Entlang dem Issyk-Köl nach Karakol
Unser nächstes und wahrscheinlich letztes Ziel in Kirgistan liegt ganz im Nordosten, in der Nähe vom Issyk-Köl, dem grössten See des Landes. Von Tash Rabat im bergigen Süden karrt unser Fahrer uns zurück nach Naryn, wo wir erneut eine Nacht verbringen. Von dort fährt täglich ein einziger Minibus nach Karakol. Wie uns nahegelegt, begeben wir uns bereits über eine Stunde vor Abfahrt zum Busbahnhof, und es lohnt sich, denn schon viele Plätze sind belegt. Pünktlich um neun Uhr legt die Marschrutka nordwärts los. Das Wetter ist in bester Laune und gewährt uns freie Sicht auf die hohe Bergwelt. Der Busfahrer pflegt einen sportlichen Fahrstil, schiesst fast ungebremst in die Kurven – für viele Kinder ist ein Kotzstopp schon bald unabdingbar.
Zurück in Kochkor, der uns bereits wohlbekannten Ortschaft, nimmt die rasante Fahrt Kurs in Richtung Osten. Schon bald bieten sich wundervolle Ausblicke auf den von tiefblau bis türkis leuchtenden See, den Issyk-Köl. Es ist der grösste See Zentralasiens und nach dem Titicacasee in Südamerika der zweitgrösste Bergsee der Welt. Das Gewässer liegt auf einer Höhe von rund 1600 Metern, misst 180 Kilometer in der Länge und über 60 Kilometer in der Breite. An den Sandstränden tummeln sich Menschen, Sonnenschirme stehen neben Jurten – ein ungewohntes Bild. Wir folgen dem Issyk-Köl auf seiner gesamten Länge, wobei die schlechte Asphaltstrasse nicht immer unmittelbar am Ufer, sondern teilweise im Hinterland verläuft. Wir wähnen uns auf einer Startbahn, der blecherne Schüttelbecher droht jeden Moment abzuheben. Ist der Fahrer etwa auf der Flucht? Wir beten, dass er sein Fahrzeug im Griff hat…
Wie prophezeit erreichen wir nach genau sechs Stunden Karakol, am östlichen Ende des Sees erbaut. Es ist mit 70’000 Einwohnern die grösste Stadt am Issyk-Köl, die mit ihrem etwas verschlafenen Charakter jedoch eher an ein grosses russisches Dorf erinnert. Ein Aufenthalt in Karakol fehlt selten im Programm eines Reisenden und so hat sich hier eine angenehme touristische Infrastruktur mit Unterkünften, Restaurants und Agenturen entwickelt. Im Süden der Stadt ragen die Gipfel des Terskey Ala-Too bis 5000 Meter hoch auf – ein Ausläufer des Tien Shan-Gebirges. Der höchste Gipfel des Tien Shan, mit dem unmöglichen Namen Dschengisch Tschokusu, ist 7439 Meter hoch und liegt auf der Grenze von Kirgistan und China. Somit ist Karakol ein idealer Ausgangspunkt für Trekkingtouren und Bergsteigerexpeditionen in die nahegelegene Hochgebirgswelt…
Wir heuern ein Taxi an, das uns ins empfohlene Guesthouse bringt. Der freundliche Besitzer zeigt uns ein Zimmer, welches zwar einladend wirkt, aber über kein eigenes Bad verfügt. Als wir danach fragen, verweist er uns auf ein angeblich nettes Hotel in unmittelbarer Nachbarschaft, von dem er zwar den ungefähren Preis nicht kenne. Hätte er uns diese Option nicht mehrmals eindringlich nahegelegt, wären wir ohne Zögern geblieben, denn zum Guesthouse gehört auch ein grosser blumiger Garten, welcher uns gefällt. Wir lassen unsere Rucksäcke zurück, suchen das besagte Hotel auf, um zu erfahren, dass es dreimal so teuer und ausgebucht ist. Der Fall ist klar, wir nehmen das Zimmer im Guesthouse, kreuzen bereits zehn Minuten später wieder dort auf. “Das geht nicht, das Zimmer habe ich soeben anderweitig vergeben – wir sind jetzt ausgebucht”, versetzt uns der eigentlich sympathische Talai in einen Schockzustand. Wir können es nicht fassen, sind natürlich auch davon ausgegangen, dass er uns das Zimmer für den kurzen Moment freihält. Wir lassen unserer bitteren Enttäuschung freien Lauf, stossen somit den Kirgisen