Der Wild Coast entgegen
Auch über Nacht sind wir zu keinem Entschluss gelangt. Noch immer tun wir uns schwer, eine Entscheidung über den weiteren Verlauf unserer Reise zu fällen. Heute Morgen geniessen wir erneut einen grandiosen Bergblick bei strahlendem Sonnenschein, so fällt es uns nicht leicht, uns von den Drakensbergen zu verabschieden. Aber schlussendlich siegt die Vernunft und wir beschliessen, zurück an die Küste zu fahren. Denn zwischenzeitlich verbleiben „nur“ noch drei Wochen, um mit unserem Campervan ins noch weit entfernte Kapstadt zu gelangen. Erste Schleierwolken breiten sich aus und der Abschied von der fantastischen Welt der Bergriesen fällt uns somit etwas leichter.
Rund 100 Kilometer südlich von Durban schalten wir einen Halt ein. An der Hibiscus Coast folgt ein Ferienort auf den nächsten. In Uvongo finden wir einen kleinen Campingplatz in Strandnähe. Wieder sind wir die einzigen Camper. „Noch ist Nebensaison“, meint der ältere, aufgeschlossene Herr der Rezeption, „aber das ändert nächsten Monat schlagartig. Für Dezember sind wir bereits ausgebucht, ihr könntet nicht spontan aufkreuzen so wie heute.“ Es ist uns nicht unbekannt, dass während den südafrikanischen Schulferien massenhaft Einheimische selber unterwegs sind… Der Strand ist klein, die Wellen dafür umso grösser – das freut das Surfervolk. Für die Badegäste gibt es einen sogenannten Gezeitenpool. In sicheren Mauern lässt sich gefahrlos im Meer planschen, wie in einer grossen Badewanne. Das Wasser ist jedoch mit 18 Grad alles andere als badewannenwarm.
Rund 20 Kilometer landeinwärts liegt das Oribi Gorge Nature Reserve. Das Naturschutzgebiet wurde nach der kleinen Antilope namens Oribi benannt, die früher hier beheimatet war. Neben der Strasse durch die tiefe Schlucht, die der Fluss in das Felsplateau geschnitten hat, gibt es eine Handvoll markierter Wanderwege. Wir wählen den sieben Kilometer langen Trail am Ufer flussaufwärts zu einem Wasserfall. Der Pfad führt vorwiegend durch dichten Wald, aber manchmal sind am malerischen, steinigen Flussbett die steil aufragenden Klippen und Felsspalten zu
erblicken. Der Himmel ist milchig und die Sonnenstrahlen können sich leider nur selten durchsetzen. Dadurch wirkt die ganze Szenerie fad, jeglicher Glanz fehlt. Auch beim Ausblick ganz oben von den Felsklippen hinunter in die gewaltige Schlucht kommen keinerlei Farben und Dimensionen zur Geltung. Kurzentschlossen nächtigen wir hier auf dem Campingplatz und fahren heute nicht wie eigentlich geplant noch weiter, in der Hoffnung morgen bei Sonnenschein die Schlucht überblicken zu können…
Es bleibt noch Zeit, im nahegelegenen Paddock ein paar Besorgungen zu tätigen. Wir laden eine Tankfüllung Diesel und lassen unsere Pneus auf den vorgeschriebenen Reifendruck prüfen, um uns zu vergewissern, ob die beiden geflickten Löcher dicht sind. Im Tankstellenshop, dem grössten „Supermarkt“ dieses Kaffs, besorgen wir noch nötige Lebensmittel. Die zwei Strahlejungs an der Kasse fallen durch ihre natürliche Freundlichkeit auf. „Woher kommt ihr?“ fragen sie interessiert und verweisen uns auf die Metzgerei nebenan. Offensichtlich haben sie uns bei unserer Einkaufstour durch den Laden beobachtet – von den unappetitlichen Fleischbrocken der Tiefkühltruhe sind keine im Korb gelandet. Auch in der besagten Metzgerei schenkt man uns ungewöhnlich viel Beachtung. Beide schwarzafrikanische Verkäufer möchten gleichzeitig mit uns geschäften. Schlussendlich geht das abgepackte Fleisch durch ihre beiden Hände und vorne sowie auch hinten klebt ein Preisetikett – sie haben doppelte Arbeit geleistet. Knapp 500 Gramm Rindssteak kosten umgerechnet lediglich zwei Franken. Fleisch ist unglaublich günstig in Südafrika, auch im Vergleich zu gewissen anderen Nahrungsmitteln.
