Heiliges Mashhad
Unsere erste Aufmerksamkeit in Mashhad erhält das Konsulat von Turkmenistan, doch dieses lässt uns heute Morgen vor verschlossener Türe stehen, warum auch immer. Wir sind nicht die einzigen, die warten, noch mehrere Touristen sowie Iraner harren vergebens aus. Die Öffnungszeiten der turkmenischen Vertretungen sind ziemlich unberechenbar. “Die Botschaft in Tehran ist zur Zeit für zwei Wochen geschlossen”, berichtet uns ein spanisches Paar entrüstet, “deshalb sind wir hier”. Ein deutscher Radler wartet schon seit drei Wochen auf sein Visum – heute geht ihm die Geduld aus, er ändert seine Pläne. Unsere Zuversicht, das gewünschte Transit-Visum noch rechtzeitig zu erhalten, schwindet beträchtlich…
Mit über zwei Millionen Einwohnern liegt die zweitgrösste und heiligste Stadt des Irans ganz im Nordwesten des Landes. Mashhad ist eine Pilgerstadt und verfügt deshalb über unzählige Hotels mit einem guten Preis-/Leistungsverhältnis. Die Stadt selber macht einen eher modernen Eindruck, die Frauen sind jedoch meist konservativ gekleidet. Viele haben das Kopftuch tief ins Gesicht gezogen, verhüllen sich mit einem Chador. Es sind nur wenige alte Stadtviertel erhalten, viele historische Bauten fielen in den letzten Jahren dem Ausbau des Heiligen Bezirks zum Opfer. Die riesige Anlage mit dem Mausoleum von Iman Reza, dem achten Imam der Schiiten, ist DIE Sehenswürdigkeit von Mashhad und Anziehungspunkt für Millionen von Pilgern.
Der Ausbau ist noch längst nicht abgeschlossen, viele Baustellen verunstalten diese göttliche Anlage. Das Mausoleum und der dazugehörige Heilige Bezirk heisst abgekürzt Haram (verbotener Ort), da der Zutritt für Nicht-Muslime nur für wenige Bereiche gestattet ist. Die vielen Eingänge werden von Wärtern streng überwacht, westliche Besucher wie wir fangen sie in der Regel sofort ab und geben sie einem Führer in Obhut. Die Eingangskontrollen sind intensiv, für Frauen und Männer getrennt. Ich werde in einen unbequemen Chador gesteckt, welcher auch trotz langer weiter Bekleidung und Kopftuch ein Muss ist. Mit dem weissen blumigen Tuch fühle ich mich wie ein hässliches Gespenst und falle unter den vielen schwarz verhüllten Muslimas sofort auf.
Das Heiligtum besteht aus einer Vielzahl an Innenhöfen, Bauten und Schreinen mit dem Grab von Imam Reza unter der vergoldeten Kuppel im Zentrum. Die Ausmasse sind immens und überwältigend, die persischen Kachelverzierungen hübsch. Viele Pilger beten. Unsere zierliche Führerin begleitet uns, lässt uns nicht aus den Augen – keinen Schritt dürfen wir allein tun. Schade, denn im Eilzugstempo können wir das Geschehen kaum richtig aufnehmen, geschweige die Atmosphäre in Ruhe auf uns wirken lassen.
