Im Aquarium von Pulau Perhentian
Zwei dschungelbewachsene Felsrücken heben sich etwa zwanzig Kilometer vor der Küste aus dem Meer, gesäumt von einigen Sandstränden. Manche einsam, manche mit kleinen Hütten unter Kokospalmen, Strassen gibt es keine. Ganz so, wie man sich ein tropisches Szenario vorstellt, schwärmt unser Reiseführer. Auch ich habe nur beste Erinnerungen ans Inselparadies, das ich vor fünfzehn Jahren einst besuchte… Pulau Perhentian Besar, die grössere der beiden Inseln, aber auch klein, steht bei Ruhesuchenden und Familien hoch im Kurs. Die kleinere, Pulau Perhentian Kecil, wo an den Hauptstränden deutlich mehr los ist, ist bei jungen Reisenden populär. Wir ordnen uns bei den Ruhesuchenden ein, nicht zuletzt, weil ich das grosse Eiland noch nicht kenne.
Kuala Besut ist das Sprungbrett zu den zwei vorgelagerten Inseln. Im Eiltempo fetzen wir mit dem Schnellboot über das glänzende Wasser, legen schon eine halbe Stunde später am schwimmenden Steg von Perhentian Besar an. Schon von weiten ist zu erkennen, dass es sich beim Hauptstrand der Insel nicht um das im Reisehandbuch beschriebene, beschauliche Tropenparadies handelt. Der schmale, von Korallenschrott durchsetzte Sandstreifen wirkt voll und ein Restaurant mit bunten Plastikstühlen reiht sich ans nächste. Ich schlucke einmal leer…
Die Bungalows des ausgesuchten Resorts überzeugen uns nicht auf Anhieb, und ohne Vergleich ist es stets schwierig zu beurteilen, wie das Preis-Leistungs-Verhältnis einzustufen ist. Doch zwei weitere Unterkünfte sind restlos ausgebucht und eine Anlage dieses Strandabschnitts ist uns eindeutig zu teuer, auch sind die heruntergekommenen Hütten den Preis in keiner Weise wert. Wir sind überrascht, so viele Touristen anzutreffen, ist die Hauptsaison von Juli/August beinahe vorbei. Etwas widerwillig kehren wir zurück und versuchen, uns mit dem charakterlosen Holzhäuschen zufrieden zu geben. In zweiter Reihe mit dem Rücken zum Strand platziert, von Meersicht können wir nur träumen… Kaum unser neues Daheim betreten, klebt Staub und Sand an unseren Füssen, im Spiegel erkennen wir uns nur durch einen Grauschleier – von Sauberkeit kann hier keine Rede sein. Immerhin brummt der rund um die Uhr laufende Generator weit weg am anderen Ende des Gartens. Sämtliche Unterkünfte betreiben laute Generatoren, manche jedoch nur abends.
In einem der eng bestuhlten, überdachten Strandlokale ergattern wir einen Platz, jetzt zur Mittagszeit ist es überall voll. Die Atmosphäre erinnert mehr an ein hektisches Migros-Restaurant wie an eine lauschige Strandbeiz. Ein übler Mief weht uns entgegen, einige Meter neben unserem Tisch lagern Müllsäcke am Strand. Vor unserer Nase liegt das Fischerdorf von Perhentian Kecil mit nur wenigen Häusern. Ins Auge sticht eine gigantische graue Moschee, zur Hälfte auf Stelzen ins Wasser gebaut. Laut knattert eine Fülle an kleinen Booten von der grossen zur kleinen Insel und umgekehrt. Zu verdauen gilt es nicht nur das Essen, sondern auch die Enttäuschung über das vermeintliche Paradies. Selbstverständlich war uns klar, dass sich die Inseln in den vergangenen Jahren bestimmt verändert haben, doch etwas mehr Idylle haben wir doch noch erwartet…
Regen prasselt auf unser Hüttendach, der erste Morgen steht unter einem feuchten Stern. Die letzten Wochen waren oft von Niederschlägen geprägt, bekommen wir einmal mehr zu Ohren. Dies trotz eigentlicher Trockenzeit, die Regenzeit wäre an der Ostküste Malaysias von November bis Februar „eingeplant“. Während diesen Monaten macht auf den Inseln fast alles dicht, auch dem stürmischen Ozean wegen… Trotz Wetterpech raffen wir uns auf und checken ab, ob uns ein Umzug glücklicher macht. Doch die anderen Strandabschnitte der Westküste kommen nicht in Frage, die Situation ist nicht besser und Baulärm allgegenwärtig. Über einen steilen Pfad durch den feucht dampfenden Dschungel gelangen wir zur Flora Bay im Süden. Im eigenen Schweiss badend stürzen wir uns zur Abkühlung ins seichte Meer. Die weit geschwungene Bucht ist zwar reizvoll, doch die Anlagen wirken entweder verwahrlost oder ausgestorben. Am Wochenende fallen hier angeblich zahlreiche Einheimische ein und bevölkern den langen Strand.
