Dominikanische Republik – facettenreiche Südküste
Zu viert sitzen wir am karibischen Meer und schlürfen genüsslich einen Mojito. Nach einem kurzen Tropenschauer mogeln sich wieder erste Sonnenstrahlen durch feine Risse in der Wolkendecke, das Wasser glitzert. Für einmal startet unsere Reise anders, vertraute Gesichter sitzen mit am Tisch. Unsere Freunde Damaris und Peter sind fast am Ende ihrer Reise durch die Dominikanische Republik angelangt und versorgen uns mit wertvollen Tipps. Die gemeinsame Zeit ist leider kurz, reicht aber noch für einen Bummel durch die beschaulichen Strassenzüge von Bayahibe. Der Küstenort im Südosten der Insel liegt rund eine Fahrstunde vom Flughafen Punta Cana entfernt, wo wir gestern in der Abenddämmerung gelandet sind…
Dörflicher Charme in Bayahibe
In Bayahibe fühlen wir uns auf Anhieb wohl. Im ehemaligen Fischerort finden wir einen guten Mix aus touristischer Infrastruktur für Individualreisende und lokalem Alltagsgeschehen. Männer sitzen draussen und spielen eine Runde Domino, Kinder vergnügen sich in den Strassen. Ab dem späten Nachmittag schallt jeweils Musik aus verschiedenen Richtungen. Am lautesten zu und
her geht es in den Colmados, wie die Gemischtwarenläden mit Alkoholausschank hier heissen. Es fliesst reichlich Bier, man trifft sich zum Trinken und Flirten. Wir hausen im Bayahibe Guesthouse inmitten des Dorfzentrums, wo uns die lauten Klänge jede Nacht in den Schlaf begleiteten. Und falls nicht: Ohropax sei Dank. Doch erstaunlich rasch gewöhne ich mich an den abendlichen Lärm, den wir auf unserer Reise noch vielerorts antreffen werden.
Jeden Morgen wird Bayahibe von Dutzenden Reisebussen heimgesucht, die massenhaft Tagesausflügler ausspucken. Die Pauschalurlauber residieren in einem der vielen All-Inclusive-
Resorts der Umgebung und steigen sogleich in die bereit liegenden Boote zur nahen Isla Saona. Die vorgelagerte Trauminsel wird regelrecht von Touristen überschwemmt und deshalb verspüren wir keinerlei Lust auf einen Besuch. Stattdessen flanieren wir dem Strand entlang, an dessen Ende sich abends die zurückkehrenden Boote tummeln und das Wasser kaum mehr auszumachen ist. Besser Schwimmen lässt es sich am Magellanes Beach, eine winzige Bucht ausserhalb des Dorfes. Das angenehme Bad erfrischt die von der Zeitverschiebung geplagten Lebensgeister.
Mit dem öffentlichen Kleinbus, einem sogenannten Guagua, gondeln wir anderntags ins Nachbardorf. Der langgezogene Strand von Dominicus ist mit Kokospalmen gesäumt, türkisblaues Wasser leckt am schneeweissen Sand. Ein Karibiktraum, gäbe es keine betriebsamen Ferienanlagen, wo sich Liegestuhl an Liegestuhl reiht. Die Sonne brennt kräftig vom blauen Märzhimmel, kaum eine Brise
weht. Die schwüle Hitze macht den Strandbummel anstrengend, Schweiss drückt aus allen Poren. Den Massentourismus hinter uns gelassen, finden wir gutmütige Ruhe. Ausgelaugt lege ich mich in den Schatten. Der Kopf schmerzt, der Hals ebenso. Seit gestern fühle ich mich unwohl, am nächsten Morgen fällt deshalb gar der geplante Tauchausflug ins Wasser…
Und schon ist er da, der letzte Abend in Bayahibe. Vier Tage sind verstrichen, der Jetlag verdaut – nur kränklich fühle ich mich noch immer. Wie jeden Tag sind wir zum Sonnenuntergang in einem der kleinen Lokale am Strand anzutreffen. Dunkle Wolken ballen sich stimmungsvoll am Himmel, Boote schaukeln im Wasser. Der sinkende Sonnenball wirft seine Strahlen über die Bucht und auf unsere noch bleichen Gesichter. In unserem Stammlokal besänftigen wir die knurrenden Mägen vorerst mit einem feinen Mojito, der hoffentlich nicht nur dem Gemüt, sondern auch meiner Gesundheit gut tut. Inzwischen duftet das Essen vor unserer Nase und der Wolkenstreifen am Horizont hat sich orangerot verfärbt.
