Coromandel – Kurven ohne Ende
Eine berauschende Küstenlandschaft umgibt den kleinen Zipfel, dichter Regenwald überwuchert das hügelige Landesinnere. Die Coromandel Peninsula guckt rund 90 Kilometer in den Pazifik hinaus, im Westen auf der gegenüberliegenden Seite des Golfs liegt Auckland. Ein zerklüfteter Gebirgszug – vor Millionen von Jahren durch vulkanische Aktivität entstanden – teilt die Halbinsel in zwei Hälften. Die Küsten unterscheiden sich gewaltig: Im Westen fallen schroffe Klippen steil zum Meer ab, im Osten bestechen ausgedehnte Sandstrände das Bild. Die Coromandel Halbinsel lebt heute hauptsächlich vom Tourismus. Sie zählt zu den beliebtesten Ferienzielen Neuseelands und zieht Scharen von Besuchern an – uns auch.
„Welcome to Thames“, begrüsst uns ein Ortsschild. Thames liegt am südwestlichen Ende der Coromandel Peninsula, gilt als Eingangstor und stellt gleichzeitig auch ihr wichtigstes Versorgungszentrum dar. Obwohl das Dorf lediglich 5000 Einwohner zählt, ist es der grösste Ort der dünn besiedelten Halbinsel. Ermattet von der langen Fahrt steuern wir einen Campingplatz an, der etwas ausserhalb an
einem Fluss im Grünen liegt… Am nächsten Morgen brechen wir ins nahegelegene Kauaeranga Valley auf, welches sich östlich von Thames erstreckt. Rasch geht die Asphaltstrasse in eine ungeteerte Piste über, die sich dem Fluss entlang schlängelt. Vorsichtig holpern wir staubend voran, dringen immer tiefer in das bewaldete Tal ein. Über zwanzig mehrstündige Wanderrouten führen durch diese gebirgige Gegend, die von zackigen Felsformationen und Schluchten durchzogen ist.
Grasgrüne Farne leuchten am Wegesrand, der Wald präsentiert sich als üppige Pracht. Baumstämme sind vollständig von Kletterpflanzen umschlungen oder tragen einen Mantel aus Moos. Unterwegs auf dem „Cookson Kauri Track“. Erst führt der Weg nur langsam bergan, bis später hohe Stufen unsere Beinmuskeln strapazieren. Ausser Puste erreichen wir eine Handvoll uralter, mächtiger Kauri-Bäume. Über
Wurzeln schustern wir weiter, und weiter, in der Hoffnung endlich den in der Route beschriebenen Aussichtspunkt zu erreichen. Mittlerweile habe ich den Wald satt, kann die Bäume nicht mehr sehen… Als der schmale Weg plötzlich wieder hinab führt, verlieren wir die Geduld und machen uns mitten auf dem Wanderweg hungrig über unser Picknick her. Glücklicherweise kommt uns bald eine Frau entgegen. „Keine fünf Minuten von
hier“, muntert sie uns lachend auf. Das Wetter ist zwar nicht in bester Laune, doch immerhin können wir aus 550 Metern Höhe weit über begrünte Bergketten blicken. Um ein Haar hätten wir diese grandiose Rundumsicht verpasst… Mit fünf Wanderstunden in den Knochen kehren wir nachmittags verschwitzt auf denselben Campingplatz zurück und liebäugeln mit einer erfrischenden Dusche.
Von Thames windet sich eine enge Strasse in unzähligen Kehren unmittelbar dem Meer entlang in Richtung Norden. Rechts der Fahrbahn ragen Felswände steil empor, zur unserer Linken drohen wir ins Wasser zu plumpsen. An der Westküste lassen Klippen nur wenig Platz für einen schmalen Küstenstreifen. Wir passieren eine Reihe Sandbuchten, bevor die kurvenreiche Route ansteigt und imposante Ausblicke auf das Hügelland und das tiefblaue Meer freigibt.
