Im Toten Meer – am tiefsten Punkt der Erde
Diese Farbe: ein sattes Türkisblau. Wir sind verblüfft. Aber nicht nur der Farbton des klaren Wassers bringt uns ins Staunen, auch die Ufergegend ist aufregend. Eine blendend weisse Fläche breitet sich unter unseren Sohlen aus – sie erinnert an Schnee und Eis. Vorsichtig tappen wir über die vermeintliche Winterlandschaft, die weitaus weniger rutschig ist, als vermutet. Es ist eine dicke Salzkruste, die sich hier im Laufe der Zeit abgelagert hat, mancherorts spitz und rau, an anderen Stellen glatt geschliffen. Sämtliche umliegenden Steine
sind mit einer Salzschicht überzogen, bizarre Salzkristalle glitzern in der brennenden Mittagssonne. Hingerissen erkunden wir diese einmalige Uferlandschaft des Toten Meeres, das in Wirklichkeit gar kein Meer, sondern ein Salzsee ist. Immer wieder schweifen unsere Blicke vom faszinierenden Boden weg, gleiten über das Gewässer, dessen helle Farbe in der Ferne allmählich in ein tiefes Blau übergeht. Das Tote Meer: eine Welt für sich, am tiefsten Punkt der Erdoberfläche.
Die Zeit verfliegt. Wir reissen uns los und kraxeln die Böschung hinauf zum Parkplatz, wo unser Mietwagen in der arabischen Sonne schmort. Auch wir schwitzen. Kaum eine Brise weht, dafür umschwirren uns lästig massenhaft Fliegen. Es ist November und dreissig Grad heiss, im jordanischen Hochsommer klettert das Thermometer hier bis über vierzig Grad. Im Auto fühlt es sich wie in einem rollenden Backofen an, mit laufender Klimaanlage düsen wir nordwärts. Die Uferstrasse verläuft erhöht über dem Toten Meer. Noch mehrmals halten wir an und erfreuen uns am türkisfarben schimmernden Wasser, das
im kargen Landstrich wie ein gepinselter Farbstreifen anmutet. Vom Ostufer gucken wir hinüber zum Westufer, das an Israel und Westjordanland grenzt. Der tiefst gelegene See der Erde breitet sich auf 410 Meter unter dem Meeresspiegel aus und hat selbst noch einmal eine beachtliche Tiefe von 390 Metern, da er in einer Senke liegt. Er ist circa achtzig Kilometer lang und bis knapp zwanzig Kilometer breit, was fast der doppelten Fläche des Bodensees entspricht.
Plötzlich mischt Grün die Gegend auf. Das Wadi Mujib im gleichnamigen Naturreservat ist eine Oase mit Palmen. Durch die tiefe Felsschlucht fliesst Wasser, der Fluss mündet ins Tote Meer. Auf das herausfordernde Canyoning-Abenteuer verzichten wir, das Waten und Schwimmen durch wilde Stromschnellen ist weniger mein Ding. Stattdessen checken wir um drei Uhr nachmittags in die gebuchte Unterkunft ein, die hier einsam am Mündungsdelta liegt
und von der Naturschutzbehörde verwaltet wird. Ein gutes Dutzend Bungalows verteilen sich leicht erhöht in der Bucht und bieten einen fantastischen Ausblick auf das Tote Meer, sei es von der Terrasse oder gar vom Bett. Der Luxus der Mujib Chalets liegt nicht in der Ausstattung, sondern unbestritten in der einmaligen Lage. Hier im südlichen Teil des
Toten Meeres findet sich weit und breit keine andere Unterkunft. Ein Glück, dass wir überhaupt eines der Häuschen ergattern konnten. Denn als wir vor ein paar Tagen ins Buchungsportal schauten, zeigte es nur noch für heute Verfügbarkeit an. Schnurrstraks haben wir zugeschlagen und unsere angedachte Reiseroute durch Jordanien abgeändert…
Noch sind keine anderen Hotelgäste da. Wir stürzen uns in die Badehosen und steigen die Treppe zum
