Boabs – Wegweiser in die Kimberley
Nach einer zweiwöchigen Schleife im Top End mit dem Durchstreifen verschiedener Nationalparks, kehren wir südwärts nach Katherine zurück. Im Kühlschrank herrscht gähnende Leere, auch die frischen Vitamine sind seit Tagen aufgebraucht – ein Gang in den Supermarkt ist unausweichlich. Rasch strapaziert das Gewimmel von Vehikeln und Zweibeinern unsere Nerven, nach der friedvollen Natur sind wir uns nicht mehr an die Hektik der Zivilisation gewohnt. Trotzdem lassen wir es uns nicht entgehen, in einem der Cafés einen dampfenden Cappuccino zu schlürfen. Der Bottle Shop öffnet sowieso erst in über einer Stunde seine Pforten. Bier und Wein zu kaufen bereitet in Australien oftmals Kopfzerbrechen. Alkohol ist nicht in den Regalen eines Lebensmittelgeschäfts zu finden und an gewissen Orten weder zu gängigen Ladenöffnungszeiten noch in unbeschränkten Mengen erhältlich. Nachmittags kurz vor zwei reihen wir uns in die Warteschlange vor noch verschlossener Türe ein…
Sämtliche Vorräte nun aufgestockt, lässt uns die Hochsaison erfolglos von Campingplatz zu Campingplatz schweifen. Schlussendlich werden wir etwas ausserhalb fündig, richten uns für die kommenden zwei Nächte häuslich ein und blicken aufgeregt dem morgigen Tag entgegen. Die Wiedersehensfreude ist riesig, als wir am nächsten Mittag bekannte Schweizer in die Arme schliessen. Conny und Roger sind seit fünf Monaten mit ihrem Redland auf dem roten Kontinent auf Achse, und zufälligerweise kreuzen sich hier in Katherine unsere Routen. Mit eisgekühltem Appenzeller Alpenbitter stossen wir zusammen an – der heimatliche Kräutertrank rinnt wohltuend unsere Kehlen hinunter. Wir haben uns viel zu erzählen, der Gesprächsstoff reicht bis tief in die Nacht hinein. Nach dem Frühstück plappern wir munter weiter, bis sich nachmittags unsere Wege wieder trennen. Unterwegs in dieselbe Richtung, lassen wir es darauf ankommen, ob wir uns noch einmal über die Räder stolpern…
Dicke weisse Wattebäusche zieren das hellblaue Himmelsdach. Auf dem Victoria Highway steuern wir Western Australia entgegen, brausen in umgekehrter Richtung dorthin, wo wir vor drei Wochen hergekommen sind. Kununurra noch weite 500 Kilometer entfernt, nehmen wir uns Zeit, die weniger besuchten Naturschutzgebiete entlang der Strecke zu erforschen. Südlich der asphaltierten
Lebensader breitet sich die raue Wildnis des Gregory Nationalparks aus. Seine Grösse entspricht einem Drittel der Schweiz und umfasst einen Übergangsbereich zwischen den Tropen und der trockenen Halbwüste. Leicht zugänglich ist der Escarpment Walk – der Wanderweg zweigt unmittelbar an der verkehrsarmen Hauptstrasse ab. Rasch windet sich der Pfad steil bergan und trumpft mit verschiedenen
Aussichtspunkten zum Staunen und Verschnaufen auf. Malerisch rahmt eine rote Felskulisse das weite Tal des Victoria River ein. Einige Fahrkilometer weiter folgen wir abseits der Strasse dem Nawulbinbin Walk, einer reizvollen Rundwanderung, vorbei an schlanken Palmen. Mittlerweile brüllend heiss, kommt uns der kühle Schatten hoch aufragender Felsklippen wie gerufen.
Der grösste Teil des Nationalparks ist abgelegen und so gut wie nicht erschlossen. Ein hochbeiniger Geländewagen ist unabdingbar, das Netzwerk an 4×4-Tracks nur in der Trockenzeit von ungefähr Juni bis Oktober befahrbar. Die herbe Schönheit birgt Wasserläufe, Schluchten, Palmenoasen, Felsplateaus und Savanne mit markanten Boab-Bäumen – Afrika lässt grüssen. Auf einer Schotterpiste stauben wir südwärts, bis uns die Sandsteinfelsen der Jasper Gorge umarmen.
