Dornteufel der Peron Peninsula
Wie ein dünner sandiger Finger ragt die Peron Peninsula tief in die Shark Bay hinein. Dicht mit Buschland überzogen, vom Türkisblau des Indischen Ozeans umgeben. Der westlichste Teil des australischen Festlandes mit seinen geschützten Buchten und üppigen Seegrasweiden bietet nicht nur Haien einen Lebensraum, sondern auch Dugongs, Delfinen und weiteren Meeresbewohnern. Der warme Sand des roten Wüstenbodens stellt ein wahres Paradies für Reptilien dar. Fast hundert Arten bevölkern die 150 Kilometer lange Halbinsel – verschiedene Echsen, Drachen und Schlangen.
Vom Küstenhighway abgezweigt, bietet sich beim Hamelin Pool ein erster Zwischenhalt an. Die halbmondförmig geschwungene Bucht wartet mit einem weissen Sandstrand und seichtem Wasser auf. Dunkle Knollen ragen aus dem Meer, muten bei Ebbe wie Steine an. Es handelt sich um eine relativ junge Kolonie von Stromatoliten – „nur“ 2000 Jahre tragen sie auf ihrem Buckel. Die korallenartigen Formationen wurden durch Mikroorganismen gebildet, und gedeihen im flachen Salzwasser prächtig. Diese Bakterienkulturen wachsen jedoch nur sehr langsam, lediglich fünf Zentimeter in 100 Jahren. Ein Plankenweg führt über das plätschernde Wasser – die „wachsenden“ Steine geben ein hinreissendes Bild ab.
Vor unserer Nase klatschen fette Regentropfen schwerfällig auf die Windschutzscheibe. Der Spuk im Handumdrehen vorbei, bahnt sich die Sonne einen Weg durch das stimmungsvolle Wolkendach. Beim Shell Beach angekommen, schwebt über uns ein Himmelblau. Abermillionen winzige Muscheln, nur fingerkuppengross, bilden den blendend weissen Strand. Der breite Streifen erstreckt sich über 100 Kilometer. An gewissen Stellen ist die feine Muschelschicht bis zu zehn Meter tief, wurde teilweise abgebaut und als Baumaterial für Häuser genutzt.
Zahlreiche Aussichtspunkte säumen die monotone Strecke. Eagle Bluff ist einer davon. Auf dem Felsvorsprung spotten wir im klaren seichten Wasser sogar von blossem Auge zwei Stachelrochen. In den Sanddünen oder am Strand ist mancherorts wildes Campen erlaubt, jedoch nur mit einer kostenpflichtigen Genehmigung. Hoch über dem Ozean im hellen Sand, nippen wir ein Glas Rotwein zum Sonnenuntergang. Der glühende Ball abgetaucht, sinken die Temperaturen rasant und kühlen das warme Abendessen in Windeseile ab… Im Morgengrauen wabert Feuchtigkeit durch unser Schlafzimmerfenster herein, draussen triefen Tisch und Stühle vor Nässe. Die Sonne scheint gefiltert durch eine graue Nebeldecke und verleiht dem Wasser einen zartblauen Schimmer. Eklige Sandfliegen umschwirren uns, trüben den mystischen Frieden.
Nur noch wenige Fahrkilometer trennen uns vom kleinen Denham, Australiens westlichstem Ort, dem einzigen der Region. Das beschauliche Feriendorf liegt herrlich am tiefblauen Meer. Der Ortsausgang und die fotogene Little Lagoon erreicht, reisen die meisten Touristen ins bekannte Monkey Mia weiter. Das geschäftige Touristenresort, wo jeden Morgen „wilde“ Delfine gefüttert werden, lassen wir links – eigentlich rechts – liegen, und steuern stattdessen erwartungsvoll dem Francois Peron Nationalpark entgegen. Bald liegt der Parkeingang vor unseren Rädern, wo es nur noch mit Allradantrieb und reduziertem Reifendruck weiter geht. Während wir Luft aus unseren Pneus ablassen, taucht plötzlich ein gut gelaunter Ranger auf und versorgt uns mit Ratschlägen für das Erkunden des riesigen Sandkastens.
Der Francois Peron Nationalpark befindet sich an der spektakulären Nordspitze der Peron-
Halbinsel. Das Naturschutzgebiet ist nach einem französischen Entdecker und Zoologen benannt und nimmt rund 500 Quadratkilometer ein, was in etwa der Grösse des Kantons Obwaldens entspricht. Früher wurde die Peron Peninsula als Schaffarm genutzt, erst im Jahre 1990 kaufte die Regierung das Land zurück und deklarierte es als Nationalpark. Die von niedrigem Buschwerk bedeckte Landschaft ist geprägt von lehmigen Salzpfannen und roten Sanddünen, hinter denen sich geschwungene Buchten mit weissen Sandstränden verbergen.
Mit weichen Reifen gleiten wir sachte über weichen Sand. Eine rote Schneise bahnt sich meist nur einspurig durch das Gestrüpp, wirft manchmal Bodenwellen oder wartet mit tiefsandigen Stellen auf. Unser Geländewagen schnurrt, schafft sich mit seinen verbreiterten Pfoten mühelos durch den losen Sand. Die schmale Piste führt meist geradeaus und endet nach 50 Kilometern am Cape Peron im Norden, verliert sich für unser Auge jedoch weit entfernt am Horizont. Unterwegs locken verschiedene Abstecher. Die Big Lagoon schimmert in vielen Blautönen und gibt für das Stillen unserer knurrenden Bäuche eine entzückende Kulisse ab.