Ein langer Fahrtag steht uns bevor, es gilt knapp 400 Kilometer zu bewältigen. Die N2, die Hauptverkehrsachse entlang der gesamten Küste, führt nun landeinwärts durch die ehemalige Transkei, eines der einstigen schwarzen Reservate. Das sogenannte Homeland war zu Zeiten der Apartheid vollkommen entrechtet und zählt zu den am dichtesten besiedelten Regionen von Südafrika. Auch ist es eines der ärmsten Gebiete und vorwiegend die Heimat der Xhosas mit ihrem berühmtesten Angehörigen Nelson Mandela. Das Stammesleben dieses Volkes ist bis heute reich an Traditionen und Riten.
Die Strecke verläuft durch eine hügelige Landschaft mit rotbrauner Erde und trockenen Grasebenen. Kleine pastellfarbene Häuser und Rundhütten mit Wellblechdächern liegen fast überall in der Landschaft verstreut. Die Menschen scheinen in einfachen Verhältnissen zu leben. An Flussläufen wird gewaschen, bunte Wäsche flattert an langen Wäscheleinen. Allerorts grast Vieh, oft am Strassenrand. Zäune gibt es keine und somit ist das Warnschild „Kühe über die nächsten 180 Kilometer“ bestimmt berechtigt. Schon bremsen wir für eine Truppe Schafe, die wie dreckige Wollknäuel über die Strasse zotteln. Und wenn wir nicht wegen unberechenbaren Tieren ausgebremst werden, ist es der schweren Lastwagen wegen. Schnell bildet sich ein schleichender Konvoi, nur noch 15 Stundenkilometer bringen wir auf den Tachometer.
Mthatha ist die ehemalige Hauptstadt der Transkei – hässlich und ziemlich heruntergekommen. Die Hauptachse führt mitten durchs belebte Zentrum. In der Stadt sowie ausserhalb liegt viel Müll herum. Wir biegen ab in Richtung Indischer Ozean. Die Wild Coast umfasst endlose Strände, die meisten einsam und unerschlossen. Die etwa 300 Kilometer lange, raue Küste verdankt ihren Namen dem Umstand der vielen auf Grund aufgelaufenen Schiffe und ist eine der unberührtesten Gegenden. Es gibt keine Küstenstrasse, die Orte müssen jeweils von der N2, meist über Schotterpisten, angesteuert werden. In unzähligen Kehren führt die teils holprige, aber befestigte Strasse die verbleibenden 80 Kilometer sanft geschwungene, grüne Hügel hinab nach Coffee Bay. Hier soll einst ein Schiff gesunken sein, dass eine Ladung Kaffee an Bord hatte.
An der wilden Küste dominieren spektakulär hohe Felsklippen, die steil auf Sandstrände oder ins Meer abfallen. Unsere Lodge liegt idyllisch in einer Bucht, oben auf einer Klippe. Die wenigen Campingstellplätze sind terrassenartig angelegt und bieten eine freie Sicht hinab auf den rauschenden Ozean. Es lässt sich sogar Kochen mit Meerblick – einmal mehr ein Übernachtungsplatz der Sonderklasse. Nur das Wetter spielt uns einen Streich. Beim frühen Morgenessen ist noch unklar, ob die grauen Wolken am Himmel sich später verziehen oder ausregnen. „Guck mal, Delfine!“ freut sich Roland. Dutzende der anmutigen Tiere setzen zu ihren eleganten Sprüngen an. Kurz darauf ragt auch eine Walflosse aus dem blauen Wasser. Wale sind hier in der Regel zwischen Mai und November auf der Durchreise.
