Goldenes Kalgoorlie
Auf dem Highway No. 1 brausen wir von Esperance in Richtung Norden. Die fast schnurgerade Route von der Küste ins Landesinnere führt durch die Kornkammer Westaustraliens. Allmählich gehen die Weizenfelder in wildes Buschland über – mancherorts muten Eukalyptusbäume wie eine grüne Allee aus Riesen-Brokkoli an.Knapp 200 Kilometer auf schier einsamer Fahrt, biegen wir auf eine rötliche Piste zu den Dundas Rocks ein. Nicht nur das unbefestigte Strässchen, sondern auch gewisse Baumstämme schimmern in einem reizenden Rotfarbton. Ein weisser Salzsee blendet im Sonnenlicht, das nach Regenfällen meist schnell verdunstete Wasser lässt helle Mineralien zurück.
Doch wo sind nun die vermeintlichen Dundas Rocks? Nur die Handvoll wie in den Wald geworfenen Steinbrocken neben dem Fahrweg werden es wahrscheinlich nicht sein. Erwartungsvoll schwingen wir uns aus dem Autositz und schustern tiefer in den Busch hinein. Schon bald tauchen weitaus imposantere Granitblöcke auf, balancieren erhaben in einer Lichtung im Wald. Nach unserer erfolgreichen Erkundungstour spüren wir auch noch ein geeignetes Plätzchen für die bevorstehende Nacht auf. Ein offener idyllischer Fleck umgeben von ein paar Bäumen, wir parken auf rotem Sand inmitten entzückendem Gestein.
Eigentlich sind wir ganz auf uns allein gestellt, würden uns nicht pausenlos lästige Fliegen bedrängen. Tanzt die erste an, dauert es nicht lange und all ihre Freunde schwärmen herbei. Wir fühlen uns wie stinkendes Vieh, fehlt uns nur der lange Schwanz, um die massenhaft um uns schwirrenden Plagegeister in den
Wind schlagen zu können. Die Buschfliegen kennen keine Scheu und krabbeln ungeniert in sämtliche Körperöffnungen. Genervt stülpen wir unser kürzlich erstandenes Fliegennetz über den Kopf. Nun krabbeln die anhänglichen Tierchen nicht mehr in Nasenlöcher, Augen und Ohren, setzen sich aber mit Vorliebe aufs Netz und kitzeln weiterhin unsere nackte Haut…
Auch an unseren Nerven zerrt unser Fahrzeug. Eben erst angekommen, macht einmal mehr die rote Warnlampe drohend auf sich aufmerksam. Und der angeblich für die zweite Batterie installierte Alarm schrillt unaufhörlich. Nach stundenlangem Fahren sollte die Batterie eigentlich aufgeladen und nicht etwa ausgelaugt sein. Eins ist klar, irgendetwas stimmt hier nicht – wann hört das endlich auf? Mittlerweile seit drei Wochen auf Achse mit 2000 Kilometern unter den Rädern, aber die Anfangswehwehchen sind leider noch nicht alle beseitigt.
Über eine rote Schotterpiste holpern wir am nächsten Mittag dem Verkehrsknotenpunkt Norseman entgegen. Der – zumindest sonntags – verschlafene Ort ist das Tor zu den Goldfeldern Western Australias, die sich von hier über 450 Kilometer nordwärts in einer trockenen Halbwüste bis nach Leonora erstrecken. Verkehr gibt es kaum, gelegentlich überholt oder kreuzt uns jedoch ein rollendes Ungetüm. Roadtrains schüchtern uns sogar auf der breiten Hauptverkehrsachse ein. Die riesigen Sattelschlepper mit drei bis vier Anhängern erreichen eine Länge von bis zu 50 Metern…
Der Goldrausch setzte Ende des 19. Jahrhunderts ein und hinterliess nach seinem Abklingen beinahe verwaiste Städte. Coolgardie, einst eine Goldgräber-Metropole, belebten zu ihrer Blütezeit 15’000 Menschen. Es gab über zwanzig Hotels, sechs Zeitungen, drei Brauereien und zwei Börsen. Extrabreite Strassen wurden damals angelegt, damit die von Kamelen gezogene Gespanne in einem Zug wenden konnten. Heute zählt das verschlafene Dorf lediglich 800 Einwohner, die einstige Grösse lässt sich nur mit Fantasie erahnen. Langsam cruisen wir durch die überdimensionale, leergefegte Hauptstrasse. Wir bewundern die ins milde Nachmittagslicht getauchten historischen Häuserfassaden – der Strassenzug des Wüstenortes mutet wie eine Wildwestkulisse an.
