Durch die Wüste nach Yazd
Ein kleiner Ort, rundum nicht als Wüste. Toudeshk liegt rund 100 Kilometer östlich von Esfahan. Der Minibus hält am Strassenrand, lädt uns nach der Fahrt durch die staubige Gegend vor einer Handvoll Ladenlokalen aus. Ein paar Minuten nach unserem Anruf trifft Mohammad bereits ein und kutschiert uns in seinem grasgrünen Bus in sein Guesthouse. Hier spannen wir aus, tauchen ein in ein Leben abseits der Grossstädte, fern von Hektik und Verkehrslärm.
Das traditionelle Haus vom jungen Mohammad bietet fünf Gästezimmer, welche vollständig mit Perserteppichen ausgelegt sind. Im reizvollen Innenhof umgeben klassische Takhts, mit Teppichen und Kissen ausgelegte Sitzgestelle, das plätschernde Wasserbecken. Die Mahlzeiten werden gemeinsam auf dem Boden eingenommen – wie könnte es anders sein – auf Perserteppichen. Anfangs gestaltet es sich unbequem, im Schneidersitz zu speisen,
aber so langsam gewöhnen wir uns daran. Mohammads Haus ist kopftuchfreie Zone, was mir und auch den anderen weiblichen Gästen sehr entgegen kommt. Ansonsten herrscht, abgesehen vom eigenen Zimmer, auch in einem Hotel Kopftuchpflicht…
Hassan, ein aufgeschlossener Freund vom eher unzugänglichen Mohammad, lädt uns alle grosszügig in sein Haus zu einem Grillabend ein. Im Innenhof flammt ein Feuer, Teewasser wird aufgesetzt. Das heisse Getränk ist uns willkommen, denn abends kühlt es schnell ab, wir frieren. “Kein Wunder, Toudeshk liegt auf knapp 2100 Metern”, schmunzelt Mohammad. Die Zeit vergeht, das Feuer verglüht. Unsere Mägen knurren. Wann können wir wohl mit dem Abendessen rechnen? Endlich werden lange Fleischspiesse auf den Grill gelegt. Es ist fast zehn Uhr, als das leckere Buffet auf dem Teppich eröffnet wird. Dass das Nachtessen im Iran erst zu später Stunde eingenommen wird, ist jedoch üblich und nur für uns ungewohnt.
Das alte Dorf besteht mehrheitlich aus Lehmbauten. An vielen Häusern gibt es noch die früher typischen Holztüren mit zwei Arten von Anklopfern – einen ringförmigen für Frauen und einen quaderförmigen, der einen dunkleren Klang erzeugt, für Männer. So wissen die Bewohner bereits im Vorfeld, ob eine Frau oder ein Mann vor der Türe steht, respektive ein weibliches oder männliches Familienmitglied die Türe öffnen darf… Der Spaziergang durch die Gassen ist entspannt, Menschen winken uns freundlich zu. Von einem nahegelegenen Hügel bietet sich eine gute Sicht auf die umliegenden Berge, die aus der kargen Landschaft gucken.
Zum Sonnenuntergang in die Sandwüste… Die Dünen von Varzaneh liegen eine Fahrstunde entfernt im Süden. Leider zeigt sich das Wetter bedeckt und die Sandhügel wirken dementsprechend farblos. Wir stapfen trotzdem über die Dünenketten, lassen unseren Blick über das weite Sandmeer gleiten. Und dann, die Sonne versinkt schon fast am Horizont, lässt sich die orangefarbene Kugel ganz kurz blicken, taucht die Dünenlandschaft in warme Farben. Kurz darauf setzt die Dämmerung ein – um acht Uhr wird es jeweils dunkel. Der Fahrer drückt kräftig aufs Gaspedal, jagt den grünen Klapperbus durch die schwarze Nacht.
Wir haben zwei erholsame Tage in Toudeshk verbracht, die Zeit im Kreise anderer Weltenbummler genossen. Mohammad chauffiert uns morgens an die Hauptstrasse. Er mag zwar ein spezieller Typ sein, Organisationstalent besitzt er aber zweifelsohne. Nur wenige Minuten später trifft der Bus ein – wir sind verblüfft. Die wüstenhafte Gegend zieht an uns vorbei, am Horizont sind die Silhouetten von Bergketten auszumachen. Die kurzweilige Fahrt führt stets bergab, bis wir nach drei Stunden Yazd auf 1200 Metern ansteuern.
Die uralte Stadt liegt am Rande der Dasht-e Kavir, einer riesigen Sand- und Salzwüste, die den Osten des Landes dominiert. Die Altstadt präsentiert sich braun in braun. Lehmhäuser bilden enge Gassen mit teils überdachten Gängen und Kuppeln. Zahlreiche Windtürme ragen aus dem Häusermeer. Die sogenannten Badgirs sind natürliche Klimaanlagen, clever konstruiert, um schon leichte Brisen einzufangen und direkt in die Räume darunter zu leiten.