So setzen wir uns nach der Führung vor den Haupteingang, beobachten das Kommen und Gehen der Gläubigen am frühen Abend. Eine Frau kommt auf mich zu, zeigt auf meine Haare, die an der Stirn unter meinem Kopftuch hervorgucken und fordert: “Hejab!” – Ausdruck für die obligatorische iranische Frauenverschleierung, welche hier offensichtlich peinlichst genau ausgelegt wird… Die Zeit verstreicht – unsere Magen knurren. Im Iran ist es abends in vielen Restaurants erst ab sieben oder noch später möglich, den Hunger zu stillen. Wir machen uns auf die Suche, kämpfen uns durch den uns entgegenkommenden Menschenstrom an Gläubigen. Das Finden eines gemütlichen Lokals gestaltet sich aussichtslos, oft verstecken sich fensterlose Restaurants in Kellergeschossen. Abgesehen von Fast Food-Fressbuden sind Hotels eine weitere Möglichkeit, wo in riesigen Speisesälen um acht Uhr noch immer eine gähnende Leere herrscht. Die Iraner kreuzen meist erst später auf…
Am nächsten Morgen stehen wir wieder auf der Matte der usbekischen Botschaft – die Tür zum kleinen, transparenten Warteraum (wie ein Wartehäuschen einer Bushaltestelle) steht offen. Das kleine Fenster, hinter dem sich ein Kopf verbirgt, erreicht kaum A4-Grösse. “No answer yet, come again the day after tomorrow”, meint der Beamte schulterzuckend. Unsere Visaanträge sind zwar im System erfasst, aber noch in Ashgabat, der Hauptstadt von Turkmenistan, auf unbestimmte Zeit in Bearbeitung. Wir treffen wieder ein paar Gleichgesinnte, mit denen wir uns in einer nahegelegenen Saftbar austauschen und uns neue Hoffnung antrinken…
Wir zerbrechen uns den Kopf, wie es weitergehen soll, falls wir das Transit-Visum nicht rechtzeitig erhalten. Einerseits ist unser Visum für den Iran nur noch drei weitere Tage gültig und wir ziehen in Erwägung, dieses zu verlängern, aber eigentlich gibt Mashhad nicht soviel her. Andererseits möchten wir nicht mehr allzu lange abwarten, weil wir wertvolle Zeit von unserem Aufenthalt in Usbekistan verlieren, da jenes Visum auf einen fixen Zeitraum ausgestellt ist. Und doch möchten wir liebend gerne unsere Reise wie geplant über Land fortsetzen – die Alternative ist fliegen. Wir sind hin und her gerissen, schöpfen erstmal Zuversicht und hoffen auf einen positiven Bescheid in zwei Tagen…
Etwas ausserhalb des Stadtzentrums liegt ein weiteres Heiligtum, das Mausoleum von Khadjeh Rabi. Der achteckige Grabbau wurde 1621 in Form eines Pavillons errichtet – es sei ein Vorläuferbau vom berühmten Taj Mahal in Indien. Die grosse Kuppel umlaufen persische Schriftbänder. Das eigentliche Grab im Inneren kann nur Roland besichtigen. Ich müsste wieder meinen ganzen Körper einhüllen, aber Chadors werden hier keine ausgelehnt. Der alte Bau liegt innerhalb einer riesigen Anlage mit Arkaden, welche während des Krieges gegen den Irak zu einer grossen Grabstätte für Gefallene umgebaut wurde – beschriftete Bodenplatten als Grabsteine.
Wir schätzen es, uns diesmal selbständig zu bewegen, uns soviel Zeit zu nehmen, wie wir möchten. Im Schatten sitzend bewundern wir das Schmuckstück, welches mit Mosaiken in den Farbtönen türkis, gelb und braun liebevoll dekoriert ist – wunderschön! Als einzige westliche Touristen werden wir mehrmals angesprochen. Ali Reza und seine Töchter bitten um ein Foto mit uns – kein Problem, wir lächeln gerne in die Kamera. Die Iraner fotografieren selber sehr häufig, meist mit ihren Handys.
Zügig sind wir erneut auf dem Weg zum Konsulat – Nervosität macht sich breit. Die Schlange ist lang, mitunter stehen viele Touristen an. Noch nirgendwo auf unserer ganzen Reise haben wir soviele Langzeitreisende, ja Individualreisende überhaupt, getroffen wie vor dem turkmenischen Konsulat. Erstaunlich viele sind mit dem Fahrrad unterwegs, manche wie wir mit den öV und ein Paar ist mit dem Auto angereist – Franzosen, Deutsche, Holländer, Japaner… Enttäuschung pur – niemand erhält heute das sehnlichst erbetene Visum, der Bearbeitungsprozess sei noch nicht abgeschlossen. “Vielleicht in zwei, vielleicht in vier Tagen”, spekuliert der Angestellte ausdruckslos.
