourismus, und es gibt eine Handvoll Unterkünfte und Restaurants. Wir haben nichts vorgebucht. Nach Herumfragen finden wir schliesslich Unterschlupf in der Wadi Dana Lodge, die von aussen
nett ausschaut. Die Zimmer wirken aber schlicht und etwas vernachlässigt. Trotzdem kostet eine Nacht stolze 40 Dinar. Erfolgreich handeln wir den Preis von zwei Nächten auf immerhin 70 Dinar herunter, was etwa 90 Franken entspricht. In einem familiären Lokal mit gemütlichen Polstern bestellen wir orientalische Hackbällchen und geniessen die letzten Sonnenstrahlen. Sobald sich die Abendsonne verabschiedet, wird es draussen kühl. Wir wärmen uns an einem Glas heissen Tee, während der Muezzin der kleinen Moschee laut durch die Dunkelheit ruft.
Das Dana Nature Reserve erstreckt sich über eine Kette von Bergen und Tälern bis ins 1500 Meter tieferliegende Flachland, das sich Wadi Araba nennt. Verschiedene Wanderwege ziehen sich durch das riesige Gebiet. Uns reizt der White Dome Trail, der gleich im Dorf startet. In unserem Reiseführer lesen wir, dass die Wanderung nur mit einem Führer begangen werden darf. Da der Weg in der Offline-App maps.me eingezeichnet ist, versuchen wir es am nächsten Morgen auf eigene Faust.
Der steinige Pfad führt in einem Auf und Ab den Abhängen der Schlucht entlang, vor uns treibt ein Hirte seine meckernde Ziegenherde her. Mancherorts ist der Weg sogar mit kleinen Steinmännchen markiert. Allmählich kommen wir den White Domes näher. Die rund geschliffenen weissen Felsbuckel sind ein wahrer Blickfang, beschwingt schustern wir nun über felsige Passagen. Zudem liegen grosse Steinbrocken herum,
durchlöchert und rau muten sie wie riesige Schwämme an. Ständig ändert sich der Blickwinkel, und unter uns tun sich tiefe Felsspalten auf. Nach sechs Kilometern und drei aufregenden Wanderstunden ist Dana in weite Ferne gerückt. Hungrig erreichen wir einen Aussichtshügel, wo wir picknicken. Neue Energie getankt und die Sonne im Rücken, geht es auf demselben Weg zurück. Wir begegnen keiner Wanderseele. Was für ein wunderbarer Tag.
Das Felsmassiv von As Sala
Anderntags sind wir wieder auf Achse. Weiter nordwärts auf dem Kings Highway, immer wieder liegt Müll am Strassenrand. In der Ortsmitte von Ain Beidha zweigt eine Strasse nach As Sala ab. Das winzige Dorf klebt an einem Steilhang, wo sich ein weiter Blick auf das gleichnamige Felsmassiv auftut. Über ein Strässchen kurven wir jäh hinunter bis zu einem grossen Parkplatz, wo nur ein Wagen steht, und machen uns neugierig auf, um die umliegenden Felsbuckel zu erkunden. Die kleine Ruinenstätte lohne sich mehr
wegen der Landschaft, meinte unser Reisehandbuch. Die Felsformationen sind tatsächlich berauschend, und einmal mehr hilft uns die praktische Navi-App, dass wir uns nicht verirren. Wir begegnen keinen anderen Besuchern, einzig ein paar Bauarbeitern, die gerade Pause machen. Sie schauen neugierig und winken, als wir grüssen. Historische Relikte sind nur vage zu erkennen, hier und dort ein paar übriggebliebene Mauern der Nabatäer. Es ist unglaublich friedlich und still, nur ein paar Vögel ziehen ihre Kreise.
Zurück auf dem Kings Highway, weiter durch das karge Hochland. Bald folgt das Wadi Hasa, dessen Talsohle 600 Meter tiefer liegt. Zahllose Kehren durchziehen die Wüstenlandschaft, erst bergab und dann wieder bergauf. Der tiefe Einschnitt ist durch geologische Verschiebungen infolge des grossen Afrikanischen Grabenbruchs entstanden.
