Im Sammeltaxi durchs Fergana-Tal
Mit einem Taxi gelangen wir spätmorgens zum Stadtrand von Tashkent, von wo Sammeltaxis ins Fergana-Tal loslegen – Busse verkehren keine. Kaum angehalten, sind wir umringt von schreienden Männern, die wie Geier über unser Auto herfallen, wild gestikulierend an die Scheiben klopfen. Uns graut es vor dem Verlassen des Fahrzeugs, doch der Fahrer deutet uns an, vorerst sitzenzubleiben. Er verhandelt energisch mit den drängelnden Lenkern der Sammeltaxis, die uns alle als ihre Fahrgäste erobern wollen. Es ist rührend, wie der Taxifahrer sich um uns kümmert, obwohl wir uns gegenseitig nicht verstehen. Plötzlich streckt ein junger Kerl den Kopf durch das Fenster: “Do you speak English?” Unser rettender Engel lotst uns schnell zu seinem Auto im hintersten Winkel des riesigen Parkplatzes.
Nach einer Stunde hat Johny, unser Fahrer, auch noch eine Passagierin für den Vordersitz aufgespürt und wir sind endlich startklar. Die Fahrt in Richtung Südosten führt erst durch ein weites Tal, bevor sich die Strasse langsam nach oben windet. Der Kamchik-Pass mit einer Höhe von 2267 Metern muss heute nicht mehr überquert werden – kurz vor der Anhöhe kürzen zwei Tunnels die Strecke etwas ab. Die Gipfel der Gebirgszüge sind noch schneebedeckt, angenehme frische Luft strömt durchs Autofenster. Die Szenerie gefällt uns hervorragend und stellt eine willkommene Abwechslung zur bisher stets flachen und wüstenhaften Gegend dar. Die Route führt nun der tadschikischen Grenze entlang und nach einer langen Abfahrt erreichen wir das Fergana-Tal, auf rund 500 Metern Höhe gelegen.
“Wo ist nur das Tal?”, fragen wir uns. Bei einer Fläche von der Hälfte der Schweiz kann man kaum von einem Tal sprechen. Es handelt sich beim Fergana-Tal um eine grosse Ebene zwischen dem Tian Shan-Gebirge im Norden und dem Pamir-Gebirge im Süden, die sich über den äussersten Osten Usbekistans sowie die grenznahen Gebiete der Nachbarländer Tadschikistan und Kirgisistan erstreckt. Die drei Länder sind in diesem Gebiet regelrecht ineinander verkeilt – die Grenzen wurden von der Sowjetunion damals willkürlich gezogen, um eine einheitliche ethnische Bevölkerung in den Republiken zu vermeiden. Deshalb ist das Fergana-Tal bis heute ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen. Dank eines Flusses und ausreichenden Niederschlägen ist die Region ausgesprochen fruchtbar und sehr dicht besiedelt. Im “Früchtekorb” Usbekistans spielt auch der Anbau von Baumwolle eine bedeutende Rolle.
“To make you happy”, grinst Johny und schenkt uns eine Tüte mit reifen Pflaumen, die er soeben am Strassenrand erstanden hat. Wie saftig die Früchte sind – ein erfrischender Gaumenschmaus in der glühenden Nachmittagshitze. Nach einer vierstündigen Reise setzt der sympathische Kerl uns wie gewünscht in Kokand, im westlichen Fergana-Tal ab. Laute Musik umrahmt abends die springenden Fontänen des grossen Brunnens im Park – ein Treffpunkt einheimischer Familien. Wir setzten uns auf eine Bank und beobachten das spannende Treiben in der ansonsten eher unspektakulären Stadt. Eine junge Frau neben uns spricht uns an, doch ihr weniges Englisch und unser weniges Russisch ergeben leider noch kein richtiges Gespräch…
Am nächsten Morgen statten wir dem Khan’s Palast einen Besuch ab, dessen märchenhafte Fassade mit bunten Mosaiken uns entzückt. Nach zehnjähriger Bauzeit wurde der grosse Palast mit sieben Innenhöfen und 114 Zimmern fertiggestellt. Etwa die Hälfte des Palastes nahm früher der Harem-Komplex ein, in dem bis zu 800 Frauen lebten. Heute sind in den prachtvollen Räumen mit kunstvoll bemalten Holzdecken nur noch staubige Museen untergebracht.
Unser Spaziergang führt uns weiter durch die Altstadt, vorbei am Friedhof, wo die gekachelten Kuppeln von Mausoleen aus den eng angelegten Gräbern herausragen. Etwas später stehen wir vor der Freitagsmoschee mit einer nicht endend wollenden Gebetshalle mit knapp 100 geschnitzten Holzsäulen und einer mit verschiedenen Motiven bemalten Decke. Die Moschee wird heute nicht mehr als solche genutzt. Für die Besichtigung wird eine Eintrittsgebühr kassiert, wie bei den meisten historischen Sehenswürdigkeiten in Usbekistan. Das Fotografieren und das stille Örtchen – wenn es überhaupt eines gibt – ist im Preis oft noch nicht enthalten und muss separat berappt werden.
