Im wilden Osten
Im Supermarkt decken wir uns reichlich mit Vorräten ein, an der Tankstelle zapfen wir Benzin. Gerüstet für die kommenden Tage lassen wir Opotiki hinter uns. Von hier führt der Pacific Coast Highway nordostwärts durch eine der entlegensten Ecken der Nordinsel, rund um das East Cape. Die Strecke von Opotiki bis nach Gisborne misst gewundene 330 Kilometer… Die Strasse verläuft oft dicht am Meer. Dünenketten und Strände ohne Ende. Immer wieder schlängelt sich der Highway über hohe Klippen, um kurz darauf wieder an eine nächste, mit Treibholz übersäte Bucht zurückzukehren. Das Holz schwemmen die zahlreichen Flüsse an, die von den empor ragenden Bergen im Hinterland ins Meer herabfliessen.
Gelegentlich passieren wir eine Ortschaft, doch nach nur wenigen Häusern ist das Dorfende meist schon erreicht. Dort, wo die naturbelassene Einsamkeit aufhört, leben überwiegend Maori in kleinen Ansiedlungen. In dieser abgelegen Ostecke machen sie einen bedeutenden Anteil der Bevölkerung aus – über 80 Prozent des Grundbesitzes liegt in ihren Händen. Verkehr rollt spärlich, meist haben wir die Strasse für uns allein. Nach knapp zwei Fahrstunden liegt ein Café am Wegesrand – es kommt uns wie gerufen. Im lauschigen Garten geniessen wir den Schmaus sowie den Ausblick auf das wilde Meer.
Endlich weichen die Wolken der Sonne – unser Herz hüpft vor Freude. Die Fahrbahn windet sich weiter der Küste entlang, bis nach 99 Kilometern die leuchtend weisse Kirche von Raukokore in unser Blickfeld gerät. Das süsse Gotteshaus aus dem Jahre 1895 thront auf einem Landvorsprung und liegt malerisch am blauen Ozean. Nun verabschiedet sich die kurvenreiche Route ins gebirgige Landesinnere, schleust uns durch eine artenreiche, üppige Vegetation. In engen Serpentinen klettert die Strasse wieder auf Meereshöhe herunter und gewährt uns dabei entzückende Ausblicke. Doch das Wetterglück ist leider nur von kurzer Dauer…
Te Araroa liegt auf halber Strecke des zu umrundenden östlichen Zipfels. Als wir nachmittags in der verschlafenen Maori-Siedlung ankommen, fehlt von der Sonne plötzlich jede Spur und ein bissiger Wind weht uns um die Ohren. Te Araroa ist der Ausgangspunkt für das noch 20 Kilometer entfernte East Cape, den östlichsten Punkt Neuseelands. Stattdessen uns heute den rauen Wetterverhältnissen auszusetzen, lassen wir uns auf einem Campingplatz nieder und verschieben unser Vorhaben auf den nächsten Tag.
Am frühen Morgen wecken uns Windstösse, die an unserem Camper rütteln. Der Himmel ist grau, die Böen noch immer heftig. Für den Nachmittag ist Besserung in Sicht, zumindest gemäss Wetterbericht. Wir vertrauen darauf, warten, lassen den Morgen im Winde verfliegen. Am frühen Nachmittag entdecken wir erste blaue Lücken am Himmel, zuversichtlich ziehen wir los. Mit jedem Meter, den wir hinter uns lassen, bessert sich das Wetter, bis letztendlich die Sonne von einem schier wolkenlosen Himmel strahlt. Unglaublich – ein Blick in den Rückspiegel zeigt die zurückgelassenen, dunkel verhangenen Berge. Wir stauben über eine mehrheitlich unbefestigte Strasse, die uns unmittelbar dem weiss schäumenden Meer entlang leitet.
Die atemberaubende Küstenstrecke endet auf einem kleinen Parkplatz, von wo 800 Stufen steil auf eine buschige Anhöhe führen. Palmen, Farngewächse und weitere grüne Genossen schlingen sich ineinander, ragen windgepeitscht in dieselbe Richtung. In luftiger Höhe markiert ein alter weisser Leuchtturm den östlichsten Punkt Neuseelands und warnt die Seefahrer vor den gefährlichen Klippen. Wow – die Aussicht auf die geschwungene Küstenlinie und den tiefblauen Ozean ist umwerfend, wir können uns kaum sattsehen…
Auf derselben Schotterpiste holpern wir zurück, vom Sonnenschein geradewegs auf den noch immer bewölkten Landstrich zu. Das miese Wetter scheint sich dort richtiggehend festzuhaken. Schon nach wenigen Kilometern weiter südwärts gekurvt, gehören die Wolkenschwaden wieder der Vergangenheit an. Umso besser. Unsere heutige Reiseetappe verläuft vorwiegend im Landesinneren, das tosende Meer bekommen wir nur noch selten zu Gesicht. Der Highway schlingt sich durch dichte Wälder und gelbes Hügelland, wo Schafe auf dürren Weiden grasen. Die Ostküste kriegt in der Regel wenige Niederschläge ab. „Diese Gegend erinnert mich etwas an den Südwesten der USA“, meint Roland.