Die mächtige Festung von Kerak
Spätnachmittags erreichen wir Kerak. Für die kommende Nacht haben wir ein Zimmer im Cairwan Hotel reserviert. Die kleine, sympathische Unterkunft liegt etwas ausserhalb der lebendigen Innenstadt. Am nächsten Tag peilen wir beizeiten den Altstadthügel an, auf dessen Kuppe eine mächtige Festung thront. Es ist neun Uhr und die Morgenfrische angenehm, auch hat es noch kaum andere Besucher. Die bekannte Kreuzritterburg ist weitläufig, sie erstreckt sich über mehr als 200 Meter. Mit verschiedenen Räumen und Stockwerken fühlt es sich fast wie in
einem Irrgarten an, und die dicken Mauern scheinen mit dem steilen Abhängen verwachsen zu sein. Wegen der strategisch günstigen Lage wurde die Hügelkuppe in der Vergangenheit von vielen Herrschern genutzt. Roland zieht es in jeden Winkel und jedes dunkle Untergeschoss, meine Erkundungslust ist kleiner. Die Aussicht von hier oben ist fantastisch und die hügelige Landschaft ringsum erstaunlich fruchtbar.
Später stürzen wir uns ins pralle Leben der Altstadt, streunen durch die engen Gassen und quirligen Strassen und kümmern uns um anstehende Besorgungen: Geld, Trinkwasser und tropische Früchte. Anschliessend gönnen wir uns einen frisch gepressten Granatapfelsaft und beobachten das jordanische Alltagsgeschehen, bevor die Reise mittags weitergeht. Vom Hochland kurven wir auf einer breiten Strasse steil hinab ins Jordantal im Westen.
Wie eine Schlange windet sich der Asphalt durch das Wadi Kerak, von rund 900 Höhenmetern hinab auf 400 Meter unter Meereshöhe. Wir sind aufgeregt und nach nur 25 Strassenkilometern am tiefsten Punkt der Erdoberfläche angelangt: am Toten Meer. Der hochkonzentrierte Salzsee zieht uns auf Anhieb in seinen Bann, aber das ist eine eigene Geschichte… Einen Tag später kurven wir weiter nördlich auf einer Panoramastrecke zurück ins Hochland, bis nach Madaba auf 700 Höhenmetern.
Madaba – die Stadt der Mosaike
Es ist Freitag, muslimischer Sonntag. Auf den städtischen Strassen geht es ruhig zu und her. Wir checken nachmittags im Tell Madaba ein, einem familiären Gästehaus, wo wir direkt im Wohnzimmer landen. Sämtliche Familienmitglieder huschen aus der Stube, zurück bleibt Eduard, der uns herzlich in Empfang nimmt. Mit funkelnden Augen bittet er uns aufs Sofa und meint gütig: „Willkommen! Fühlt euch wie zuhause.“ Der junge Mann mit dem schwarzen Haarschopf spricht gut Englisch und sogar ein
paar Brocken Deutsch. Er gibt uns wertvolle Tipps und macht uns Restaurants in der Altstadt schmackhaft. Bei Abendsonne schmausen wir auf einer luftigen Terrasse eine Handvoll orientalische Speisen. Am nächsten Morgen bewirtet uns Eduards Mutter wohlwollend. Die Auswahl am feinen Frühstücksbuffet ist gigantisch und geht weit über das Übliche hinaus; ich zähle 35 Platten und Schalen mit verschiedenen Köstlichkeiten.
Heute ist Mosaiktag. Das berühmteste Mosaik ist die Palästina-Landkarte, die den Kirchenboden der St. Georgskirche ziert. Die Karte stammt aus dem 6. Jahrhundert und ist von grosser historischer Bedeutung. Über zwei Millionen Steinchen wurden angeblich verlegt. Viele Schaulustige stehen um das eingezäunte Kunstwerk, das stellenweise beschädigt ist, und füllen das kleine Gotteshaus. Die Stadt wartet noch mit weiteren antiken Mosaiken auf, und wir staunen ob den vielen bunten, verblassten Teilchen, die aufwändige Muster oder ganze Bildergeschichten ergeben.