Erneut 200 Kilometer zurückgelegt, schwenken wir kurz vor der noch heute florierenden Goldstadt Kalgoorlie zum Lake Douglas ab. Auch heute bezahlen wir für das Campen in der wundervollen Natur keinen Cent. Feinen roten Sand und Eukalyptusbäume im Überfluss, die Nachbarn ausser Sichtweite, die ausgesuchte Ecke gehört nur uns. Im Gegenzug verzichten wir auf Annehmlichkeiten wie fliessendes Wasser, eine warme Dusche oder Strom aus der Steckdose. Für kostenlose Nistplätze wie diesen sind die praktischen Apps CamperMate und WikiCamp äusserst hilfreich und verraten uns offizielle Übernachtungsspots, die mit einem Campingplatz im eigentlichen Sinne überhaupt nichts mehr zu tun haben.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden im Goldrauschland um die 50 Städte aus dem Nichts. Deren Bevölkerung verschwand im Laufe der Zeit wie das Gold, doch die Doppelstadt Kalgoorlie-Boulder überlebte und bildet noch immer der grösste Goldlieferant Australiens. Die Stadt zählte bereits im Jahre 1902 über 30’000 Einwohner und 93 Kneipen. Wir bummeln durch die im Schachbrettmuster angelegten Strassen, tauchen ein in vergangene glorreiche Zeiten. Die Hannan Street wartet mit prächtig restaurierten
Originalbauten im viktorianischen Stil auf, die von jenem unglaublichen Reichtum zeugen. Die Parallelstrasse Hay Street ist nicht den schmucken Häusern, sondern der gefälligen Damen wegen bekannt. Früher kamen Minenarbeiter in die Stadt, um das wenige, das sie hatten, in den berüchtigten Bordellen zu verprassen. Oder in den Kneipen zu verflüssigen, wo sie von nur spärlich bekleideten Bardamen bedient wurden. Die Zeiten haben sich zwar drastisch geändert, aber die Stadt hat ihr „Wild West-Flair“ bewahrt.
Das goldene Leben vor über 100 Jahren war hart. Enthusiasmus – oder Gier – waren oft stärker als der gesunde Menschenverstand. Krankheiten wie Typhus breiteten sich rasant in den Goldgräbercamps aus und bescherte vielen einen staubigen Tod. Wasser war knapp, fast wertvoller als Gold. In Kneipen kreisten Whiskyflaschen, den Wasserkrug rückte der Barmann aber nie heraus. Die Wasserknappheit beendete 1903 eine Pipeline, die Wasser von Perth zu den 400 Meter höher gelegenen Goldfeldern pumpte. Es war die Lebensader für die an der 600 Kilometer langen Wasserleitung gelegenen Städte und für Kalgoorlie der Beginn der Zukunft.
Als die glitzernden Stückchen nicht mehr einfach an der Oberfläche lagen, musste immer tiefer und tiefer gegraben werden, um dem Gestein das begehrte Edelmetall mit teuren, komplexen Verfahren abzutrotzen. Super Pit, die grösste offene Goldmine Australiens, befindet sich in der historischen Golden Mile, die bereits kurz nach ihrer Entdeckung 1893 als die reichste goldhaltige Quadratmeile der Welt galt. Heute macht Kalgoorlie rund Dreiviertel der Goldproduktion Australiens aus und acht Prozent der ganzen Welt… Vom Aussichtspunkt am Rande des überwältigenden Riesenlochs gucken wir in die staubige Tiefe. Die gewaltigen Dimensionen sind nicht wirklich zu erfassen – 620 Meter Tiefe, 3.5 Kilometer Länge und 1.6 Kilometer Breite.