55 Kilometer später ist der, auf den gleichen Namen wie die Halbinsel getauften Ort erreicht. Coromandel liegt zu Füssen lieblich geschwungener Hügel. Ein Strassenzug mit niedlichen Häuschen im Kolonialstil markiert das Zentrum und beherbergt Läden, Restaurants und Cafés. Viele Touristen schweifen durch das kleine ansehnliche Dorf. An Parkplätzen mangelt es zum Glück nicht – für unseren Campervan und sogar für grosse Motorhomes ist ausreichend Platz vorhanden. Gemütlich schlendern wir die beschauliche Hauptstrasse rauf und runter, verwöhnen uns anschliessend bei Sonnenschein mit Kaffee und Kuchen und beobachten das Geschehen.
Mit Koffein im Blut erneut auf Fahrt. Uns hätte es gereizt, die Himmelsrichtung beizubehalten und weiter nordwärts zu kurven. Doch in die fast unbewohnte, wilde Nordspitze, wo ein paar abgelegene Campingplätze und Wanderstrecken locken, führen lediglich Schotterpisten. Die Vernunft siegt, denn unbefestigte Strassen sind der Fahrzeugvermietung ein Dorn im Auge und von der Versicherung ausgeschlossen… Stattdessen manövriert Roland den Camper über steil ansteigende Serpentinen durch bewaldetes Bergland, quer über die Halbinsel.
Ein
Abstecher bringt uns zu einem der angeblich schönsten, naturbelassenen Strände von Neuseeland. Vom weissen Sandstrand von Whangapoua ist der heiss empfohlene New Chum’s Beach in einem kurzen Spaziergang durch Küstenwald zu erreichen. Der vermeintliche Geheimtipp unseres Reisehandbuchs ist offensichtlich nicht mehr geheim – jede Menge Menschen pilgern zum Strand. Beim Bummel über den Sand lassen wir jedoch die meisten hinter uns. Erst dann kommt die malerisch von Felsen eingerahmte Bucht richtig zur Geltung und wir können die Aussage des Autors unterschreiben…
Am späten Nachmittag trudeln wir in Hahei an der Ostküste ein. Im winzigen Ort leben 270 Leute, zumindest im Winter. In den Sommermonaten schwillt die Einwohnerzahl bedrohlich auf 7000 an – der Ferienort ist bei den Kiwis sowie Ausländern äusserst beliebt. Der grosse Campingplatz grenzt an den Strand. Die junge Dame an der Rezeption erläutert uns die verschiedenen Logiermöglichkeiten:
„95 Dollar für Plätze an vorderster Front, 80 für zentrale Lage und 65 für jene in den hintersten Reihen.“ Für einen Augenblick verschlägt es uns die Sprache. Kurzentschlossen entscheiden wir uns für die günstigste Option, welche sich mit umgerechnet 48 Franken als der bis anhin mit Abstand teuerste Stellplatz erweist. Ein stolzer Preis für ein kleines Quadrat Wiese, mit unmittelbar angrenzenden Nachbarn zu allen Seiten.
Feiner weisser Sand rieselt durch unsere Zehen. Der Strand ist paradiesisch, zahlreiche vorgelagerte Inselchen machen das Landschaftsbild perfekt. Ein sagenhafter Tag neigt sich dem Ende entgegen. Die Sonne geht langsam unter, taucht die Szenerie in ein zauberhaft weiches Abendlicht. Während ein paar Hartgesottene in die kalten Wellen des rauschenden Ozeans hechten, wärmen wir uns an den letzten Sonnenstrahlen. Im frischen Wind lässt bei uns nur schon das Baden der Füsse Hühnerhaut aufkommen.
