Gufelstock – im Wanderglück
Ein Hitzetag ist angesagt. Das Thermometer knacke diesen Sommer erstmals die 30-Grad-Marke. Eifrig rüsten wir uns für die geplante Wanderung auf den Gufelstock, wo die vorausgesagte Temperatur nur halb so hoch zu erwarten ist. Als wir morgens um acht im Glarnerland ankommen, ist der pure Sonnenschein urplötzlich verschwunden. Das zwischen steilen Bergkämmen eingezwängte Tal muss sich sogar im Hochsommer lange auf die ersten Sonnenstrahlen gedulden.
Von Ennenda auf knapp 500 Metern schweben wir mit der Seilbahn auf den Bärenboden hinauf. Mit der kleinen Gondel sind die ersten tausend Höhenmeter im Nu überwunden – die nächsten
tausend nehmen wir voller Tatendrang unter die Sohlen. Auch als der Wald in offenes Gelände übergeht, stiefeln wir noch in kühlem Schatten bergan. Es ist bereits neun, als uns der erste Sonnenstrahl küsst. Für einen Montag sowie angesichts der frühen Morgenstunden sind verhältnismässig viele Wanderlustige auf den Beinen. Aufdringliche Stimmen übertönen häufig das Zwitschern der Vögel und andere Naturgeräusche.
Beim Schafleger, einer Anhöhe auf 2000 Metern, gabelt sich der Weg. Fortan strolchen wir
meistens in Zweisamkeit, über Stock und Stein stets leicht bergauf. Unsere einzige immerwährende Begleitung ist das grandiose Panorama, und der ersehnte Bergfrieden kehrt ein. Die hohen Glarner Alpen ragen in einen stahlblauen Himmel, nur vereinzelte Wölkchen schmiegen sich um deren Gipfel. Auch die Gletscherwelt des Tödi ist allgegenwärtig. Und nebst dem alpinen Wahrzeichen des Glarnerlands sind sogar die fernen Tschingelhörner auszumachen.
Die Sonne wärmt behaglich, hingerissen frönen wir einer ersten Verschnaufpause. Bunte Blumen schmücken die Alpwiesen, kleine Bergseen betten sich malerisch in die hügelige Szenerie. Manche Gewässer liegen unmittelbar am Wanderweg, andere kriegen wir nur zu Gesicht, wenn wir hinter die abseits liegenden Buckel spähen. Die Extraschritte lohnen sich ungemein, und obendrein kommt keiner auf dieselbe Idee.
Inzwischen sind wir auf knapp 2200 Metern bei Seelenen angelangt, einer welligen Hochebene. Kuhglocken bimmeln gutmütig. Fast mit jedem Meter ändert sich die Perspektive. Stets liegen uns neue Seen zu Füssen, manche nur so gross wie ein Tümpel. Verträumt liegen die Wässerchen vor der fantastischen Hochgebirgskulisse. Auch die Eiskappe des Tödi ist nach wie vor ein beständiger Blickfang. Die reizende Bergwelt erobert im Nu unser Herz – wir sind im Wanderglück.
Aufgekratzt entdecken wir die Alpenidylle, die sich als wahre Schatzkiste entpuppt. Die
Farbpalette ist eindrücklich. In der Mittagssonne schimmern die Bergseen von tiefblau bis violett, im klaren Wasser spiegeln sich die umliegenden Hügelzüge. Grünes Gras leuchtet, weisse Steine und glänzende Schneeflecken setzen weitere Farbakzente. Immer wieder beschleicht uns das Gefühl, das neu gewonnene Bild ist noch schöner als das vorangegangene, und besessen knipsen wir weitere Fotos mit den Handys. Roland bereut es ein bisschen, die Fotokamera nicht eingepackt zu haben.
Allmählich gehen die Wiesen in einen mit Schieferschutt bedeckten Landstrich über, und der angepeilte Gufelstock ist nicht mehr fern. Überwältigt nehmen wir die wildromantische Seenlandschaft von oben in Augenschein. Da es so viel zu staunen gibt, machen sich die Höhenmeter fast wie von alleine. Es ist kein markanter Gipfel, den wir da anpeilen – der Weg entpuppt sich als Ziel. Obschon: Die Aussicht vom Gufelstock auf 2436 Metern ist nicht zu verachten.
Mittags um halb eins weilt nur eine Handvoll Menschen hier oben. Das 360-Grad-Panorama reicht vom Glarnerland in die Flumserberge, über die Murgseen bis zu den Churfirsten und dem weiter entfernten Alpstein. Trotz kräftiger Julisonne zaubert mir die frische Brise in dieser Höhe eine Gänsehaut auf Arme und Beine. Dem blau-weiss ausgeschilderten Pfad über den Grat folgend, kommen rasch wieder Schweissperlen ins Spiel.
Der schroffe Höhenweg lotst uns mancherorts steil in die Tiefe, um dann kurz darauf wieder ebenso steil anzusteigen. Gewisse Stellen sind etwas ausgesetzt – einmal mit Seilen gesichert -, aber auch für mich gut zu meistern. Über weniger namhafte Gipfel wie Höch und Chli Höch gelangen wir schliesslich einer grasigen Krete entlang zum Heustock. Reif für eine Mittagsrast, werfen wir uns etwas abseits auf die Grasdecke. Hungrig machen wir uns über den Proviant her und lauschen dem Glockenkonzert der Kühe.
Aufgetankt streben wir dem Schwarzstöckli entgegen, ein besonderer Gupf zwischen Murg- und Linthtal. Der felsige Gipfel ist bald erklommen. Beinahe alleine stehen wir in 2385 Metern Höhe und bewundern die Rundumsicht. In der Ferne leuchtet der Klöntalersee türkisfarben, weisse Schäfchenwolken zieren den Horizont. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch…
Glücklich schustern wir über die buckligen Alpweiden wieder bergab. Liegt nochmals ein kleiner
Abstecher drin? Ein sechster Gipfel am Wegesrand lockt. Durch hohes Gras führt ein schmaler Pfad, schnaubend balancieren wir zum Hächlenstock hoch. Eine ausgiebige Pause können wir uns nicht mehr gönnen, denn der Nachmittag ist schon weit fortgeschritten. Schleunig weiter talwärts. Ausser uns sind kaum mehr Wanderer unterwegs.
Beim Schafleger schliesst sich unsere Gipfelrunde, und der finale Abstieg erfolgt auf demselben Weg wie der Aufstieg am Morgen. Je tiefer wir kommen, desto höher die Temperatur. Ab und zu haucht ein Wind, der sich wie ein blasender Haarföhn anfühlt. Endlich taucht die erlösende Seilbahnstation auf. Die langen Betriebszeiten von sieben bis sieben sind
aussergewöhnlich – daran könnten sich andere Bergbahnen ein Beispiel nehmen. Denn es ist ein Segen, nicht ständig auf die Uhr gucken zu müssen, und einen Hitzetag wie diesen vollkommen in höheren Lagen ausschöpfen zu können. Beflügelt gondeln wir jäh in die Tiefe und sind dankbar, verstreichen die letzten tausend Höhenmeter flugs…
Kommentare
Gufelstock – im Wanderglück — Keine Kommentare
HTML tags allowed in your comment: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>