Bereits am Nachmittag fahren wir weiter – für einmal sind wir zackig unterwegs, uns hält nichts mehr hier. Das nächste Ziel, die Stadt Fergana, liegt nur eine Fahrstunde entfernt. Der Bequemlichkeit halber ziehen wir in Erwägung, die kurze Strecke mit einem privaten Taxi zurückzulegen. Doch der Hotelmanager kann uns erstaunlicherweise keinen Fahrer vermitteln. Sonstwo engagieren alle liebend gerne ihre Verwandten und Nachbarn – hier scheinen sie dieses Geschäft noch nicht zu riechen.
Auf dem ausserhalb gelegenen Busbahnhof geht es ruhig zu und her, der Taxifahrer hält für uns Ausschau nach einem Sammeltaxi. Ein Feilschen ist nicht nötig, von Anfang an wird der richtige Preis genannt. Augenblicke darauf stehen noch zwei weitere Passagiere auf der Matte und schon brausen wir ostwärts. Kaum ein Lenker benutzt die Sicherheitsgurte, diese scheint nur zur Zier oder für die Polizei da zu sein. Wenn es brenzlig wird, tun alle so als ob und klemmen den Gurt schnell unter den Oberschenkel. In Fergana lädt uns der Chauffeur vor der Türe des gewünschten Hotels inmitten des grünen, modernen Stadtzentrums aus. Alles ging überraschend glatt und entspannt über die Bühne, was uns beeindruckt.
Die Nacht ist kurz, bereits vor sechs Uhr in der Früh kitzeln uns erste Sonnenstrahlen aus dem Schlaf – wie so oft. Meist sind die Vorhänge in Zentralasien nur dünn und lichtdurchlässig. Vom hellen Zimmer ins Kellergeschoss zum Frühstück, wo Tageslicht nichts verloren hat. Das Morgenessen mundet im schummrigen, in Rot gehaltenen Nachtclub nur halb so gut… Heute steht ein Ausflug ins 20 Kilometer entfernte Margilon auf dem Programm. Man will uns weder im Hotel noch beim Markt, von wo Sammeltaxis loslegen, ein Privattaxi zu einem Touristenpreis aufschwatzen. Und das Sammeltaxi knüpft uns keinen Som zuviel ab, wir zahlen genau so wenig wie jeder Einheimische auch. Wir sind erneut überrascht, wie reibungslos alles funktioniert.
Im Mittelalter war Margilon ein wichtiger Zwischenstopp der Karawanen, die auf der Seidenstrasse unterwegs waren. Heute ist die Stadt das Zentrum der usbekischen Seidenindustrie – die ersten Seidenspinnereien wurden vermutlich schon im 1. Jahrhundert gegründet. Zwar wird hier die Seide mittlerweile auch maschinell gefertigt, doch in der traditionellen Seidenfabrik Yodgorlik spielt die Handarbeit immer noch eine grosse Rolle.
Einer der rund 200 Angestellten führt uns enthusiastisch durch das Fabrikgelände und erläutert uns den gesamten Weg der Produktion von den Seidenraupen bis zum fertigen Stoff oder Teppich. Die Führung ist nicht professionell, dafür mit viel Liebe und ohne touristischen Touch gehalten. Eine junge Studentin übersetzt für uns ins Englische. “Aus einem Kokon entsteht ein drei Kilometer langer, hauchdünner Seidenfaden”, beeindruckt sie uns. Wir können den Seidenspinnern und
den Frauen an den Webstühlen über die Schulter gucken – Teppiche werden in monatelanger Handarbeit geknüpft. Anschließende kaufe ich im Laden einen federleichten Seidenschal – erst mein drittes kleines Souvenir dieser Reise. Ein Filmteam ist anwesend, mit einer Image-Produktion der Fabrik beschäftigt. Erst deutet man uns an, leise zu sein, und dann, ehe wir uns versehen, stehen wir mitten im Geschehen. Uns wird ein Mikrofon hingestreckt und schon sind wir in den Dreh involviert…
Die Rückfahrt mit einem Sammeltaxi nach Fergana klappt erneut hervorragend. Wir schlendern über den grossen überdachten Basar. Es ist immer wieder ein Genuss, in buntes quirliges Marktgeschehen einzutauchen. Mhhhmm, frischer Brotduft weht uns entgegen! Auch hier werden, wie bereits auf anderen Basaren in Usbekistan, die traditionellen runden Brote auf alten Kinderwagengestellen zum Verkauf angeboten – ein lustiges Bild. Die Backwaren muten oft wie kleine Kunstwerke
an! Das Angebot an frischen Früchten und Gemüse ist vielfältig, die Ware wird von den Verkäufern meist liebevoll aufgetürmt. Für einen asiatischen Basar erweckt das Gelände einen sauberen und geordneten Eindruck, trotzdem herrscht eine orientalische Stimmung. Die Leute sind aufgeschlossen und an uns interessiert, bitten regelrecht um ein Foto und stürzen sich in Pose. Wir fühlen uns sehr willkommen.