Die Nachmittagssonne verleiht der rötlich gefärbten Schlucht einen zarten Glanz. Beinahe einsam auf weiter Flur, treffen wir auch auf dem Campingplatz keine Menschenseele. Genüsslich räkeln wir uns nackt unter dem Strahl der erfrischenden Buschdusche – von einem Bad im Fluss sei abgeraten, verirren sich manchmal gefürchtete Salzwasserkrokodile hierhin. Bald weicht der blaue Himmel einer dunklen Nacht. Zumindest bis später der goldgelbe Vollmond langsam die Himmelsleiter emporklettert und schlussendlich hell wie eine Glühbirne über unserer Frischluftstube hängt.
Mit reduziertem Reifendruck nehmen wir den 20 Kilometer langen Track von der östlichen in die westliche Sektion des Nationalparks in Angriff. Im Vergleich zum 100 Kilometer langen Anfahrtsweg über den Highway, ist es eine ruppige Abkürzung. Dafür solle man drei Stunden einplanen – uns schwant Böses. Doch nach der Hälfte der Zeit sind wir durch, was wir
zu Beginn natürlich noch nicht vorausahnen. An hohem strohblondem Gras vorbei kraxelt unser Landcruiser häufig über grobe Kalksteine, es rüttelt und schüttelt. Akzente setzen die grauen rundlichen Stämme der unverwechselbaren Boabs. Auf dem afrikanischen Kontinent Baobab genannt, zu
Deutsch Affenbrotbaum und von den Australiern als Boab Tree bezeichnet. Die urigen Laubbäume kommen nebst Australien ausschliesslich in Afrika und Madagaskar vor. Die bizarren Holzkerle fühlen sich im Norden und Nordwesten des Kontinents wohl, gedeihen in sandigen Böden oder an Berghängen, vom Gregory Nationalpark über die Kimberley bis nach Broome an der Nordwestküste.
Der Gregory Nationalpark wurde auf ehemaligem Weideland eingerichtet. Bullita Homestead, eine historische Farm mit einem original erhaltenen Viehhof, zeugt von vergangenen Zeiten. Über ein schmales sandiges Strässchen peilen wir die Limestone Gorge an. Auf der Zielgeraden geht der Sand abrupt in grobe Steinbrocken über. Im Schritttempo lenkt Roland unser Vehikel mit Zehenspitzengefühl über die wie ein Bachbett anmutende Rumpelpiste. Erleichtert atmen wir auf, als wir unbeschadet den Campingplatz erreichen. Inmitten schrulligen Affenbrotbäumen schlagen wir unsere Zelte auf – ein mächtiger Boab wacht unmittelbar
neben uns. Die australischen Arten sind weitaus kleiner als die afrikanischen und erreichen nur eine durchschnittliche Höhe von sechs Metern, allerdings kann ihr Stamm gewaltige Dimensionen annehmen. In seinem Leben wächst er langsam in die Dicke und nimmt im Alter von 200 bis 300 Jahren eine Flaschenform an. In der dunklen Geschichte der weissen Einwanderung wurden Boabs leider missbraucht – ausgehöhlte Stämme dienten oftmals als Gefängnis.
Die Sonne knallt intensiv und senkrecht herunter, genauso unbarmherzig sind die massenhaft um uns schwirrenden Fliegen. Ein Pech, sind die anhänglichen Tierchen trotz Nachmittagshitze fidel, und nicht ebenso träge wie wir. Die Sonne im Sinkflug begriffen, raffen wir uns zum Ridge Walk auf. Aus nächster Nähe begutachten wir zahlreiche Flaschenbäume, dessen glatte Rinde im Sonnenlicht silbern schimmert. Die meisten
Boabs sind momentan blätterlos. Um Wasserverluste möglichst zu verhindern, werfen sie in der trockenen Jahreszeit sämtliche Blätter ab. In Dürreperioden vermögen massige Exemplare bis zu 5000 Liter Wasser speichern… Schnaubend einen Gebirgsgrat erklommen, bezaubert die Sicht auf die verwitterte Kalksteinschlucht und die mit gelben Blüten geschmückte Gegend – ein perfekt inszeniertes Landschaftsbild.
