Felskunstgalerien im Kakadu
Der Kakadu Nationalpark umfasst weite Feuchtgebiete und bietet vielen seltenen sowie endemischen Tieren und Pflanzen eine Heimat. Mehr als 1000 Pflanzenarten werden gezählt und noch immer neue entdeckt, viele dienen den Aborigines noch bis heute als Nahrung oder Medizin. In der tropischen Regenzeit, wenn sich die Sümpfe ausdehnen und in riesige Seen verwandeln, werden die unbefestigten Strassen unpassierbar. Dann baden Salzwasserkrokodile genüsslich in den wild rauschenden Flüssen und Wasserfälle stürzen
sich wie aus Giesskannen von hohen Sandsteinklippen. Jetzt in der Trockenzeit ist kostbares Nass vielerorts rar, der Savannenwald trumpft mit dürrem Gras und angeschwärzten Eukalyptusbäumen auf. Je nach Jahreszeit wirkt der sich ständig wandelnde Landschaftsteppich verbrannt, karg, überflutet oder fruchtbar. Der grösste Nationalpark Australiens ist halb so gross wie die Schweiz und zieht sich von der Küste rund 200 Kilometer ins Landesinnere. Nicht nur seiner Naturpracht wegen berühmt, sondern auch der uralten Felsmalereien wegen…
Mittagshalt bei Mamukala Wetlands. Von einem schattigen Unterstand blicken wir über ein mit Wasserlilien übersätes Billabong, das klägliche Überbleibsel einer Überschwemmungsebene. Es ist das Daheim Abertausender Vögel, die gelegentlich von einem Krokodil aufgescheucht werden. Doch unser Geduldsfaden reisst, bevor sich im Wasser etwas regt… Im Nationalpark bereits 100 Kilometer hinter uns gelassen, erreichen wir das Besucherzentrum. Beim genannten Eintrittspreis fällt uns die Kinnlade runter. Über 50 Prozent aufgeschlagen, beträgt der Parkeintritt nun teure 40 Dollar pro Person. Da in der Regenzeit vieles nicht zugänglich ist, beklagten sich Besucher oftmals über den dann ebenso hohen Tarif. Die Parkverwaltung reagierte und hob deshalb die Gebühr in der Trockenzeit massiv an. Die restlichen Nationalparks im Northern Territory sind meist kostenlos, abgesehen von Uluru-Kata Tjuta im Roten Zentrum.
Jabiru, die einzige Siedlung im Kakadu Nationalpark, ist dessen Hauptversorgungssstation. Auch hier wird dem Besucher das Geld regelrecht aus der Tasche gezogen. „Nur“ 250 Kilometer von Darwin entfernt und für australische Verhältnisse noch längst nicht abgelegen, schocken uns die Lebensmittelpreise im Supermarkt. Brot und Joghurt sind zu unserem Verdruss doppelt so teuer wie sonst wo, Fleisch hingegen ist günstig wie überall. Ein Kilogramm Joghurt kostet gleich viel wie dieselbe Menge Hähnchenschenkel – umgerechnet rund sechs Franken.
Am nächsten Morgen machen wir uns auf nach Ubirr. Binnen einer Dreiviertelstunde erlangen wir die nordöstlichste Ecke des gigantischen Naturschutzgebietes, eine der bekannten Felskunststätten. Im Kakadu Nationalpark findet sich eine unglaubliche Konzentration alter Felsmalereien – eine Schatzkiste der Aboriginal-Kunst. Auf einem gemütlichen
Rundgang schlendern wir durch die Felsgalerien und bestaunen die Malereien aus natürlicher Ockerfarbe. In Höhlen oder Felsvorsprüngen können wir Bilder von Fischen, Schildkröten und Kängurus betrachten – Teile der Galerien lesen sich wie eine Speisekarte. Die stellenweise etwas verwaschenen Motive stammen aus verschiedenen Epochen, die ältesten Darstellungen entstanden vor etwa 20’000 Jahren. Heute hinterlassen die Ureinwohner nur noch selten Zeichnungen, weil sie nicht mehr in den Felshöhlen leben. Ausserdem kennen sich nur noch wenige mit der Felsbildkunst aus.
Über grosse Felsbrocken kraxeln wir auf ein Plateau hinauf. Vom Nardab Lookout blicken wir weit über das umgebende grüne Sumpfland, dessen Anblick durch schwarze Trauerschleier getrübt ist – die abgefackelten Landstriche wirken trist. In der Nähe bietet sich noch eine kurze Rundwanderung mit dem unaussprechlichen Namen Bardejilidji an. Der Spaziergang schlängelt sich um imposante Felsformationen herum, welche durch Erosion im Laufe der Zeit geschaffen wurden. Die reizenden Sandsteintürme erinnern an aufeinander geschichtete Pfannkuchen.
