Die Brücken von Arslanbob
Eine Stunde zu früh am Busbahnhof, doch schon viele Fahrgäste besetzen einen Sitz der Marschrutka. Wir ergattern die beiden Plätze hinter dem Fahrer. Auf der Hauptverkehrsachse zwischen Osh und Bishkek, der Hauptstadt im Norden, herrscht reger Verkehr. Rasant überholt unser Lenker langsamere Vehikel, Schweissperlen zieren seine Stirn. Stets wischt er erneut sein Gesicht mit einem Lappen trocken, gönnt jedoch weder sich, noch uns, kühlenden Fahrtwind. Sein Fenster hält er strikt unter Verschluss, unfassbar. In Bazar-Korgon dauert es fast eine Stunde, bis der Sauna-Express endlich weiterfährt. Viele Frauen steigen schwer bepackt wieder ein, fast alle transportieren Wassermelonen. Einfach auf den Boden gelegt, kullern die grünen Riesenbälle während der Fahrt von einer Ecke in die andere. Wir biegen in ein Seitental, die hügelige Gegend wird ländlicher. Ständig hält der Minibus an, Passagiere kommen und gehen. Es ist abends, als wir nach über vier Stunden endlich Arslanbob erreichen.
Das fast ausschliesslich von Usbeken bewohnte 1500-Seelen-Dorf auf rund 1600 Metern versteckt sich inmitten vieler Bäume. Die Häuser liegen weit verstreut in grünen Hügeln. Der Ort ist bekannt für die vielen Walnusswälder in den umliegenden Tälern – nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele natürlich wachsende Baumnüsse. Während der Zeit des Seidenstrassenhandels wurden die Nüsse tonnenweise von hier abtransportiert… Arslanbob zeigt sich konservativ und religiös. Fast alle Menschen sind lang gekleidet und die
meisten Frauen verschleiert – wir fühlen uns fast in den Iran zurückversetzt. “Im Dorf gibt es 20 Moscheen”, versetzt uns Hayat in Staunen.
Hayat ist der aufgestellte Manager von CBT, jener Organisation, die für die Buchung von Homestays und Touren zuständig ist. Sein Büro liegt nur einen Katzensprung vom lebhaften Hauptplatz, wo unsere Marschrutka ankommt, entfernt. Unkompliziert und schnell vermittelt er uns eines der familiären Gästehäuser – über Hotels verfügt Arslanbob nicht. Unser Gastgeber Zahid steht bereits kurze Zeit später auf der Matte. Er lotst uns in einem Allrad-Taxi zu seinem Haus, welches ein paar Kilometer ausserhalb des Zentrums und etwa 200 Meter höher liegt, am Fusse einer hoch aufragenden Bergkette. “Die Lage ist ideal für die Erkundung der beiden Wasserfälle und der Bergwelt”, versprach uns Hayat mit einem Augenzwinkern.
Zahid, das Familienoberhaupt, führt uns in unser Zimmer, macht uns mit seinen Hausregeln vertraut. “In meinen Reich ist es für Frauen Pflicht, lange Hosen zu tragen”, schlägt er in strengem Ton an und zeigt auf meine Beine. Ich ging davon aus, mit einer Dreiviertelhose für die hiesigen muslimischen Verhältnisse korrekt gekleidet zu sein. Sofort ziehe ich mich um, nicht dass der Haussegen ins Wanken gerät. Unser Zimmer ist einfach, aber geräumig – Toilette, Lavabo und Dusche liegen weit verstreut im grossen Garten. Ans Steh-Plumps-Klo muss ich mich gewöhnen, fürchte stets, den schmalen Schlitz im Betonboden zu verfehlen…
Unser Lieblingsplatz ist der überdachte, zu allen Seiten offene Pavillon mit Matten und Kissen, der etwas versteckt inmitten Bäumen liegt. Hier können wir die Seele baumeln lassen… Auch das Essen wird uns hier draussen serviert. Am ersten Abend erwartet uns – wie könnte es anders sein – Plov. Doch die verfeinerte Variante des Reisgerichts mit einem zarten Stücklein Fleisch und der mit Zwiebeln angereicherte Tomaten-Gurken-Salat, munden unerwartet. Unsere kulinarischen Hoffnungen werden jedoch bereits beim ersten Frühstück begraben. In einer schmutzigen Plastikbox begrüssen uns jene vertrockneten Brotstücke, die uns bereits am Vorabend aufgetischt wurden. Nicht ausgegessen, steht die Box auch am zweiten Morgen noch auf dem Tisch. Eine Frau bringt uns Tee, nimmt die Box mit – doch wir freuen uns zu früh auf frisches Brot. Bei Rückkehr aus der Küche lagern noch immer dieselben alten Brocken drin. Roland verzieht beim ersten Biss sein Gesicht – verständlich, denn das Brot modert. Die Stücke