Der Wecker schrillt. Wir zwingen uns aus den Federn. Noch wirkt der Camping verschlafen. Das ist uns mehr als recht, denn wir möchten die populäre Wanderung nicht mit der grossen Masse antreten. Kurz nach Acht sind wir bereits reisefertig. Da bei den meisten Campingplätzen schon um zehn Uhr Check-out angesagt ist, stellen wir unser Daheim auf den nahegelegenen Parkplatz am Strand. Denn die Kontrolle hier ist strikt – die Schranke bei der Ausfahrt öffnet sich nur mit einem persönlichen Code, der überpünktlich verfällt…
Vom Strand zweigt ein hügeliger Küstenweg ab und führt zumeist durch Kiefernwäldchen, wobei sich zwischendurch grossartige Meerblicke eröffnen. Immer wieder zweigen Pfade zu verschiedenen Buchten ab. Als Höhepunkt wartet die Cathedral Cove auf. Zwei traumhafte Strände sind durch einen portalähnlichen Felsbogen miteinander
verbunden. Noch ist die Flut am wüten. Aufgepeitschte Wellen schlagen mit voller Wucht an den Felsen auf. Die Wanderschuhe ziehen wir vorsichtshalber aus, warten dennoch geduldig einen geeigneten Moment ab, um die „Kathedrale“ möglichst trocken zu durchqueren. Ein hinreissender Fleck…
Ein weiterer Wanderweg schleust uns über Wald und Wiese hoch zu einem Lookout. Uns offenbart sich ein Weitblick über die Küstenlinie und die im blau glänzenden Meer verteilten Inseln. Ein paar weisse Schäfchenwolken haften neckisch am ansonsten klaren Himmel und es ist sommerlich warm. Was für eine wunderbare Kulisse – was für ein wunderbarer Tag. Froh gelaunt stiefeln wir zum Ausgangspunkt zurück. Mittlerweile ist es Mittag und scharenweise Besucher strömen uns entgegen. Das frühe Aufstehen hat sich ausgezahlt…
Südwärts, noch sind es rund 80 Kilometer bis ans untere Ende der Coromandel Halbinsel. Eine Haarnadelkurve jagt die nächste, das Lenken erfordert höchste Konzentration. Gut sitzt Roland am Steuer, mir sind die engen Strassen und Wenden ein Gräuel. Oft ist die Fahrbahn uneben oder der Asphalt gewellt – gut gefedert hopsen wir im Takt. Die Höchstgeschwindigkeit ausserorts beträgt 100 Stundenkilometer, meist auch bei Strassenverhältnissen wie diesen. Das Dorf noch kaum verlassen, zeigt eine runde Tafel mit rotem Rand bereits eine rasende Hundert an. Nur wenige Meter später warnt jedoch ein gelbes Schild vor der kurvenreichen Strecke und eine Tafel weist auf achtsames Fahren hin. Ein Verkehrsschilderwald dieser Art entlockt uns immer wieder ein Kopfschütteln.
Geschafft. Nach knapp zwei Stunden nimmt die Kurverei ein Ende – wir sind beide erleichtert. Nur noch grosszügige Schleifen oder gerade Strecken bringen uns weiter nach Osten. Die riesige Bucht zwischen Coromandel und dem äussersten Osten nennt sich Bay of Plenty – ein Strand reiht sich an den nächsten. Spätnachmittags unterbrechen wir unsere Fahrt, schwenken von der Hauptverkehrsachse nach Omokoroa ab. Auf dem Campingplatz versprechen mit heissem Quellwasser gefüllte Becken einen Badeplausch. Doch die Sonne versprüht grosszügig ihre volle Kraft und für einmal wäre eine Abkühlung eher angebracht. Kaum eine Brise weht, es ist der mildeste Abend seit unserer Ankunft in Neuseeland. Nach dem Nachtessen gleiten wir dennoch ins Bad, bis uns das dampfende Wasser die Hitze in den Kopf treibt…
Der fruchtbare Landstrich der Bay of Plenty ist für seine Kiwiplantagen berühmt. Zwei Stunden nach Abfahrt ist Whakatane, eine Kleinstadt am östlichen Ende der langen Bucht, erreicht. In der Stadtmitte brechen wir zu einer vierstündigen Wanderung auf. Über mit buschigen Bäumen bewachsene Klippen leitet uns
der ständig auf und ab führende Pfad zu einem Felsvorsprung, dem Kohi Point. Knapp 50 Kilometer vor der Küste wabern Rauchfahnen über der kleinen White Island, einem noch aktiven Vulkan. Die heutige Bewölkung klaut dem Panorama leider sämtliche Farben und hält unsere Begeisterung somit in Grenzen. Immerhin lässt sich das Unterfangen als Fitnesslektion verbuchen…
Etwas weiter östlich nächtigen wir auf einem abseits gelegenen Camping am breiten Ohiwa Beach. Unser Stellplatz liegt leicht erhöht über dem Strand und in der Ferne erblicken wir das aufgebrachte Meer. Von einer Müdigkeit erfasst, werfen wir uns aufs Sofa. Durch unsere Stubenfenster geniessen wir die zauberhafte Aussicht und lassen uns vom Ozeanrauschen einlullen…
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