Und vielleicht erhalten wir das Visum auch gar nie… Alles ist bei den Turkmenen ziemlich unzuverlässig und etwas dem Zufallsprinzip überlassen. Gleichzeitig beantragt ist keine Garantie für ein gleichzeitiges Erhalten. Es ist auch keine Seltenheit, dass die Einreise grundlos verweigert wird. Die meisten unserer Leidensgenossen üben sich schon über zwei Wochen in Geduld, wir seit zehn Tagen. Normalerweise dauerte die Bearbeitung sieben bis zehn Tage, aber uns kommt zu Ohren, dass die Iraner neu ein Visum für Turkmenistan benötigen und es sich deshalb in die Länge zieht… Wohlgemerkt, wir sprechen hier nur von einem Transit-Visum, welches berechtigt, in fünf Tagen auf einer festgelegten Route das riesige Land zu durchqueren. Ein Touristenvisum für einen längeren Besuch wird sowieso nur im Rahmen von geführten Rundreisen über eine Reiseagentur erteilt.
Wir sind bitter enttäuscht. Viel Zeit haben wir im Vorfeld in die Recherche gesteckt. Mit dem heutigen Wissensstand hätten wir unsere Reise in Tehran gestartet und das Visum gleich zu Beginn eingeholt – bekanntlich ist man im Nachhinein oft schlauer. Für uns ist zwischenzeitlich aber klar, dass wir das Iran-Visum nicht verlängern und keine weitere Zeit im Mashhad vertrödeln wollen, weil es keine Garantie für ein wann und überhaupt gibt. Wir fliegen aus! Unser eigenes Online-Reisebüro ist eröffnet – wir buchen Flüge und Hotels für morgen und die nächsten Tage.
Der letzte Tag im Iran – wir nehmen Abschied. Es ist Rolands Geburtstag, aber nicht sein Glückstag… Wir besuchen einen alten Hamam, ein orientalisches Badehaus, welches zu einem Museum umfunktioniert wurde. Eine Kuppel mit schmucken Malereien überspannt das einstige Bad. Danach spazieren wir nochmals gemütlich um den Heiligen Bezirk, nehmen die prächtige Anlage von aussen in Augenschein. Es ist brütend heiss, ich warte im Schatten, während Roland nochmals ein paar Fotos schiesst. “Wo bleibt er denn?”, frage ich mich nach einer langen Weile. Endlich kann ich ihn in der Ferne ausmachen, umgeben von einigen Herren – bestimmt eine freundliche iranische Plauderei. Plötzlich realisiere ich, dass er sich wehrt. Etwas stimmt nicht, ich schlendere auf den Männertrupp zu. “Die lassen mich nicht gehen, halten mich fest”, erklärt Roland aufgebracht, “ich hätte ein verbotenes Foto gemacht”. Ach du
meine Güte! Die Wächter wollten ihn in die Anlage zerren, sprechen aber nur Farsi und verstanden nicht, dass Roland mich erst informieren wollte. Zum Glück kann nun ein Besucher übersetzen. Widerwillig, sich keines Vergehens bewusst, folgt Roland den hartnäckigen Aufsehern. Ich muss zurückbleiben und bange wartend. Nach einer Viertelstunde kommt Roland wohlbehalten zum Eingang zurück. Die soeben geknipsten Fotos wurden nicht beanstandet, wo das Problem nun liegt, bleibt uns verborgen. Wir sind irritiert, kommen uns vor wie Verbrecher, aber schlussendlich sind wir nur erleichtert, ist alles glimpflich ausgegangen. Ein Erlebnis der etwas anderen Art im ansonsten stets friedlich freundlichen Iran…
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