Die Hauptstadt Santo Domingo
Am nächsten Vormittag begleitet uns Titika zur Bushaltestelle. Gütig verfrachtet uns der schwarze Angestellte des Gästehauses ins richtige Gefährt. Schon legt der halbvolle Bus los. Alles klappt wie am Schnürchen, auch das Umsteigen in La Romana, der nächsten grösseren Stadt. Auf der Autobahn brausen wir in Richtung Westen. Zuckerrohrfelder prägen die Gegend, Müll liegt am Strassenrand. Drei Stunden später kommen wir in Santo Domingo an, wo es im Gewusel der Innenstadt nur noch im Schneckentempo vorangeht. Die letzten Strassenblocks bewältigen wir zu
Fuss und stehen um zwei Uhr nachmittags an der Rezeption des Casa Sanchez, das mitten in der Zona Colonial der Hauptstadt liegt. „Das gebuchte Hotelzimmer ist erst um drei Uhr bezugsbereit“, erläutert uns die Dame an der Rezeption gleichgültig, und wir lassen uns in eines der umstehenden Sofas plumpsen. Unsere Blicke schweifen durch den reizvollen, im Kolonialstil gehaltenen Eingangsbereich. Es ist stickig heiss, immerhin verströmt der rotierende Deckenventilator einen Windhauch.
Santo Domingo zählt heute etwa drei Millionen Einwohner, was rund ein Drittel der Inselbevölkerung entspricht. Hier, in der ältesten Stadt der Neuen Welt, begann die Geschichte Amerikas. Der historische Kern wartet mit über 500 Jahre alten Gebäude auf, und wir freuen uns auf einen ersten Stadtbummel. Doch kaum unser anheimelndes Schlafgemach bezogen, öffnet der Himmel seine Schleusen und es bleibt regnerisch. Am nächsten Morgen ist die Sonne wieder zurück.
Wir frühstücken in einem der Restaurants am Parque Colon und beobachten das Geschehen. Es ist Sonntag und neben den Touristen sind auch viele Einheimische auf den Beinen. Beim riesigen Platz mit den ausladenden Bäumen trifft man sich, trinkt einen Kaffee oder Rum, raucht eine Zigarre. Kinderlachen erfüllt die Luft, Jung und Alt füttern Tauben. In der Mitte des Platzes erhebt sich eine Statue von Kolumbus und in dessen Rücken eine Kathedrale: die erste Kirche von Amerika.
Doch alles ist in der Altstadt nicht alt. Auch längst nicht alle Bauten sind hübsch. Hier und da ein nettes Café oder eine hippe Bar, Geschäfte, Galerien und Museen. Gefühlt an jeder Ecke steht eine Kirche. Bunte Fassaden zieren die Häuserzeilen, häufig halten wir inne und fotografieren. An der Strasse parken erstaunlich schicke, auf Hochglanz polierte Autos, ja gar fette Geländewagen. Daneben wirken die wirr herabhängenden Stromkabel wie aus einer anderen Epoche. An vielen Stellen öffnen sich kleine oder grössere Plätze, die Atmosphäre ist entspannt, Verkehr fliesst wenig. Ausserhalb der Altstadt stauen sich Blechlawinen, dort geht es chaotisch und laut zu und her. Weitere Schattenseiten der modernen Metropole sind riesige Armenviertel und mancherorts Kriminalität. Mittags fallen erste Tropfen, und kurz darauf regnet es in Strömen. Es bleibt bewölkt und nass. Der Parque Colon ist nun ausgestorben, das bunte Treiben wie weggespült.
