Bali – von der Küste in die Berge
Bananenplantagen, Kokospalmen, Reis- und Maisfelder – eine fruchtbare Gegend ruckelt am Zugfenster vorbei. Die beschauliche Fahrt gefällt uns ausgezeichnet. Nach knapp fünf Stunden rollt der Zug in Bayuwangi ein. Endstation – wir sind im äussersten Osten von Java eingetroffen. Der Fährhafen liegt nur wenige hundert Meter entfernt, nicht nötig also, auf die durcheinander rufenden Taxifahrer einzugehen. Die nächste Insel liegt nicht fern, der zu überquerende Ozean ist lediglich vier Kilometer breit. Bald tuckert der Kahn aus dem Hafen. Auf dem Meer wimmelt es von Fähren. Nach einer halben Stunde sind wir zwar bereits in Gilimanuk angelangt, müssen jedoch noch ebenso lange auf einen Anlegeplatz warten, bevor wir von Bord hüpfen können.
Die Uhren in Bali ticken eine Stunde voraus, bald bricht die Dämmerung ein. Der Busbahnhof liegt gleich ums Eck, ist jedoch beinahe verwaist. Abends verkehrt kein
öffentlicher Minibus mehr der Nordküste entlang, es bleibt uns nichts anderes übrig, wie ein Fahrzeug zu chartern. Mittlerweile herrscht stockfinstere Nacht. Glücklicherweise pflegt der Fahrer einen vorsichtigen Fahrstil und bringt uns binnen einer Stunde wohlbehalten nach Pemuteran. Unser ausgesuchtes Gasthaus Nummer Eins ist ausgebucht, doch in Nummer Zwei kommen wir unter. Herzlich heisst uns Nila willkommen, umsorgt uns liebevoll mit einem frisch gemixten Fruchtsaft und winzigen süssen Bananen. Auch die weiteren Familienmitglieder des Homestays begrüssen uns wohlgesinnt und bescheren uns einen angenehmen Start in Bali.
Erst am nächsten Morgen bei Tageslicht können wir unser Daheim genau in Augenschein nehmen. Eine Handvoll Zimmer ordnen sich um einen gepflegten blühenden Garten an, den wir von der Veranda unseres behaglichen Zimmers geniessen können. Auch im mit Naturmaterialien konstruierten Freiluftbadezimmer sind wir von üppigem Grün umgeben. In Bali bekommt man oft schon für wenig Geld eine stilvolle Unterkunft mit Charme. In unsere von der Strasse zurückversetzte Oase dringt kaum Lärm. Pemutaran ist ein langgezogener Ort an
der Küste, der sich vorwiegend entlang der Hauptstrasse ausbreitet, die ziemlich befahren ist. Lastwagen donnern vorbei, Motorräder flitzen um die Wette. Gehsteige existieren nicht, wir müssen uns am Strassenrand vor den Rasern in Acht nehmen. An dieser Verkehrsachse reihen sich Restaurants, wo sich unsere Unterhaltung wegen des Strassenlärms manchmal auch laut gestaltet. In den Lokalen am schwarzen Sandstrand geht es etwas geruhsamer zu und her, da verstehen wir einander besser…
Es ist die Unterwasserwelt, die uns nach Pemuteran lockte. Tauchbasen gibt es zu Hauf – wir klappern einige ab, bevor wir uns für einen Anbieter entscheiden. Am nächsten Morgen chauffiert man uns zu einem kleinen Hafen ausserhalb des Ortes, wo reger Betrieb herrscht. Zahlreiche identische Boote ankern – Fischerboote werden zu Tauchbooten umfunktioniert. Nebst der Crew und uns zwei Tauchern, sind vier Schnorchler mit von der Partie. In einer halben Stunde schippern wir zur vorgelagerten Pulau Menjangan, einer Insel umgeben von artenreichen Korallenriffen. Mit Kadek, unserem privaten Tauchguide, gleiten wir in die Tiefen des Ozeans. Schon bald macht sich leider die vorangegangene Erkältung bemerkbar, meine Ohren bescheren mir Mühe mit dem Druckausgleich. Immerhin klappt es, dauert nur etwas länger wie normalerweise. Langsam tauchen wir der wunderschön mit Korallen bewachsenen Steilwand entlang, grosse Gorgonien ragen dekorativ aus der Riffwand. An kleinen Fischen mangelt es nicht, aber grössere Meeresbewohner wie Schildkröten oder Haie ziehen wohl heute ihren freien Tag ein. Stattdessen ist Kadek ständig auf der Suche nach Krabben oder Garnelen, die man vom blossen Auge kaum erkennt. Endlich gefunden, führt er uns den Kleinkram stolz vor die Tauchmaske. Beim Beenden des Tauchgangs meinen wir, in einem Fischschwarm aufzutauchen, doch stellen
bald mit Schrecken fest, dass wir von schwimmendem Müll eingekreist sind. An der Wasseroberfläche treibt viel Plastik, und wir mittendrin. Ekelhaft, so etwas haben wir noch nie erlebt. Entsetzt sprechen wir Kadek darauf an, denn die Insel ist Bestandteil des Nationalparks Bali Barat, der den Westzipfel von Bali einnimmt. “Der Abfall stammt nicht von der Insel, sondern wird angeschwemmt”, verteidigt sich unser einheimischer Guide, fühlt sich persönlich angegriffen. Was sollen wir dazu sagen? Für das Tauchen im Nationalpark werden Gebühren von umgerechnet 17 Franken pro Tag und Person einkassiert, deshalb stösst uns der dümpelnde Müll doppelt sauer auf. Wohin fliesst wohl das viele Geld?
