Bungle Bungle im Ringelsocken-Look
Unheimlich viele Caravans und Geländefahrzeuge belagern Halls Creek, Touristenscharen wuseln durch das Kaff. Auf dem Weg nach Norden oder Süden, stellt das isolierte Dorf am Great Northern Highway eine Versorgungsstation dar – auch wir zapfen Diesel. In beide Richtungen sind die nächsten Ortschaften rund 300 Kilometer entfernt, dazwischen Natur pur. In der Region
Kimberley angelangt, gilt unser nächstes Ziel dem Purnululu Nationalpark. Besser unter der Namensgebung der Weissen bekannt – Bungle Bungle. Zufälligerweise kommt uns zu Ohren, dass die Campingplätze im Park vorab online gebucht werden müssen. Freundlicherweise übernimmt die hilfsbereite Dame der Touristeninformation diesen notwendigen Bürokram für uns…
Seit langem spürt unser Landcruiser wieder einst Asphalt unter seinen Reifen, seelenruhig rollen wir nordostwärts. 100 Kilometer abgespult, ist die entsprechende Abzweigung erreicht. Im Purnululu Nationalpark angekommen sind wir jedoch noch längst nicht, sparen uns die beschwerliche Anreise aber für morgen auf. Stattdessen lassen wir uns nachmittags auf einem Campingplatz nahe des Highways nieder. Die Preise normal, die Infrastruktur minimal. Insbesondere sauer stösst uns auf, dass für die Müllentsorgung nicht gesorgt ist und wir gezwungen sind, unseren Abfall mitzunehmen. In Nationalparks ist dies verständlicherweise häufig der Fall, aber auf einem privat geführten Caravanpark in unseren Augen eher fragwürdig.
Ausgeschlafen nehmen wir die verbleibenden 53 Kilometer zu den Bungle Bungle in Angriff. Für die Anfahrt solle zwei bis drei Stunden gerechnet werden. Ein hochbeiniges Allradfahrzeug ein Muss, doch die Schotterstrasse ist längst nicht so schlecht wie angenommen – wir haben uns auf Schlimmeres gefasst gemacht. Aber wahrscheinlich haben wir Glück und die raue Holperpiste wurde eben erst ausgebessert. Dennoch bremsen uns immer wieder Bodenwellen oder Furchen aus, sowie Wasserdurchquerungen. Skeptisch beäugen wir den ersten, breiten
Fluss und schlucken einmal leer. Augen auf und durch, was bleibt uns anderes übrig. Unbeschadet ans andere Ufer gelangt, atmen wir erleichtert auf. Noch weitere 13 Male kriegt unser Vehikel nasse Füsse, doch das Wasser steht nicht mehr so tief wie beim ersten Unterfangen. Die Rede ist nun eher von Flüsschen, Wasserlachen oder Dreckpfützen, die unser weisses Gefährt spektakulär mit braunem Graffiti versehen. Viele Bachbetten sind jetzt in der Trockenzeit bereits vollständig ausgetrocknet. In der Regenzeit, etwa von November bis April, bleibt der Nationalpark wegen Überflutungen gänzlich geschlossen.
Eineinhalb Stunden und zahllose Kurven später ist das Besucherzentrum, das Tor des Purnululu Nationalpark, erreicht. In der Sprache der Ureinwohner heisst Purnululu soviel wie Sandstein. Nur im südlichen Gebiet reihen sich die orange-grauschwarz geringelten Sandsteinkuppeln auf, für die der Park berühmt ist. Der nördliche Bereich der Bungle Bungle Range ist
eher untypisch und von tiefen Schluchten geprägt. Das einzigartige Sandsteinmassiv ist geschätzte 350 Millionen Jahre alt und in etwa so gross wie das Appenzellerland. Die abgerundeten Felstürme im Ringelsocken-Look wurden von Regengüssen in Jahrmillionen geschaffen, auch die extremen Temperaturunterschiede tragen zur Gestaltung der bienenkorbartigen Formationen bei.
Erst sichern wir uns auf dem Campingplatz im Süden zwischen den schneeweissen Stämmen der Eukalyptusbäume einen geeigneten Stellplatz, dann stauben wir 15 Kilometer weiter zum Ausgangspunkt der Wanderungen, vorbei an den ersten Bungle Bungle. Frühnachmittags, noch brennt die Sonne steil vom tiefblauen Himmel. Gebannt schlendern wir durch die bizarre Landschaft der eng stehenden, gestreiften Felskegel, die
wie hell und dunkel geschichtete Torten anmuten. Ursprünglich ist der Sandstein weiss – die rötlichen Streifen rühren von Eisenoxyd-Einlagerungen her, während die dunklen das Ergebnis von Algen sind. Aus der Distanz wirken die Ringe vollkommener, als wenn wir unmittelbar vor den mächtigen Felsdomen stehen. Von Nahem erinnert das Schwarz an verkohltes Holz, das Orangerot sieht oftmals wie abblätternde Farbe aus.