In der Terrassenlandschaft der gigantischen Grube wirken die umher kurvenden Lastwagen winzig, wie Spielzeugautos. Doch die Trucks sind riesig, etwa so gross wie ein Haus. Den Informationstafeln entnehmen wir spannende Fakten, aus dem Staunen kommen wir kaum heraus… Im Super Pit sind 40 Laster mit 2300 PS und einem Wert von je vier Millionen Dollar im Einsatz. Der Tank eines solchen Gefährts fasst knapp 4000 Liter, eine Füllung kostet rund 5000 Dollar und der sagenhafte Verbrauch pro Stunde beträgt 200 Liter. Ein Truck lädt 225 Tonnen Gestein. In zusammengezählt sieben Trucks findet sich schlussendlich ein halbes Kilogramm Gold, was der Grösse eines Golfballs entspricht. Die Mine fördert pro Jahr insgesamt etwa 20’000 Kilogramm – in Geld ausgedrückt über eine Milliarde australische Dollar, also rund 800 Millionen Schweizerfranken.
Ein Montag wie jeder Montag der verstrichenen vier Wochen. Auch heute steht ein Besuch in einer Autowerkstatt an. Gelangweilt inspizieren wir den verstaubten Laden, bis sich jemand unserem pfeifenden Gefährt annimmt. Nach einem Kennerblick unter die Kühlerhaube stellt der Autoelektriker ernsthaft in Frage, ob der installierte Alarm überhaupt für die zweite Batterie verantwortlich sei. Denn diese sei tadellos, aber kein Wunder, sie ist ja neu. Die geschilderte Problematik entlockt dem sympathischen Fachmann ein Kopfschütteln, deren Ursache auf die Schnelle nicht zu diagnostizieren sei. Nach Rücksprache mit unserem ebenso ratlosen Vermieter wird das entsprechende Kabel ruckzuck abgehängt und dem unergründlichen Warnton ein für alle Mal ein Ende gesetzt. Na ja, immerhin herrscht nun Ruhe und wir sind ab jetzt hoffentlich garagenfrei auf Fahrt.
Einmal mehr trotten wir von Warenhaus zu Warenhaus, diesmal wenigstens mit Erfolg. Neue Pfannen im Sack, können wir die rostigen Kochtöpfe endlich in den Müll schmeissen. Die Zeit verrinnt, währenddessen wir den Einkaufswagen durch die Regale im Supermarkt schieben. Reichlich decken wir uns mit Büchsenfutter und sonstigem Langhaltbarem ein – die Lebensmittel sollen uns im kommenden Monat im entlegenen Outback wohlig nähren. Mindestens so lange wie der Grosseinkauf dauert das Verstauen im engen Camper, denn auf jeden Zentimeter kommt es an. Nach zwei Tagen umher wuseln in der Stadt, schalten wir noch einen „Ruhetag“ auf dem staubigen Campingplatz – eigentlich mehr Parkplatz – ein. Wir geben unserem Daheim den letzten Schliff und puffen unser Hab und Gut noch optimaler ein. Hoffentlich gut gewappnet für die abgelegenen Gefilde, nutzen wir noch das Internet und arbeiten am Blog, was in den nächsten Wochen wohl auf der Strecke liegen bleibt…
Nieselregen und traurig bewölkt, an Tagen wie diesen und viel zu oft im letzten Monat, verharrt das Quecksilber jeweils deutlich unter zwanzig Grad. Auf dem Goldfields Highway sauen wir nach Norden, mittlerweile blinzelt uns sogar die Sonne neckisch entgegen. In Australien steht auch die Sonne kopfüber, und nicht wie in Europa mittags im Süden. Es blitzt und flunkert am Strassenrand, doch es ist nicht etwa Gold, sondern es sind Scherben und achtlos weggeschmissene Flaschen sowie Dosen… Nach 130 Kilometern trudeln wir in
Menzies ein. In der ehemaligen Goldgräberstadt tummelten sich zu Spitzenzeiten 10’000 Menschen – übrig geblieben sind nur noch ein Bruchteil und ein paar wenige der historischen Häuser. Mit einem Becher Kaffee und einer Süssigkeit setzen wir uns für eine Weile im herzigen Café unmittelbar an der Durchgangsstrasse. Beinahe gespenstische Stille schwebt über dem winzigen Ort, ausser wenn diese von einem brummenden Roadtrain hin und wieder kurz unterbrochen wird. Frisch gestärkt schwenken wir nach Westen für einen Abstecher zum salzverkrusteten Lake Ballard ab…
Kommentare
Goldenes Kalgoorlie — Keine Kommentare
HTML tags allowed in your comment: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>