Bezaubernd rauer Nordzipfel
Mächtige Wellen donnern an den Strand, weisse Schaumkronen zieren das Wasser. Gemächlich bummeln wir dem flachen, breiten Sandstreifen entlang. Energisch zerrt der Wind an unseren Kleidern, lässt uns im Nu frösteln. Kein Ende ist in Sicht. In der Ferne verschmilzt der helle Strand mit dem rauschenden Meer und dem milchigen Himmel. Sein Name, Ninety Mile Beach, ist irreführend. Tatsächlich ist er nur 55 Meilen lang – “90 Kilometer-Strand” wäre also durchaus treffender…
Ein Auto brettert an uns vorbei, nordwärts. Der Ninety Mile Beach kann bei Ebbe als Strasse benutzt werden, ist sogar offiziell ein Teil des Fernstrassennetzes. Angeraten ist das Befahren jedoch nur mit einem Allradfahrzeug und somit für uns tabu. Immer wieder bleiben unvorsichtige und leichtsinnige Autofahrer im lockeren Sand oder im Wasser stecken. Oft enden diese Missgeschicke mit dem Verlust des Wagens an die Flut, da kein Abschleppdienst zur Hilfe eilt – ein Mobilfunknetz ist hier so gut wie nicht vorhanden.
Mittagszeit. Pünktlich knurrt der Magen. Kein Problem, unser gefüllter Kühl- und Vorratsschrank ist stets zur Stelle. Ein Picknick am Strand ziehen wir heute den heftigen Böen wegen nicht in Erwägung. Die Köstlichkeiten wären rasch auf und davon oder mit Sand paniert. Stattdessen richten wir unseren Campervan optimal aus, damit wir immerhin vom windgeschützten Essbereich einen Meerblick erhaschen können. Ein mobiles Daheim hat doch seine Vorteile…
Der nördlichste Zipfel von Neuseeland ragt wie ein Finger rund 110 Kilometer ins offene Meer hinaus. Nebst der sandigen Fahrbahn des Ninety Mile Beach führt auch eine asphaltierte Strasse bis zur Nordspitze – unserem Ziel. Nach dem Mittagessen in Ahipara und einigen Erledigungen in der nahegelegenen Stadt Kaitaia ist der Nachmittag bereits weit fortgeschritten. Deshalb unterbrechen wir unsere Reise im betriebsamen Fischerdorf Pukenui, in der unteren Hälfte der schmalen Halbinsel. Am nächsten Morgen sind wir wieder auf Achse. Die Strasse führt mehr oder weniger durch die Mitte der Landzunge, die mit festen, grasbedeckten Dünen bewachsen ist. Die Gegend ist trocken, oft überzieht dürres Gras die lieblich geschwungenen Hügelketten. Eine gute Stunde und zahllose Kurven später erlangen wir die nördliche Spitze.
Eine unbefestigte Strasse windet sich steil zur Tapotupotu Bay hinunter. Uns offenbart sich ein grandioser Ausblick auf die halbmondförmig geschwungene Bucht – wow! Hier befindet sich ein Campingplatz vom DOC, des Department of Conservation. Das Naturschutzamt stellt im ganzen Land naturbelassene Stellplätze zur Verfügung, die in der Regel jedoch einfacher ausgestattet sind wie private Camps, dafür auch weniger kosten. Meist gibt es Plumpsklos und wenn es überhaupt Duschen gibt, dann meist nur mit
Kaltwasser. Auch ein Stromanschluss ist selten vorhanden. Für uns ist Strom keine Lebensnotwendigkeit, denn der Kühlschrank und das Licht laufen über die zweite Batterie. Die Steckdosen hingegen funktionieren nur mit Strom und grundsätzlich geniessen wir diesen kleinen Luxus – Wasserkocher, Toaster und das Aufladen unserer elektronischen Lieblinge. Doch für eine solch traumhafte Kulisse verzichten wir gerne auf all den Komfort. Wir stellen unseren Campervan an die mit hinreissendem Meerblick gesegnete Front – hier gilt das Motto “first come first serve”.
Bevor wir uns auf die faule Haut legen, schnüren wir die Wanderschuhe und schustern über die Klippen, die den wundervollen Sandstrand einrahmen. Der Weg durch die buschige Landschaft mit subtropischer Vegetation steigt steil an und lässt unseren Puls in die Höhe schnellen. Doch für die Strapazen werden wir mehr als belohnt – der Ausblick von oben ist phänomenal. Die strahlende Sonne verleiht dem blauen Meer einen zauberhaften Glanz, im Kontrast dazu steht die blendend weisse Sandbucht. Bei diesem Panorama schmeckt das mitgebrachte Sandwich doppelt so lecker.