Heute ist unser Entdeckerradius etwas grösser, und wir steuern mit dem Taxi ein Naturspektakel inmitten der Stadt an: Los tres Ojos. „Die drei Augen“ sind unter der Erdoberfläche gelegene Seen, die nach oben hin offen sind. Dem Namen zum Trotz handelt es sich nicht um drei, sondern um vier Seen. Die bizarre Landschaft entstand einst durch den Zusammenbruch verschiedener
Höhlensysteme. Es ist gegen halb zehn und wir sind fast die ersten, die über Treppen in die Unterwelt hinabsteigen. Noch ist es ruhig hier. Zwischen Schlingpflanzen, Stalaktiten und Fledermäusen vergessen wir fast, dass wir uns in einer Grossstadt befinden. Die Morgensonne scheint, die Seen schimmern türkisfarben. Doch es dauert nicht mehr lange, bis uns ein heftiger Regenguss überrascht.
Wir rufen erneut ein Taxi und lassen uns zur Seilbahnstation im Norden der Stadt chauffieren. Die Seilbahn ist nicht etwa eine Touristenattraktion, sondern in erster Linie ein Verkehrsmittel für die Einheimischen, und die fünf Kilometer lange Fahrt ist für uns Ausländer dementsprechend günstig. Wie riesige bunte Bonbons schweben die kleinen Gondeln über die nördliche Peripherie der Hauptstadt. Jetzt am späten Vormittag sind nicht viele Leute unterwegs, und wir haben eine Gondel
für uns allein. Fasziniert blicken wir über das Dächermeer bis hin zu den Ausläufern der Gebirgsketten am Horizont. An den Zwischenstationen bleiben wir sitzen und an der Endstation angekommen, gondeln wir umgehend zurück. Am Himmel ballen sich bereits wieder düstere Regenwolken, von einem auf den nächsten Moment schüttet es kräftig. Mancherorts sind die Strassen rasch überflutet, das Wasser fliesst nur langsam ab. Das unberechenbare Regenwetter hält leider bis abends an…
Ich bin etwas aufgeregt, wie meistens vor einer Mietwagenübernahme. Ob auch alles klappt und das Auto einen vertrauenswürdigen Eindruck erweckt? Für dieses Mal sind meine Sorgen unbegründet, alles läuft perfekt und die freundliche Dame am Tresen der Vermietstation spricht fliessend Englisch. Wir haben vorab einen kleinen SUV gebucht und erhalten unerwartet ein kostenloses Upgrade auf einen grösseren Wagen, einen Nissan Qashqai. Das weisse Gefährt schaut aus wie neu, die Reifenprofile sind zu unserer Überraschung einwandfrei. Schon beim Verlassen der Vermietstation sind wir froh um etwas mehr Bodenfreiheit, da zwischen Parkplatz und Strasse eine tiefe Rinne verläuft. Der Motor schnurrt wie eine zufriedene Katze. Mit dem Vormittagsverkehr rollen wir westwärts über die mehrspurige Autopista, allmählich aus der Hauptstadt hinaus.
Dunas de Bani – ein riesiger Sandkasten
Die Stadt Bani erreicht, zweigen wir nach Las Salinas ab. Das staubige Nest am Ende der Landstrasse liegt an der Spitze einer Halbinsel, knapp hundert Kilometer von Santo Domingo entfernt. Unterdessen brennt die Mittagssonne steil vom Himmel, das Thermometer ist auf 32 Grad geklettert. Las Salinas ist nicht viel mehr als ein kurzer Strassenzug mit ein paar Colmados, wo wir immerhin einen Trinkwasservorrat kaufen können. Die Menschen leben vom Fischfang und vom Salz, das hier gewonnen wird und dem Ort seinen Namen gab. Es bläst ein strammer Wind und in der fast geschlossenen Bucht schlägt der Ozean Wellen. Die Hauptattraktion sind die Dunas de Bani, die höchsten Sanddünen der Karibik.
Bevor wir die Dünenlandschaft erkunden, checken wir im gebuchten Hotel Sava Salinas ein. Der Garten mit Palmen und weiteren tropischen Pflanzen wirkt einladend. Eine freundliche Angestellte begleitet uns zu einem Bungalow direkt am Wasser. Unser geräumiges Zimmer im oberen Stock bietet wunderbaren Meerblick, wir sind aus dem Häuschen. Auf dem Balkon ruhen wir uns etwas aus und warten, bis die grösste Hitze des Tages vorbei ist. Ich fühle mich wieder gesund, nun ist es Roland, der kränkelt. Trotzdem machen wir uns spätnachmittags zu den Dünen auf.