Wir brechen auf zu einer Küstenwanderung. Der Weg führt uns entlang der grasgrünen Hügel und es bieten sich schwindelerregende Ausblicke. Die steil abfallenden, grauschwarzen Klippen umgeben weisse Sand- oder schwarze Steinstrände. Eine wilde Schönheit – heute aber etwas trostlos. Wir kreuzen kleine bäuerliche Siedlungen mit
sogenannten Rondavels, den traditionellen Rundhütten mit strohgedeckten Dächern und treffen auf Xhosa-Frauen in langen, farbigen Röcken, die Eimer gefüllt mit Muscheln auf ihren Köpfen balancieren. Der Weg führt oft steil bergan und hinab, ist nicht markiert und manchmal schwierig auszumachen. Bald setzt leichter Sprühregen ein – leider wird auch das Wetter wild.
Nach knapp zweieinhalb Stunden erreichen wir das „Hole in the Wall“. Durch die riesige, aus dem Meer ragende Klippe führt ein Tunnel, durch den bei rauer See die Wellen donnern. Der Himmel zeigt sich bedrohlich dunkel, deshalb treten wir bald den Rückweg an. Das mittlerweile graue Meer verschmilzt mit dem grauen Himmel. Regen prasselt ungemütlich auf uns nieder. Klatschnass erreichen wir unser Daheim. Die Führerkabine unseres Campervans wird zu einem Trocknungsraum umfunktioniert. Während draussen das Meer tost und der Wind den Regen quer an die Scheibe peitscht, schlürfen wir im Trockenen eine Tasse wärmenden Tee. Schade, wir können nur erahnen, wie zauberhaft die Wild Coast bei Sonnenschein wäre…
Liebe Christine und Roland!
Vielen Dank für den Link Eures Blogs!! Mit Spannung haben wir Eure Abenteuer gelesen, die Ihr seit Eurer Abreise schon erlebt und niedergeschrieben habt!:-) Eures Gefühlschaos vor der Abreise konnten wir bestens nachvollziehen! ;-) Erging es uns doch genau gleich! Mittlerweile seit ihr nun schon über einen Monat unterwegs…bei uns dauerte es lange bis uns bewusst wurde, dass wir länger unterwegs sein würden. Das Zeitgefühl verändert sich total. Geniesst diese unglaublich spannende Zeit, die Abenteuer, das Leben mit wenig Besitz und die interessanten Begegnungen! Passt auf Euch auf, alles Gute wünschen Euch Nadine, Manu & klein Lio
Ps. Hat uns gefreut zu sehen, dass unser Blog bei Euch verlinkt ist! :-)
Hallo ihr drei!
Herzlichen Dank für euren Kommentar – schön von euch zu lesen! Es freut uns, dass ihr mit uns „mitreist“. Ja nun sind wir schon bald zwei Monate unterwegs und so langsam ist es uns bewusst, dass nach Südafrika nicht Schluss ist und es noch lange weitergeht – hoffentlich. Wir haben uns mittlerweile ans Reiseleben gewöhnt und geniessen unsere Zeit und Freiheit. Aber ab und zu schweifen meine Gedanken immer noch zurück ins alte Daheim mit Wohnung und Job, aber je länger desto weniger… Wir wünschen auch euch eine gute Zeit und viel Freude mit klein Lio.
Liebe Grüsse
Christine & Roland
Hoi zämä –
Wirklich toll eure Reise!
Die Lektüre der spannend verfassten Berichte ist lässig und macht Spass.
Gend eu witerhin Sorg!
Gruss
Hans
PS:
Ja Roland, ich habe die Bemerkung gelesen und gedacht, da könnte ich gemeint sein. Nun, für mich war ein Arbeitsverhältnis immer ein Geben und Nehmen.
Von daher hattest Du diese Auszeiten meiner Meinung nach eben auch verdient gehabt….. wenn’s auch nicht immer einfach war auf Deine Anwesenheit zu verzichten.