In der Cathedral Gorge finden unsere erhitzten Gemüter etwas Abkühlung. Die hohen Felswände der Bungle Bungle ragen bis über 200 Meter empor, spenden
erfrischenden Schatten. Am Ende der Schlucht setzen wir uns eine Weile an den trüben Wassertümpel und horchen der Stille. In der riesigen, kathedralenartigen Höhle fühlen wir uns wie Zwerge. Für einen Moment ganz alleine hier, gesellt sich später ein älteres Paar zu uns. Wie es der Zufall will, sind es Schweizer. Aus dem Wallis. Es ist angenehm, sich wieder einst in Muttersprache austauschen zu können, obwohl wir bei ihrem andersartigen Dialekt ganz genau hinhören müssen, und nicht einmal dann alles auf Anhieb verstehen. Nichts desto trotz, eine sehr sympathische Begegnung.
Am nächsten Morgen schlüpfen wir wieder in unsere Wanderklamotten und nehmen mit neuem Elan den halbtägigen Marsch zur Whip Snake Gorge unter die Füsse. Der Weg folgt dem Piccaninny Creek, abwechselnd über felsige Abschnitte, groben Kies oder feinen weissen Sand. Ausgewaschene Felsen ähneln Gletscherspalten. Das trockene Flussbett ist bereits eine Sehenswürdigkeit für sich, und zusammen mit dem
Bienenkorbgebirge eine Augenweide. Bald rinnt der Schweiss in Strömen, kaum ein Windhauch verschafft Erleichterung. Ein sandiger Pfad schlängelt sich tief in ein Tal hinein, das sich schlussendlich zur besagten Schlucht verengt. Wir enden in einer schattig kühlen Sackgasse an einem Teich. Umgeben von Farnen und Eukalyptusbäumen, inmitten gewaltigen Bungles. Das Krächzen der Vögel hallt, ertönt wie aus einem Lautsprecher…
Schlapp kommen wir am späten Nachmittag auf dem reservierten Campingplatz im nördlichen Teil an. Gerade noch rechtzeitig, um uns bei den letzten wärmenden Sonnenstrahlen unter unsere Buschdusche zu stellen. Denn sobald sich der Lichterball um halb fünf hinter einen Hügelzug verabschiedet hat, wird es im Handumdrehen frisch. Kurz zuvor
beim Wandern noch über 30 Grad gejammert, sinkt das Quecksilber in der Nacht unter 10 Grad. Die Wüste ist eben ein kaltes Land unter heisser Sonne! Doch campen wir nicht im Schatten von Bäumen, heizt die Morgensonne unser Schlafgemach flott auf. Und schon früher als uns lieb ist, bringt uns der kräftige Sonnenschein wieder von neuem ins Schwitzen… Trotzdem entscheiden wir uns, für das
überwältigende Naturwunder noch eine dritte Nacht anzuhängen. Lediglich schade, dass auch im Norden des Nationalparks die Wanderwege nicht vom Campingplatz abgehen. Das bedeutet, dass wir unser Nachtlager erneut zusammenpacken und die Campingküche verstauen müssen, bevor wir mobil sind. Aber so ist das nun mal mit einem 4×4-Poptop-Camper – dafür trumpft er mit Geländegängigkeit auf.
Über rundgeschliffene Kiesel dem trockenen Bachbett entlang, kommen wir nur mühsam voran. Je enger das Tal, desto grüner die schmale Schlucht. Palmen mit langen, schlanken Stämmen überragen uns. Eine Oase mit munterem Vogelgezwitscher. Angenehm streift eine leichte Brise durch die Palmwedel. Staunend stehen wir nach einer halben Stunde vor einer senkrechten Felsspalte von weniger als einem Meter Breite, dem Echidna Chasm. Unser Blick schweift in die Höhe, ehrfurchtsvoll schreiten wir den rötlichen Felswänden entlang. Gefangen in Düsterheit, die Akustik wie in einer Kirche. Nur vormittags um elf fallen Sonnenstrahlen von oben ein, zaubern ein faszinierendes Lichterspiel in die eindrückliche Schlucht.