Der Eingang des Naturreservates liegt gleich auf der gegenüberliegenden Strassenseite, hier wird ein Eintrittsgeld kassiert. Der Sand unter unseren Füssen erzählt von der Hitze des Tages; Schatten gibt es keinen. In Socken und Sandalen stiefeln wir durch den riesigen Sandkasten. Die bis zu 35 Meter hohen Sanddünen sind mancherorts überwachsen und unzugänglich. Bergan schnaubend suchen wir uns einen Weg bis auf einen der hohen Dünenkämme, wo auf der anderen
Seite plötzlich in der Ferne das Türkisblau des Ozeans zu sichten ist. Durstig hocken wir uns in den weichen Sand. Das Naturschutzgebiet ist leider nur bis fünf Uhr geöffnet, obschon es erst um sieben eindunkelt. Nun zeigt die Uhr schon halb sechs. Was solls. Gelassen geniessen wir das weite Sandmeer. Ein Schlupfloch, um aus dem eingezäunten Areal zu kommen, finden wir bestimmt.
Pedernales Halbinsel – im wilden Südwesten
Am nächsten Morgen gehen wir es gemütlich an. Wind wirbelt durch die Palmwedel, während wir am Meer ein spätes Frühstück schmausen. Es ist friedlich hier, es gibt kaum andere Gäste. Unsere einzige Sorge: Rolands Stirn fühlt sich fiebrig an. Trotzdem will er weiterreisen, und wir fahren mittags nach Bani zurück. Die Region ist für ihre Mangos bekannt, die hier das ganze Jahr über reifen und sich mancherorts am Strassenrand zum Verkauf auftürmen. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen, und wir erstehen ein halbes Dutzend, das, ohne um den Preis zu feilschen, nur etwas mehr als einen Schweizerfranken kostet. Dann steuern wir Richtung Westen, kurven zuerst durch eine bergige Gegend. Dann zieht sich die breite Landstrasse durch eine trockene Umgebung, gelegentlich unterbrechen Ortschaften oder grüne Zuckerrohrfelder die karge Szenerie. Der Südwesten der Dominikanischen Republik ist dünn besiedelt und wird wenig bereist, grosse Hotels gibt es keine.
Drei Stunden sind verstrichen. 150 Kilometer liegen hinter uns, als wir nachmittags Barahona auf der Pedernales Halbinsel erreichen. Durchgangsverkehr brummt durch die Stadt. Es ist brütend heiss. Ausserhalb Barahona steuern wir das Hotel Playazul an, das über der wilden Küste thront. An der Rezeption fragen wir nach einem freien Zimmer. Die kleine Hotelanlage mit Pool, Palmen und offenem Restaurant ist entzückend, die Zimmer sind allerdings ohne Charme und verhältnismässig teuer. Doch wir bleiben, die spektakuläre Lage entschädigt und Meeresrauschen ist inklusive. Das kühle Bad im Schwimmbecken tut gut, das Abendessen hoch über dem blauen Ozean ist lecker. Und schon geht der sonnige Tag in eine laue Nacht über.
Am nächsten Vormittag sind wir wieder auf Achse. Unser heutiges Etappenziel ist Pedernales. Die kurvige Strecke führt erst südwärts der Küste entlang, der Strassenbelag ist vielerorts löchrig und aufgerissen. Wir durchqueren kleine Dörfer. Zahlreiche Bremsschwellen nötigen uns, das Tempo zu drosseln. Die „liegenden Polizisten“ sind unverschämt hoch, die gute Federung und die Bodenfreiheit unseres SUV Gold wert. Immer wieder bieten sich malerische Ausblicke über den
sattblauen Meeresteppich – wir sind begeistert. Auch unser Reisehandbuch schwärmte uns vor: Die Carretera 44 ist eine der schönsten Strassen des Landes. Nun gräbt sich der Asphalt ins Landesinnere. An der Laguna de Ovieda halten wir kurz an. Der grüngelbe, stark salzhaltige See ist von Mangrovensümpfen umgeben, die einer Kolonie rosaroten Flamingos Schutz bieten. In der glühenden Mittagshitze verzichten wir aber auf die angepriesene Bootsfahrt und reisen lieber im klimatisierten Auto weiter. Auch ist der Bootsausflug kein Schnäppchen.