Drei Nächte im Gregory Nationalpark verweilt, allerdings nur einen Bruchteil davon gesehen, holpern wir binnen einer Stunde auf die Hauptverkehrsachse zurück. Immer wieder säumen dünne und dicke, elegante oder knorrige Boabs unsere ansonsten oft eintönige Reiseetappe, und weisen uns den Weg in
die Kimberley. Rund 200 Kilometer gekillt, schaffen wir es nicht mehr bis ans nächste Ziel und tauchen in den endlosen Busch nahe des Teerbands unter. Noch kurz vor Sonnenuntergang regiert eine trockene Hitze – 33 Grad bei 33 Prozent Luftfeuchtigkeit.
Nur einen Steinwurf von der Grenze zu Westaustralien entfernt, liegt der kleine Keep River Nationalpark, bekannt für seine Sandsteinformationen und Aboriginal-Felsmalerien. Einem
Fluss entlang schusternd, stockt mir plötzlich der Atem. Am Ufer döst seelenruhig ein Krokodil – damit habe ich nicht gerechnet. Die Klappe weit geöffnet, stellt es seine Zähne zur Schau. Zwar ein ziemlicher Brummer, doch wegen der langen spitzen Schnauze muss es sich um ein harmloses Süsswasserkrokodil handeln. Wie erstarrt wärmt sich das urzeitliche Reptil in der glühenden Mittagssonne auf und lässt sich vom Fotografen nicht beirren. Doch als sich Roland nach einer Weile aus der Hocke aufrichtet, schiesst es unverhofft pfeilschnell ins Wasser – wer hat hier wen wohl mehr erschreckt?
Zwei schlichte Campingplätze mit Plumpsklo, umgeben von einer Sandsteinkulisse, laden zum Übernachten und Wandern ein. Beide Spots sind trotz australischen Schulferien nicht voll belegt – unsere Entscheidung, die weniger populären Nationalparks des Northern Territory jetzt zu besuchen, entpuppt sich als wohlweislich. Nach einer Nacht in
Jarnem brechen wir frühmorgens zur acht Kilometer langen Rundwanderung auf, stapfen über sandige Wege. Die orange-schwarzen Felstürme erinnern an die Bungle Bungles, sind zwar nicht geringelt, aber haben den gleichen geologisch spektakulären Hintergrund. Palmen ragen graziös in den Himmel – ein Überbleibsel aus einer feuchteren Periode.
Mittags siedeln wir nach Gurrandalng über. Auch hier lockt ein Rundwanderweg direkt ab Campingplatz. Frohen Mutes strolchen wir in der milden Nachmittagssonne durch die eindrucksvolle Szenerie, kommen hautnah an die in Millionen von Jahren durch Wind und Wetter geschaffene Felsgebilde heran. Spitzes Spinifex-Gras sticht uns wie feine Akupunkturnadeln in die blossen Beine, rosa
Blumenbüsche entwachsen der wunderbaren Kargheit. Mit Glücksgefühlen geniessen wir den Frieden der – heute fliegenlosen – Natur, bis in der Düsterheit eine Mückenschar blutgierig über uns herfällt. Weil uns die Wanderung dermassen in ihren Bann gezogen hat, zotteln wir am nächsten Morgen erneut los, in umgekehrter Richtung, mit anderem Blickwinkel…
„Früchte, Gemüse oder Honig im Gepäck?“, fragt die Dame nach dem landesüblichen Geplänkel über den Gemütszustand und notiert sich bürokratisch unsere Autonummer. Wir händigen ihr ein paar Zwiebeln aus, welche wir vor der Staatengrenze nicht mehr vertilgen konnten und die nun achtlos im Abfalleimer der Quarantänestation landen. In Westaustralien herrschen strenge Vorschriften, was die Einfuhr von Lebensmitteln und Pflanzen betrifft. Nach einem scharfen Blick in unseren Kühlschrank, winkt die tüchtige Grenzbeamtin uns zügig durch. Zurück in Western Australia – zum dritten Mal auf unserer Reise.
