Cradle Mountain – im gebirgigen Herzen
Innerhalb der letzten drei Wochen erforschten wir Tasmanien küstennah im Gegenuhrzeigersinn. Unser Ausgangspunkt Hobart ist gleichzeitig der Endpunkt und liegt nicht mehr fern. Doch übrig bleibt eine letzte Woche. Beflügelt hängen wir eine kleine Ehrenrunde im Uhrzeigersinn im gebirgigen Inselinneren an, denn endlich klingt der Wetterbericht verheissungsvoll. Cradle Mountain – wir kommen!
Vom Inselsüden reisen wir in westliche Gefilde zurück, bewältigen dieselbe kurvenreiche Strecke noch einmal, welche wir vor ein paar Tagen in umgekehrter Richtung erfuhren. Während einer Tankpause lutschen wir im Sonnenschein ein leckeres Eis, bevor wir schliesslich im 250 Kilometer entfernten Rosebury einen nächtlichen Zwischenstopp einlegen. Der Campingplatz erweckt einen trostlosen Eindruck und erinnert eher an eine Barackenansammlung auf einer Baustelle. Aber was solls. Um den Abend gemütlich draussen ausklingen zu lassen, ist es inzwischen sowieso zu frostig…
Als frühmorgens der Wecker schrillt, verdüstern tiefe Nebelschwaden die kleine Ortschaft, die ein wenig gefangen in einem Talkessel am Rande der Bergwelt liegt. Tasmanien ist eine hügelige Insel mit einem gebirgigen Plateau von 800 bis 1000 Höhenmetern, wo zahlreiche Gipfel aufragen. Wieder hinter dem Steuer, blinzeln schon bald erste Sonnenstrahlen neckisch hinter den Wolken hervor. Nach einer Fahrstunde nordostwärts im Hochland angelangt, tauchen die markanten Zacken des Cradle Mountain am Horizont auf. Das unverkennbare Bergmassiv ist fast so etwas wie das Symbol von Tasmanien, und DER Höhepunkt schlechthin. Was zwar nicht wortwörtlich stimmt, ist der höchste Berg, der Mount Ossa, mit 1617 Metern noch ein bisschen höher.
Die himmlische Kulisse des Cradle Mountain kommt immer näher und wir verspüren ein
Kribbeln in den Beinen. Doch bevor wir die Wanderschuhe montieren, sichern wir uns einen Spot auf dem Campingplatz im Cradle Valley. Schon morgens um halb zehn ergattern wir keinen der heissbegehrten Stellplätze mit Steckdose. Ohne Strom funktioniert unser Heizlüfter nicht und wir hoffen, in der kommenden Nacht sinken die Temperaturen auf dieser Höhe von 800 Metern nicht in den kalten Keller. Der Preis lässt uns einmal leer Schlucken. Mit umgerechnet 36 Franken ist es – auch ohne Stromanschluss – unsere teuerste Campingnacht in Tasmanien.
Der Cradle Mountain – Lake St. Clair Nationalpark ist in etwa so gross wie der Kanton Aargau. Die wildwüchsige Landschaft eiszeitlichen Ursprungs zeichnet sich nebst zerklüfteten Gebirgsketten auch durch tief eingeschnittene Täler, Gletscherseen, karge Hochplateaus und alpine Moorgebiete aus. Das Besucherzentrum
des Nationalparks liegt gleich auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Von dort karren Pendelbusse an den Fusse der Gebirgswelt, da dort die verhältnismässig kleinen Parkplätze die gesamten Besuchermassen längst nicht mehr zu fassen vermögen. Das immense Naturschutzgebiet wartet mit zahlreichen Wanderoptionen verschiedener Längen und Schwierigkeitsgraden auf.
An der zweitletzten Haltestelle, beim Ronny Creek auf 900 Metern, hüpfen wir aus dem Bus. Dort beginnt unsere geplante Tageswanderung sowie auch der populäre Overland Track. Der legendäre Wanderweg durchquert den Nationalpark und führt in 65 Kilometern vom Cradle Mountain im Norden bis zum Lake St. Clair im Süden. Wer also einen riesigen Rucksack mitsamt Zelt und Essen buckelt, hat sich soeben ins das rund einwöchige Abenteuer gestürzt und erntet von uns bemitleidende Blicke. Ausser in den Wintermonaten darf der Overland Track wegen des grossen Ansturms lediglich in einer Richtung sowie nur in limitierter Anzahl begangen werden.
