Brodelnde Hexenküche im Inselinneren
Schlotternd gleiten wir ins heisse Wasser. Unsere Muskeln entspannen sich, eine angenehme Trägheit breitet sich in unserem Körper aus. Eine frische Brise streichelt sanft durchs Haar. Vom temperierten Becken geniessen wir den Weitblick auf die umliegenden wolkenverhangenen Hügel. Für einmal passt das schlechte Wetter, verleiht der Szenerie eine reizvolle Mystik…
Die angezapfte heisse Quelle liegt nur unweit entfernt – im gigantischen Kochtopf brodelt das Wasser. Dampfend stürzt der siedende Bach in die Tiefe, am Ufer lagern sich
Mineralien ab. Den Waikite Hot Springs ist ein Campingplatz angegliedert, wo wir heute nächtigen. Die meisten Tagesbesucher sind abgezogen, abends haben wir Camper die Bäderlandschaft fast für uns allein. Die verschiedenen, hübsch angelegten Pools weisen wohltuende Temperaturen von 35 bis 40 Grad auf und fügen sich wunderbar in die Natur ein. Aufgeheizt können wir die kühlen 15 Grad in unserem Campervan besser ertragen.
Im Herzen der Nordinsel, zwischen Rotorua und Taupo, brodelt es wie in einer Hexenküche. Es handelt sich um eines der dichtesten und zugänglichsten Geothermalgebiete der Welt. An die eigentümliche Duftnote der vulkanisch aktiven Gegend muss man sich erst
gewöhnen. Aus natürlichen Öffnungen in der Erdkruste furzt Schwefelwasserstoff empor und sorgt gelegentlich dafür, dass ein stechender Geruch von faulen Eiern in der Luft liegt. Mancherorts vereinigen sich Hitze und Schwefel zu vegetationslosen Flecken. Dass hier auch ohne Pflanzen kein Mangel an Farben herrscht, verdankt diese geologische Baustelle den Mineralablagerungen, die in vielfältigen Farbtönen leuchten.
Nur einen Katzensprung trennt uns von Wai-O-Tapu, einem faszinierenden geothermalen Gebiet, das 35 Kilometer südlich von Rotorua liegt. Der Höhepunkt – im wahrsten Sinne des Wortes – stellt der Geysir „Lady Knox“ dar. Jeden Morgen wird die Dame aus der Reserve gelockt – ihr natürlicher Rhythmus liesse tagelang auf spuckende Fontänen warten. Gebannt warten wir inmitten des Besucheransturms,
etwas unschlüssig, ob wir diesem in die Natur eingegriffenen Spektakel etwas abgewinnen können oder nicht. Pünktlich kitzelt ein Angestellter den Geysir mit Seifenpulver aus seinem Tiefschlaf. Schaum quillt wild aus seinem Schlund und kurz darauf speit er für einen Augenblick hohe Wasserfontänen in die Luft. Unsere Begeisterung hält sich in Grenzen – zu künstlich, zu touristisch.
Beim vorausgegangenen Warten ist mir unter den vielen Menschen eine Frau vor uns aufgefallen, die mich beim zweiten Hingucken an eine Kundin erinnerte. Das Aussehen stimmt, zumindest von hinten, sicher bin ich mir aber nicht. Als ich nach einer Weile ihre blaue Tasche mit dem Globetrotter-Schriftzug entdecke, sind die letzten Zweifel weggeblasen. Dieser Zufall – kaum zu glauben. Ein gefreutes Wiedersehen mit Schweizern am anderen Ende der Welt. Wie wir rollen Regina und Peter von Norden nach Süden durch Neuseeland…
Dank dem angeregten Schwatz ist genügend Zeit verstrichen, der bedeckte Himmel hat inzwischen aufgerissen. Über den angelegten Rundwanderweg erhalten wir in den nächsten zwei Stunden einen eindrucksvollen Einblick in das thermale Wunderland Wai-O-Tapu. Das ganze Gebiet ist übersät mit kollabierten Kratern, verkrusteten Mineralien, heissen und kalten Seen, blubbernden Schlammtümpeln und
dampfenden Erdspalten. Warnschilder weisen auf gefährliche 100 Grad hin und raten vom Betreten der Hotspots ab. Dampfschwaden überziehen kochende Löcher, nebeln uns für Augenblicke vollständig ein. Zerklüfteten Kratern entweichen laute Rülpser und tiefe Furchen machen mit einem zischenden Grollen auf sich aufmerksam. Kein Wunder tragen sie Namen wie „Teufelsbad“ oder „Donnerkrater“.
