Gigantische Granitkugeln im Erongo
Die Felskulisse ist imposant – uns stockt der Atem. Wir sind überwältigt, was die Natur hier geschaffen hat. Riesige Granitblöcke liegen verstreut auf einem Felsrücken, einst hinuntergepurzelt, durch Erosion abgeschliffen. Viele der Gesteinsbrocken sind kugelrund, stehen auf nur schmalen Hälsen und drohen, jederzeit abzustürzen. Wieviel Zeit wird vergehen, bis sie davonrollen? Die Granitkugeln sind mächtig, schätzungsweise bis zu zwanzig Meter hoch. Daneben fühlen wir uns verschwindend klein, wie ein Winzling…
Unser zweiter Besuch im Erongo-Gebirge fasziniert uns aufs Neue. Auf unserer Reise nach Nordosten liegt das Granit-Massiv fast am Weg und war uns der kurze Abstecher wert. Mit einem Durchmesser von 40 Kilometern gibt es verschiedene Ecken zu entdecken. Diesmal logieren wir auf der Ameib Ranch am südlichen Fusse der Berge. Dies ist jene Gästefarm, die uns beim ersten Anlauf wegen Renovation vor verschlossenen Toren stehen liess.
Auf der weitläufigen Farm sind Antilopen beheimatet. Dass auch Spitzmaulnashörner gehalten werden, wussten wir nicht. „Eine Nashornmama mit ihrem Kalb hält sich zur Zeit um den Campingplatz auf“, klärt uns die deutschstämmige Farmersfrau besorgt auf, „in der Regel gehen die Tiere zwar weg, aber lässt Vorsicht walten, wenn ihr zu Fuss unterwegs seid.“ Wir schlucken einmal leer, wissen nicht, ob wir uns freuen sollen oder nicht. Natürlich möchten wir die beiden Nashörner gerne kennenlernen, aber nicht unbedingt schutzlos auf einem Wanderweg.
Der Zeltplatz enttäuscht, waren wir in Namibia oft mit grosszügigen Stellplätzen ohne unmittelbare Nachbarschaft verwöhnt. Dies ist ein stinknormaler Camping – Stellplatz an Stellplatz. Nun gut, wir versöhnen uns schnell, denn es gibt keine Nachbarn. Wir sind fast allein, wie so oft während dieser Jahreszeit – Weihnachten ausgenommen herrscht Nebensaison. Auch entschädigt die wunderbare Lage mit Sicht auf die grandiose Felswelt. Sogar aus dem Liegestuhl beim Swimming Pool bleibt uns der Bergblick nicht vergönnt.
Dunkle Wolken schmiegen sich an die Berge, kündigen ein Gewitter an. Wir sind überzeugt, heute noch einen Regensprutz abzubekommen, aber die bedrohliche Wolkenwand zieht neben uns vorbei. Soeben den letzten Bissen Pasta verschlungen, dunkelt es langsam ein. „Psst, hast du das gehört?“, fragt mich Roland. Wir spitzen unsere Ohren. Da ist es wieder, das Geräusch aus dem angrenzenden Gebüsch. Schnell steigen wir auf die gemauerte Grillstelle, um uns einen besseren Ausblick zu verschaffen. Und siehe da, zwei graue Ohren ragen hinter dem Zaun aus dem Busch. „Ein Nashorn“, flüstere ich aufgeregt. Schon dreht es uns seinen grauen Rücken zu, stapft schwerfällig ein paar Schritte weiter und entschwindet unserem Blickfeld. Nun sehen wir das Nashorn zwar nicht mehr, hören jedoch deren zwei – wohl Mama mit Jungtier – noch stundenlang rund um unseren Stellplatz Blätter von den Sträuchern zupfen. Mehrmals schleichen wir leise etwas näher an den Zaun, um nochmals einen Blick auf die gefrässigen Grautiere zu werfen, was in der Finsternis jedoch unmöglich ist. Und mit unserer Lampe möchten wir die beiden schmatzenden Blätterfresser nicht stören. Spitzmaulnashörner gelten als ziemlich aggressiv. Trotz Zaun zwischen uns und den Viechern beschleicht uns ein seltsames Gefühl, was wohl der stockdunklen Nacht zuzuschreiben ist.