„Ein Teufel“, jauchzt Roland. Blitzschnell drosselt er das Tempo, reisst das Steuer herum und bringt unseren Landcruiser am Pistenrand zum Stillstand. Euphorisch springen wir in den Sand, wo der Dornteufel noch immer seelenruhig mitten auf der roten Fahrbahn verharrt. Eingehend bestaunen wir das eigenartige Geschöpf, dessen ganzer Körper mitsamt Schwanz und Beinen von grossen, harten Stachelschuppen und Dornen besetzt ist. Über jedem Auge sitzen wie zwei Hörner seine grössten Stacheln. Die gelbbraun gemusterte Echse erweckt einen gefährlichen Eindruck, hat sein stachliges Gewand jedoch nur zu seiner Verteidigung. Auch dienen ihre Körperstacheln der Tarnung und lassen ihr auf den ersten Blick das Aussehen eines welken Blattes verleihen.
Mutig schaufelt Roland das harmlose Reptil in seine Hände, um ihn vor weiterem Verkehr zu retten, wie es uns der Ranger zuvor ans Herz gelegt hat. Die Gesamtlänge der eindrücklichen Kreatur misst rund zwanzig Zentimeter. Den Schwanz stets in die Lüfte gereckt, ist sie hervorragend an ihren Lebensraum angepasst. Die Beine sind lang, um sich fortbewegen zu können, ohne den Bauch über den heissen Wüstensand zu schleifen. Die teuflische Echse verfügt über dünne Rillen zwischen ihren Schuppen. Zum Trinken benutzt sie nicht etwa den Mund, sondern Flüssigkeit wird durch diese intelligenten Furchen in Richtung Mundwinkel geführt, indem sie entweder ein Bein ins Wasser taucht oder den Tau der kalten Wüstennächte ausnutzt. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Ameisen und Termiten, die auf der klebrigen Zunge hängen bleiben. Wir sind überwältigt – zum Glück haben wir den trägen Dornteufel nicht überfahren.
Wieder auf Achse, kreuzen wir nur selten andere Vehikel. Auch auf dem Campingplatz an der Bottle Bay begegnen uns kaum Abenteuerlustige. Während den Schulferien platze der Nationalpark aus alle Nähten, verriet uns der charmante Ranger, doch heute bleiben wir beinahe allein. Auf dem rotsandigen Flecken häuslich eingerichtet, sind es nur noch wenige Schritte zum – erstaunlicherweise – schneeweissen Strand. Glückselig lassen wir uns spätnachmittags in eine Sanddüne plumpsen, und landen weich. Die letzten Sonnenstrahlen gierig in uns aufsaugend, stossen wir mit einer Dose Bier beherzt auf 100 Wochen „in der Welt daheim“ an…
Die nördlichste Spitze der Halbinsel ist nur noch einen Katzensprung entfernt. Zwei Angler warten morgens geduldig auf einen Fang, ansonsten ist das Cape Peron noch sich selbst überlassen. Auch hier trifft roter auf weisser Sand, liebevolle Dünen und schroffe Klippen verschmelzen mit dem Strand. Das leuchtende Türkis des Wassers bildet einen zauberhaften Farbkontrast. Ein ausgeschilderter Wanderpfad lotst uns in einer gemütlichen Stunde vom Kap zum Skipjack Point, wo wir auf einer windumtosten Aussichtsplattform über den aufgewühlten Ozean spähen. Den Blick nach rechts, auf eine wohlgeschwungene Bucht gerichtet, können wir uns kaum sattsehen. Von cremefarben über goldorange bis rostrot – die sanfte Farbenpracht ist eine Augenweide.
Der halbe Tag längst im Sande verlaufen, machen wir uns überwältigt auf den Rückweg. Mehrere schlichte Übernachtungsplätze auf kurzen Stichpisten erreichbar, verteilen sich an der Küste. Hier finden wir kein fliessendes Wasser, sondern nur ein Plumpsklo, doch die sanitären Anlagen sind uns piepegal. Ist es genau das naturnahe Campen, das für uns den Reiz ausmacht. Unsere heutige Wahl fällt auf South Gregories, ein berauschender Platz an einem felsigen, mit Muscheln durchsetzten Küstenstrich. Nur wir, und einen Haufen Sand. Der Wind legt an Stärke zu und abends verziehen wir uns fröstelnd in den Camperbauch. Lautes Meeresrauschen begleitet uns in unsere Träume…
Der nächste Morgen erweckt den Anschein, an einem anderen Ort aufzuwachen. Ekliger Nieselregen und dunkle Wolkenschwaden lassen uns den neuen Tag langsam angehen. Die Sonne erkämpft sich hartnäckig ihr Dasein. Ein letzter Abstecher. Am langen Strand von Herald Bight bieten sich gute Möglichkeiten, etwas mehr 4×4-Erfahrung in tiefem Sand zu gewinnen. Roland tobt sich aus, während der Himmel urplötzlich seine Schleusen öffnet. Der fluffige Sand nun durchnässt, gestaltet sich das Unterfangen etwas weniger schwierig. Zurück in Denham hat die Sonne ihr Lachen wieder gefunden, aber es bläst stürmisch. Zeit für einen Cappuccino, windgeschützt in einem einladenden Café…
Die vierte und letzte Nacht auf der Peron Peninsula verbringen noch einmal an der Eagle
Bay, diesmal nicht auf den Dünen thronend, sondern unten am Strand. Böen wirbeln uns um die Ohren, doch ein Gläschen Wein am Wasser lassen wir uns trotz garstigen Wetterverhältnissen nicht nehmen. Mit der untergehenden Sonne sinkt auch das Thermometer. Die dunkle Nacht hereingebrochen, prasselt Regen auf unser Camperdach und ertränkt kläglich das Plätschern des Ozeans…
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