Der typische Geruch fauler Eier hängt ekelhaft in der Luft, wir rümpfen unsere Nasen. Dafür wird unser Seeorgan reichlich verwöhnt. Die Farben der bunt schimmernden Tümpel sind intensiv. Einer der Kraterseen leuchtet in sattem, milchigem Hellgrün und wirkt wie künstlich eingefärbt… Die Gewässer nehmen jeweils die Farbe der in ihnen gelösten Chemikalien an – Arsen verfärbt beispielsweise grün, Schwefel gelb und Mangan violett. Ein grosses Spektrum an Farben und Schattierungen zeigt das Wasserbecken mit dem treffenden Namen „Artists Palette“. Die ständig wechselnden Regenbogenfarben schillern hinreissend im Sonnenlicht.
Der perlende Champagner-Pool, ein kreisförmiger, flaschengrüner Kessel, von kräftigem Orange eingerahmt und in weisse Dampfwirbel gehüllt, ist eine pure Augenweide. Die aufsteigenden Perlen entstehen durch Kohlendioxid. Das prickelnde Wasserbecken stellt mit einem Durchmesser sowie einer Tiefe von rund 65 Metern die grösste Quelle dar und entstand vor 700 Jahren durch eine hydrothermale Explosion.
Ein paar Kilometer entfernt lohnen die sogenannten Mud Pools einen Halt. Der heisse Schlamm blubbert oft friedlich vor sich hin, bildet schmatzend grosse Luftblasen und konzentrische Muster. Doch gelegentlich entweichen dem grauen Tümpel wutentbrannt hohe Spritzer – man weiss nie, was wo wann passiert. Der riesige, aktiv kochende Schlammtopf fesselt uns, wir können uns kaum losreissen…
Südwärts. Eine knappe Stunde später sitzen wir in Wairakai auf dem Campingplatz und saugen die letzten Sonnenstrahlen in uns auf. Danach wird es im Handumdrehen kühl und wir ziehen uns in unsere gute Stube zurück. Aufgrund der Höhenlage von knapp 400 Metern herrscht hier selbst im Sommer ein frisches Klima. Auf eine klare Nacht folgt ein kalter Morgen – bei lediglich fünf Grad im Schlafgemach ist das Aufstehen keine Wohltat. Ein Glück, guckt die Sonne bald über die Tannenspitzen…
Ganz in der Nähe lockt ein weiteres der zahlreichen Thermalgebiete. „Craters of the Moon“ – ein vielversprechender Name. Der reizvolle Spaziergang führt über einen Holzplankenweg durch das brodelnde Gelände. An eine karge Mondlandschaft erinnert die buschige Gegend jedoch in
keiner Weise. Nur widerstandsfähige Pflanzen vermögen dem „Atem“ der Unterwelt zu trotzen, der in Form heisser Rinnsale, stinkender Gase und röchelnden Dampfwolken aus vulkanischen Erdspalten quillt. Auch die Krater sind teilweise grün überwachsen, es gluckst und qualmt aus den sich vor uns auftuenden Löchern. Die letzte Eruption fand im Jahre 2002 statt – damals wurden die Pfade mit einer fünf Meter dicken Schlamm- und Ascheschicht überdeckt.
Schneeweiss und eisblau, bestimmt auch eiskalt. Der Waikato River ist mit 400 Kilometer der längste Fluss Neuseelands, kommt vom nahegelegenen Lake Taupo und endet bei
Auckland im Meer. Der rauschende Fluss mutet wie fliessendes Eis an. Er wird hier in einen engen Trichter gepresst und ergiesst sich dann über eine hohe Bruchkannte in einen wild schäumenden Strudel – die Huka Falls. Jede Sekunde stürzen sich 220’000 Liter Wasser runter, könnten in zwölf Sekunden ein Olympisches Schwimmbecken füllen. Die wilden, glasklaren Wassermassen ziehen uns in ihren Bann – ihre Farbe verblüfft, ist einmalig.
Taupo, das Touristenzentrum am Nordufer des gleichnamigen See, ist nicht mehr weit. Der Lake Taupo entstand vor etwa 2000 Jahren, als ein riesiger Vulkan buchstäblich explodierte. Der daraus resultierende Krater und dessen Umgebung füllten sich mit Wasser und bilden heute Neuseelands grösstes Binnengewässer. Oft führt die Strasse in Richtung Süden dem Ufer entlang und
gewährt einen herrlichen Blick auf den blauen See. Auch lassen sich die Vulkane des Tongariro Nationalparks weiter im Süden ausmachen – unser heutiges Ziel. Eigentlich war es nicht geplant, die Region Taupo fast fluchtartig zu verlassen. Doch der Wetterbericht verspricht nur noch morgen einen trockenen Tag mit einer grossen Portion Sonne. Und bei Regenwetter würde unser nächstes Vorhaben regelrecht ins Wasser fallen…
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