vor den Kopf, der sich zu verteidigen versucht. Doch wir sind genervt und können diese Situation auch nicht klar einschätzen. Angeblich empfiehlt er das teure Hotel oft und für ein eigenes Bad müssen wir mit einem solch hohen Preis rechnen. Ich kann ihm aber bis heute nicht abnehmen, dass er das ungefähre Preisniveau nicht kannte. Auch erwähnte er, das Hotel sei neu, doch später lesen wir im Reiseführer, dass es bereits seit zehn Jahren existiert. Irgendetwas ist faul an der ganzen Geschichte – vielleicht mag er keine Gäste, die eigentlich ein eigenes Bad bevorzugen…
Der uns trotzdem noch wohlgesinnte Mann möchte die ganze Situation irgendwie retten, chauffiert uns durch die Stadt und hilft uns bei der Zimmersuche. Wir steuern Hotel um Hotel an – entweder ausgebucht, hässliche Zimmer oder keiner spricht ein Wort Englisch. Auch ist die Messlatte nun eben hoch angesetzt… Schlussendlich bleiben wir in einem familiären Hotel, mit dem wir uns halbwegs anfreunden können und das trotz privatem Bad nur wenige Franken mehr kostet – geht also doch. Obwohl wir nun klar in des gütigen Mannes Schuld stehen, lädt er uns überraschenderweise für einen morgigen Ausflug in die Berge ein. Wir verstehen die Welt nicht mehr und lehnen etliche Male dankend ab. Doch Talai lässt nicht locker, bittet inständig darum – er möchte alles wieder gut machen. Obwohl es uns überhaupt nicht darum ist, können wir nicht anders wie das Angebot annehmen, um ihn nicht noch mehr zu verletzen – eine verworrene Situation. Wir fühlen uns mies und ausgelaugt, werfen uns mit unzähligen Fragen aufs Bett…
Mit gemischten Gefühlen verlassen wir am nächsten Morgen unser Hotel – Talai erwartet uns bereits lächelnd in seinem Auto. Etwas westlich von Karakol öffnet sich das Jeti-Öghüz-Tal – der Name bedeutet soviel wie “Tal der sieben Bullen”. Die Strasse steigt leicht an, mächtige Felsen aus rotem Sandstein begrenzen das eindrückliche Tal zu beiden Seiten. Erosion durch Wind und Wasser hat in den vergangenen Jahrtausenden spektakuläre Felsformationen geschaffen. Zu Fuss schleust uns Talai durch
das Drachen-Tal: “Kaum jemand kennt diese verwinkelte Schlucht”, meint er stolz. Der Weg führt steil in die Höhe und uns erschliesst sich eine sagenhafte Aussicht auf die tief zerfurchten Felsen, insbesondere das “Gebrochene Herz”, eine blutrote Steinformation in Herzform. Von einem weiteren Blickwinkel kommen die “Sieben Bullen” gut zur Geltung – deren Name begründet sich in einer Legende. Der aufgestellte Talai ist mit einer Kamera ausgerüstet und fotografiert uns enthusiastisch in verschiedensten Momenten…
Niemand von uns verliert ein Wort über gestern, und das ist auch gut so. Wir versuchen, den sonnigen Tag in den Bergen in vollen Zügen zu geniessen und nicht mehr über die absurde Situation nachzudenken. Talai ist warmherzig und bietet uns eine Tagestour, wie er es für seine zahlenden Gäste wohl auch tun würde. Mit dem Auto schlängeln wir uns auf einer steinigen Piste dem Fluss entlang nach oben und erreichen nach wenigen Kilometern das weit geöffnete “Tal der Blumen”. Jetzt im Sommer finden wir zwar keinen farbigen
Blumenteppich vor, sondern lediglich eine grüne Wiese, doch die Sicht auf die sich vor uns erhebenden Berggipfel ist grossartig. Von hier geht es nur noch zu Fuss weiter, vorbei an unzähligen Jurten, auf schmalen Wegen hinauf zu einem Wasserfall. Talai ist wieder zügig unterwegs, sein Tempo lässt uns schnell ausser Atem geraten. Das herabstürzende Nass ist zwar hübsch, doch die Aussicht auf das sich unter uns ausbreitende Tal und die fantastische Gebirgskulisse ist der wahre Reiz hier oben auf rund 2400 Metern Höhe.