sehen angepickt aus – nun dämmert es uns. In der Küche wurde wohl Schimmel entfernt, Reste davon sind noch klar erkennbar. Wir sind entrüstet und die Angelegenheit wirft Diskussionen auf. Isst unsere Gastfamilie solch altes, angeschimmeltes Brot? Oder wird es nur uns untergejubelt? Sollen wir uns beschweren? Wir sind hin und her gerissen, möchten aber schlussendlich die Familie weder blamieren noch verletzen. Verstehen können wir die Sache jedoch nicht, gibt es auf allen Märkten günstig frisches Brot. Kurzerhand packen wir die vergammelten Stücke ein, werfen sie unterwegs in einen Eimer – ansonsten kommen wir nie zu geniessbarem Brot…
“Zum grossen Wasserfall dauert es eineinhalb Stunden, folgt einfach diesem Weg da hoch”, antwortet Zahid kurzangebunden und zeigt in Richtung Berge. Doch so einfach gestaltet sich es leider nicht… Der hohe Wasserfall ist zwar schon von weitem auszumachen, später auch der steile Aufstieg dort hin. Doch wir befinden uns auf der anderen Seite des in die Tiefe donnernden Flusses, weit und breit ist keine Brücke in Sicht. Wir steigen weiter empor,
doch entfernen uns immer mehr vom Wasserfall, ein Überqueren des Flusses oder der Schlucht ist nicht vorgesehen. Wir schustern über blumige Alpweiden bis auf einen Hügel, wo wir uns mit Brot und Käse sättigen. Es offenbart sich ein wundervoller Blick auf das weiss gezuckerte Bergpanorama mit dem Babash-Ata, dem höchsten Gipfel mit einer Höhe von 4200 Metern – wir befinden uns halb so hoch. Die Ruhe und die reine Alpenluft ist ein Genuss – einzig ein paar neugierige Kühe und Kälbchen halten uns gehörig auf Trab. Auf dem Rückweg halten wir nochmals Ausschau nach einer Möglichkeit, das reissende Gewässer zu überqueren, doch vergebens.
Wegen Zahids knapp gehaltener Wegbeschreibung sind wir etwas sauer. Auf unsere nochmalige Nachfrage erhalten wir aber keine aufschlussreiche Antwort – es scheint ihn nicht gross zu kümmern. Auch ist es schwierig, unserer Gastfamilie mit den Kindern ein Lächeln zu entlocken. Nie beglückt uns jemand von sich aus mit einem “guten Morgen” oder einem “hallo” – unsere freundlichen Annäherungsversuche werden nur knapp erwidert. Ist es vorallem das Geld, das lockt? Vielleicht müssen sich die Gastgeber auch keine besondere Mühe geben, denn die Touristen kommen ohnehin. Das Prinzip von CBT besagt, alle Homestays gleichermassen zu berücksichtigen – die Zuteilung wird von Hayat entsprechend gelenkt. Uns geht es in unserem Daheim zwar gut, doch wir fühlen uns nicht besonders willkommen…
Auch am darauffolgenden Tag ist uns das Wetter gut gesinnt, die Sonne lacht vom Himmel. Wir versuchen unser Glück mit dem kleinen Wasserfall. Vorher decken wir uns auf dem winzigen Basar noch mit einem Picknick ein und statten Hayat einen Besuch im CBT-Büro ab. Gut gelaunt versucht er uns seine geführten Trekkingtouren in der Region schmackhaft zu machen. Doch die viertägige anstrengende Tour über hohe, noch schneebedeckte Pässe zum “Heiligen See” wäre zweifelsohne grossartig, doch scheint uns die
Herausforderung für dieses Unterfangen zu gross. Für die restlichen Trekkingoptionen sehen wir keine Notwendigkeit eines Führers und entscheiden uns, weiterhin auf eigene Faust loszuziehen. Von Hayat erfahren wir nun auch, dass die gestern vermisste Brücke kürzlich bei einem Unwetter weggespült wurde! “Entschuldigt, es bleibt euch nichts anderes übrig, wie hier unten im Dorf den Fluss zu überqueren”, enttäuscht er uns schulterzuckend. Unsere vermeintlich gute Lage des Homestays entpuppt sich somit als äusserst schlechter Ausgangspunkt, da der Gang über das Dorf einen Umweg von eineinhalb Stunden bedeutet.