Auch in der Umgebung von Madada gibt es Mosaike zu sehen und wir fahren zum Mount Nebo, dem Aussichtsplatz von Moses. Mit Busladungen an weiteren Touristen bewundern wir die mosaikgeschmückte Kirche und den Ausblick über das Jordantal, der vom Toten Meer bis ins Gelobte Land reicht, wo Dunst Jerusalem verhüllt.
Von Umm er Rasas versprechen wir uns weniger Trubel. Die Ruinenstätte liegt eine Autostunde entfernt. Auf der Fahrt durch die ländliche, leicht besiedelte Gegend liegt viel Abfall an der Strasse und auf den Feldern. Wie vielerorts überraschen uns auch auf dieser Route unzählige Bremsschwellen, oft jedoch ausserorts, was kaum Sinn macht, aber volle Konzentration fordert. In Umm er Rasas geht es
tatsächlich ruhig zu und her. Zwischen Mauerresten und Trümmern stehen ein paar steinerne Torbogen. Das Highlight ist das grösste Mosaik Jordaniens. Es wird unter einem Wellblechdach vor der Witterung geschützt und mutet von der Aussichtsplattform wie ein gewebter Teppich an.
Nach zwei Nächten verabschieden wir uns von Madaba und ebenso vom hilfsbereiten Eduard. „Ruft mich an, falls ihr Hilfe benötigt“, bietet uns der herzensgute Jordanier an.
Abgelegene Wüstenoase Azraq
Auf Achse, ein Abstecher Richtung Osten. Die Fernstrasse zieht sich fast schnurrgerade durch den wüstenhaften Landstrich und führt nach Irak sowie Saudi-Arabien. Autos rollen wenig, dafür viel Schwerverkehr. Grosse Lastwagen donnern einschüchternd an uns vorbei, als wir ein Strassenschild fotografieren. Sonst gibt es hier vorwiegend Sand und Geröll und ein paar Wüstenschlösser, die sich in der Einöde verteilen. Das klingt interessant. Aber es sind keine Schlösser aus unserer Vorstellungswelt, weder von der
Grösse noch vom Prunk her. Historiker nehmen an, dass es sich um über tausendjährige Rückzugsorte früherer arabischer Herrscher handelt, die dort mitten in der Wüste ungestört der Jagd und sonstigen Genüssen frönen konnten. Wir erkunden die Bauwerke oder deren verbliebene Mauern. Das Qasr Al Amra ist das kleinste, aber dafür wohl schönste Schloss, mit Malereien an Wänden und Decke.
Nun liegt unser Ziel nicht mehr fern, die Wüstenoase Azraq. Biegt man an der T-Kreuzung des staubigen Ortes nach rechts ab, landet man demnächst in Saudi-Arabien, schwenkt man hingegen nach links, kommt man irgendwann an die irakische Grenze. Auch in Azraq werfen wir einen Blick ins „Schloss“, eine dunkle Ruine mit dicken Mauern und rechteckigen Türmen, aus schwarzen Basaltsteinen erbaut.
In einer Oase gibt es natürlich Wasser. Aber längst nicht mehr so viel wie früher. Die Wasservorkommen wurden zum grossen Teil abgepumpt und in die Hauptstadt Amman wie auch zu landwirtschaftlichen Projekten geleitet. Dann änderte sich das Landschaftsbild im Laufe der Jahre dramatisch. Heute versucht man es wieder rückgängig zu machen, und es wurde das Azraq Wetland Reserve geschaffen. Im kleinen Naturreservat erwartet uns eine grüne Sumpflandschaft mit einem Weiher und Schilf, wir spazieren auf dem Rundweg, ein paar Vögel pfeifen.
