Hippo-Grunzen in St. Lucia
Nach einem langen Safari-Tag im Hluhluwe Game Reserve treffen wir kurz vor dem Eindunkeln müde auf dem Campingplatz in St. Lucia ein. „Ich glaube, mit unserem hinteren linken Reifen stimmt etwas nicht“, melde ich Roland etwas besorgt. Der Pneu verliert offensichtlich Luft, es ist sogar zu hören. Auf den ersten Blick ist aber nichts zu erkennen, deshalb prüft Roland mit Taschenlampe und Spiegel den uns verborgenen Teil des Reifens. Bald ist der Übeltäter gefunden – eine fette Schraube steckt im Gummi fest. „Mist, das hat jetzt gerade noch gefehlt“, nervt sich Roland. Aber ich bin eigentlich nur froh, ist es uns hier und nicht mitten in der Wildnis passiert…
Auf dem weichen Grund des Campingplatzes sinkt der Wagenheber ein, so stellen wir unser Fahrzeug auf den öffentlichen Parkplatz vor dem Tor. Blitzschnell sind zwei Jungs zur Stelle und bieten ungefragt ihre Hilfe an. Tüchtig packen sie mit an, lösen gewaltvoll die verkorksten Schrauben und bringen das Reserverad an. Sie scheinen nicht das erste Mal einen Radwechsel zu vollziehen, ihre Handgriffe sitzen. Dankend nehmen die beiden das Trinkgeld entgegen und machen sich wieder aus dem Staub.
Der kleine Ort St. Lucia liegt an der Küste und hat sich in den letzten Jahren zu einem Touristenzentrum gemausert. Von hier lässt sich die Wildnislandschaft um den Lake St. Lucia mit den ausgedehnten Feuchtgebieten und den endlosen Stränden entdecken. Der See ist das grösste Binnengewässer Südafrikas und entstand vor Tausenden von Jahren, als die Ozeane allmählich zurückwichen. Er wird von mit Wald und Gras bewachsenen Dünen flankiert, die an ihrem höchsten Punkt 200 Meter zwischen dem See und dem Indischen Ozean aufragen. Es seien die höchsten bewachsenen Dünen der Welt, lese ich im Reisehandbuch.
Der Tag erwacht. Nebst Vogelgezwitscher ist der Morgen auch vom Grunzen der Hippos geprägt. Der Campingplatz liegt unweit des flusspferdebevölkerten Sees und die grunzenden Laute sind immer wieder zu hören. Hier sowie an anderen Stellen in Ufernähe verweisen Warntafeln auf die Möglichkeit von grasenden Hippos während der Nacht. Glücklicherweise ist aber noch keines auf dem Camping aufgetaucht oder ist uns zumindest nicht über den Weg gelaufen.
Unsere erste Mission heute ist das Auffinden einer Autogarage. Die kleine, chaotisch wirkende Werkstatt stopft uns das besagte Loch mit einer Art Gummipfropfen. Die etwas provisorisch anmutende Flickerei weise jedoch dieselbe Lebensdauer auf, wie der Pneu selber. Wir packen die Gelegenheit beim Schopf und lassen auch den linken Vorderreifen überprüfen. Denn als wir den Campervan übernommen haben, hatte dieser Pneu zu wenig Luft und seither müssen wir bei den regelmässigen Kontrollen immer wieder etwas aufpumpen. Aha, wir haben es uns doch gedacht – ein klitzekleines Loch ist schuld daran! Auch dieses wird rasch gestopft und der Reifen ist wieder wie neu. Die gesamte Reparatur kostet uns nur 120 Rand, was umgerechnet knapp neun Franken entspricht – unglaublich günstig.
Gemütlich schippern wir entlang der reizvollen Ufervegetation des Lake St. Lucia. Der rothaarige Bootsführer, im Safari-Look gekleidet, lenkt das kleine Schiff vorsichtig in die Nähe einer Herde Flusspferde. Wow, so nah sind wir den walzenförmigen, grunzenden Kolossen noch nie gekommen. Der See ist nur eineinhalb Meter tief und somit ideal für ihre Spaziergänge. Immer wieder begegnet uns während der gemächlichen Fahrt eine der hier ansässigen Herden. Nebst den Flusspferden
sind in dem Gebiet um den See auch Krokodile und verschiedene Vögel beheimatet. Wie riesige Fleischklösse liegen die Hippos zusammengepfercht im seichten Wasser am Ufer und halten eine nachmittägliche Siesta. „Durch die nährreiche Muttermilch nimmt ein Hippo-Baby täglich drei bis fünf Kilogramm zu“, lehrt uns der witzige Bootsführer und führt uns noch weitere interessante Fakts zu Ohren. „Die zwei Zentimeter dicke Haut eines Flusspferdes wiegt bereits über 500 Kilogramm“. Kaum zu glauben…
Rund 30 Kilometer nördlich von St. Lucia liegt Cape Vidal, das Ziel unseres Tagesausfluges. Die Fahrt führt durch das umzäunte Schutzgebiet über eine schmale Landbrücke zwischen dem See und dem Meer. Das Grasland und die Feuchtgebiete sind bevölkert von Zebras, Antilopen, Warzenschweinen, Nashörnern, Büffeln, Affen und Vögeln. Cape Vidal ist ein weitläufiger
Küstenstrich mit pinienbewaldeten Dünen. Der Strand ist eine wilde Schönheit. Die Brandung ist hoch und die mächtigen Wellen sowie die Strömung für ein Bad ungeeignet. Wir brechen auf zu einem ausgedehnten Strandspaziergang und lassen den feinen, goldenen Sand durch unsere Zehen rieseln. Keine Menschenseele weit und breit – die restlichen Besucher verharren auf einem kleinen Fleck. Uns soll es recht sein.
Der Lake St. Lucia und Cape Vidal sowie auch das bereits besuchte uMkhuze Game Reserve und Sodwana Bay nehmen einen Abschnitt im iSimangaliso Wetland Park, einem Unesco-Weltnaturerbe, ein. Noch weitere Schutzgebiete dieser Region gehören dazu. Überall wird eine separate Eintrittsgebühr verlangt.
Vom Campingplatz führt ein Boardwalk zum Strand. Erst verläuft der Holzsteg am See entlang, wo unterwegs Flusspferde im Wasser planschen und sich Krokodile am Ufer sonnen. Am Start des Boardwalks warnen etliche Schilder vor diesen gefährlichen Tieren. Am Ende des Stegs prangen etliche Verbotstafeln. Man darf nicht Schwimmen, keinen Abfall liegen lassen, kein Feuer entfachen, nicht Schreien, keine Musik hören und keinen Alkohol trinken. Der breite Strand ist vergleichbar mit einer Dünenlandschaft in der Wüste. Viele Tierspuren sind im Sand zu erkennen. Wem gehören sie wohl?
Im Windschatten einer Düne zelebrieren wir einen sogenannten Sundowner – das Bier und die Chips munden hervorragend. Wir sehen grosszügig über das verordnete Alkoholverbot hinweg… Die wärmende Sonne steht mittlerweile tief am Himmel und verschwindet langsam hinter einer Sanddüne.
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