Edelweisse am Song-Köl
Fünf Nächte in unserem engen, unbequemen Zimmer in Bishkek sind genug. Obwohl mein Verdauungstrakt immer noch spukt, nehmen wir Reissaus. Für unsere Weiterreise wählen wir die komfortable Variante eines Taxis, anstelle uns ins Chaos des städtischen Busterminals zu stürzen – angeblich verstehen nicht einmal die Einheimischen das Prinzip. Rund 200 Kilometer liegen vor uns. Eine zweispurige Strasse führt erst nahe der Grenze zu Kasachstan entlang in Richtung Osten, bevor wir Kurs südwärts ins Landesinnere nehmen. Der aufgestellte Fahrer kurvt uns entlang hoher Berge das Tal hoch. Dunkle Wolken klammern sich an die Gipfel, die Szenerie wird immer düsterer.
Nach zweieinhalb angenehmen Fahrstunden erreichen wir Kochkor, ein staubiges Dorf. Das kompakte Zentrum wirkt auf uns wie ein grosser Marktplatz mit kleinen Läden, Verkaufsständen, einfachen Lokalen und auf Kundschaft wartende Taxis. Sogar zu Fuss gelangen wir schnell vom einen zum anderen Ende, finden uns auf unbefestigten Strassen in einer beschaulichen Idylle. Etwas weiter entfernt ragen schneebedeckte Gebirgszüge auf, fast gänzlich von bedrohlich schwarzen Wolkenschwaden eingenommen. Erste Tropfen fallen und wir beenden schleunigst unseren kurzen Spaziergang, kehren in unser Homestay zurück.
Unsere Gastmama Aidai ist herzlich und aufgeschlossen, spricht ein gut verständliches Englisch. Die mollige Frau bietet in ihrem Haus einige Zimmer an – heute sind wir jedoch die einzigen Gäste. Richtige Hotels sucht man in Kochkor wie überall in den ländlichen Gebieten Kirgistans vergebens… Wie so oft hängt ein für unsere Nasen leicht beissender Geruch in der Luft, wohl eine Mischung aus Schaf und Milchprodukten. Unser kitschig gehaltenes Zimmer bietet einmal mehr zwei separate Betten, Doppelbetten gibt es zu unserem Leid kaum, das Badezimmer liegt auf dem Flur. Mein gesunder Appetit ist noch nicht ganz zurück, ich bange vor dem Nachtessen. Überraschend feines Tomaten-Auberginen-Gemüse an rassiger Knoblauchsauce erweckt unsere Magengeister, doch die fade Brühe und das traditionelle Hauptmahl Beshbarmak – Schaffleischbrocken auf pappigen Nudeln – lässt Wünsche offen…
Oft schwelgen wir in kulinarischen Träumen – die Hauptrollen darin spielen würzige Gerichte, knackige Salate, saftige Bratwürste, pikante Salami sowie richtiger Kaffee mit feuchtem Schokoladekuchen. Wir freuen uns zwar einerseits noch auf den zweiten Teil unserer Kirgistan-Reise, doch auf das eintönige Essen verspüren wir überhaupt keine Lust mehr. Auch bezüglich der einfachen Unterkünfte holt uns eine kleine Reisekrise ein. Die Gastfamilien mögen noch so freundlich sein, doch auf die Dauer fehlt uns etwas mehr Komfort, Sauberkeit und auch Privatsphäre. Nicht selten platzt jemand unangemeldet in unser Zimmer oder in unsere Jurte…
Kochkor selber bietet nichts, sondern ist der Ausgangspunkt für die Fahrt zum Song-Köl, einem malerischen Bergsee, einer der “Muss-man-gewesen-sein-Orte” in Kirgistan. Hilfsbereit hat uns Aidai zwei Nächte in einem Jurtencamp und einen Fahrer organisiert – zum abgelegenen See verkehren keine öffentlichen Verkehrsmittel. Ein kurzer Halt im Zentrum, damit wir in einem sogenannten Magasin ein Picknick besorgen können. Meistens ist frisches Brot, Käse, Wurst und Schokolade erhältlich. Ein Glück, so können wir uns immerhin mittags selber verpflegen.
Nach einer halben Stunde auf der asphaltierten Hauptverkehrsachse südwärts, biegen wir für die verbleibenden 50 Kilometer auf eine Piste ein, wo sich der Jeep über staubiges Wellblech und groben Schotter müht. Die abwechslungsreiche Fahrt durch die grüne Gegend ist wundervoll, führt über eine Passhöhe von 3400 Metern, von wo wir eine grandiose Aussicht auf die Bergwelt und den sich unter uns ausbreitenden, sanft blauen See
geniessen. Während Roland das perfekt inszenierte Landschaftsbild fotografisch festhält, verwickelt mich der kommunikative Fahrer in ein für hier übliches “Gespräch”. Da er fast ausschliesslich Russisch spricht, wickelt sich unsere Konversation vorwiegend auf seinem Handydisplay ab. Schlussendlich weiss ich, wie alt er und seine Frau, seine drei Kinder und seine vielen Enkelkinder sind. Auf das Verneinen von Nachwuchs unsererseits, ernte ich ein mitleidiges Kopfschütteln…
Der traumhafte, so gut wie nicht erschlossene Song-Köl breitet sich auf einem Hochplateau auf etwas über 3000 Meter aus, ist 29 Kilometer lang und 18 Kilometer breit. Der See ist von weitläufigem Weideland umgeben, wo sich in den Sommermonaten Pferde, Kühe und Schafe sattfressen. In Batai-Aral am Ostufer stehen viele Jurten, in den allermeisten werden Touristen untergebracht und verpflegt. Roza heisst uns mit einem aufgesetzten Lächeln und einem festen Händedruck willkommen, eine ihrer vier Töchter schenkt uns zur Begrüssung heissen Tee ein… Ein Dutzend Camps reihen sich in grossen Abständen aneinander, jede Familie verfügt über drei bis vier Gästejurten. Doch es geht erstaunlich ruhig zu und her, die Menschen verteilen sich und sind beinahe nicht wahrnehmbar.