Die Nacht verbringen wir in der Azraq Lodge am Ortsrand, die von der Naturschutzbehörde verwaltet wird. Wie üblich weckt uns der Muezzin um halb sechs und ruft „sicherheitshalber“ noch einmal um sechs, damit keiner der gläubigen Muslime das Morgengebet verpasst. An den göttlichen Weckruf haben wir uns ziemlich gewöhnt, und häufig döse ich schon während des lauten Singsangs nochmals ein. Heute nicht. Als die Sonne aufgeht, ist es auf dem Balkon noch empfindlich kühl, aber beim Frühstück wärmt die Novembersonne schon wohlig.
Will man in Jordanien bleiben, ist Azraq eine Sackgasse. Wir fahren wieder nach Westen zurück, aber auf einer anderen Strecke. Auf der zweispurigen Autobahn kommen wir zügig voran. Nun ist ein weiteres Land ausgeschildert: Syrien ist nicht mehr fern. Allmählich nimmt der Verkehr zu, die Gegend ist dichter besiedelt. Amman lassen wir links liegen und nehmen Kurs auf Jerash. Das städtische Flair weicht grünen Hügeln, und die strahlende Sonne wird plötzlich von Wolkenschwaden verdeckt.
Die römische Ruinenstadt Jerash
Es ist erst früher Nachmittag und es bleibt noch genügend Zeit für einen kleinen Abstecher. Das Ajloun Castle erhebt sich auf einem steilen Hügel und dominiert die Umgebung. Wir sind nicht allein. Dutzende Busse spucken Touristen aus, die allesamt durch die restaurierten Räume der riesigen Burg stiefeln. Von ganz oben bietet sich ein grandioser Ausblick in alle Himmelsrichtungen. Inzwischen ballen sich dunkle Wolken am Himmel und es fallen gar ein paar Regentropfen.
In Jerash haben wir zwei Nächte im Homestay Hadrians Arch gebucht. Ein älteres Ehepaar nimmt uns in Empfang, spricht aber nur wenige Silben Englisch und ruft den Manager an, der uns Anweisungen übers Telefon gibt. Weder das Zimmer noch das Essen ist der Hit und nachts holt uns aufgeregtes Hundegebell aus dem Schlaf, aber die Lage ist perfekt. Als wir morgens aus dem Fenster gucken, ist es draussen grau verhangen und die Strassen sind nass. Mit Regenjacke ausgerüstet, ziehen wir
trotzdem bald los. Die gut erhaltene römische Ruinenstadt ist es, was einen nach Jerash zieht. Von unserem erhöht gelegenen Homestay blicken wir geradewegs über die Überbleibsel der Römer, der Fussweg zum Eingang zieht sich allerdings hin, rund zwei Kilometer um das eingezäunte Areal. Es ist zehn Uhr und schon einiges los, aber die Besucher verteilen sich im weitläufigen Gelände. Zudem streben wir möglichst dorthin, wo sich keine grossen Gruppen aufhalten.
Die Römer hinterliessen hier eine komplette Stadt, deren Ruinen gut erhalten sind. Wir flanieren über die original römische Strasse, erklimmen die zahlreichen Stufen der beiden Amphitheater und bestaunen imposante Tempelruinen. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich das damalige Römerleben vor 2000 Jahren etwas vorzustellen. Am eindrücklichsten sind die unzähligen Säulen,
die majestätisch in den Himmel ragen. Zwischen Wolkenlücken drückt inzwischen die Sonne durch, und im Nu ist es sommerlich heiss. Während des Regens haben sich am Boden Wasserpfützen gebildet, wo sich die reich verzierten Säulen spiegeln. Bis spät am Nachmittag strolchen wir umher, setzen uns aber auch gelegentlich hin und lassen das römische Reich auf uns wirken.