Erneut schnauben wir über ein steiniges Flussbett, dringen tief in eine weitere der vielen Schluchten hinein. In der sengenden Nachmittagshitze zerrt jeder Schritt an unseren Kräften. Die Mini Palms Gorge macht ihrem Namen alle Ehre. Unzählige Livistona-Palmen begrünen das Tal, kolossale Sandsteinwände spenden heiss
ersehnten Schatten… Zurück auf dem Campingplatz, bereits müde in den Stuhl gesunken, überredet mich Roland noch für den Aufstieg zum nahen Aussichtspunkt. Zugegeben, das Aufraffen lohnt sich. Der Blick auf den sich im Sonnenuntergang verfärbenden Gebirgszug ist vorzüglich, schlussendlich fangen die Felsen fast zu glühen an…
Wieder zurück am Great Northern Highway, eine der abgeschiedensten Asphaltstrassen der Welt. Es ist das einzige Teerband, das durch die Kimberley führt – ein Gebiet ungefähr so gross wie Deutschland und grösser als 75 Prozent der Länder dieser Erde. Nur knapp 40’000 Menschen leben hier, die Hälfte davon sind Ureinwohner. Hunderte von Kilometern kein Dorf, geschweige eine grosse Stadt,
allenfalls unterbricht ein Roadhouse die weite Leere… Noch verbleiben 250 Kilometer nach Kununurra, dem nächsten Ort und unserem eigentlichen Ziel, das heute jedoch kaum mehr zu schaffen ist. Auf halber Strecke finden wir ein geeignetes Plätzchen, fernab der Strasse, umrahmt von einer schroffen, in sanftem Grün überwachsenen Felskulisse. Nur wir
und ein paar Eukalyptusbäume, die wenig Schatten spenden. Macht nichts, die Sonne scheint sowieso gefiltert durch Wolkenfetzen, und taucht schon bald hinter einem hochaufragenden Gipfel unter. Trotzdem bleibt es gemütlich, sogar abends um acht verwöhnen uns noch zwanzig Grad. Es ist eine Wohltat, in wärmeren Gefilden angekommen zu sein.
Auf eine laue Nacht folgt ein milder Morgen. Wunderbar, so bereitet Campen wieder richtig Freude. Spontan treffen wir beim Frühstück den Entscheid, in diesem idyllischen Winkel zu verweilen, heute in den Tag hineinzuleben. Nicht zuletzt, da Sonntag ist und wir wegen unserem defekten 12 Volt-Stecker erst morgen einen Autoelektriker aufsuchen können. Deshalb konnte der energielose Laptop in den letzten Tagen nicht mehr während des Fahrens am Zigarettenanzünder aufgeladen werden. Kurzerhand hängt Roland
den Wechselrichter stattdessen direkt an die Autobatterie und richtet für eine Weile neben der Kühlerhaube sein Buschbüro ein. Jeder von uns verarbeitet auf seine Weise die letzten Wochen – wie immer versuche ich unsere Erlebnisse in treffende Worte zu fassen, während Roland eine gelungene Auswahl seiner Fotos trifft. Rasch neigt sich der Tag zu Ende und eine nächtliche Brise, warm wie ein Föhn, lullt uns ein. Ein prächtiges Sternenzelt überspannt unser einsames Nachtlager. Eigentlich ist das nur die halbe Wahrheit, teilen wir den Fleck mit lästigen Insekten, die hochmotiviert ein Rennen über den Bildschirm veranstalten und nervös um unsere Köpfe tanzen.
Vergnügt trällert die Vogelwelt. Schlaftrunken öffnen wir unsere Fenster und lassen den friedlichen Morgen herein. Sonnenstrahlen durchfluten unser Schlafzimmer. Die Reise geht weiter. Auf der perfekt ausgebauten Hauptverkehrsachse rollt nur spärlich Verkehr, verhältnismässig viele Touristen und Lastwagen sind auf Achse. Immer wieder fallen weisse Messlatten am Strassenrand ins Auge. In der Regenzeit kann die Strasse überflutet sein und somit weiss man, wie tief das Wasser steht. Gelegentlich warnt ein viereckiges, gelbes Verkehrsschild mit „Winding Road“. Doch die erwarteten engen Kurven bleiben aus – in Australien wird der Autolenker auch auf grosszügige Schleifen aufmerksam gemacht.
Später Vormittag. Im Touristeninformationsbüro in Kununurra, dem Zentrum der Ost-Kimberley, ist ganz schön was los. In der Trockenzeit herrscht in Nordaustralien Hochsaison, das ist nicht zu übersehen. Dennoch bleibt Kununurra ein entspannter Ort, auf knapp 100 Metern Höhe gelegen, inmitten Farmland und tropischen Obstplantagen – ein willkommenes Stück Zivilisation. Nach einem feinen Cappuccino und einem Grosseinkauf im Supermarkt, gönnen wir unserem schmutzigen Fahrzeug eine Hochdruckdusche. Für die kommenden beiden Nächte auf einem Campingplatz einquartiert, nutzen wir am nächsten Tag die Morgenfrische und sind bereits um sechs Uhr emsig am Haushalten. Klamotten waschen, Schuhe fegen und das rollende Daheim entstauben.
Im Laufe des Tages kraxelt das Thermometer über die 30-Gradmarke. Wettertechnisch gesehen hat sich in den letzten Tagen vieles verändert und plötzlich richten wir unsere Fühler nicht mehr der Sonne, sondern eher dem Schatten aus… Nun haben wir uns ein Bierchen verdient. Der Campingplatz liegt malerisch an einer Lagune, einem kleinen Feuchtgebiet, wo verschiedene Vögel und Krokodile beheimatet sind. Wir setzen uns in die grüne Wiese und geniessen den Moment. Die untergehende Sonne verwandelt die Umgebung in sanfte Farbtöne – magisch spiegeln sich die blätterlosen Bäume auf der Wasseroberfläche…
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