Stachlige Grasbüschel und samtige Moosflecken wechseln sich mit rostrotem Gestrüpp ab.
Durch einen schmucken Blütenteppich geht es moderat bergan, bevor der Pfad im Wald verschwindet und uns später über etliche Treppenstufen jagt. Am Crater Lake haben wir uns eine erste Verschnaufpause verdient. Der langgezogene See bettet sich wundervoll in einen Felskessel. Jäh abfallende, teilweise bewaldete Gebirgshänge rahmen das dunkle Wasser ein.
Der gesamten Länge des Kratersees gefolgt, lotst uns ein Pfad über steil angelegte Stufen und lose Felsbrocken, bis wir nach insgesamt fast zwei Stunden den Marions Lookout auf einer Höhe von 1223 Metern erreichen. Unser Herz macht Sprünge, nicht nur der Anstrengung, sondern insbesondere dem imposanten Panorama wegen. Unmittelbar vor unseren
Augen präsentieren sich die gewaltigen Bergzacken des Cradle Mountain, der sich majestätisch hinter dem Dove Lake räkelt. Auch der grosse sattblaue Bergsee ist ein Blickfang und gibt zusammen mit dem schroffen Bergkamm eine sagenhafte Postkarte ab. Überwältigt suchen wir uns etwas abseits ein Plätzchen zum Staunen. Vor dieser Gebirgskulisse schmeckt das Picknick gleich doppelt so gut…
Trotz Wolkenschlieren scheint noch immer die Sonne und die Luft ist mild. Frisch gestärkt steigen wir noch ein Stück weiter bergan. Fast nach jedem Schritt offenbaren sich wieder neue Blickwinkel auf den Cradle Mountain und die umliegende Szenerie. Den Abstieg meistern wir beschwingt, am Wombat Pool und Lake Lilla vorbei, zwei kleinen reizenden Seen. Bis zuletzt tun sich immer wieder neue Perspektiven auf, bis wir nach knapp zwei Wanderstunden talwärts das Ufer des Dove Lake erlangen.
Wie an einem schönen Sonntag im Alpstein, waren wir vorhin schon in guter Wandergesellschaft, aber hier unten wimmelt es von Touristen. Zeitweilig meinen wir, uns nach China verlaufen zu haben. Die auffälligen Asiaten kriegen nicht genug vom Fotografieren, immer wieder werfen sie sich quäkend in eine neue Pose. Ein Chinese trifft man selten allein, meistens erschüttern sie einem in
geballter Ladung. Grosse, bestens ausgerüstete Gruppen, manche angezogen wie für eine Himalaya-Expedition. Schmunzelnd geben wir uns dem Geschehen hin, setzen uns eine Weile ans steinige Ufer. Im Vordergrund der See, dahinter der 1545 Meter hohe Gipfel des Cradle – ein tausendfach abgelichtetes, mittlerweile wolkendominierendes Bild. Aber der Tag war grandios, wir können uns nicht beklagen.
Am späten Nachmittag auf dem Campingplatz, knallt unverhofft die Sonne herab. Wir lechzen nach einem kühlen Bier, was in Tasmanien bis anhin selten der Fall war. Sogar das Nachtessen lässt sich angenehm im Freien schnabulieren. Über Nacht ist das Thermometer in unserem Schlafgemach trotzdem auf zehn Grad gesunken, doch zum Glück heizt schon bald natürliche Sonnenwärme. Heute Morgen gondeln wir mit dem Shuttle Bus bis zur Endstation. Schon viele Leute sind auf den Beinen und bewundern DAS berühmte Motiv…
Diesmal nehmen wir eine Wanderung unter die Sohlen, welche nicht die Hitliste anführt – der Hansons Peak auf 1185 Metern. Im Verlaufe des Tages begegnen wir nur wenigen Menschenseelen. Die Wanderroute stellt eine gelungene Alternative zur beliebten, einfachen Umrundung des Dove Lake dar, schustern wir auch um den See, aber „in der oberen Etage“. Das gestern bei blauem Himmel auch blau schimmernde Gewässer, enttäuscht jetzt in grauen Farbtönen, genauso wie die Wolkendecke über uns. Blitzschnelle Wetterumschwünge sind im gebirgigen Herzen an der Tagesordnung. Die jährliche Niederschlagsmenge ist hoch und selbst im australischen Sommer kann einem Schnee und Hagel überraschen.