Das Wetter ist in bester Laune, trotz eines tückischen Windes ist es warm. Gemütlich spazieren wir dem Ufer entlang, hinter dem See dominieren hohe Bergzüge mit Schneekappen und geben ein stimmungsvolles Bild ab. Es wächst hier nicht nur steppenartiges Gras, sondern auch Flechten, Kamille und verschiedene Blumen. Kaum zu glauben, Edelweisse breiten sich aus wie Unkraut – Schweizer Alpwiesen würden vor Neid erblassen. Teilweise säumt ein steiniger Strand den blau schimmernden See, doch zum Baden eignet sich das Juwel nur bedingt. Die durchschnittliche Wassertemperatur beträgt im Sommer
angeblich nur rund zwölf Grad. Doch eine Truppe einheimischer Männer wagt sich ins kühle Nass, zeigt keine Scheu, auch uns gegenüber nicht. In Badehose stellen sie sich schnell in Reih und Glied, winken mich in ihre Mitte und bitten wild gestikulierend um ein Foto. Danach stemmen sie einen grossen Plastikkanister aus dem Wasser und bieten uns grosszügig von ihrem geliebten Kumys an. Aber die vergorene, säuerliche Stutenmilch lässt uns schnell das Weite suchen…
An die weisse Wand unseres Rundzeltes gelehnt, geniessen wir die Abendsonne, bis wir zum Nachtessen gerufen werden. Welches Gericht erwartet uns wohl heute? Hoffentlich kein Plov, denn das fettige Reisgericht möchte ich meinem noch nicht ganz auskurierten Magen nicht zumuten. Mit Erleichterung schlürfen wir etwas von der faden Suppe, picken die Kartoffelstücke zwischen den teigigen Nudeln und den verkochten Fleischklössen heraus. Die älteste Tochter, die kein Wort Englisch versteht, sitzt mit am Tisch, nur um jeweils unsere Schalen mit Tee aufzufüllen. Wir können leider nicht mit ihr reden, fühlen uns enorm beobachtet – eine unangenehme Situation. Wir kriegen kaum einen Bissen herunter. Die Suppenschalen noch halbvoll, flüchten wir mit schlechtem Gewissen aus dem Essenszelt.
Draussen tanken wir noch letzte Sonnenstrahlen, versuchen die Wärme in uns zu speichern, bevor uns ab halb neun nur noch empfindlich kühle Bergluft umgibt. In der Jurte ist es kaum wärmer und wir schlüpfen in unseren Mumienschlafsack, betten uns zusätzlich unter eine der bleischweren Decken, um nicht auszukühlen. Wir können uns zwar kaum mehr bewegen, frieren aber nicht. Trotzdem will sich der Schlaf nicht richtig einstellen. Nach einer langen Nacht zeigt das Thermometer am frühen Morgen nur noch sieben Grad an. Doch die Sonne wärmt bereits und somit fällt es uns leichter, aus dem Schlafsack zu kriechen.
Querfeldein über die weite blumige Sommerwiese, die in allen Farben erstrahlt, wandern wir einem Gebirgszug entgegen. Erneut ziehen uns die unzähligen Edelweisse in ihren Bann. Grosse Schafherden grasen friedlich, die Pferde hingegen erwecken oft Mitleid. Ihre Vorderbeine sind zusammengebunden, mühsam hüpfen sie leicht voran. Fohlen sind an kurzen Stricken am Boden festgezurrt und können kaum aufstehen –
ein trauriges Bild… Stets meinen wir, bald an den Fusse der hinreissenden Berge zu gelangen, doch der Schein trügt gewaltig. Endlich angekommen, stapfen wir bergan, einem der Gipfel entgegen, doch dieser scheint sich immer weiter von uns zu entfernen. Nach drei Stunden geben wir uns auf der Höhe von 3500 Meter geschlagen, denn der Rückweg wird fast ebenso viel Zeit beanspruchen.
Die Aussicht von oben auf den reizvollen Song-Köl und die weiss gezuckerten Bergketten in der Ferne ist herrlich. Auch der heutige Tag wartet mit viel Sonnenschein auf, doch der Himmel ist milchig und die Sicht nicht so klar. Im Laufe des Tages ziehen von allen Seiten Wolken auf, ein Gewitter bewegt sich auf uns zu, doch glücklicherweise zieht es knapp neben uns vorbei. Mit schweren Gliedern, doch zufrieden, gelangen wir abends ins Jurtencamp zurück. Weitere Gäste sind angereist, nun sind alle Filzzelte belegt. Somit sind zu unserer Erleichterung bei den Mahlzeiten am langen Tisch die Augen der glotzenden Teedame nicht nur noch auf uns gerichtet…
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