Nach über 100 Kilometern und rund zwei Stunden auf den Felgen, erreichen wir abends Anaura Bay. Die feinsandige Bucht liegt ruhig, ein paar Kilometer von der Hauptverkehrsachse entfernt. Der Campingplatz breitet sich direkt am Strand aus. Von unserem Stellplatz geniessen wir freie Meersicht – wie herrlich. Wir genehmigen uns ein Glas Wein und frönen bei Sonnenuntergang dem wundervollen Ambiente, bevor wir unseren Campervan sauber fegen. Der feine Staub ist hartnäckig – kaum zu glauben, wie viel wir davon auf der Schotterstrasse eingefangen haben. Aber es gilt wohl als Strafe, denn das Fahren auf unbefestigten Strassen ist uns grundsätzlich verboten, ausser es sei eine kurze Zufahrtsstrasse zu einem Übernachtungsplatz…
Ein prächtiger Morgen, mit Sonnenbrille bewaffnet frühstücken wir im Freien. Davon konnten wir gestern und an vielen vergangenen Tagen nur träumen. Nach einem kurzen Streifzug über den Strand, wandern wir vorwiegend durch Wald eine sanfte Böschung hoch zu einem Aussichtspunkt. Nach dem Genuss des Küstenausblicks bringt uns der ausgeschilderte Rundweg wieder in die Anaura Bay zurück.
Erneut auf Achse in Richtung Süden. In nur einer halben Stunde ist eine nächste Bucht in Sicht – Tolaga Bay. Es ist der erste grössere Ort seit unserem Start in Opotiki, aber auch hier leben lediglich 800 Seelen. Das Prunkstück ist die 660 Meter lange Tolaga Bay Wharf, die parallel zu den beinahe senkrecht aufragenden Sandsteinklippen verläuft. Es sei der längste betonierte Kai der südlichen Erdhalbkugel. Um 1920 erbaut, diente er der Abwicklung der Versorgungsschiffe. Heutzutage wird er jedoch nur noch als Bummel- und Badesteg genutzt.
Ein zweites Mal schnüren wir unsere Wanderschuhe. Mittlerweile brennt die Sonne heiss vom Himmel und treibt uns den Schweiss aus den Poren. Nach einem Anstieg über Weiden erklimmen wir einen Aussichtspunkt, von wo uns schwindelerregende Panoramablicke auf die Cook’s Cove und das blau schimmernde Meer verwöhnen. Anschliessend führt der Pfad durch ein
schnuckeliges Wäldchen hinunter zur Bucht, wo James Cook im Jahre 1769 mit seiner Mannschaft landete. Heute erinnert dort eine Gedenktafel an den berühmten Kapitän von damals. Die kleine Cook’s Cove ist von zerklüfteten Felsen eingerahmt, friedlich plätschert klares Wasser. Wir verweilen, bevor wir später noch einen Blick durch das unweit entfernte „Hole in the Wall“ werfen. Was für eine sagenhafte Wanderung…
Drei Stunden später, sechs Kilometer in den Beinen, Glücksgefühle im Herzen. Wieder auf Fahrt. Die Strasse schlägt enge Haken, verläuft mehrheitlich im bergigen Hinterland. Doch gelegentlich lassen sich verführerische Ozeanblicke von oben erhaschen. Eine Bucht jagt nun die nächste. Es ist schon Abend, als wir uns für die kommende Nacht 40 Kilometer weiter südlich in Tatapouri niederlassen. Der leicht abfallende Campingplatz am Meer bietet Ausblick aufs Wasser, genau wie wir es lieben. Gerade bleibt uns noch einen Moment, die letzten Sonnenstrahlen aufzusaugen, bevor der Hitzeball hinter einem Hügel versinkt. Blitzartig kühlt es empfindlich ab und wir verduften in unser Schlafgemach.
Frühmorgens blinzelt die Sonne wieder über den Horizont, verleiht dem Ozean ein zauberhaftes Flimmern. Schon beim Frühstück drohen wir wegzuschmelzen. Doch wir beklagen uns nicht, sondern freuen uns, erneut die kurzen Hosen auszuführen. Der heiss herbeigesehnte Hochsommer ist endlich da – Petrus wartet
mit einer Hitzewelle auf. Gemäss Wetterfrosch soll das Thermometer in den folgenden Tagen bis über 30 Grad klettern… Die letzte Etappe unseres reizenden Ostzipfel-Abenteuers liegt vor unseren vier Rädern. Nur noch knapp 20 wilde Kilometer trennen uns von Gisborne, dem südlichen Ende des East Cape. Keine Stadt zum Verweilen – munter düsen wir weiter…
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