Im rotsandigen Herzen
Unsere Herzen schlagen höher, als sich erste Blicke auf den unverwechselbaren Riesenfelsen erhaschen lassen, der erhaben aus der mehrheitlich flachen, roten Wüste aufragt. Die Ureinwohner nennen den kuriosen Brocken seit Jahrtausenden Uluru – die Weissen tauften ihn vor noch nicht allzu langer Zeit auf den Namen Ayers Rock. Roland mustert den gigantischen Monolithen zum ersten Mal – für mich ist es bereits der dritte Besuch. Die letzten beiden liegen aber schon weit zurück und nach sechzehn vergangenen Jahren bin ich aufs Neue tief beeindruckt. Nicht nur der Sand schimmert rötlich, sondern auch der majestätische Uluru, der sich 348 Meter über das umgebende Land erhebt. Sein höchster Punkt liegt 867 Meter über Meer und man geht davon aus, dass zwei Drittel des Felsens unter der Erde verborgen sind…
Der Parkplatz ist schon proppenvoll. Das Wahrzeichen Australiens lockt viele Touristen an. Vereinzelt kraxeln sie am Felshang, dies trotz bittenden Hinweistafeln. Die Aborigines legen einem ausdrücklich ans Herz, von einer Besteigung abzusehen. Das Bedürfnis ist ihnen nicht nur unverständlich, sondern widerspricht auch ihren spirituellen Vorstellungen. Für sie ist der Berg heilig… Für uns ist klar, die Bedürfnisse der Ureinwohner zu respektieren und stattdessen machen wir uns zum Base Walk auf. Der Pfad führt einmal rund um den Uluru, dessen Umfang an der Basis 9.4 Kilometer misst. Der Wanderweg fällt etwas länger aus, da der Fels nicht ständig in Greifnähe ist. Immer wieder eröffnen sich neue Perspektiven und aus der Ferne nicht erkennbare, verblüffende Einschnitte. Erst bei einer Umrundung wird ersichtlich, wie verwinkelt der markante Felsblock eigentlich ist.
Der Ayers Rock besteht aus uraltem Sandstein – Wind und Wetter schliffen seine Form. Die
Spuren der jahrelangen Erosion sind nicht zu übersehen, das Gestein bröckelt. Um den Riesenmonolith herum verteilen sich grosse Klötze und gelegentlich ist sogar noch auszumachen, wo sie einst herausgebrochen sind. Der Felsrücken ist von Kerben und Narben übersät, tiefe Rillen durchziehen die steilen Wände. Mancherorts ist der verwitterte Uluru durchlöchert wie ein Emmentaler Käse. Die dekorativen Muster faszinieren uns, immer wieder halten wir einen Moment inne und staunen.
Gewisse Stellen am Fusse des Uluru dürfen weder betreten noch fotografiert, sondern müssen grosszügig umgangen werden. Für die Ureinwohner sind dies heilige Stätten, die ihrem herkömmlichen Glauben nach eine tiefe kulturelle Bedeutung aufweisen. Heute leben etwa eine halbe Million Aborigines in Australien, was rund zwei Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Viele der dunkelhäutigen Ureinwohner sind hier im Northern Territory beheimatet, wo sie rund einen Viertel der Bevölkerung ausmachen. Ein Aborigine ist „jemand, der von Anfang an da war“…
Die Sonne lacht. Dementsprechend treibt uns die Wanderung den Schweiss richtiggehend aus den Poren. Nach einer knappen Woche Camping irgendwo im Nirgendwo freuen wir uns sowieso auf eine richtige Dusche, nun noch umso mehr. Auch benötigen wir wieder einst Strom, um unsere Elektronik vollständig zu laden, und frisches Wasser, um den Tank zu füllen. Deshalb suchen wir nachmittags das zwanzig Kilometer entfernte Yulara auf. Das Touristenresort erhebt sich wie eine Oase aus dem roten Wüstenherzen. Der Dienstleistungskomplex umfasst verschiedene Übernachtungsmöglichkeiten und Restaurants, eine Tankstelle sowie ein Shoppingcenter. Die teuren Preise widerspiegeln die Abgeschiedenheit – Alice Springs, die nächste Stadt, liegt 450 Kilometer weit weg.
