Durchs Karkara-Tal nach Almaty
Ein letztes Frühstück in Kirgistan – wir sind nicht traurig. Auf dem Tisch stehen bereits verschmierte Schalen mit Marmelade und Honig, daneben ein mit einem Plastikbeutel überzogener Korb mit Brotstücken. Wie häufig sich ein solches Bild hier bietet, oft den lieben langen Tag! Obwohl wir etwas früher wie zur vereinbarten Zeit auftauchen, sind die Spiegeleier nur lauwarm. In Zentralasien müssen wir uns meistens festlegen, werden am Vorabend nach der gewünschten Zeit für das Morgenessen gefragt… Unser Blick schweift durch den altmodisch eingerichteten Frühstücksraum zur düsteren Lobby, alles wirkt verstaubt. Doch der herzliche Hotelmanager und unser helles, bequemes Zimmer machen das alles wieder wett – neun Nächte sind im Nu vergangen.
Wir verlassen Karakol. “Kirgistan has big problem”, bemerkt unser Taxifahrer in gebrochenem Englisch, “so bad roads”. Die Strasse aus der Stadt ist von Schlaglöchern übersät. Nach einer Weile ist es Schluss mit Asphalt und wir stauben über eine Holperpiste an lieblich geschwungenen Hügeln vorbei. Die Region des Karkara-Tals ist nur dünn besiedelt, der gleichnamige Fluss bildet die Grenze zwischen Kirgistan und Kasachstan – öffentliche Verkehrsmittel gibt es so gut wie keine. In der Ferne leuchten im Süden hohe schneebedeckte Gipfel des Tien Shan-Gebirges. Eingestaubt treffen wir nach knapp zwei Stunden an der Grenze ein.
Von hier ist der weitere Verlauf unserer heutigen Reiseetappe ungewiss – auch auf der kasachischen Seite verkehren keine öffentlichen Verkehrsmittel zur Grenze. Angeblich warten Taxis, doch nicht immer. Der Grenzübergang ist nur im Sommer geöffnet und werde auch dann eher selten benutzt. Zu unserem Erstaunen warten nun auf beiden Seiten einige Autos. Wir werden angewiesen, uns auch ohne Fahrzeug auf der Strasse einzureihen. Die Sonne brennt steil herunter – wie lange mag das wohl dauern? Wider Erwarten winkt uns ein Beamter kurz darauf zum kleinen Schalterhäuschen am Strassenrand. Auch die Einreise in Kasachstan geht zügig voran – es muss zwar jedes Gepäckstück geöffnet werden, doch die strengen Blicke ins Innere sind flüchtig.
Weit und breit ist kein Taxi in Sicht. Wir bitten den Grenzwächter, uns eines zu bestellen, doch dieser schüttelt nur den Kopf. Wir setzen uns in den Schatten, warten auf das nächste einreisende Auto und hoffen auf eine Mitfahrgelegenheit. Nach wenigen Minuten taucht wie aus dem Nichts unerwartet doch noch ein Taxifahrer auf, fordert aber einen unverschämt hohen Preis. Doch wir trauen uns nicht, das Angebot auszuschlagen… Die unbefestigte Strasse ist übel, der Fahrer weicht auf einen schmalen Weg in der angrenzenden Wiese aus. Die alte Rostkarre scheppert bedenklich, man könnte meinen, sie ziehe ein paar Blechdosen hinterher.
Nach einer halben Stunde erreichen wir Kegen. Schnell treibt der Fahrer uns für die Weiterfahrt nach Almaty ein neues Taxi auf. Der Preis ist günstig, für die bevorstehenden 250 Kilometer wird uns nur etwas mehr veranschlagt, wie für die soeben zurückgelegten 30 Kilometer… Entlang grüner Hügelzüge brausen wir in Richtung Nordwesten, durch einen abgelegenen grünen Landstrich, vorbei an schroffen Bergen und einer tiefen Schlucht. Nach halber Strecke reiht sich plötzlich ein Dorf ans nächste, bis wir nachmittags nach rund vier Stunden Fahrt durch die Strassen von Almaty irren. Der Chauffeur ist mit der Adresse von unserer Bleibe überfordert und versucht uns bei irgendeinem Hotel abzusetzen. Einmal mehr eilt unser Navi-App erfolgreich zur Hilfe und lotst uns an den gewünschten Ort. “1000 Tenge more”, bettelt der Fahrer – doch Roland bleibt hart, ist der Meinung, dass der planlose Herr keine zusätzliche drei Franken verdient hat.