Der Weg zum kleinen Wasserfall ist gesäumt mit zahlreichen Verkaufsständen und Fressbuden. Es sei ein beliebtes Ausflugsziel für Kirgisen und am Wochenende herrsche hier reger Betrieb. Wir können uns bildlich vorstellen, wie laut und lebhaft es zu und her gehen mag – auch heute vergnügen sich viele Leute. Der Wasserfall selbst stellt für uns kein Highlight dar, aber davon war sowieso auszugehen. Wir entfernen uns vom Rummel, suchen uns am Fluss einen schattigen Fleck für eine Verschnaufspause. Auch wasche ich hier die Haare, denn mit dem Rinnsal unserer Dusche gestaltet sich eine Kopfwäsche einerseits schwierig, auch ist es abends meist schon empfindlich kalt für einen nassen Haarschopf – für Rolands kurzen Pelz ist das alles kein Problem. Jetzt in der nachmittäglichen Hitze bewahrt das kalte Flusswasser sogar einen angenehm kühlen Kopf…
Heute Morgen spielt uns das Wetter einen Streich – ein ausgedehntes Gewitter zieht über die grau verhangenen Berge. Als die Niederschläge etwas nachlassen, schnüren wir dennoch optimistisch die Wanderschuhe. Auf dem langen Umweg über das Dorf, um die dort angeblich einzige Brücke zu überqueren, rufen uns an jeder Hausecke Kinder aufgeregt zu: “Foto, Foto!” Hübsch posieren sie für ein Bild und lieben es, sich danach im Display der Kamera zu bestaunen. “Spasiba”, bedanken sich Mädchen lächelnd auf Russisch – vereinzelt strecken uns Jungs die hohle Hand entgegen. Es ist nicht zu verkennen, dass der Tourismus hier Einzug gehalten hat.
Nach dem Regen ist es schwül, das Gehen ist schweisstreibend. Endlich sind die zusätzlichen 200 Höhenmeter – runter und rauf! – geschafft und wir sind parat für unsere eigentlichen Wanderpläne. Wir schlagen den Weg zum “Heiligen Felsen” ein, einem muslimischen Wallfahrtsort auf knapp 3000 Metern. Doch für den gesamten Aufstieg fehlt uns die Zeit sowie die Kraft. Aber egal, dennoch geniessen wir es, allein in der friedvollen Natur unterwegs zu sein. Über ausgedehnte, saftig grüne Alpweiden, wo Kühe genussvoll grasen und Pferde aufgeregt wiehern, gelangen wir zu einer Krete. Rund 500 Meter oberhalb unserer Köpfe thront der besagte eckige Riesenstein und droht, jeden Moment abzustürzen. Umgeben von einer bunten Sommerwiese stopfen wir gierig unsere leeren Kalorienspeicher.
Mittlerweile kitzeln Sonnenstrahlen, die meisten Wolkenschwaden sind weitergezogen. Die Zeit ist reif für den Abstieg. Der oft mit Geröll übersäte Weg lässt uns langsam vorankommen, unsere müden Glieder meckern. Den Dorfrand erreicht, zieht uns der rauschende Fluss an eine leicht zugängliche Uferstelle. Gibt es nicht doch noch eine Möglichkeit, das Wasser zu überqueren? Sieht schlecht aus, ein Risiko möchten wir nicht eingehen. Plötzlich fällt unser Blick auf einen schmalen Steg wenige Meter weiter unten. Wir trauen unseren Augen kaum und sind erleichtert, dass uns der lange Umweg übers Zentrum wenigstens auf dem Rückweg erspart bleibt. Unglaublich, warum verrät uns denn keiner, dass es auf der Höhe unseres Homestays eine Brücke gibt?
Die wohlverdiente Dusche muss noch warten. Was in der Heimat eine Selbstverständlichkeit darstellt, erfordert hier Geduld und muss erst angemeldet werden. Innert einer Stunde ist das erfrischende Nass zum Genuss aufbereitet – der Schweiss ist längst getrocknet und ein leichtes Frösteln überzieht den Körper… Erschöpft sinken wir in die Kissen im luftigen Pavillon, geniessen den Frieden inmitten dem Blätterrauschen der Bäume. Munteres Vogelgezwitscher und Insektengezirpe umgibt uns. Die Dämmerung bricht herein. “Allah, Allah”, ruft der Muezzin in ohrenbetäubender Lautstärke, vermag die Geräusche der Naturkulisse und die heranwehenden Discoklänge vom weit entfernten, im Sowjetstil gehaltenen Feriencamp für eine Weile zu übertönen…
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