Kurz darauf biegen wir nach Süden zum Lake Argyle ab. Ein riesiger Stausee, an dem
kahle rote Felskämme in tiefblaues Wasser eintauchen. Zu Bewässerungszwecken wurde in den 1960er-Jahren der Ord-River erfolgreich gestaut, seither floriert die Landwirtschaft der Ost-Kimberley. Es entstand das grösste Süsswasserreservoir Australiens. Er fasst beinahe so viel Wasser wie der Bodensee und seine Fläche von 1000 Quadratmetern entspricht in etwa jener des Kantons Thurgau. Von
verschiedenen Aussichtspunkten lassen sich Blicke auf den See, genau genommen, auf einen kleinen Teil des Sees, erhaschen. Über eine schroffe Allradpiste erlangen wir eine Anhöhe, die uns das prächtigste Bild schenkt. „Da unten liegt ein Krokodil“, behauptet Roland steif und fest. Dass es sich bei diesem braunen Fleck wirklich um ein Süsswasserkrokodil handelt, glaube ich erst, als er mir sein Beweisfoto vor Augen führt. Der einzige Campingplatz über dem See wirkt masslos überfüllt und einmal mehr bevorzugen wir ein verstecktes Plätzchen irgendwo im Nirgendwo.
Nach einer morgendlichen Autostunde sowie in den letzten Monaten ingesamt 10’000 zurückgelegten Kilometern, rollen wir in Kununurra ein, dem Sprungbrett in die Kimberley. Auch dem Campingplatz geht es dank Hochsaison betriebsam zu und her. Inmitten von Wohnwagen eingepfercht, wo viele abends vor dem schnurrenden Bildschirm hocken, spielt für uns nicht der Fernseher, sondern Wasser die Hauptrolle. Duschen, Wäsche waschen, Wassertank füllen und uns nach
getaner Arbeit im Schwimmbad vor der Tropenhitze retten. Am Rande des Ortes am Fusse des Hidden Valley gelegen, der winzige Mirima Nationalpark gleich ums Eck. Kurze Wanderwege schlängeln sich durch verwitterte Schluchten, vorbei an entzückend in Rottönen durchzogenen Sandsteintürmen, erneut im Bungle Bungle-Stil. Ein wahres kleines Schmuckstück.
Ein knallrotes Auto sticht aus dem vollen Parkplatz. Der Redland von Conny und Roger fällt auf wie ein bunter Hund. Der Supermarkt ist gefragt und der Ort, wo man sich per Zufall trifft. Wir gönnen uns einen gemeinsamen Kaffeeplausch und abends auf dem Campingplatz quasseln wir gemütlich bei einem – oder zwei – Gläschen Wein weiter. Unsere Freunde offenbaren uns, dass morgen die Swiss Nomads eintrudeln. Roland und ich kennen die beiden Weltenbummler auch, jedoch nur aus der virtuellen Welt ihres Blogs. Wir packen die Chance, Reni und Marcel persönlich kennenzulernen, verlängern unseren Aufenthalt kurzerhand, und bereuen es nicht. Ein gelungener Grillabend in sympathischer Schweizerrunde – dafür nehmen wir gerne ein paar versäumte Stunden Schlaf in Kauf…
Hoizäme
Heute Mittag habe ich euren Reisebericht gelesen und dass ihr zwei Paare aus der Schweiz getroffen habt. Die einen kannte ich ja von eurem Abschiedsfest und die anderen beiden kannte ich dann auf den zweiten Blick auch… Reni ist eine Cousine von William!!! Unglaublich wie klein die Welt immer wieder ist! Einen Gruss könnt ihr wohl nicht mehr ausrichten
Viel Reisefreude weiterhin!
En liebe Gruess
Yvonne
Liebe Yvonne
Schön von dir zu lesen! Was für ein Zufall – die Welt ist manchmal wirklich klein. Wir haben Reni und Marcel – wie auch Conny und Roger – in den letzten Wochen noch mehrmals getroffen, da wir alle auf derselben Route durch die Kimberley unterwegs waren. Doch gestern haben sich unsere Wege nun definitiv getrennt…
Machs guet und herzliche Grüsse
Christine & Roland