Ein stetiges Bergauf über felsiges Terrain und loses Geröll. In den Fels gehauene Kerben markieren die letzte Etappe des Gipfelsturms, mit Muskelkraft ziehen wir uns an Stahlseilen hoch. Eine Stunde später schon lachen wir mutterseelenallein vom Hansons Peak. In friedlicher Ruhe lässt sich die Natur noch intensiver erleben und spüren. Durch eine buschige Felslandschaft erst hinauf und hinunter, bevor der Face Track an den fast senkrechten Berghängen in die Höhe schnellt und uns über hohe Tritte zwingt. Bald fühlen sich die Beine bleischwer an und das Herz pocht gequält. Den Dove Lake zur Hälfte umrundet, erwartet uns ein ebenso steiler Abstieg.
Auf einem Felsvorsprung oberhalb des kleinen Lake Wilks ersetzen wir hungrig die verbrannten Kalorien. Genüsslich verweilen wir und frönen ausgiebig der hier noch herrschenden Stille. Der Schlussspurt unserer fantastischen Rundwanderung verläuft unten am wuseligen Dove Lake, meist über einen gut ausgebauten, schmalen Weg oder Holzplanken. Nach knapp fünf Stunden glücklich zurück, warten wir in einer Menschenmasse, bis uns endlich ein Bus zu schlucken vermag. Nicht Auszudenken, was sich hier in der baldigen Sommerhochsaison abspielt…
Mitte Nachmittag auf dem Parkplatz des zehn Kilometer entfernten Besucherzentrums wieder ausgespuckt, treten wir unsere Weiterreise an. Die Strasse gegen Osten schlängelt sich erhabenen Gebirgszügen entlang, vorbei am Mount Roland. Ein hinreissender Kerl – das muss wohl am Namen liegen! In tieferen Lagen angekommen, ziehen nun grüne Wiesen und Dörfer am Autofenster vorüber. Im uns bereits bekannten Deloraine schwenken wir nach Süden. Mitten in ländlichem Grün spüren wir in Golden Valley eine idyllisch gelegene Übernachtungsmöglichkeit auf.
Ein kleiner Familienbetrieb. „I‘m the office“, heisst uns eine ältere Frau in Arbeitsklamotten wohlwollend willkommen – eine umgehängte Tasche ihr mobiles Büro. Für den Stellplatz bezahlen wir heute nur zwanzig Franken. Nebst Strom steht sogar ein Haarfön zur allgemeinen Verfügung, der erste in ganz Australien – in Neuseeland war es übrigens keine Seltenheit. Ich bin entzückt und verpasse mir gleich eine Kopfwäsche. Ausgerechnet bleibt es heute Abend noch lauschig, ansonsten kühlt es meistens rasch ab und meine längeren Haare wollen kaum trocken.
Ein klarer Himmel gewährt uns ein Frühstück an der Morgensonne. Trotz des behaglichen Übernachtungsspots mit nur einer Handvoll Camper ziehen wir schon bald los. Golden Valley liegt am Fusse der Great Western Tiers, der nordöstlichen Abdachung des zentralen Plateaus. Quamby Bluff, einst ein Teil dieser Abdachung, stellt heute als vorgelagerter Berg einen idealen Aussichtspunkt dar. Nur wenige Kurven bringen uns geschwind auf 700 Höhenmeter, wo der ausgeschilderte Wanderweg startet. Stetig bergwärts über einen mit saftigen Farnen gesäumten Waldweg, spotten wir zwei stachelige Echidnas, die sich umgehend in Abwehrhaltung kugeln.