Eine Autostunde südwärts erhebt sich aus lichten Savannenwald ein mächtiger Felsen aus rotem Sandstein. Die Felsvorsprünge von Nourlangie hüten die bekannteste Sammlung uralter Aboriginal-Kunstwerke. Wie in Ubirr ist auch in Nourlangie das Besucheraufkommen moderat, was uns angesichts der Hauptsaison und Schulferien überrascht.
Umso besser. Gespannt streunen wir durch die Felsgalerie. Auch hier beeindrucken Malereien aus verschiedenen Jahrhunderten, kunstvolle Bilder von spirituellen Figuren und Geistern. Für die hiesigen Ureinwohner stellen diese Felszeichnungen eine wichtige Quelle traditionellen Wissens dar, sind es gewissermassen Archive ihrer Schöpfungslegenden.
Beim Besuch der Kunstgalerie Nanguluwur sind wir allein auf weiter Flur. Ein Tipp unseres Reiseführers. Die wenigsten nehmen die knapp vier Kilometer lange Wanderung unter die Füsse. Eine Schlange liegt zusammengerollt am Wegesrand. Noch hat sie uns nicht wahrgenommen, doch nach unseren nächsten Schritten schlängelt sie sich flott in die Büsche. Der riesige Felsen von Nanguluwur ist eine Augenweide, interessant geschichtet wartet er mit
verschiedenen Farbnuancen auf. Eigentlich sind wir bereits kunstgesättigt, doch wir können die Felsmalereien in einsamer Ruhe geniessen, und das macht es unter anderem aus. Letztendlich beeindrucken aber auch die Motive, welche teilweise erstaunlich gut erhalten sind. Viele der Bilder sind im faszinierenden Röntgenstil gehalten – bei den Fischen sind Gräte und Organe, bei den Menschen die Wirbelsäule sichtbar.
Nebst den beiden Felsgalerien hat die hinreissende Region Nourlangie ein Feuchtgebiet mit einem malerischen Wasserloch zu bieten. Picknicktische säumen das Ufer des Anbangbang Billabong, rund herum führt ein Pfad, der uns für einen Verdauungsspaziergang gelegen kommt. Ein Sumpfland weit grösserer Ausmasse stellt das unweit entfernte, äusserst beliebte Yellow Water dar. Auf einem über das Wasser führenden Steg leisten wir den anmutigen Wasservögeln etwas Gesellschaft, in der Ferne erspähen wir die Silhouette eines Krokodils. Auf einer Bootsfahrt wäre die Beobachtung von Wildtieren noch besser möglich. Hin- und hergerissen entscheiden wir uns schlussendlich dagegen – der für die eng bestuhlten Boote verhältnismässig stolze Preis, ist uns die Fahrt nicht wert.
Im ganzen Nationalpark verstreut liegen Campingplätze verschiedener Standards. Am ruhigsten geht es auf den kleinen schlichten Zeltplätzen zu und her. Lediglich mit einem – oft miefigen – Plumpsklo ausgestattet, bezahlt der ehrliche Besucher dafür nochmals extra in eine sogenannte Honesty Box. Am liebsten sind uns jene Spots, wo für die Anfahrt ein Geländewagen notwendig ist, was die Anzahl der Übernachtungsgäste weiter mindert. Doch dass wir auf dem Campingplatz beim entzückenden Sandy Billabong beinahe alleine haushalten, erstaunt uns dann doch. Die Hitze des Tages überstanden, bleibt es abends feuchtwarm. Keine Brise verschafft uns eine wohltuende Abkühlung. Angriffslustige Mückenscharen treiben es bunt, und uns trotz Schwüle sogar ins stickige Fahrzeug.
Die wellblechartige Strasse versetzt uns in einen Schüttelbecher. Unser Landcruiser scheppert, trotz gegenseitigem Anschreien verstehen wir uns kaum. Der 60 Kilometer lange, unbefestigte Abstecher zu den Jim Jim Falls ist momentan in einem schlechten Zustand. Zehn Kilometer vor dem Ziel geht die Schotterstrasse in eine schmale, kurvige 4×4-Piste über, die abwechselnd sandig oder steinig ist, mitten durch Wasserpfützen führt und uns nur schleichend vorankommen lässt. Der
Parkplatz ist überraschend voll. Von vier Rädern auf zwei Füsse. Erst über einen Waldweg dem Fluss entlang, kraxeln wir bald über grosse Steinbrocken. Vor Krokodilen wird gewarnt, von einem erfrischenden Bad abgeraten. Trotzdem stürzen sich viele Besucher ins kalte Nass. Ein urzeitliches Reptil lässt sich zwar keines offensichtlich blicken, dennoch sind wir etwas verunsichert und möchten nicht als Krokodilfrass enden.