Anderntags geht es auf Nebenstrassen durch das grüne Hügelland des Nordwestens, das von Olivenhainen und Pinienwäldern geprägt ist. Als wir die tiefer gelegene Ruinenstadt Pella erreichen, schmiegen sich dunkle Wolken über die Bergkämme. Keine Autos, keine Besucher, dafür ein paar entspannte Angestellte. «Welcome. Do you have Jordan Pass?», fragt einer der Männer freundlich. Aber
klar haben wir den Jordan Pass, der für viele Kulturstätten und Naturreservate gültig ist. „Ok, schon gut, ihr müsst den Pass nicht zeigen. Welcome!“ Auf diese freundliche und gutgläubige Weise läuft es in Jordanien oft ab, wir sind stets aufs Neue verblüfft. Auch Pella ist eine römische Stätte, sie ist aber klein und bietet wenig, dafür Aussicht bis ins Jordantal. Die schwarze Wolkenwand kommt immer näher, Donner grollt und wir machen uns aus dem Staub.
Weiter talwärts ins fruchtbare Jordantal, wo der gleichnamige Fluss das Tote Meer speist. Hier gedeihen Zitrusfrüchte und Gemüse wie Tomaten, Gurken, Zwiebeln und Auberginen. Die Hauptverkehrsachse zieht sich durch lebhafte Dörfer. Fussgänger scheinen Vortritt zu haben und queren in aller Gemütsruhe die vielbefahrene Strasse, auch der Verkehr ist unberechenbar. Wir kommen nur langsam voran und landen versehentlich an der Grenzbrücke zu Israel, gerade noch rechtzeitig schaffen wir es, dem Chaos den Rücken zu drehen. Unsere Reiseetappe zieht sich hin, aber nach drei Fahrstunden gerät endlich das Tote Meer in Sicht, wo wir noch einmal nächtigen…
Little Petra – inmitten einer wüstenhaften Felskulisse
Heute nehmen wir endgültig Abschied vom Toten Meer und düsen auf der geschmeidigen Landstrasse weiter südwärts. Grüne Felder ziehen am Autofenster vorbei, nur wenige Ortschaften und Bremsschwellen drosseln unser Tempo. Dann verändert sich das Landschaftsbild und die fruchtbare Gegend weicht einer Sandwüste. Die Nachmittagssonne wirft ihr mildes Licht
über schroffe Gebirgszüge, denen wir allmählich näherkommen. Sanddünen türmen sich auf, Kamele trampeln umher. Inzwischen fahren wir auf einer Nebenstrasse in Haarnadelkurven steil bergan; die Ausblicke beflügeln, die Felsformationen sind eine Wucht. Nun ist es nicht mehr weit bis Petra, trotzdem ist für uns alles neu, da wir die malerische Bergregion diesmal
von der anderen Seite her anpeilen. Beim letzten Fotostopp am Strassenrand taucht wie aus dem Nichts ein Beduine auf. „Welcome to Jordan“, grüsst der Mann und drückt uns zwei Bananen in die Hände. Einen Augenblick später steht auch seine Frau mit zwei Kleinkindern da. „Wie gehts?“, fragt sie auf Englisch und nennt uns anschliessend die Namen der Kleinen. Die Familie lächelt, und ehe wir uns versehen, verabschieden sie sich und lassen uns verdutzt zurück. Diese bedingungslose Gastfreundschaft rührt uns.
Die antike Felsenstadt Petra schon anfangs der Reise besucht, zieht es uns jetzt gegen Ende nach Little Petra, der nahegelegenen „kleinen Schwester“. Wir haben zwei Nächte im Seven Wonders Beduin Camp gebucht. Die Unterkunft im Beduinenstil bettet sich reizvoll an grosse Felsbuckel, ist mit zahlreichen Zelten und Häuschen aber grösser als erwartet. Die Campingplatzatmosphäre
des Tages verwandelt sich nachts in einen romantischen Wüstenzauber: Die Felsen sind voller Lichter, ein Lagerfeuer lodert in den Sternenhimmel, die gastgebenden Beduinen musizieren. Wasserpfeifen stehen bereit, süsser Tee wird ausgeschenkt. Schlürfend wärmen wir die Hände an den kleinen Gläsern und saugen die stimmungsvolle Atmosphäre in uns auf.