Die Menschen im Fergana-Tal erleben wir im Allgemeinen als sehr freundlich und etwas herzlicher, als im Rest des Landes. Da hier keine grossen Touristenströme durchziehen, haben wir auch nie das Gefühl, einen sogenannten Touristenpreis zu bezahlen, sei es für ein Sammeltaxi oder für unser Einkauf auf dem Basar. Für einen Vitaminschub mit acht Pflaumen und sechs Karotten sowie frisches luftiges Fladenbrot wird uns umgerechnet 50 Rappen verrechnet. Auch wenn wir in den touristischen Orten zuvor jeweils das Doppelte oder Dreifache bezahlt haben, ist uns dies natürlich nicht aufgefallen, da es für uns sowieso schon spotbillig war…
Das Wetter zeigt sich bedeckt, die Temperaturen halten sich für einmal unter 30 Grad. Wunderbar für unsere heutige Reiseetappe, doch die Sicht, auf die das Fergana-Tal umgebenden hohen Berge, wird uns dadurch leider verwehrt. Unser Ziel – Osh in Kirgistan! Mit vier verschiedenen Taxis bewältigen wir die vor uns liegenden, knapp 150 Kilometer. Ein Stadttaxi bringt uns zum zentralen Taxibahnhof und ein junger Raser weiter in die nächste grössere Stadt, Andijon, von wo uns ein alter Papa in seiner kleinen Blechkiste bis an die Grenze gondelt. Papa spricht nur Russisch, plappert immer wieder munter darauf los, wir verstehen nur Bruchteile. Auch diesmal haben wir den Fahrpreis vor Abfahrt ausgemacht, wie immer. Als Roland dem sympathischen Fahrer das Geld entgegenstreckt, macht sich auf seinem Gesicht ein entsetzter Ausdruck breit. Er macht uns unmissverständlich klar, dass es zu wenig ist und schreibt den erwarteten Betrag auf die schmutzige Heckscheibe. Doch die Zahl entspricht genau dem festgelegten Preis. Kurz darauf kritzelt er zusätzlich zehn Dollar in den Staub, was viel mehr ist – wir verstehen die Welt nicht mehr und hätten das vom gemütlichen Papa keineswegs erwartet. Unser ehrliches Bild vom Fergana-Tal beginnt ins Wanken zu geraten… Papa nimmt unser Geld nicht an, verwirft erneut die Hände. Wir legen 10’000 Som drauf, sind gespannt, was passiert. Noch immer schnauzt er uns auf Russisch entgegen, was nun? Zum Glück eilt ein Mann zur Hilfe, zählt die Geldscheine, gibt uns umgehend 10’000 Som zurück. Mit ein paar Worten übergibt er den Rest Papa, welcher darauf in kicherndes Lachen ausbricht, uns auf die Schultern klopft, sich sozusagen herzlich entschuldigt. Der Alte scheint sich irgendwie verzählt zu haben…
An der Grenze haben wir uns auf ein stundenlanges Prozedere eingestellt, doch es warten kaum Leute. Auch ist Usbekistan bekannt für seine mühsamen Grenzbeamten, die liebend gerne im Gepäck wühlen und scharf auf Medikamente oder Fotos sind, auch bei der Ausreise. Aber wir sind erstaunlicherweise schnell durch – meinen wir. Doch beim Sicherheitstor, ausserhalb des Gebäudes, wirft ein Wächter erneut einen kritischen Blick in unsere Pässe – stutzt, telefoniert, schickt uns zurück. Unglaublich, der Ausreisestempel lautet noch auf das Datum von gestern! Unkompliziert bessert der Beamte das Missgeschick mit einem Kugelschreiber aus und entschuldigt sich höflich… Am Grenzposten von Kirgistan wird uns in Sekundenschnelle ein Stempel in den Pass gedrückt und als wir fragend die Gepäckröntgenanlage anschauen, winken sie uns ungeduldig durch: “Macht dass ihr hier wegkommt.” Osh liegt unmittelbar hinter der Grenze – die vierte und letzte Taxifahrt mit dem freundlichen Kirgisen lohnt sich kaum…
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