Almaty ist mit rund 1.7 Millionen Einwohnern die grösste Stadt Kasachstans, musste jedoch den Status der Hauptstadt vor 20 Jahren an Astana abgeben. Der Umzug der Hauptstadt wurde mit der Erdbebengefährdung der Region und mit der Platzknappheit für neue Bauprojekte begründet. Dennoch bleibt Almaty ein wichtiges kulturelles, wissenschaftliches und wirtschaftliches Zentrum des Landes. Die Stadt liegt ganz im Südosten des riesigen Landes und zeigt ein internationales Gesicht – heute sind hier etwa 30 Prozent Russen und 50 Prozent Kasachen daheim.
Schlussendlich hat die gesamte Reise wie am Schnürchen geklappt. Für einmal haben wir ein Hotelzimmer zum voraus reserviert, da wir befürchteten, erst spätabends anzukommen. Uns erwartet ein schmuckes Zimmer mit Bad und Kühlschrank sowie ein leckeres Frühstücksbuffet, wo wir am nächsten Morgen gierig zuschlagen. Für ein Hotel mitten im Zentrum ist das Preis-/Leistungsverhältnis sagenhaft – mit umgerechnet 56 Franken pro Zimmer und Nacht inklusive Morgenessen ein wahrer Glückstreffer. Und wenn wir an unsere winzige Kammer in Bishkek zurückdenken, die annähernd soviel gekostet hat, sowieso.
Draussen ist es trüb und nass. Erst nachmittags schlendern wir durch Almatys modernes Zentrum. Viel Verkehr rauscht durch die Strassen, doch grosse Parks verleihen der Stadt eine grüne Lunge. Sofort fallen uns glänzende BMW und protzige Lexus auf, auch zahlreiche bullige SUV’s dominieren die Strassen. Viele Restaurants bieten eine Terrasse und internationale Küche, Ketten wie McDonalds und Starbucks ergänzen das Bild – eine kulinarische Szene wie bei uns. Wir setzen uns in eines der schicken Cafés, beobachten das Treiben und die Menschen. Asiatische Gesichtszüge mischen sich mit russischen oder europäischen. Verschiedene Kleiderstile prallen aufeinander – einige Frauen in Hotpants oder knappem Mini zeigen viel Haut, andere verstecken sich unter einem Kopftuch.
Die farbenfröhliche Christi-Himmelfahrts-Kathedrale stellt eine Sehenswürdigkeit dar. Das Gotteshaus wurde im russischen Stil erbaut – Gewölbe, Kuppeln und Ornamente prägen den märchenhaft verspielten Bau… Auf dem Weg über den Markt zur grossen Zentralmoschee, deren gewaltige Kuppel schon von weitem golden aufblitzt, verwandeln sich die beschaulichen Strassenzüge in hektisches Chaos, sowjetische Plattenbauten lösen die neueren Stadtblöcke ab. Doch insgesamt gesehen wirkt die Stadt gepflegt und versprüht eine angenehme Atmosphäre.
Sonnig starten wir in den nächsten Tag, einem Besuch des Kok Tobe scheint nichts im Wege zu stehen. Mit der Seilbahn schweben wir auf diesen Aussichtshügel, der innerhalb der Stadtgrenzen auf 1100 Metern liegt. Almaty selber breitet sich auf einer Höhe zwischen 650 bis 950 Metern aus, ist dicht am Fusse des nördlichsten Gebirgszuges des Tien Shan gebaut. Auch in den Sommermonaten sind die hohen, bis 5000 Meter hohen Gipfel im Süden stets mit Schnee und Eis bedeckt – nördlich der Stadt machen sich flache Gebiete endloser Steppen und Halbwüsten breit…
Leider beschränkt sich der Ausblick, trotz anfangs nettem Wetter, nur auf dunkle Wolkenschwaden. Mit dem auf dem Kok Tobe geschaffenen Familienparadies mit Rodelbahn, Riesenrad, Schiessbuden und Co. können wir wenig anfangen. Etwas enttäuscht von der Aussicht auf verhüllte Berge gondeln wir wieder runter in die Stadt. Doch auch der grosse Platz mit dem Unabhängigkeitsdenkmal und weiteren Monumenten ist ein Besuch nur bedingt wert. Riesige Betonklötze mit fetten kyrillischen Schriftzügen säumen die breite
Strasse. Die Hauptsprache ist in Almaty sowie den meisten Landesteilen Kasachstans Russisch. Die Regierung bemüht sich seit der Unabhängigkeit 1991 jedoch, die kasachische Sprache wieder mehr in der Bevölkerung zu verbreiten. Die Strassenschilder sind meist zweisprachig – für uns macht dies aber keinen grossen Unterschied, da auch Kasachisch in kyrillischen Buchstaben daherkommt.