Ein Blickfang ist die wunderschöne Freitagsmoschee mit dem hoch aufstrebenden Eingangsportal und dem Doppelminarett, welche als Wahrzeichen der Stadt gilt. Ein grosser Teil des Bauwerks ist schlicht aus Ziegeln gemauert, was die farbigen Kachelmuster des Gebetssaals und der Kuppel umso mehr in Szene setzt. Geometrische Elemente und Schriftbänder vereinen sich in unterschiedlichen Blautönen, türkis und weiss – die Farbpalette ist ein Traum und passt hervorragend zur Lehmfarbe. Die persische Baukunst aus dem 14. Jahrhundert beeindruckt uns immer wieder – wir können uns kaum sattsehen.
Während Roland sich Zeit nimmt, die himmlische Moschee abzulichten, lasse ich mich nieder und gebe mich der göttlichen Atmosphäre hin. Eine Frau, verhüllt in einen schwarzen Chador, spricht mich an. Sie möchte Englisch praktizieren. “Wie ist es für dich, ein Kopftuch zu tragen?”, fragt mich die junge Frau nach einer Weile. Ich gestehe, dass ich es nicht mag und frage, was sie davon halte. “Ich liebe den Schleier”, verrät mir Tahera, “jeder Mann soll glauben, dass seine Frau die schönste sei”. Die 26-Jährige ist aber noch nicht verheiratet, sie studiert. Die gläubige Frau spricht viel über den Islam und ihre Träume, ein Leuchten steht in ihren Augen. Sie ist in konservativen Verhältnissen aufgewachsen und lebt noch immer bei
ihrer Familie, was bis zur Hochzeit üblich sei. “Ich wünsche mir fünf Kinder. Aber zuerst muss meine 30-jährige Schwester verheiratet werden – ich muss warten”, meint sie leicht bedrückt. Bis es zu einer Heirat kommt, braucht es angeblich viel Geduld. Erst muss ein interessierter Mann bei der Familie vorstellig werden. Wenn dann eine gegenseitige Sympathie vorhanden ist, müssen auch beide Eltern ihr Einverständnis geben. Der kleine Einblick in die islamische Welt der offenen Frau ist äusserst spannend…
Nach dem interessanten Gespräch bietet Tahera wohlwollend an, uns noch ein paar Ecken der Altstadt zu zeigen. Sie schleust uns durch schmale Gassen, wo man sich leicht verirren kann. In einem mehrstöckigen Teppichgeschäft begleitet sie uns auf dessen Dachterrasse. Es bietet sich ein reizvoller Blick auf die lehmfarbene Skyline und die umliegenden Berge. “Die Verkäufer glauben, ich bin eure Führerin”, erläutert uns die sympathische Muslimin lachend, “allein lassen sie mich nicht hoch. Euch aber auch nicht, ausser ihr kauft einen Teppich.” Na ja, und das haben wir nun wirklich nicht vor…
Die Stadt bietet nicht ganz so viele Sehenswürdigkeiten wie Shiraz oder Esfahan, gefällt uns aber der Gemütlichkeit wegen gerade so gut. Im Gassengewirr lässt es sich friedlich schlendern, nur ab und zu düst ein Motorrad vorbei, ansonsten ist es mucksmäuschenstill. Aber ein Bummel bei 35 Grad ist schweisstreibend, während der grössten Mittagshitze flüchten wir zurück in unsere Bleibe. Im Innenhof des traditionellen Hotels steht zwar verlockend ein Wasserbecken, welches aber leider kein Swimming Pool ist. Immerhin spenden viele Grünpflanzen etwas Schatten, Vögel zwitschern – das Ambiente ist herrlich.
Grundsätzlich sind wir von Museen wenig angetan, aber heute machen wir eine Ausnahme. Das Wasser-Museum ist in einem märchenhaften Gebäude untergebracht, welches selber der Besuch schon wert ist. Das Museum ist sehr eindrücklich und veranschaulicht das ausgeklügelte System der über 2000 Jahre alten Wassergewinnung der trockenen Gegend. Künstlich wurde ein ausgedehntes System von unterirdischen Kanälen, sogenannte Qanate, angelegt, wo das Schmelzwasser der Berge gesammelt und zur Bewässerung sowie als Trinkwasser genutzt werden kann.
Auf Dachterrassen findet man kleine einladende Restaurants. In luftiger Höhe schmausen wir feine persische Spezialitäten – Lammkebab mit Reis und Auberginen-Mus mit Fladenbrot. Unser Blick schweift über das braune Häusermeer, wo die grosse Kuppel der Moschee und die beiden hohen Minarette markant herausragen. “Allah, Allah!”, schrillt es von allen Seiten über die Dächer – Zeit für das abendliche Pflichtgebet. Mit einer Tasse dampfendem Tee lassen wir den Abend sowie die vergangenen vier Tage in Yazd ausklingen – im lauschigen Teehaus der beschaulichen Altstadt.
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