Einsames Namaqualand
Das Namaqualand erstreckt sich von der Kleinstadt Vanrhynsdorp über Hunderte Kilometer bis zur namibischen Grenze. Das wüstenhafte Gebiet ist sehr dünn besiedelt, durchschnittlich fällt nur 100 Millimeter Regen pro Jahr. Nach stundenlanger, eher eintöniger Fahrt, weicht die flache, buschige Ebene langsam einer hügeligeren Gegend. Einmal im Jahr überzieht fast über Nacht ein Blütenteppich aus Millionen kleiner Pflanzen explosionsartig die Wüstelandschaft. Diese wundervolle Verwandlung findet im Frühling, in der Regel ab Mitte August statt und das Naturwunder ist dann bis etwa Ende September zu bestaunen. Aber das Spektakel hängt natürlich stark vom Regen ab und eine zeitliche Vorausplanung ist dementsprechend schwierig. Wir sind zu spät und das Meer bunter Wildblumen ist verblüht, aber das war uns bewusst. Ein Grund, eines Tages wiederzukommen…
Auch unser heutiges Ziel, der Namaqua Nationalpark, wäre natürlich farbenfroher während der Blütezeit, aber wir mögen auch karge, bergige Landschaften. Leider finden sich in unseren beiden Reisehandbüchern nicht viele und sogar widersprüchliche Infos. Also fahren wir mal hin, campen dort und schauen weiter. Aber leider kommt es schon gar nicht soweit. „Hier gibt es nur eine Lodge, keinen Campingplatz“, enttäuscht man uns an der Rezeption. „Der Campingplatz befindet sich über 100 Kilometer von hier entfernt, weiter südlich an der Küste, erreichbar über Schotterpisten“, klärt uns die freundliche Dame auf und händigt uns eine Übersichtskarte des Nationalparks aus. “ Da könnt ihr heute nicht mehr hin, bei Ankunft wäre es bereits dunkel.“ Der Park ist riesig und verzettelt, was aus den Reiseführern nicht hervorging. „Ist es nicht möglich, gleich hier um die Ecke zu campen?“, erkundigt sich Roland vorsichtig. Platz wäre reichlich vorhanden und die weite Bergwüste mit den Granitfelsen gefällt uns ausgezeichnet, aber es bleibt uns nichts übrig, als ihr „Nein“ zu akzeptieren. Die Möglichkeit, in der Lodge zu nächtigen, schlagen wir aus.
So fahren wir die rund 20 Kilometer lange Schotterpiste, die von der Hauptstrasse abzweigte, zurück. Das Abendlicht taucht das perfekt inszenierte Landschaftsbild in sanfte Farbtöne. Zurück in Kamieskroon lassen wir uns auf einem Campingplatz nieder. Das Kaff ist eigentlich schön in den Bergen gelegen, aber dem Campingplatz fehlt jegliche Idylle. Die Hauptstrasse ist in nächster Nähe – man sieht sie zwar kaum, aber hört sie umso besser. Nachts brausen die Lastwagen laut durch unser Dachzelt – so fühlt es sich zumindest an. Es ist bereits das zweite Mal heute, dass wir unsere Entscheidung anzweifeln. Einerseits gingen uns mögliche weitere Tage in den Cederbergen nicht ganz aus dem Kopf. Und nun bereuen wir plötzlich, nicht das Schicksal angenommen und in der ruhigen Lodge übernachtet zu haben.
Aber wenn sich eine Türe schliesst, tut sich bekanntlich eine nächste auf… Vor acht Jahren war Roland bereits mit einer Gruppentour hier unterwegs und mag sich gut an diese Gegend erinnern. Im Navi sucht er nach dem Cosy Mountain, an dessen Fusse sie damals übernachtet haben. Dieser liegt nur ein paar Kilometer entfernt und es führt ein 4×4-Track den Berg hoch. Wir nehmen die Piste in Angriff, meine Gefühle sind gemischt. „Wandern wir nicht besser?“, frage ich Roland skeptisch.
„Das ist doch eine gute Gelegenheit, etwas Allradübung zu gewinnen.“ Wie recht er hat, ich gebe mich geschlagen. Als sich der sandige, holprige Weg in eine steile, furchige Piste verwandelt, kriegt es auch Roland mit der Angst zu tun und willigt ein, die Wanderschuhe zu schüren. Der Weg wird immer wilder und mündet direkt auf den glatten, aber porösen Felsrücken, wo die geeignete Fahrspur mit weissen Punkten gekennzeichnet ist. Die Steigung ist immens – zu Fuss zwar gut zu bewältigen, aber mit dem Auto?