In der Trockenzeit tröpfeln die Jim Jim Falls meistens nur noch mager, doch dank der diesjährigen ausgiebigen Regenzeit ergiesst sich noch reichlich Wasser spektakulär von den 200 Meter hohen Klippen. Aber auch wenn nur noch ein klägliches Rinnsal fliesst, ist die Kulisse eine Wucht. Die rabenschwarze, mit Ockertönen durchzogene Schlucht ist atemberaubend, das kristallklare Wasserbecken von einem blendend weissen Sandstrand halbmondförmig eingerahmt. Trotz Gewusel entschädigt die strapaziöse Anfahrt vollkommen. Unwohl fühlen wir uns hingegen auf dem Campingplatz, der bereits aus allen Nähten platzt, deshalb holpern wir kurz entschlossen schon heute wieder zur Hauptstrasse zurück.
Weiter südlich in Maguk finden wir Frieden. Die Entscheidung hierher zu kommen, entpuppt sich als perfekt, ist es für uns der schönste Übernachtungsplatz im Kakadu Nationalpark. Inmitten von schattigem Wald beglücken uns natürlich voneinander abgetrennte Plätze, hoch ragen Eukalyptusbäume empor. Euphorisch nutzen wir die Privatsphäre für eine abendliche Buschdusche, spülen uns Schweiss und Staub vom Leibe. Bei knapp 30 Grad und über 80 Prozent Luftfeuchtigkeit wähnt die Frische entsprechend kurz. Fette Fliegen scheinen sich überhaupt nicht daran zu stören, im Gegenteil, schwirren sie anhänglich um unsere Köpfe.
Der neue Morgen soeben erwacht, heissen uns draussen noch immer 25 Grad willkommen. Wir nehmen es gemütlich und nutzen die kühleren Morgenmomente am Bildschirm. Später werfen wir noch einen Blick auf den nahegelegenen Wasserfall, der über einen lauschigen Waldpfad zu erwandern ist. Viele Wasserratten tummeln sich vergnügt im Naturpool, obwohl auf die Gefährlichkeit allfälliger
Salzwasserkrokodile hingewiesen wird. Zwar werden die sich hierhin verirrten Genossen Ende Regenzeit weggeschafft, aber die Nationalparkverwaltung übernimmt offensichtlich keine Garantie. Der Fleck zu klein, der Rummel zu gross. Im Handumdrehen machen wir uns unter gleissender Sonne auf den Rückweg. Im südlichen Teil dominieren nicht die kulturellen, sondern die natürlichen Schätze, und insbesondere die australischen Familien gehen ganz klar dem Wasser nach…
Auch wir lassen uns von einem weiteren Gewässer verführen. Nach einer Fahrstunde auf dem Kakadu Highway, rütteln wir nochmals ebenso lange über eine Schotterpiste. Oft raubt uns staubender Ferienverkehr die Sicht, Einsamkeit ist mittlerweile ein Fremdwort. Aber kein Wunder, ist von Juni bis August die beste Besuchszeit mit kaum Regen und den „kältesten“ Temperaturen… Trotzdem lähmen uns 35 Grad im Schatten. In der glühenden Nachmittagshitze schleppen wir uns zum Strand und tun es diesmal den Australiern gleich. Wenn bis jetzt keiner von einem Krokodil gefressen wurde, wagen auch wir uns ins herrlich kühle Bad. Zum Trocknen legen wir
uns in den groben Sand und bestaunen den Wasserfall aus der Horizontalen. Der hundert Meter hohe Gunlom Fall ist schon fast versiegt, nur noch dünne Wasserstrahls bahnen sich ihren Weg in die Tiefe. Auf dem grossen Campingplatz beschlagnahmen wir einen Fleck am Rand, überblicken die weite Graslandschaft. Neckische Schäfchenwolken sorgen für eine sagenhafte Abendstimmung.
Ein Vogelkonzert erfüllt die morgendlich Stille, zwitschert uns sanft in den neuen Tag. Wir reiben uns den Schlaf aus den Augen und schnüren die Wanderschuhe, noch bevor die Sonne über den Felskamm blinzelt. Dennoch bringt uns der steile Anstieg umgehend ins Schwitzen, sowie zum oberen Ende des Wasserfalls. Vor unseren Augen breitet sich eine bezaubernde Felslandschaft mit verschiedenen Wasserbecken aus. Überwältigt steigen wir in die erste
Badewanne, die wie ein natürlicher Infinity Pool anmutet. Der Ausblick ist phänomenal, das Planschen eine Wonne. Trotz zahlreichen Badenixen ziehen uns die entzückenden Upper Pools in ihren Bann, wir können uns kaum losreissen. Spontan fällen wir den Entscheid, einen ganzen Tag hier zu verbummeln und reisen erst morgen weiter… Sieben Tage im Kakadu Nationalpark verweilt – 700 Fahrkilometer mehr auf dem Zähler.
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