Weiter durch den Parque Nacional Jaragua, einen menschenleeren, urwüchsigen Landstrich. Im Nationalpark ragen meterhohe Kakteen auf. Es ist die trockenste Region des Landes. Die Fahrbahn haben wir inzwischen fast für uns allein, nur gelegentlich kreuzt uns ein Vehikel. Nur wenige ausländische Touristen lockt es in diese entlegene wüstenhafte Zone. Drei Fahrstunden sind um und
120 Kilometer gefressen – Pedernales ist erreicht. Die Kleinstadt am südwestlichsten Zipfel des Landes ist das „Allerletzte“, liegt sie unmittelbar an der Grenze zum Nachbarland Haiti. Wir gucken ein paar Unterkünfte an, die uns allesamt nicht begeistern. Rasch ändern wir unsere Pläne und kehren dem unspektakulären Ort den Rücken. Stattdessen schwenken wir zur 30 Kilometer entfernten Küste ab…
Traumhafte Bahia de Las Aguilas
Über eine ungeteerte Piste stauben wir der Playa La Cueva entgegen und holpern stellenweise über groben Schotter. Am Ende des langgezogenen Strandes liegt die Glamping Eco Lodge. Ihre Lage ist unschlagbar, die Bewertungen im Internet durchzogen, das Preis-Leistungs-Verhältnis eher schlecht. Darum wollten wir ursprünglich nicht hier übernachten. Nun tun wir es doch. Ein junger Kerl zeigt uns ein paar der nahe beieinander liegenden
Zelte, allesamt mit einem Doppelbett und Ventilator ausgestattet. Dusche und Klo sind ausserhalb und werden mit anderen Gästen geteilt. Es herrscht Zeltplatz-Atmosphäre; die Betreiber nennen es Glamping. Glamping definiert ein Mix aus Glamour und Camping und vereint Natur sowie Luxus. Knapp hundert Dollar blättern wir für das schlichte Zelt hin, das mit „glamourös“ wenig zu tun hat. Der Luxus liegt eindeutig vor der Haustüre. Oder treffender ausgedrückt: vor dem Zelt.
Der karibische Ozean schimmert türkisfarben in der Nachmittagssonne, die um vier Uhr noch mit voller Wucht vom Himmel knallt. Ich schwitze, Roland fühlt sich krank. Wir gönnen uns erstmals einen erfrischenden Fruchtsaft im Restaurant, bevor wir ins Meer gleiten. Allmählich senkt sich die Sonne dem Horizont entgegen und wirft ihr sanftes, rötliches Licht über die Strandlandschaft. Jetzt ist die Tropenluft angenehm und wir beobachten, wie der glühende Ball um sieben Uhr in der weiten Karibik versinkt. Anschliessend harren wir im
Restaurant eine gefühlte Ewigkeit auf das bestellte Abendessen. Nachts schlafen wir schlecht. Wind rüttelt an den nur locker gespannten Zeltwänden, der Stoff flattert laut. Morgens am Meer aufzuwachen ist wunderbar, das Frühstück tupft wiederum weniger unseren Geschmack. Das kleine Buffet gibt nur Kartoffelstock, Rühreier und Bratkäse her, alles lauwarm und pampig. Tee suche ich auf der Kaffeetrinker-Insel einmal mehr vergeblich…
Abermals blicken wir zum Himmel hoch. Bereits sind viele Wolken aufgezogen, und wir sind hin und her gerissen, ob sich der Ausflug zur Bahia de Las Aguilas überhaupt lohnt. Die Adlerbucht ist Teil des Nationalparks Jaragua und am bequemsten auf dem Wasser zu erreichen. Das Chartern eines Bootes kostet umgerechnet 55 Franken – ein stolzer Preis für eine nur zehnminütige Fahrt. Hinzu
gesellt sich die Eintrittsgebühr für das Naturschutzgebiet. Als die Sonne wieder durch die Wolkendecke blinzelt, entscheiden wir uns, rasch loszulegen. Mit einem kleinen Motorboot schippern wir aufs Meer hinaus, an spannenden Felsformationen vorbei. Bald gerät die angepeilte Bucht in unser Blickfeld. „Wann soll ich euch wieder abholen“, fragt der Kapitän, als er uns am Strand absetzt. Es war uns nicht bewusst, dass die Wartezeit nicht im Preis enthalten ist, sondern wir uns im Voraus auf eine fixe Abholzeit festlegen müssen.