Am nächsten Tag besinnt sich das Wetter mittags endlich wieder der Trockenzeit, die Wolken weichen der Sonne. Mit einem Taxiboot jetten wir in wenigen Minuten zur Perhentian Kecil hinüber. Ich mache mich auf alles gefasst… Der längste und schönste Strand der kleinen Insel, Long Beach, ist völlig entstellt und erkenne ich kaum wieder. Vor lauter grossen Plastikstuhl-Restaurants, Strandbars, Sonnenschirmen und einem Schilderdschungel lässt sich kaum Sand ausmachen. Im Wasser liegen Dutzende Boote, im Minutentakt schiesst eines lautstark um die Ecke. Die Naturkulisse – türkisblaues Wasser, weisser Sand und zahllose Palmen –
wäre ein Traum, doch das paradiesische Bild ist getrübt und noch kein Ende des Baubooms in Sicht. Über einen mittlerweile gepflasterten Weg quer über die Insel erreichen wir in Kürze die Coral Bay, wo es noch etwas ruhiger zu und her geht, doch auch hier werden wir nicht fündig. Aber immerhin erlangen wir Gewissheit, dass wir wohl doch an den für uns richtigen Ort gezogen sind. “Wir können jederzeit wieder abreisen”, sage ich ernüchtert. Zu jenem Zeitpunkt ahnen wir noch nicht, dass wir schlussendlich über eine Woche verweilen…
“Ready?”, schmunzelt Ang, unser malaiischer Tauchguide. Während wir tief ausatmen und die Luft aus unseren prallgefüllten Tarierwesten entweicht, versinken wir langsam im glasklaren Wasser. Umgeben von tiefem Blau blicken wir dem Korallenriff unter uns entgegen, die Sichtweite ist atemberaubend. Hartkorallen verschiedenster Arten und Formen wuchern um den sogenannten Pinnacle – zu Deutsch wird der Tauchspot auch Meerestempel genannt. Gemütlich tauchen wir um den wunderschön bewachsenen Unterwasserfelsen, der vom Meeresgrund fernab der Küste bis an die Wasseroberfläche aufragt. Vor lauter Staunen droht uns der
Lungenautomat aus dem Mund zu purzeln. Wir sind umgeben von Abertausenden Fischen, es wimmelt von bunten Flossen – wir fühlen uns in ein gigantisches Aquarium versetzt. Nebst riesigen Schwärmen mit kleinen Fischlein, grüssen uns auch mächtigere Kerle. Eine schwarzweiss gestreifte Seeschlange schlängelt elegant an uns vorbei, ein Blaupunktrochen verschiebt sich flink um wenige Meter. Eine Schildkröte paddelt gemächlich auf uns zu, lange beobachten wir, wie sie sich am Riff vergnügt. Ein Schwarm Fledermausfische kennt keine Scheu und nähert sich uns neugierig. Noch stundenlang könnten wir uns dem aufregenden Riffleben hingeben, doch eine Stunde ist bereits um, unsere Tauchzeit leider abgelaufen. Wir sind schlichtweg überwältigt…
Nach fabelhaften Tauchgängen sind wir schliesslich so richtig auf Perhentian angekommen, fühlen uns wohl und haben uns an das enge Inselleben und unser Daheim gewöhnt. Mittlerweile haben wir herausgefunden, wie wir der Touristenmeute etwas ausweichen können und wann wir wo am gemütlichsten speisen können. Nur mit der uns gegenüberliegenden Moschee können wir uns wohl nie anfreunden. Fast jeden Morgen raubt uns der nervende Muezzin wertvollen Schlaf, plärrt schon eineinhalb Stunden vor dem Wecker, der auf sieben Uhr programmiert ist. Sein ohrenbetäubender Singsang dauert eine gefühlte Ewigkeit, bestimmt leiert er sämtliche Koranverse herunter. Auch wir beten… er möge endlich aufhören!