Es ist Sonntag um halb zehn, als wir am Eingang der antiken Felsstätte Little Petra stehen und uns über den Besucherandrang wundern. Da es sich lediglich um Petra im Miniformat handelt, haben wir nicht so viele Leute erwartet. Vielleicht ist das Wochenende schuld oder der kostenlose Eintritt, wir können nur rätseln. Der Weg führt durch eine enge Schlucht, den sogenannten Siq,
aber schon nach rund hundert Metern verbreitert sich die Felsspalte und wir erblicken eine gut erhaltene Tempelfassade und noch mehr Leute. Nach dem Erklimmen einer Felsentreppe endet die enge Schlucht und wir gelangen ins „Freie“. Beschwingt gehen wir weiter und sind nach nur wenigen Schritten mutterseelenallein. Wir haben eine Wanderung
geplant. Immer weiter dringen wir in die nun breite Schlucht hinein, kraxeln über Felsen steil bergan, mancherorts weisen gar Steinmännchen den Weg. Kurz bevor wir das angepeilte Plateau erlangen, kreuzt uns eine geführte Wandertruppe. Danach haben wir die wundervolle Wüstenlandschaft aus Sand und Felsen wieder für uns allein. An der Abbruchkante angelangt, reicht der weite Blick bis ins Wadi Araba hinunter. Die Sonne wärmt, der Himmel ist wolkenlos.
Zurück wählen wir eine andere Route, einen Umweg um die felsige Schlucht. Der Weg ist schwierig zu finden, auch nicht überall klar auszumachen, die Navi-App ist wiederum eine grosse Hilfe. Belohnt werden wir mit einer sagenhaften Kulisse und friedvoller Ruhe. Nach einem jähen Abstieg über loses Geröll hocken wir in den Felsschatten und kramen das Mittagspicknick aus dem Rucksack. Die Kalorien
schmecken und sind nötig, denn der Weg zum Ausgangspunkt zieht sich arg in die Länge. Um halb vier erreichen wir den Parkplatz von Little Petra, zwar müde, aber zufrieden. Auf dem Hügel gegenüber dem Camp lassen wir den Wandertag schliesslich ausklingen. Die Abendsonne senkt sich allmählich, und als sie hinter einem Bergkamm verschwindet, wird es schlagartig kühl.
Zurück nach Aqaba
Der letzte Tag mit unserem Mietauto ist angebrochen. Auf derselben Strecke kehren wir ins tiefergelegene Wadi Araba zurück, zurück auf die Hauptverkehrsachse Richtung Süden. Links und rechts des Teerbandes erheben sich Sanddünen, später ragen dürre Büsche aus einem flachen, steinigen Wüstenboden. Die Fahrstrecke ist durchaus angenehm: kaum Verkehr, Dörfer und Bremsschwellen, dafür Kamelwarnschilder und Check-Points. Aber die Strassenkontrollen sind leicht zu ertragen, die Polizisten überfreundlich. „Where are you from“, ist ihre Standardfrage. Und nach unserer Antwort winken sie uns zügig jeweils durch: „Ok, go!“
Frühnachmittags erreichen wir Aqaba am Roten Meer. Es ist heiss. Südlich der Stadt suchen wir einen Strand auf. Eine salzige Bise weht uns stramm entgegen. Die Lust auf eine Abkühlung im Meer ist in Windeseile wie fortgeblasen, trotz 28 Grad. Später checken wir im Stadthotel ein, nehmen das eingelagerte Tauchgepäck in Empfang und geben anschliessend das Auto ab. Für das Nachtessen zieht es uns erneut ins indische Restaurant ums Eck, wo wir cremige Curries und ofenfrisches Fladenbrot bestellen. Das Wasser läuft uns schon im Mund zusammen, und wir können den Gaumenschmaus kaum erwarten. Mit vollen Bäuchen bummeln wir der städtischen Strandpromenade entlang und beobachten das abendliche Treiben. Einheimische Familien picknicken, Frauen verbergen ihr Haar unter einem Kopfschleier, Paare geniessen traute Zweisamkeit. Die Luft ist lau, aber merklich kühler wie bei Ankunft vor vier Wochen.