Der Sand ist puderfein und schneeweiss. Das glasklare Wasser leuchtet in einem satten Türkis und plätschert beruhigend an den Strand. Die Bahia de Las Aguilas ist ein traumhafter Fleck, idyllisch und naturbelassen. Infrastruktur gibt es keine, ebenso keine Palmen, nur Büsche und vereinzelte Bäume. Es ist zehn Uhr morgens, noch sind kaum andere Leute hier. Die sichelförmige Bucht ist über fünf Kilometer lang und wir brechen vergnügt zu einem einsamen Strandspaziergang
auf. In Kürze rauben dunkle Wolkenschwaden der Sonne die Kraft, erste Tropfen fallen vom Himmelsdach. Ehe wir uns versehen schüttet es wie aus Eimern. Flink ziehen wir unsere Kleider aus und stopfen diese zum Trockenhalten in den Rucksack. Die Badehose und Haare sind im Nu tropfnass und es
bläst uns ein heftiger Wind entgegen. Wie begossene Pudel stehen wir nun fröstelnd unter einem lichten Baum, schmiegen uns aneinander und versuchen, uns gegenseitig aufzuwärmen. Nach einer geraumen Weile lässt der Regen endlich nach. Allerdings hängen die Wolken hartnäckig über uns fest. Fehlt die Sonne, fehlen nun auch die Farben – leider.
Überpünktlich holt uns das Boot um die Mittagszeit ab. Anschliessend erklimmen wir die Kippen, die beim Eingang des Nationalparks aufragen, dort, wo auch unsere Unterkunft liegt. Ein steiniger Pfad führt steil bergan, an faszinierenden Kakteen vorüber. Die Tropensonne kämpft sich erfolgreich zurück, die schwüle Luft erdrückt uns beinahe. Schweiss perlt aus den Poren, Rinnsale strömen über meine Haut. Auf dem Plateau angekommen, schlagen unsere Herzen höher – nicht nur der Anstrengung, sondern auch dem berauschenden Ausblick wegen.
Zurück nach Barahona…
Frühnachmittags setzen wir uns wieder hinters Steuer und nehmen dieselbe Strecke unter die Räder wie gestern, lediglich „rückwärts“. Wir nächtigen erneut südlich von Barahona, dieses Mal in der Casa del Mar Lodge, die nahe der Hauptstrasse etwas erhöht über der wilden Küste liegt. Von der grossen Veranda des Zimmers blicken wir auf einen weitläufigen Palmengarten und die sich überschlagen Wellen. Die Abendsonne verabschiedet sich gerade hinter die Dächer, und wir verwöhnen unsere Gaumen auf der luftigen Restaurantterrasse hoch über dem Wasser. Das Tosen des Ozeans übertönt den Verkehrslärm. Es ist herrlich hier.
Anderntags fühlt sich Roland noch immer schlapp, und er hustet. Beim Frühstück verschluckt das laute Meeresrauschen zum Glück seine Hustenanfälle. Ist wohl das Coronavirus schuld? Gut
möglich, doch so genau wollen wir es gar nicht wissen. Wir entscheiden kurzerhand, hier einen Ruhetag einzulegen und ziehen uns auf die schattige Veranda zurück. Die Palmwedel wispern in der Brise, das Meer funkelt. Gebannt beobachten wir das entschleunigende Wellenspiel – Balsam für die Seele. Auch ohne etwas zu unternehmen, verfliegen die Stunden…
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