Auch die kommenden Tage stürzen wir uns zweimal täglich mit Tauchflasche vom Boot. Maximal sind jeweils sechs Taucher an Bord und unser junger Führer Ang, stets aufgestellt und ein verschmitztes Lachen im Gesicht. Heute Morgen peilen wir das Sugar Wreck an, ein im Jahre 2000 gesunkener Zuckerfrachter, der seither auf 20 Meter Tiefe von Fischen bewohnt und Korallen überwachsen wird. Die Sicht dort unten reicht nur wenige Meter weit, ich meine mich in den Bodensee verirrt zu haben. Mit etwas Glück kommt uns der eine oder andere Fisch vor die Maske… Der zweite Tauchplatz entschädigt für die miserablen Verhältnisse und strotzt vor entzückenden Korallen. Plötzlich legt Ang einen Spurt hin, flossenschlagend keuchen wir hinterher. Er hat eine Schule Büffelkopf-Papageifische aufgespürt, die man eher selten zu Gesicht bekommt. Die imposanten Tiere sind bis eineinhalb Meter lang und normalerweise mächtig scheu. Nun ziehen über ein Dutzend an uns vorbei – ein eindrückliches Schauspiel.
Nachmittags schleppen wir uns müde über den Strand, unsere vom Tauchen mit Stickstoff gesättigten Glieder fühlen sich schwer an. Wenige Meter um die nördliche Landzunge herum, wartet eine niedliche Bucht mit zahlreichen Kokospalmen auf, der Sand fein wie Puderzucker. Eine steile Treppe führt durch ein kleines Stück Dschungel, wo schwarze Affen über Äste turnen und uns grosse Echsen ihre Zunge herausstrecken. Der Ausblick auf die halbmondförmige Bucht und das in
intensiven Blautönen schimmernde Meer ist reizend. Ein Postkartenmotiv, wäre da nicht der wuchtige Anlegesteg. Schade, dass heute mehrere überdimensionale Betonstege über die Insel verteilt ins Wasser stechen, die keiner so richtig zu brauchen scheint – die Boote flitzen meist direkt an den Strand… Mittlerweile hat sich die Insel geleert, die Schulferien sind wohl vielerorts zu Ende, die meisten Familien sind abgezogen. Auch Kopftücher sind kaum mehr auszumachen, das Wochenende und der Nationalfeiertag überstanden.