Mittags legen wir in einer kleinen Bucht an, zusammen mit über einem Dutzend weiteren Booten. Alle Ausflügler scheinen am selben Ort das mitgebrachte Picknick zu verspeisen. Nachmittags stürzen wir uns ein zweites Mal ins 30 Grad warme Wasser und erfreuen uns dem reizenden, steil abfallenden Korallengarten. Müde knattern wir nachmittags wieder dem Festland entgegen. Mein Schädel brummt, der erschwerte Druckausgleich hinterlässt wohl seine Spuren. Gerne hätten wir uns in den nächsten Tagen noch weitere Unterwasserlandschaften zu Gemüte geführt, aber um meinen Ohren eine Pause zu gönnen, sehen wir im Moment von weiteren Tauchgängen ab.
Die Sonne verwöhnt uns heute erneut. Wir spazieren der geschwungenen Bucht entlang, grober dunkler Sand rieselt durch unsere Zehen. Schattenspendende Palmen sind rar, auch das Baden im wohlig lauen Meer verschafft uns wenig Abkühlung. Uns zieht es zum wiederholten Male in den lauschigen Garten eines Cafés, wo wir uns die knurrenden Bäuche mit einem Stück Torte und einem eisgekühlten Kaffeedrink mit Sahnehaube vollschlagen. Kehren wir in unsere familiäre Unterkunft heim, begrüsst uns Nila oder einer ihrer Brüder rührend, nehmen sich Zeit, ein paar Worte mit uns zu plaudern.
Frühmorgens um halb sieben – noch ist es angenehm kühl. Wir wandern einen kleinen Hügel empor, um einen Ausblick auf das weite Meer und die hinter uns aufragenden Berge zu ergattern. In der Ferne zeigen sich auf Java sogar Vulkane, ihre Umrisse heben sich aber nur schwach vom milchigen Himmel ab. Mittlerweile heizt die Sonne kräftig ein, von Schweiss überperlt kühlen wir uns unter dem Strahl der Dusche. Ungern packen wir unsere Rucksäcke, machen uns aber dennoch auf die Weiterreise. Vier Nächte sind im Nu verflogen. Es liesse sich hier noch viel länger aushalten, trotzdem ziehen wir weiter. Da wir noch einige Flecken von Indonesien entdecken möchten, können wir nicht überall eine Woche verweilen, so leicht es uns manchmal fallen würde…
Kaum an der Hauptstrasse angelangt, bremst ein Bus ab und gabelt uns auf. Der Busjunge knüpft uns zwar einen Touristenpreis ab, aber immerhin ergattern wir noch einen Sitzplatz. Entlang der Nordküste, vorbei an Dörfern, ab und zu Ausblicke aufs Meer, dauert die Fahrt ostwärts rund eine Stunde. In Seririt müssen wir umsteigen, um ins Landesinnere in die Berge zu gelangen. Wir stehen etwas verloren an der Strasse und niemand verrät uns so genau, wo sich der Busbahnhof befindet. Motorradtaxis umschwirren uns lästig wie Fliegen. “Der letzte Bus ist um zwölf Uhr gefahren”, behauptet der eine steif und fest. Was für ein Schlitzohr – unsere Uhr steht gerade mal auf halb zwölf. Wir kennen solche Situationen nur zu gut, man weiss nicht, was man glauben soll und was nicht. Denn häufig
ist es wirklich so, dass Busse nur bis am Mittag regelmässig fahren und man später lange warten muss, bis sich ein Fahrzeug füllt und loslegt. Aber manchmal wird man auch brandschwarz angelogen, da ein lukratives Geschäft gewittert wird. Ein sogenanntes Bemo, ein Minibus, schiesst ums Eck, ist aber leer und bietet sich als Taxi an. Nach kurzem Feilschen packen wir die Gelegenheit beim Schopf und steigen ein. Ein kurviger Ritt entlang einer grünen bergigen Szenerie…