Das grosse Farmgelände wartet mit mehreren beschilderten Wanderpfaden auf, die vom Campingplatz in alle Richtungen ausschweifen. Als wir losziehen ist es uns mulmig zumute, könnte uns stets hinter dem nächsten Busch einer der walzenförmigen Kolosse auflauern. Das Gebiet ist mit einer einzigartigen
Felslandschaft gesegnet. Bekannt ist die Ranch vorallem wegen Sehenswürdigkeiten wie „Elephant’s Head“, einer Felsformation die mit einer Prise Fantasie einem Elefantenkopf ähnlich sieht. Die berühmte „Phillip’s Cave“ ist mehr ein Felsvorsprung wie eine Höhle. Hier zeugen Felsmalereien von einer frühen Besiedlung der Region – der „Weisse Elefant“ ist noch am deutlichsten zu erkennen.
Ein Schild weist zum Klettersteig – „nur für Geübte“ warnt das Kleingedruckte. Was kommt da wohl auf uns zu? Roland, meist furchtloser und zu mehr Risiko bereit, weiss mich zu überzeugen: „Umkehren können wir jederzeit“. Schnell bringt uns
die Kraxelei in die Höhe, ein paar Metallsprossen wurden als Kletterhilfe in den rötlichen Fels gehauen. Meistens führt der tückische Aufstieg jedoch über lange, steile Felsrücken,
vorbei an gigantischen Granitkugeln, die uns wieder ins Staunen bringen. Und erneut fragen wir uns, wie lange sie ihrem Balanceakt wohl noch standhalten können… Die Aussicht auf die umliegenden skurrilen Felsformationen sowie die hohe Bergkette in der Ferne ist schlichtweg ein Traum. Diese faszinierende Gesteinskulisse spornt mich an, die herausfordernden Kletterpartien zu meistern – ein Umkehren kommt nicht in Frage.
Aus geplanten zwei Nächten werden drei. Das wolkenlose Wetter beschert uns erneut einen gelungenen Tag. Heute kehren wir für den Sonnenuntergang in die eindrucksvolle Felsarena zurück. Das Gestein leuchtet rot in der Abendsonne. Ein Zauber liegt über den abgeschliffenen,
ineinander verkeilten Felsbrocken. Bei einem kühlen Bier und leckeren Chips lassen wir den Tag ausklingen – die letzten Sonnenstrahlen verschwinden soeben hinter einem der Berge. Auf der Rückfahrt auf den Campingplatz spekulieren wir mit einer Nashornbegegnung. Aber der Tag wäre wohl zu perfekt, ginge unser Wunsch in Erfüllung…
Auf der Schotterpiste fahren wir zurück nach Usakos, wo wir auf die geteerte Hauptachse gelangen, die von der Hauptstadt zur Küste führt. Unzählige Lastwagen donnern an uns vorbei – an einen solchen Verkehr sind wir uns nicht mehr gewohnt. Karibib erreicht, biegen wir nach Norden, Omaruru erreicht, nach Osten ab. Nach insgesamt 200 abgespulten Kilometern nähern wir uns dem Mount Etjo – unserem heutigen
Tagesziel. In der Nähe des langen, 2100 Meter hohen Tafelberges verbringen wir die Nacht. Ein schattiger Fleck versteckt zwischen Bäumen bietet sogar Gelegenheit, unsere Hängematte zu befestigen und erholsam in den Abend zu schaukeln – vor uns eine grasgrüne Lichtung mit Blick auf einen kleinen Teich. Idylle pur, nur die Exotik fehlt – die Szenerie erinnert an die Heimat. Am Tümpel stillen Kühe statt Antilopen ihren Durst.
Dinosaur Tracks – das Highlight dieser Region. Ein kurzer Wanderweg bringt uns zu den vor etwa 200 Millionen Jahren entstandenen, einst in den Schlamm gedrückten und erstarrten Fussabdrücken. Nur wenige der Dinosaurierspuren sind klar auszumachen – unsere Begeisterung hält sich in Grenzen.
Wir ziehen weiter, geben den Schlüssel des Klos an der Rezeption ab. „Wo geht’s heute lang?“, erkundigt sich die aufgeschlossene Dame mit dem blonden, rassigen Kurzhaarschnitt. „Die Strasse ostwärts ist nach den vergangenen Niederschlägen noch in einem sehr schlechten Zustand“, meint sie besorgt und gibt uns für einen allfälligen Notfall ihre Telefonnummer.
Tiefe Auswaschungen in der sandigen Piste und ein paar Pfützen zeugen wahrlich vom ergiebigen Regen – die Natur dankt mit grünen Wiesen, zahllose Blümchen stehen in voller Blüte. Die schlammigen Abschnitte sind fast ausgetrocknet, was uns lediglich eine etwas ruppige Fahrt und ein langsames Vorankommen, aber glücklicherweise kein Steckenbleiben, beschert…
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