„Do you have a reservation?“, fragt die junge Angestellte der Rezeption übellaunig. Alle 200 Stellplätze – mit und ohne Strom – seien besetzt, wir können es kaum fassen. Sichtlich missmutig bietet uns die Frau das Campen auf dem sogenannten Overflow an. Bestimmt ist sie die bis anhin unfreundlichste Person Australiens, wenn nicht unserer ganzen Reise… Abgeschoben auf einen grossen sandigen Platz weit hinten, mit unaufhörlichem Lärm der Generatoranlage. Nichts desto trotz, die Dusche erfrischt göttlich… Die Mehrheit der Stellplätze ist nicht von Ausländern, sondern von Australiern belegt. Immer wieder treffen wir auf graue Nomaden, aber auch auf junge Menschen, die gut ausgerüstet mit Wohnmobil oder Caravan im Schlepptau monate- oder jahrelang durch ihr eigenes Land rollen.
Spätnachmittags. Der Felsmonolith zieht uns nochmals magisch an. Haufenweise Parkplätze warten an geeigneter Stelle auf knipswütige Massen, die alle das im Sonnenuntergang wechselnde Farbenspiel des Uluru auf Bild bringen wollen. Die Befürchtung, keinen guten Spot ergattern zu können, ist umsonst – wir sind die
ersten. Somit können wir vor dem Gewusel den sensationellen Blick auf den mythischen Urfels in aller Ruhe geniessen. Bei einem Drink beobachten wir den im Verlaufe der Zeit in verschiedene Rottöne getauchte Uluru, bis das Abendlicht schliesslich kurz nach sechs gänzlich erlischt und die hereinbrechende Finsternis den Felsen ergrauen lässt…
Der zweite Höhepunkt des Uluru-Kata Tjuta Nationalparks sind die Olgas, die
sich 50 Kilometer weiter westwärts auftürmen. Die Kollektion roter Felstürme erhielt ihren schleierhaften Namen von einem europäischen Entdecker, der sie nach der württembergischen Königin Olga benannte. Da ist der Aboriginal-Name Kata Tjuta, was übersetzt „viele Köpfe“ bedeutet, durchaus treffender. 36 mächtige, kuppelartige Felsen, im Laufe von Jahrmillionen verwittert, stehen eng beisammen, bergen tiefe Täler und enge Schluchten. Der höchste, der Mount Olga, ragt 546 Meter aus der rotsandigen Wüste. Sein Gipfel liegt 1070 Meter über Meer und ist knapp 200 Meter höher wie der Uluru.
Beschwingt brechen wir mit kurzen Hosen und Sonnencreme im Gesicht zur dreistündigen Wanderung „Valley of the Winds“ auf. Der acht Kilometer lange Pfad windet sich malerisch durch die vielen roten Köpfe. Das Rot des Gesteins sowie des Sands rührt von einem hohen Eisenoxydgehalt her. Ein schmaler Weg schlängelt sich zwischen hohen Felsdomen hinauf. Bald geraten wir in ein
sagenhaftes Felslabyrinth, die Wände ragen steil empor. Wir wähnen uns in einem gigantischen Amphitheater und kommen uns vor wie Zwerge. Von weitem mutet das in der Sonne rötlich glänzende Gestein ziemlich glatt an, doch nehmen wir es aus nächster Nähe in Augenschein, verwandelt es sich in ein dreidimensionales Mosaik verschiedenster Farbnuancen.
Immer wieder tun sich neue Blickwinkel auf und weitere rostrote Felskuppeln schieben sich vor unsere Sonnenbrille. Was für eine wunderbare Kulisse, was für ein prächtiges Wetter. Endlich beglückt uns Petrus mit warmen Temperaturen von knapp 30 Grad, da nehmen wir etwas Fliessen von Schweiss gerne in Kauf. Wenn die Wetterprognose über 36 Grad androht, wird diese Rundwanderung mittags wegen Gefahr von Hitzekollapsen geschlossen. Jetzt im Herbst – oder auch im Frühjahr – ist es im wüstenhaften Outback am angenehmsten. Im Hochsommer steigt das Thermometer tagsüber oft weit über 40 Grad, im Winter hingegen regieren nachts manchmal Temperaturen unter dem Gefrierpunkt.