steinigen Ufer hinab. Die mit Salzkristallen überzogenen Steine sind scharfkantig, und wir müssen achtgeben, wo wir hintreten und dass wir die Balance nicht verlieren. Schon als das Salzwasser unsere Beine umspült, merken wir, wie «dickflüssig» es sich anfühlt. Die Salzkonzentration im Toten Meer beträgt rund 33 Prozent und ist somit etwa zehnmal höher als in den Ozeanen. Ein Drittel des Wassers ist Salz – unglaublich. Bald hebt uns die
Salzbrühe vom Grund ab und ohne jegliche Bewegung schwimmen wir oben auf. Lehnen wir uns in aufrechter Position nur leicht zurück, zieht es uns die Füsse automatisch vorne weg, hoch an die Wasseroberfläche. Ohne Anstrengung können wir uns flach auf den Rücken legen und schweben schwerelos – wie ein menschlicher Korken. Was für ein sonderbares Gefühl. Der Auftrieb ist gewaltig und Absinken scheint unmöglich. Schwimmen im üblichen Sinn geht nicht und
beim Bewegen muss man aufpassen, dass kein Wasser in Augen und Mund gerät. Schon kleinste Kratzer oder Schnitte brennen enorm, und lecke ich ein wenig am Finger, wird mir beinahe übel. Noch ist keine weitere Menschenseele in Sicht, wir haben den fabelhaften Fleck für uns allein. Nach dem Bad fühlt sich der ganze Körper ölig an, und wir duschen uns gründlich das Salz vom Leib, nicht dass sich unsere Haut beschwert.
Auf der Terrasse geniessen wir anschliessend Ruhe und Ausblick, die felsige Umgebung spiegelt sich im glatten Wasser. Allmählich trudeln weitere Gäste ein, und das warme Licht der Abendsonne legt sich über die Szenerie. Gedanken kommen und gehen. Woher hat das Tote Meer eigentlich seinen Namen? Biologisch gesehen ist das Tote Meer nicht tot, aber der hohe Salzgehalt lebensfeindlich. Fische können hier nicht leben, doch es existieren verschiedene Mikroorganismen wie Bakterien oder auch winzige Pilze. In den letzten Jahrzehnten ist der Wasserpegel
des Sees immer weiter gesunken und die Salzkonzentration angestiegen. Der Jordan füllt zwar das abflusslose Tote Meer, doch die Menschen entnehmen dem Fluss viel Wasser für die Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung, hinzu kommt die hohe Wasserverdunstung. Mit einem malerischen Sonnenuntergang wird nichts. Wolken haben den glühenden Ball schon längst verschluckt.
Anderntags bewundern wir die Aussicht morgens vom Bett aus. Die Spitzen der israelischen Gebirgskette
schimmern im Licht der ersten Sonnenstrahlen rötlich. Nach dem Frühstück gehen wir noch einmal baden. Heute weht ein Wind und kleine Wellen schwappen ans Ufer. Erneut staunen wir über den aussergewöhnlichen Auftrieb und geniessen den Badespass der besonderen Art. Wir haben auf dieser Welt schon so manches gesehen und erlebt, aber dieses Phänomen ist für uns neu. Erst mittags reisen wir weiter, weiter dem Toten Meer entlang Richtung Norden, bis wir auf eine Panoramastrecke abbiegen, die sich steil in die Höhe schraubt. Der «Dead Sea Panoramic
Complex» liegt auf rund 100 Metern über Meereshöhe, also 500 Meter über dem Seeufer. Das Restaurant und Museum lassen wir links liegen und wandern dem ausgeschilderten Zara Cliff Trail entlang, der sich am Rand eines jäh abfallenden Abbruchs entlang zieht. Von hier oben bietet sich ein reizvoller Weitblick. Später fahren wir weiter bergwärts, in unzähligen Schleifen durch eine wüstenhafte Gegend bis nach Madaba im Hochland.