Vom Imbiss zwar satt, können wir uns an der Aussicht kaum sattsehen… Gestärkt strolchen wir weiter. Im Nordwesten ist nun der Leuchtturm vom Cape Reinga, dem nördlichsten Punkt, auszumachen. Der Wanderweg klettert hinunter zu einer weiteren Bucht, die wir jedoch wegen der aufkommenden Flut nicht zu überqueren wagen, denn der Rückweg könnte uns später abgeschnitten sein. Oft bleibt bei Flut kein Sandstreifen mehr übrig – viele Strände sind dann für mehrere Stunden unpassierbar. Dieses Risiko wollen wir nicht eingehen…
Dennoch kehren wir mit Glücksgefühlen von der herrlichen Wanderung heim. Das Wetter ist heute in bester Laune und die Sonne versprüht ihre volle Kraft. Die gelegentlich auffrischende Biese mag ihre Wärme jedoch enorm mindern, vor allem in den Abendstunden. Mit einer langen Kleiderschicht setzen wir uns in den feinen Sand, nippen genüsslich an einem Glas Wein. Doch bald verkriechen wir uns der Windstösse wegen in unsere vier Wände, obwohl die Nacht erst um Neun hereinbricht. Doch unser kleines rollendes Daheim bietet rundum grosse Fenster und der sagenhafte Meerblick lässt sich auch vom Sofa aus würdigen.
Der nächste Morgen ist wolkenverhangen – die Szenerie von gestern und heute ist wie Tag und Nacht. Trotzdem kurven wir bereits in der Frühe in Richtung Kap, welches nur eine Viertelstunde entfernt liegt. Der Parkplatz ist noch fast leer – wir gehören zu den ersten, die heute zum nördlichsten zugänglichen Punkt spazieren. Der betonierte Pfad führt zum weissen Leuchtturm hinunter, der auf einer
Landspitze thront. Hier am Cape Reinga prallen die Wellen der Tasmansee von Westen und des Pazifiks von Osten schäumend aufeinander. Wegweiser deuten eindrücklich daraufhin, am anderen Ende der Welt zu stehen – London liegt rund 18’000 und Los Angeles 10’000 Kilometer entfernt, zum Südpol fehlen noch 6000 Kilometer. Die Distanz zum grossen Nachbar Australien beträgt 2000 und nach Bluff, dem südlichsten Punkt auf Neuseelands Südinsel sind es 1500 Kilometer.
Das Cape Reinga ist für die Maori ein bedeutsamer, heiliger Platz und gemäss ihrem Glauben der Ort, wo die Seelen der Verstorbenen aus dem Diesseits entschwinden. Das Volk der Maori stammt ursprünglich aus Polynesien und besiedelte Neuseeland bereits vor über tausend Jahren, lange bevor europäische Siedler im 18. Jahrhundert das Land in Beschlag nahmen. Der Bevölkerungsanteil der Maori entspricht heute rund 15 Prozent. Europäischer Abstammung sind etwa 65 Prozent, Asiaten machen ungefähr 12 Prozent aus und der Rest der Einwohner stammt vorwiegend von anderen pazifischen Inseln.
Die Sonne glänzt leider noch immer mit Abwesenheit. Etwas enttäuscht nehmen wir die geplante Küstenwanderung südwestwärts in Angriff. In engen Schleifen steigen wir hinunter bis zum Te Werahi Beach, wo der ausgeschilderte Weg über den Sandstrand führt. Die Distanz bis ans andere Ende der langgezogenen Bucht ist nicht auszumachen – die drei Kilometer fühlen sich jedenfalls endlos an. Weiter
geht es über Sanddünen, die zwischen dem Meer und einer hügeligen Graslandschaft eingebettet sind. Weit und breit keine Menschenseele – wir sind ganz allein. Und dann, kaum mehr daran geglaubt, mag die Sonne die grauen Wolkenschwaden verdrängen. Wir sind überwältigt. Himmel und Wasser leuchten in satten Blautönen, die Dünen schimmern goldgelb – eine Augenweide. Auf dem Rückweg knippst Roland seine farblosen Bilder vom Morgen noch einmal, auch statten wir dem Cape Reinga noch einen zweiten Besuch ab – nun mit vielen weiteren Touristen. Ausgepumpt lassen wir uns nach über sechs Stunden und 15 Kilometern in den Beinen ins Fahrzeug plumpsen…
Mit unvergesslichen Impressionen im Kopf und Herzen brechen wir spätnachmittags wieder in Richtung Süden auf. Bei den gigantischen Sanddünen von Te Paki legen wir noch einen kurzen Zwischenstopp ein, schleppen uns mit letzter Kraft auf einen Sandhügel und geniessen die milde Abendsonne. Eine Stunde weiter südlich steuern wir den Rarawa Beach an, wo wir uns erneut auf einem schlichten DOC-Camping niederlassen. Der Platz erstreckt sich zwischen grossen Bäumen hinter einem weissen Sandstrand. Müde schlemmen wir einen Risotto und wandeln unsere Essecke später ins Schlafgemach um, wo wir bald in einen wohlverdienten Schlummer fallen.
Morgendliche Nebelschleier. Heute machen wir keine grossen Sprünge, vertreten uns lediglich die Füsse am Strand. Der Sand ist puderfein, übersät mit unzähligen Muscheln. Während Roland die schönsten Exemplare fotografisch festhält, kann ich nicht widerstehen, ein paar der niedlichen, schneckenförmigen Muscheln einzustecken. Am späten Morgen karren wir zurück nach Kaitaia, dorthin, wo vor drei Tagen unser berauschendes Abenteuer Nordzipfel seinen Anfang nahm…
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