Zum dritten Mal nächtigen wir unweit von Yulara, schlagen unser Nachtcamp inmitten roter Sanddünen mit Blick auf den Uluru auf. Wildes Camping – hierzulande auch Bush Camping genannt – ist nicht überall erlaubt. Bezüglich des oftmals herumliegenden Mülls verwundert dies uns nicht. Gewisse Leute lassen Abfall sowie das Klopapier ihres Buschgeschäfts achtlos liegen. Sogar an Rastplätzen, wo Mülleimer lauern, schaut es teilweise nicht reinlicher drein… Nach einem von Wolken getrübten Sonnenaufgang winken wir dem Uluru zum Abschied und brechen vormittags in Richtung Osten auf. Noch trennen uns 300 Kilometer von unserem nächsten Ziel.
Irgendwann taucht am Horizont die Silhouette des Mount Connor auf. Der Tafelberg ist flach wie ein Tisch und von einer sich am Strassenrand auftürmenden Sanddüne bietet sich eine entzückende Aussicht. Später biegen wir nach Nordwesten ab und steuern auf dem Red Centre Way den Kings Canyon im Watarrka Nationalpark an. In dessen unmittelbaren Nähe bietet sich lediglich das Nächtigen in gut ausgestatteten, aber
verhältnismässig teuren Caravanparks an. Darauf verspüren wir keine Lust, nicht nur des Geldes, sondern auch der Atmosphäre wegen. Es erscheint uns durchwegs reizvoller, uns unter dem freien Sternenhimmel auszubreiten. Der ausgewiesene Rastplatz liegt zwar gleich an der Strasse, doch wir kurven in den hinteren Bereich und Verkehr rollt sowieso nur spärlich. Wir haben den Fleck ganz für uns allein. Jedenfalls sofern wir grosszügig von den unzähligen Fliegen absehen, die uns träge im Gesicht kleben sowie von den drei Dingos, die unser Nachtlager im Morgengrauen neugierig beschnuppern.
Am nächsten Morgen wollen wir möglichst früh los, denn bis zum Kings Canyon fehlen uns noch immer 100 Kilometer. Doch bis alles verstaut und wir abfahrbereit sind, zerrinnt die Zeit ohne zu Trödeln. Aber heute entpuppt sich unsere „Verspätung“ als Glücksfall. Gemäss dem Autoaufkommen auf dem Parkplatz sind die meisten Touristen vor uns
aufgebrochen und somit geraten wir auf dem Wanderpfad in keinen Stau. Auch die morgens noch hartnäckige Bewölkung lockert sich erst gegen Mittag auf… Ein kurzer steiler Aufstieg bringt uns ausser Atem, und zum Schluchtrand des eindrücklichen
Kings Canyons. Oben angekommen verläuft der Weg nun über natürliche, durch Erosion geschliffene Stufen im Gestein, mehrheitlich der ungesicherten Abbruchkante entlang. Für die sechs Kilometer lange Rundwanderung nehmen wir uns den ganzen Tag Zeit, erquicken uns an der stillen Schönheit. Die Ausblicke auf die im Sonnenlicht gebadete Schlucht sind imposant und rauben uns erneut den Atem.
Einst häuften sich hier Sanddünen, die im Laufe von Jahrmillionen versteinerten. Die Zeit hat eine bizarre Landschaft geschaffen. Die verwitterten Sandsteinkuppeln muten wie riesige Bienenkörbe an und sind äusserst interessant geschichtet – gewisse Lagen liegen horizontal, andere hingegen verlaufen quer. Die kolossalen Felswände fallen senkrecht und an gewissen Stellen sogar überhängend in eine schier bodenlose Tiefe. Ein hinreissendes Patchwork, farbenfroh von hellem bis zu dunklem Rot und von Beige bis Schwarz. Fast mit jedem Schritt erwartet uns ein neuer Blickfang, wir können uns kaum sattsehen.
Über hölzerne Stufen bringt uns der ausgeschilderte Pfad hinunter in ein enges Tal. „Garden of Eden“, eine Oase inmitten der kargen Gesteinslandschaft. Grasgrün, üppig mit Palmen und Farnen bewachsen. Der kurze Abstecher endet an einem lauschigen Wasserbecken, wo sich im dunklen Nass die Felswände spiegeln. Ein weiterer heiliger Winkel der Ureinwohner,
das Baden ist deshalb untersagt. Wir setzen uns für eine Weile und saugen den tiefen Frieden in uns auf. Das Wasser ist ruhig und glatt, doch unsere Emotionen sprudeln. Drei wahre Highlights im Roten Zentrum, im Herzen des Outbacks. Es mag sein, dass unser Herz für dieses Naturwunder – Kings Canyon – am höchsten hüpft…
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