Oben angekommen klettern wir noch weiter über Granitbrocken zum höchsten Punkt und werden mit einer fantastischen Aussicht belohnt.
Anstelle in den riesigen Namaqua Nationalpark zurückzukehren, entscheiden wir uns für das kleine Goegap Nature Reserve, etwa 100 Kilometer weiter nördlich. Es liegt nahe der Stadt Springbok, auch Namibia ist nicht mehr fern. Das Naturreservat betitelt sich als „Namaqualand en miniature“ und ist zwar auch
berühmt wegen der aussergewöhnlichen Blütenpracht im Frühling, aber sei das ganze Jahr über ein Besuch wert. Eine Schotterpiste führt in einer kurzen Schleife durch den Park, den auch Wildtiere wie Antilopen und Bergzebras bevölkern. Eine kleine Herde stolzer Oryx kreuzt unseren Weg und ein paar zierliche Springböcke stehen vor der
beeindruckenden Felsenkulisse. Den kleinen Campingplatz haben wir heute für uns allein. Wir geniessen den stimmungsvollen Abend, bevor eine klare Nacht über uns einbricht. Rundum ist es stockdunkel, nur das Funkeln der Sterne ist auszumachen.
Frühmorgens brechen wir zu einer der ausgeschilderten Rundwanderungen auf. Der sandige Weg führt durch die rostfarbene Felslandschaft aus kleinen und grossen Granitblöcken, die oft wie lose Steinhaufen wirken. Das Land ist ausgetrocknet, aber die Köcherbäume und weiteren Sukkulenten die
hier wachsen, trotzen der Dürre und bringen etwas Farbe in diese eigene, karge Schönheit. Den Nachmittag geniessen wir auf dem Campingplatz und widmen uns den Reiseführern und unserem Blog. Auch wasche ich von Hand ein paar unserer verschmutzten Kleidungsstücke aus.
Anfangs unserer Reise stellte das Waschen nie ein Problem dar, denn auf vielen Campingplätzen gab es Waschmaschinen und Trockner. Aber jetzt warten wir seit einer Weile vergeblich auf diese praktischen Geräte. Unglaublich, binnen einer Stunde sind die nassen Kleider im sonnigen, windigen Wetter vollständig trocken!
Es ist der weitaus günstigste Stellplatz, uns wurden pro Nacht nur sieben Franken verrechnet. Oft kostet es das Doppelte, manchmal sogar das Drei- oder Vierfache. Gut, es gibt hier weder Licht noch Strom, was wir aber zugunsten der einsamen Natur gerne in Kauf nehmen. Den 4×4-Camper können wir sowieso nicht mehr am Strom anschliessen, wie es beim Campervan der Fall war. Nun läuft der Kühlschrank immer über die zweite Batterie – Steckdosen, Mikrowelle und Klimaanlage, was nur über die Stromversorgung lief, gibt es nicht mehr. Licht, Wasserpumpe, Boiler sowie Klo funktionerte auch über die zweite Batterie, aber ohne Strom wäre diese schnell ausgepowert gewesen.
Mit dem 4×4-Camper sind wir sowieso weniger komfortabel unterwegs wie zuvor. Es gibt kein breites Bett mit Bettzeug, sondern nur noch ein schmales Dachzelt mit Schlafsäcken – auf eine geschützte Stube müssen wir verzichten und sind somit dankbar für angenehmes Wetter – die Küche befindet sich neu unter freiem Himmel, ohne Spülbecken mit fliessend heissem Wasser – den grösseren Kühlschrank tauschten wir gegen eine kleinere Kühlbox ein – ein Klo gibt es nicht mehr, nachts klettern wir fürs kleine Geschäft die Leiter runter in den Busch – unsere Kleider können wir nicht mehr praktisch in Schränken verstauen, diese bleiben im Rucksack. Hinten im Aufbau gibt es jedoch praktische lange Schubladen, wo sich
Geschirr und Lebensmittel übersichtlich einordnen lassen. Langsam gewöhnen wir uns aber an unser neues Daheim, mit allen Vor- und Nachteilen. Gewonnen haben auf jeden Fall mehr Flexibilität bezüglich der Routenwahl. Nun können wir getrost Schotterstrassen fahren, ohne vorher abzuwägen, ob diese mit dem Campervan gut machbar sind oder das Fahrzeug und wir leiden…
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