Wolken sind im Anzug, bleiben jedoch an den Bergkämmen hängen. “Das Wetter zeigt sich dieses Jahr aussergewöhnlich nass”, erzählt uns Talai und bestätigt somit eine Aussage, die wir in Kirgistan nun schon etliche Male gehört haben. Und schon oft haben wir Regenwetter am eigenen Leibe erlebt… Zurück in Karakol möchte uns Talai seine Fotos geben, nimmt uns mit in sein Guesthouse und kopiert uns die Bilder. Freundlich lässt er von seiner Mutter Tee auftragen, bewirtet uns wie seine Freunde. Erneut macht sich ein schlechtes Gewissen in uns breit – beim Abschied danken wir ihm herzlich und bieten an, die gelungene geführte Tour zu bezahlen. Vehement lehnt er ab: “Mir ist wichtig, dass ihr gut über mich denkt und glücklich seid”. Er entschuldigt sich für gestern, wofür auch immer…
Verlaufen ist in Karakol fast unmöglich. Auf der Hauptdurchgangsstrasse konzentriert sich auf etwa 500 Metern das ganze Stadtzentrum mit den meisten Geschäften. Es ist die einzige belebte Strasse, ansonsten gibt es kaum Verkehr und es geht friedlich zu und her. Wir flanieren durch die beschaulichen Strassenzüge und bestaunen die historischen russischen Holzhäuschen, die noch aus der frühen Kolonialzeit Ende des 19. Jahrhunderts stammen. Mit kunstvoll verzierten und in verschiedenen Farben gestrichenen Fensterrahmen, meist in knalligem Hellblau, erinnern sie uns sehr an die traditionellen Häuser in Sibirien.
Ein Blickfang ist die komplett aus Holz gebaute russisch-orthodoxe Dreifaltigkeitskathedrale, welche ursprünglich aus dem Jahre 1895 stammt. Fünf eckige Türme mit goldenen Zwiebelkuppeln zieren das Bauwerk… Ein weiteres sehenswertes Gotteshaus ist die ungewöhnliche Moschee der Dunganen, einer muslimisch-chinesischen Volksgruppe. Das Bauwerk wurde im Jahre 1910 ausschliesslich aus Holz und ohne Verwendung von Metallnägeln fertiggestellt. Der Baustil ähnelt mehr einem buddhistischen Tempel als einer Moschee…
Karakol liegt zwar nahe am Issyk-Köl, doch von hier geniesst man leider keinen Seeblick. Der Name Issyk-Köl bedeutet “heisser See”, aus einem einfachen Grund – das Gewässer friert auch bei Wintertemperaturen von minus 20 Grad nie zu. Verantwortlich dafür sind mehrere Faktoren, hauptsächlich aber die rasche Vermischung von Oberflächenwasser und dem wesentlich wärmeren Tiefenwasser (mindestens vier Grad), was ein Gefrieren der Seeoberfläche verhindert… In einem
öffentlichen Minibus gondeln wir ins zehn Kilometer entfernte Pristan, das direkten Seeanschluss bietet. Der kleine Ort liegt an einer lang gezogenen Bucht mit einem kleinen Badestrand, gewährt uns aber keine weite Sicht auf den blauen See wie erhofft. Der grobe Sandstrand ist bevölkert, erstaunlich viele Leute planschen im Wasser. Doch es ist empfindlich kühl, die Sonne lässt uns einmal mehr im Stich. Nach einem Picknick und einem kurzen Verdauungsschlummer machen wir uns bereits wieder auf den Heimweg…
Kommentare
Entlang dem Issyk-Köl nach Karakol — Keine Kommentare
HTML tags allowed in your comment: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>