Auf der Strasse kommen wir ohne Russisch nicht sehr weit, doch viele Restaurants warten inzwischen mit englischen Speisekarten auf. Es ist der dritte und letzte Abend in Almaty. Erneut schauen wir beim Italiener rein und verwöhnen unsere Gaumen mit einem rassigen Salat und einer leckeren Pasta. Al dente – ein richtiger Genuss nach den pampigen, in der Suppe schwimmenden Nudeln in Kirgistan. Nun heisst es Abschied nehmen von Zentralasien… Mit mürrischem Gesicht rast unser Fahrer wie ein Irrer durch die Nacht, bremst andere Verkehrsteilnehmer gefährlich aus. Wir sind in den letzten Monaten oft in einem Taxi gesessen, doch so unwohl fühlte ich mich schon lange nicht mehr.
Wie geht unsere Reise weiter? Diese Frage haben wir uns in den vergangenen Monaten immer wieder gestellt. Von unserer bisherigen Route bis nach Kirgistan hatten wir eine grobe Vorstellung, doch nun ist alles offen. In Erwägung zogen wir, unsere Reise über Land nach China fortzusetzen, entlang der alten Seidenstrasse – ein Gedanke, der uns eigentlich sehr gefällt. Doch aus verschiedenen Gründen entschieden wir uns dagegen – einerseits ist es schwierig bis unmöglich in Zentralasien ein chinesisches Visum zu erhalten, andererseits herrscht während dieser Jahreszeit in Westchina eine Backofenhitze. Auch sind wir reif für einen Tapetenwechsel und sehnen uns nach Strand und Meer. So setzte sich im Verlaufe der Zeit in unseren Köpfen der Wunsch fest, die Reise in Südostasien fortzusetzen. Vor einigen Wochen den Entschluss gefasst – vor ein paar Tagen einen Flug gebucht.
Endlich am Flughafen, geht es nur noch zähflüssig vorwärts. Beim Eingang zum Gebäude spielen sich die Damen der Gepäckdurchleuchtung mühsam auf. “Elektronische Geräte?”, erkundigt sich eine der arroganten Puppen bei Roland. Auf seine Nachfrage, welchen Rucksack er nun öffnen soll, sülzt sie von oben herab: “Das müssen Sie wohl selbst wissen!” Schlussendlich nimmt sie seelenruhig belanglose Dinge wie Sekundenkleber und Wasserentkeimungstabletten unter die Lupe, treibt Roland damit zur Weissglut.
Die junge Dame beim Check-in ist ratlos. Eins ist klar, ohne Ausreiseticket aus Thailand will sie uns nicht abfliegen lassen – doch was nun? Wir versuchen sie mehrmals zu überzeugen, dass dies bei der Einreise in Bangkok bestimmt kein Problem darstellt, doch sie schenkt uns keinen Glauben. Sie vertraut auf ihr Computersystem, welches ein Weiter- oder Ausreiseticket verlangt. Ich kann sie ja verstehen – wie oft habe ich meine Kunden früher im Büro jeweils auf diese Regeln und allfällige Problematik hingewiesen… Wir nehmen es gelassen, noch verbleibt viel Zeit bis zum Abflug. Im schlimmsten Fall buchen wir online ein günstiges Ticket nach Malaysia, welches wir zwar eigentlich nicht benötigen, da wir Thailand voraussichtlich auf dem Landweg verlassen. Wir warten geduldig, und setzen ein freundliches Lächeln auf. Nach einer Weile werden wir zur dritten Person weitergereicht. “We will solve your problem!”, verspricht die Frau zuversichtlich. Nach etlichen Telefongesprächen fragt sie uns skeptisch: “Falls ihr bei der Einreise in Bangkok Probleme kriegt, hättet ihr genügend Geld, um ein Ausreisebillet zu kaufen?” Auf unser sofortiges Nicken lässt uns die hilfsbereite Dame endlich springen. Erleichtert atmen wir auf…
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