Ein Prachtstag, kein Wölkchen klebt am blauen Himmel, das Wasser funkelt in der strahlenden Sonne. Der Kapitän jagt das kleine Schiff über das spiegelglatte Meer, die Vorfreude auf den Tauchgang ist gross. Drei Felsnadeln und grosse Steinbrocken bilden mit Höhlen und schmalen Durchgängen eine spannende Tauchkulisse, nie weiss man, was einem nach dem nächsten Flossenschlag erwartet. Ein riesiger Rochen liegt vor uns, gut getarnt im Sand. Ang gibt uns ein Zeichen, nicht weiter vorzudringen, damit alle in unserer Gruppe das flache runde Wesen in Ruhe betrachten können. Doch einer unserer Gurkentruppe gibt Vollgas, wirbelt mit seinen Flossen unkontrolliert Sand vom Boden auf und vertreibt das majestätische Tier im Nu. Immer wieder findet sich das eine oder andere schwarze Schaf in unserer Gruppe, schiesst ziellos knapp über unsere Köpfe hinweg oder kickt uns fies mit der Flosse. Etwas später jagt der Übeltäter mit seiner Kamera prompt einem Titan-Drückerfisch hinterher, Ang versucht ihn vergeblich von seinem gefährlichen Unterfangen abzuhalten. Mit dieser angriffslustigen Spezies mit ihren kräftigen Gebissen ist nicht zu spassen. Wenn sie zur Brutzeit ihre Nester verteidigen, kennen sie kein Pardon. Nicht selten beissen sie einem Taucher ins Bein, oder wenn er Glück hat nur in die Flosse. Seit wir einst auf den Malediven, uns zwar keiner Schuld bewusst, unsere Erfahrungen mit einem rachesüchtigen Drücker machten, ziehen wir mit Herzklopfen einen weiten Bogen um den grossen Fisch…
Nach einem Tauchgang kehren wir jeweils zur Tauchbasis zurück, um neue Flaschen zu satteln und uns eine Tasse Tee einzuflössen. Oft ist ein wärmendes Getränk eine Wohltat für den vom Wasser ausgekühlten Körper, doch hier misst die Ozeantemperatur kuschelige 30 Grad. Wir frieren kein bisschen, und das trotz Shorty – es ist das reinste Vergnügen. Der Betrieb der Tauchschule ist klein und überschaubar, doch Platz um uns tauchfertig zu machen ist reichlich vorhanden. Das Klima unter den Angestellten ist warmherzig, die Ausrüstung gut in Schuss. Auch das Wetter hält seine frohe Laune bei und somit werden wir immer wieder aufs Neue schwach, hängen weitere Tauchtage an. Und der Geldbeutel meckert nicht. Noch nirgends sind wir so günstig abgetaucht – für einen Tauchgang vom Boot zahlen wir nur 20 Franken, alles inklusive.
Sonnenstrahlen dringen durch die Wasseroberfläche, die Sicht lässt zwar Wünsche offen, aber die Stimmung ist mystisch. Gemächlich paddeln wir zu dritt im lauwarmen Nass. Wir haben Ang für einmal ganz für uns alleine, ohne schwarzes Schaf – wie friedlich es ist. Sanft wiegen Anemonen im Wasser, Nemos tanzen neckisch vor unseren Taucherbrillen. Wir umrunden das sagenhaft bewachsene Korallenriff, je höher wir steigen, desto mehr Leben tummelt sich im lichtdurchfluteten Wasser. Massenhaft Fische, oft in farbenfrohen Schwärmen vereint, kreisen um und über uns – ein Aquarium wie aus dem Bilderbuch. Vor Freude winken wir allen zum Abschied, bevor wir unsere Köpfe über die Wasseroberfläche strecken. Ang freut sich genauso, seine braunen Augen leuchten schelmisch – einen solch euphorischen Tauchguide trifft man selten… “Reizt es dich nicht, auch unter Wasser zu fotografieren?”, frage ich Roland. Doch für einmal stimmt es für ihn ohne Kamera. Er geniesst es, die fantastische Welt der Fische weder durch eine Linse zu betrachten, noch ständig einem geeigneten Sujet auf der Spur zu sein.
Der Wind frischt auf, die Brandung tost. Die Badewanne ist zu einem Wellenbad mutiert, das salzige Wasser umspült uns wild. Abgekühlt legen wir uns in den Sand, verbringen nach fünf Tauchtagen einen letzten Nachmittag in der traumhaften Bucht. Schwarze Wolken zieren bedrohlich den Himmel, heute scheinen sie sich nicht nur am Festland auszuregnen. Doch nur harmlose Schauer benetzen unsere Körper, Augenblicke später bringt die Sonne das blasse Meer schon wieder zum Leuchten… Im reizvollsten Lokal schlemmen wir unter freiem Himmel bei Meerblick eine Köstlichkeit und saugen die lauschige Abendstimmung in uns auf. Acht Tage sind um – anfangs hätten wir nicht gedacht, es so lange auf Perhentian auszuhalten. Doch die hinreissende Unterwasserwelt hat uns völlig in ihren Bann gezogen…
Kommentare
Im Aquarium von Pulau Perhentian — Keine Kommentare
HTML tags allowed in your comment: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>