Plötzlich breitet sich in steilem Winkel ein Trümmerfeld vor uns aus. Wer hat uns nur all diese Steinbrocken in den Weg gelegt? Beschwerliches Kraxeln ist erforderlich. Wieder ein Blätterdach über dem Kopf, die Baumstämme mit Flechten überwachsen, schnauben wir weiter himmelwärts. Allmählich lichtet sich der Wald und nach zwei Stunden erlangen wir das
Gipfelplateau auf rund 1200 Metern Höhe, dicht überzogen mit blühendem alpinem Bewuchs. Atemberaubend, im wahrsten Sinne des Wortes – die Strapazen zahlen sich aus. Auf einer Länge von hundert Kilometern erheben sich die Steilwände der Great Western Tiers zumeist über das flache Vorland. Hier oben in luftiger Höhe können wir diese enormen Dimensionen zumindest teilweise erfassen.
Wieder südwärts auf Achse. Die Seenplatte des zentralen Hochlandes ist ein abgelegener Landstrich von bezaubernder Schönheit. Eine uralte Vegetation umarmt malerisch den Pine Lake. Über einen Plankenweg erreichen wir das Ufer des kleinen Bergsees, der eiskalt auf 1200 Höhenmetern lauert. Hellgrüne „Kissenpflanzen“, sogenannte Cushion Plants, muten wie
überdimensionale Nadelkissen an. Auch ein Augenschmaus sind die gelben und orangefarbenen Blumenblüten. Aber die wahren Stars sind die über 1000 Jahre alten Pencil Pines – eine äusserst seltene, endemische Baumgattung, die nur in diesen Höhenlagen gedeiht. Die widerstandsfähigen Pflanzen trotzen einem harschen Klima. Auch heute bläst ein rauer Wind und trotz Sommersonne bleibt es empfindlich kühl.
Der grösste Bergsee dieser Region ist der Great Lake – sein Name lässt darauf schliessen. Tiefblau seine Farbe, blicken wir wie in ein riesiges Tintenfass. Das Teerband geht plötzlich in einen unbefestigten Strassenabschnitt über. Eigentlich ist uns seitens der Vermietung
das Befahren von Schotterpisten untersagt, respektive der Versicherungsschutz erlischt, aber manchmal tun wir es trotzdem. Paradoxerweise ist eine ungeteerte Fahrbahn vielmals in einem besseren Zustand wie manche asphaltierte. Wir sind froh, diese alternative Route gewählt zu haben und nicht die vielbefahrene Hauptverkehrsachse weiter im Osten. In grossen Schleifen geht es allmählich ins Flachland hinunter, stattliche Eukalypten bewachen den Strassenverlauf. Die eher karge Landschaft ist goldgelben Hügeln gewichen, wo unzählige Schafe weiden. Mit 600 zusätzlichen Kilometern auf dem Zähler wieder zurück im tasmanischen Süden, nimmt unser wettergeglückter Streifzug durch das gebirgige Inselherzen ein Ende…
Grüße nach Down Under,
Servus Ihr 2, wir wünschen Euch einen guten Start ins neue Jahr, mit viel Gesundheit und vielen tollen Erlebnissen, damit Ihr euren tollen Blog für uns füllen könnt
Liebe Grüße aus Bayern
Daggi und Tom
Hallo ihr beiden
Schön von euch zu lesen! Auch wir wünschen euch einen guten Rutsch und nur das Beste für das neue Jahr, das euch hoffentlich mit Freude, Glück und Gesundheit begleitet. Und erneut das Reisefieber entfacht…
Herzliche Grüsse aus tropischen Breitengraden
Christine und Roland
Hallo Roland und Christine,
Wir wünschen euch alles Gute für 2018 und auch wünschen euch auch noch drei schöne Monate Reisen in Asien bis das “normale” Leben dann wieder anfängt. Es freut uns euere Reise zu folgen und die schöne Bilder an zu schauen. Wir denken noch immer viel zurück an unsere (sehr kurze) Reise, war schön euch auf Atiu kennen zu treffen! Liebe Grüsse aus Holland, Robert & Kiki
Liebe Kiki, lieber Robert
Das ist ja eine Überraschung – danke für eure Zeilen.
Gerne erinnern wir uns an die paradiesischen Cook Islands, die lustige Jacky auf Atiu und an euch sympathische Holländer zurück…
Wir hoffen, ihr seid gut ins neue Jahr gerutscht. Auch wir wünschen euch nur das Beste und hoffen, das 2018 möge euch viel Freude und auch die eine oder andere – wenn auch kürzere – Reise bringen.
Herzliche Grüsse aus Kuala Lumpur
Christine & Roland