Amman – pulsierende Hauptstadt
Zu Fuss spazieren wir mit unseren Siebensachen vormittags zum nahen JETT-Busterminal. Pünktlich um elf legt der bequeme Jordan Express los und steuert von Aqaba über den Desert Higway, der sich durch eine karge Wüstenlandschaft bahnt. Es ist die schnellste Verbindung zwischen Süd und Nord, aber keine richtige Autobahn, denn immer wieder tauchen Dörfer und Bremsschwellen auf. Unser Ziel ist die Hauptstadt Amman – bis dorthin sind es 330 Kilometer. Aus den geplanten vier Fahrstunden werden fünf, die langatmige Polizeikontrolle hat
bestimmt zur Verspätung beigetragen. Von der Busstation nehmen wir ein Taxi bis ins Stadtzentrum. Die Strecke ist kurz, der Fahrer aufgedreht, sein Fahrstil ebenso. Er flitzt in verkehrter Richtung durch eine enge Einbahnstrasse, offenbar um die Strecke abzukürzen. Ein mulmiges Gefühl steigt in mir hoch, und prompt kommt uns ein Auto entgegen. Vollbremsung von beiden Seiten, ein lauter Wortwechsel zwischen den verärgerten Lenkern. Zum Glück ist nichts passiert, wahrscheinlich ist Allah mitgefahren…
Das Gallery Guesthouse liegt in einer verkehrsarmen Seitenstrasse. Thair empfängt uns freundlich, spricht etwas Deutsch, da er einst in Deutschland studiert hat. Das kleine Gästehaus gefällt uns, das Zimmer ist hübsch, aber klein und einfach. Viele Moscheen verteilen sich in Amman, ein Muezzin plärrt in aller Herrgottsfrühe ganz aus der Nähe. An den islamischen Weckruf längst gewöhnt, schlafen wir gelassen weiter und hüpfen erst viel später aus den Federn.
Draussen ist es grau und verhangen, wir schustern auf den Zitadellenhügel hinauf. Amman entstand auf sieben Hügeln, ist aber gewachsen und breitet sich jetzt auf neunzehn dieser sogenannten Jebels aus. Als grösste Stadt des Landes liegt sie auf einer Höhe zwischen 700 bis 900 Metern. Somit ist der Sommer hier gut erträglich, im Winter kann es jedoch sogar schneien. Von der Zitadelle auf dem Jebel Qala bietet sich eine gute Rundumsicht, und wir kriegen eine ungefähre Vorstellung von der Grösse der verkehrsüberlasteten Metropole. Unter uns zeigt sich
das Römische Theater, am Horizont erkennen wir moderne Hochhäuser. Hier oben auf dem Hügel finden sich imposante Relikte des Herkules Tempels sowie haufenweise Touristen, darunter viele Gruppen. Über Treppen gelangen wir schnell zum Römischen Theater. Vor 2000 Jahren schlug hier das Herz der römischen Stadt, jetzt ist das gut restaurierte Bauwerk ein Besuchermagnet. Über steile Stufen schnauben wir zur obersten Bank und verweilen. Das riesige Amphitheater bietet Platz für 6000 Menschen.
An der Husseiny Moschee vorbei, schlendern wir durch belebte Ladenstrassen zum überdachten Markt. Der arabische Souk kommt sauber daher und erweckt Lust auf eine kulinarische Erkundungstour. Es ist ein Erlebnis für alle Sinne. Gewürze, Nüsse, Früchte und Gemüse türmen sich zu Bergen oder Pyramiden auf – was für eine Farbenpracht. Orientalische Düfte wehen durch die Marktstände und kitzeln verführerisch unsere Nasen. Von allen Seiten preisen Verkäufer lautstark ihre Ware an,
was in unseren Ohren wie Geschimpfe klingt. Auch wir lassen uns vom reichen Angebot überzeugen und kaufen fette Medjool-Datteln und Zaatar, ein feines Gewürz der jordanischen Küche. Ausserdem erstehen wir handelnd traditionelle Keramikschälchen, die sich zum Anrichten von Hummus oder anderen Köstlichkeiten eignen. Auch bei frisch gepressten Granatäpfeln können wir nicht widerstehen, süss-sauer rinnt der Saft erfrischend unsere Kehlen hinab.
