Deutsch geprägtes Lüderitz
Von Keetmanshoop führt eine geteerte Strasse in Richtung Westen der Küste entgegen. 400 Kilometer, fast immer geradeaus soweit das Auge reicht. Die Fahrt gestaltet sich eher monoton, bis wir Aus, das malerisch in bergigen Gefilden auf 1500 Meter liegt, erreichen. Von hier geht es stetig bergab. Die Strasse führt zu unserer Linken dem Diamanten-Sperrgebiet entlang, das sich etwa 200 Kilometer lang nach Süden bis zur südafrikanischen Grenze ausbreitet. Bald erreichen wir den Dünengürtel der Namib-Wüste – nun ist Lüderitz nicht mehr weit.
Auf schwarz glänzenden Felsen erhöht über dem eisblauen Atlantischen Ozean trohnt das ehemals geschäftige Lüderitz. Im ersten Hafen von Deutsch-Südwestafrika wurde hier 1883 von Herr Lüderitz, dem Gründer der Stadt, die deutsche Flagge gehisst. Während drei Jahrzehnten war das ehemalige Südwestafrika deutsches Schutzgebiet, erlangte seine Unabhängigkeit dann aber erst 1990. Heute macht der Ort eher einen verschlafenen Eindruck, die
Zeit scheint stehen geblieben zu sein. Die deutsche Architektur aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts ist noch immer präsent. Wir schlendern durch das überschaubare Zentrum – restaurierte, pastellfarbene Häuser im Jugendstil dominieren die Strassen, die noch allesamt deutsche Namen tragen. Heute ist der überwiegende Teil der Einwohner jedoch schwarzer Hautfarbe.
In Lüderitz ist es immer windig und eher kühl. Der Campingplatz liegt auf der vorgelagerten Shark Island. Ein steifer Wind bläst vom Meer her und wir kurven zweimal um das Gelände, um einen windgeschützten Platz auszumachen, was sich als ein Ding der Unmöglichkeit entpuppt. Immerhin beglückt uns am nächsten Morgen ein stahlblauer Himmel und die Sonne heizt schnell ein, was hier nicht selbstverständlich ist. Meistens hängt morgens ein dichter Nebel über den Dächern.
Nur einige Kilometer südöstlich von Lüderitz liegt die berühmte Geisterstadt Kolmanskop mitten in der Sandwüste. Im Jahre 1908 wurden hier die reichsten Diamantenvorkommen der Welt entdeckt. Dies besiegelte den Anfang eines grossen Diamantenrausches – heute kommen 90% aller Schmuckdiamanten der Welt aus Namibia. Seit den 50er-Jahren wohnt niemand mehr in Kolmanskop und die Stadt fiel im wahrsten Sinne des Wortes der „Verwüstung“ anheim. Die Häuser stecken in vom Wind aufgewehten Sandhügeln
– die Sanddünen wachsen immer weiter in die vom Zerfall bedrohten Häuser hinein und über sie hinaus. Einige Gebäude sind als Erinnerungsstätten an den Diamantenboom wieder hergerichtet worden. Kolmanskop liegt im 26’000 Quadratkilometer grossen Sperrgebiet, kann jedoch im Rahmen von Führungen besucht werden.
William, unser Guide, führt uns mit viel Witz und Wissen durch den geisterhaften Ort. „In kurzer Zeit wurde hier ein Diamanten-Dorf aus dem Boden gestampft. Für den Bau der schönen Häuser standen viel Geld und gute Handwerker zur Verfügung, beste Materialien wurden aus Deutschland importiert. Hinzu kommt das trockene Klima, welches die Jugendstilbauten bestens konserviert“, lässt er uns auf dem Rundgang wissen. „Bereits ab 1911 gab es elektrischen Strom und das erste Röntgengerät Afrikas wurde hier in Kolmanskop aufgestellt.“ Seine Schilderungen mit den spannenden Details fesseln uns. Der Wind frischt auf, bläst uns plötzlich den körnigen Sand in Augen und Ohren. „Das ist normal hier“, lacht William. Kaum vorstellbar, wie die deutschstämmigen Leute in dieser unwirtlichen Einöde damals in Saus und Braus gelebt haben.
„In den ersten sechs Jahren – bis zum ersten Weltkrieg – wurden mehr als eine Tonne Diamanten aufgesammelt, was über 5 Millionen Karat entspricht“, erläutert unser lustiger, deutschsprechender Führer. „Die Arbeiter wurden streng beaufsichtigt, damit keine Diamanten für den Eigenbedarf eingesackt wurden. Am Ende des Arbeitsverhältnisses wurden sie unter Qarantäne gestellt. Eingehend wurde überprüft, ob keine der wertvollen Steine irgendwo versteckt, verschluckt oder eingenäht wurden“.
1929 wurden bei Oranjemund weiter im Süden wesentlich grössere Diamanten entdeckt und bald war das Ende Kolmanskop besiegelt, 1956 verliess der letzte Einwohner den Ort. Auch in Oranjemund sind mittlerweile fast alle Steine abgebaut. Einzig die Gewinnung vor der Küste fördert noch gute Steine zutage, dazu wird der Meeresboden in bis zu 20 Meter Tiefe abgesaugt.
Nach der Führung dürfen wir noch auf eigene Faust im Gelände herumgeistern – natürlich auf eigene Gefahr, schliesslich sind die versandeten Häuser akut einsturzgefährdet. Der Sandsturm wird stärker und stärker. Wir flüchten ins Auto und machen uns regelrecht aus dem Staub. Der Wind fegt böenartig Sand über den Asphalt, in der Ferne sind keine klaren Konturen mehr erkennbar, alles ist grau in grau. „Nichts wie weg hier“, denke ich laut. Denn im Reiseführer habe ich gelesen, dass Fahrzeuge schon gänzlich ohne Lack aus einem Sandsturm gekommen sind…
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