Eine Woche später… Von Jerash im Norden steuern wir ein zweites Mal das Tote Meer an. Am nördlichen Ufer
zieht sich eine Hotelzone über etwa drei Kilometer hin: Mövenpick, Kempinski und Co. – Ferienanlagen, die alle Wellness und Schlammpackungen anbieten. Dem schwarzen Schlamm und mineralhaltigen Wasser des Toten Meeres werden eine heilende Wirkung zugesprochen, was Leute mit Rheuma oder Hautkrankheiten zum Kuren anzieht, aber ebenso Badegäste. Hin- und hergerissen, ob wir eine Nacht in einem solchen Hotelkomplex im Trubel verbringen möchten, stosse ich bei der
Online-Recherche auf ein Bijou: The Precious Guesthouse. Zwar liegt die kleine Unterkunft nicht unmittelbar am Strand, sondern erhöht am Hang. Wir sind begeistert und leisten uns eine Nacht in diesem edlen Gästehaus mit nur vier Zimmern. Alex heisst uns freundlich willkommen. Er ist der Manager und kommt ursprünglich aus der Ukraine. Seit dreizehn Jahren lebt der junge Mann schon in Jordanien. «Mein
halbes Leben», schmunzelt er sympathisch. Unser Meersicht-Zimmer mit Balkon liegt im oberen Stock und versprüht eine grosse Portion Charme. Das gesamte Haus ist stilvoll eingerichtet, unzählige Sitzgelegenheiten laden zum Verweilen ein. Der Aussenbereich mit Schwimmbecken ist grosszügig angelegt, Wind wispert durch die Palmwedel. Die das Grundstück umgebende Vegetation verbirgt die nahe gelegene Fernstrasse, allerdings ist etwas Verkehrslärm im kleinen Paradies inklusive.
Es herrscht eine brütende Hitze, und wir freuen uns auf eine Abkühlung im Pool. Kaum in die Badehose geschlüpft, fehlt die Nachmittagssonne. Eine dunkle Wolkenwand vom Norden hat uns verfolgt und nun tatsächlich eingeholt. Roland hüpft trotzdem ins kühle Nass. Mir aber ist plötzlich nicht mehr heiss, und ich lege mich in einen Liegestuhl und bestelle bei Alex schon mal zwei Drinks zum Anstossen. Noch während wir am Glas nippen, schwillt die Brise zu einem übellaunigen Wind an. Flink verziehen wir uns in die gute Stube, sind aber enttäuscht, haben wir
uns nach dem frischeren Hochland auf einen lauen Abend im Freien gefreut. Draussen ist es düster geworden, heftiger Regen prasselt herab. Das Nachtessen draussen fällt buchstäblich ins Wasser. Liebevoll hat uns Alex jedoch drinnen einen Tisch gedeckt. Kerzenlicht und ein Glas Rotwein heben unsere Stimmung, genüsslich lassen wir uns die kreativen orientalischen Gerichte schmecken. Erst als wir fast fertig sind, kommt noch ein weiteres Gästepaar im Hotel an.
Am kommenden Morgen lacht die Sonne wieder – und wir ebenso. Glücklich räkeln wir uns im breiten Bett und erblicken von dort sogar das Blau des Toten Meeres. Alex hat schon den Frühstückstisch im Garten gedeckt. Er serviert uns verschiedene Köstlichkeiten aus der Küche. Entspannt schnabulieren wir exotische Früchte, gebratene Eier und Halloumi mit Tomaten, Hummus und Fladenbrot bei Meerblick. Daraufhin verweilen wir noch auf unserem Balkon und zögern die Weiterreise möglichst lange hinaus. Erst mittags packen wir unsere Siebensachen zusammen und danken Alex vielmals für seine herzliche Gastfreundschaft.
Bevor wir das Tote Meer endgültig verlassen, machen wir noch einen allerletzten kurzen Abstecher. An den südlich der Hotelmeile gelegenen Badestellen fahren wir vorbei, denn ein so idyllisches Badeerlebnis wie beim Wadi Mujib sucht man hier vergeblich. Haarnadelkurve um Haarnadelkurve gewinnen wir an Höhe, die schmale Strasse schlängelt sich durch schwarzes Geröll. Dann klafft ein immenser Riss in der ausgedörrten Berglandschaft auf: das Wadi Ma’in. Der Blick über die schroffe
Schlucht und das dahinter liegende Blauwasser verschlägt uns die Sprache. Angetan strolchen wir umher und fotografieren aus verschiedenen Blickwinkeln. Auch der zweite Besuch des Toten Meeres hat sich durchwegs gelohnt, auch ohne erneutes Bad… Aber einmal im Leben in diesem hochkonzentrierten Salzsee auf 400 Metern unter dem Meeresspiegel zu floaten wie eine Boje, war für uns etwas ganz Besonderes.
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