Von der Dachterrasse unserer Unterkunft erspähen wir eine nette Restaurantterrasse, die am Hang weiter oben liegt. Hungrig zieht es uns dorthin, aber bis wir das richtige Haus und den versteckten Eingang finden, liegt eine wahre Suchaktion hinter uns. Das Café ist nämlich nicht beschriftet und nur von Einheimischen besucht, wen wunderts. Kaffee und Kuchen sind himmlisch, ebenso die Aussicht auf das Häusermeer der hügeligen Stadt. Fast alle Häuser sind erdfarben und das Bild wirkt eintönig. Es sei denn, Street Art mischt etwas Farbe rein; Kunstwerke zieren ganze Häuserfassaden.
Morgens um halb zehn scheint das pulsierende Leben der Downtown noch zu schlummern, erst allmählich öffnen erste Ladentüren. Die Sonne hingegen ist wach, auch wir sind auf den Beinen und auf dem Weg bergauf zur Abu Darwish Moschee, die auf einem der Hügel thront. Ihr schwarz-weiss gemustertes Kleid ist ein Blickfang. Nichtmuslime haben zwar keinen Zutritt, aber wir wollen das architektonisch ungewöhnliche Gotteshaus aus der Nähe anschauen. Die steilen Strassen und unzähligen
Treppenstufen fühlen sich wie Frühsport an, und wir geraten ausser Atem. Eine Gruppe Schüler ruft uns zu. Die Teenager winken, kommen näher, bitten um Fotos und posieren übermütig. Leider sprechen sie kaum Englisch, sondern reden wild durcheinander in Arabisch auf uns ein. Ihre Freude ist ungebremst, wir amüsieren uns auch, bis sich plötzlich ein weiterer Junge dazugesellt. Er spricht Englisch und fordert Geld, irritiert suchen wir das Weite.
Ein letztes orientalisches Nachtessen mit Hummus, Auberginenpüree und Mansaf. Das jordanische Nationalgericht kommt aus der beduinischen Küche: Geschmorte Lammstücke werden mit Joghurtsauce auf Reis serviert – heute kaum Fleisch am Knochen, obendrein trocken. Enttäuscht spähen wir vom Balkon des Lokals auf das kunterbunte Treiben der Hauptstrasse hinab. Menschenmengen drängen sich auf den Gehsteigen, Reklameschilder leuchten, Autos hupen, lautes Stimmengewirr.
Plötzlich Blitzlichter und Donnergrollen. Bis der Regenguss versiegt, trinken wir Tee. Am nächsten Morgen geben die Muezzins wieder den Ton an. Ein letztes Mal lauschen wir dem melodischen Singsang. Noch im Bett verabschiede ich mich innerlich von Jordanien und frage mich, wo uns ein nächstes Mal wieder muslimische Gebetsaufrufe berieseln werden…
Der Taxifahrer trudelt zur abgemachten Zeit beim Guesthouse ein. Um acht Uhr wälzt sich noch wenig Verkehr durch die Downtown, aber die Zubringerstrassen sind bereits verstopft. Der Fahrstil ist erneut rasant, Gas und Bremse im Wechselspiel, aus den Boxen scheppert arabischer Pop. Eine halbe Stunde nur, dann stehen wir am Flughafen. Der schlanke Angestellte an der Passkontrolle schenkt uns ein zuckersüsses Lächeln und bittet in aller Seelenruhe um unsere Pässe. „Wo gibt es das sonst noch“, frage ich Roland ungläubig und schmunzle. Shukran Jordanien – du warst wunderbar!
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