Der kleine Ort Munduk liegt auf einem Bergkamm in 730 Metern Höhe, überall geht es entweder steil hoch oder runter. Viele Unterkünfte bieten spektakuläre Aussichten auf die umliegenden Hügel und Reisterrassen. Bald finden wir ein passendes Homestay bei einer freundlichen Familie. Das Zimmer ist zwar etwas klein geraten, doch die Fensterfront umso grösser – im Bett fühlt es sich fast so an, als liege man im Freien. Nachdem wir den Ausblick liegend ausgekostet haben, raffen wir uns zu einem Spaziergang auf. Entlang der grasgrünen Reisfelder erkunden wir
die malerische Gegend. Das Rauschen des Baches wird immer wieder vom Knattern der Motorroller übertroffen, welche gekonnt über die schmalen Pfade balancieren. Die Idylle ist leicht getrübt und wir stets gezwungen auszuweichen. Dank der lachenden Sonne schweissgetränkt, schnauben wir bergwärts zurück in unser lichtdurchflutetes Daheim. Der Tag neigt sich dem Ende entgegen. Sogar der Sonnenuntergang lässt sich von unserem Bett aus geniessen. Der glühende Ball verabschiedet sich für heute hinter Wolken und Berge, beschert uns einen rot verfärbten Himmel – wundervoll.
Das Frühstück mundet köstlich, die balinesischen Pancakes, mit Kokosraspeln und Palmzucker bestreut, sind ein wahrer Genuss. Frische Morgenluft umgibt uns, freudig krächzen die Hähne. Der Ausblick von der Terrasse des kleinen Restaurants ist ebenso sagenhaft wie von unserem breiten Bett… Mit einer hilfreichen Wanderkarte vom Homestay ausgerüstet, brechen wir frühmorgens auf. Das Wetter spielt sich erneut sonnig auf – so verwöhnt
wurden wir in Südostasien bislang kaum. Steil führt der Weg durch Wald in eine Schlucht hinab, bis hin zum ersten von drei Wasserfällen. Von schwarzen Felsen und saftigem Tropengewächs umrahmt, stürzt sich das Nass rund 50 Meter in die Tiefe – ein makelloses Bild. Über steile Treppenstufen kämpfen wir uns auf der anderen Seite des Tales wieder hoch, zum Glück meistens im Schatten. Doch Bewegung tut uns gut, auch wenn es an Kondition etwas mangelt. Am Wegesrand
taucht hin und wieder ein schnuckeliger Warung auf, eine Imbissbude mit wenigen Tischen. Eine sanfte Brise weht über die ausgesetzte Veranda. Wir schlürfen einen balinesischen Tee, zu welchem uns die aufgeschlossene Gastgeberin ihre selbstgebackenen Bananenleckereien offeriert. Frisch gestärkt schustern wir weiter, suchen noch die anderen zwei Wasserfälle auf. Kläffende Hunde oder vorbeibrausende Motorräder zwingen uns gelegentlich innezuhalten. Der Rückweg führt vorbei an Kaffeeplantagen und zum Trocknen ausgelegten Gewürznelken – wie himmlisch das duftet.
Zwei Tage kühlere Bergluft inmitten einer Reisterrassenlandschaft – wir sind begeistert. Für die Weiterfahrt verzichten wir auf ein Bemo, leisten uns von Anfang an ein Taxi, um nicht schon in der Früh auf der Matte stehen und für die kurze Strecke sogar umsteigen zu müssen. Die öffentlichen Verkehrsmittel auf Bali sind auf gewissen Strecken dünn gesät, verkehren nur morgens oder wenn voll. Letzteres gestaltet sich im Laufe der Zeit immer harziger, da mittlerweile sehr viele Menschen ein Motorrad besitzen. Und als Tourist zahlt man in den Bussen sowieso meistens zuviel, was die Differenz zu einem Taxi verlockend
schmälert… Der sympathische Fahrer der Unterkunft kurvt uns in einem neuen Schlitten auf der schmalen Strasse weiter in die Berge hinauf. Einen Aussichtspunkt erreicht, ermuntert er uns, einen Blick über die unter uns liegenden Kraterseen zu werfen, bevor die verkehrsreiche Fahrt weiter via Bedugul hinab in den Süden führt. Zwei Stunden später haben wir unser Ziel erreicht – Ubud.
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