Jeep-Safari im Yala Nationalpark
„Dieser Preis ist viel zu hoch“, empört sich Roland, als der Busbegleiter ihm die Fahrkarten entgegen streckt. Der junge Kerl, eine Mütze tief ins Gesicht gezogen, zockt unverschämt Touristen ab. Währenddessen Roland hartnäckig versucht, ihn zur Vernunft zu bewegen, frage ich die deutschen Mädels vor mir, wieviel sie bezahlt haben. Zwar nicht genau derselbe Betrag, aber auch ungefähr ein Zehnfaches des regulären Tarifs. Für uns nicht einen Haufen Geld, stösst uns jedoch die Art und Weise sauer auf. Die meisten Touristen realisieren den Betrug wohl gar nicht und lassen es somit geschehen, oder haben keine Ahnung, wie weit – oder eben unweit – sie mit diesem Bus eigentlich fahren, bevor sie umsteigen müssen. Nach langer Diskussion und dem Ausdrucken drei verschiedener Tickets, sind wir schliesslich bei einem akzeptablen Preis angelangt, wenn auch immer noch zu hoch…
Obwohl die Strecke von Ella im Hochland hinab in tiefere Gefilde mit zahllosen Kurven gesegnet ist, sind wir zügig unterwegs. Auf unseren Stehplätzen müssen wir uns festkrallen, damit es uns nicht durch das im Schuss begriffene Gefährt schleudert. In Richtung Süden auf Achse, ist ein dreimaliges Umsteigen notwendig, um ans hundert Kilometer
entfernte Ziel zu gelangen. Doch alles geht wie am Schnürchen und am frühen Nachmittag enden wir am Busbahnhof von Kataragama, wo kaum etwas los ist. Von Hunger geplagt, finden wir auf die Schnelle nicht einmal einen Imbissstand mit sättigenden Samosas – die mit Gemüse oder Fleisch gefüllten Teigtaschen sind ansonsten an fast jeder Ecke zu erstehen.
Kataragama liegt im Südwesten der Insel, am Rande des Yala Nationalparks. Die heute verschlafen wirkende Kleinstadt stellt den wichtigsten Wallfahrtsort Sri Lankas dar – an gewissen Feiertagen erwacht Kataragama zu blühendem Leben. Allerdings pilgern das ganze Jahr über Gläubige hierher, um ihren Göttern zu huldigen und die Erfüllung von Wünschen oder Vergebung von Sünden zu erbitten.
Am Sonntagmorgen statten wir dem heiligen Tempelbezirk eine Stippvisite ab und beobachten die frommen Menschen bei ihren Zeremonien und Gebeten. Viele stecken in weisser Garderobe und tragen riesige Schalen mit Früchten in ihren Armen, die sie zum Opfern anschleppen, meist in grossen Familienclans. Die weitläufige Pilgerstätte wartet mit mehreren hinduistischen Schreinen, einer kleinen Moschee und einem buddhistischen Tempel in schneeweisser Farbe auf – eine multireligiöse Angelegenheit.
Morgens um fünf klingelt uns der Wecker aus den Federn. Draussen noch stockfinster, erwartet uns der Safari-Jeep überpünktlich. „Ich bin Vitange“, stellt sich der sympathische Fahrer händeschüttelnd vor. Flink klettern wir auf den offenen Geländewagen. Noch streichelt uns ein kühler Fahrtwind, als wir durch die schwarze Nacht davon brausen. Nach einer halben Stunde den Yala Nationalpark erreicht, gilt es, die Eintrittskarten zu kaufen. „6915 Rupien!“, verlangt der Angestellte hinter dem Schalter. Für die Berechnung sind schier höhere Mathematikkenntnisse notwendig, besteht der genannte Preis aus einem Vielerlei an Bausteinen: einer Grundgebühr pro Person, einer Servicegebühr pro Gruppe sowie einer Fahrzeuggebühr, und obendrein alles besteuert mit zwölf Prozent. Ungerechnet beträgt der Tageseintritt insgesamt 45 Franken – für einen Ausländer bezahlen wir etwa vierzig Mal so viel wie für unseren einheimischen Fahrer.
Der Yala Nationalpark ist das bekannteste und meistbesuchte Naturschutzgebiet von Sri Lanka. Erst als die Europäer den reichen Wildbestand der Insel im 19. Jahrhundert schon ziemlich dezimiert hatten, kamen erste Naturschutzgedanken auf. Hier im spärlich besiedelten Südosten wurde anfangs des 20. Jahrhunderts ein erstes Schutzgebiet errichtet. Heute ist der Yala einer der grössten Nationalparks, obwohl Besucher nur in einem verhältnismässig winzigen Teil zugelassen und die übrigen Regionen kaum erschlossen sind. Seine gesamte Grösse entspricht mit rund 1000 Quadratkilometern ungefähr jener des Kantons Thurgau. Man munkelt, das Gebiet beherberge eine der höchsten Leopardendichten weltweit…
Die Dämmerung tritt ein und fast schlagartig wird es taghell. Begleitet von einer Handvoll weiteren Jeeps holpern wir tiefer in den Park hinein, allerdings ist der Andrang weniger schlimm wie befürchtet. Die meisten benutzen den Haupteingang bei Tissamaharama, kurz
und bündig Tissa genannt, zwanzig Kilometer südlich von Kataragama. Bald verteilen sich die Fahrzeuge und wir stauben einsam über die unbefestigten Pisten. Leider fehlt auch von der Tierwelt fast jegliche Spur. Die angeblich ungeheure Vielzahl an Tieren, bleibt uns fast gänzlich verborgen, vielleicht verstecken sich alle im Gestrüpp. Das Landschaftsbild erinnert wenig an das savannenartige Afrika, so wie im Reisehandbuch beschrieben, Aber zumal der Nationalpark riesig ist, kommen auch verschiedene Lebensräume vor – Dschungel, Savannen, Seen, Lagunen und Mangroven wechseln sich ab.
Doch dann lässt der Höhepunkt unserer Safari plötzlich nicht mehr lange auf sich warten. Der aufmerksame Fahrer bemerkt frische Pfotenabdrücke im Sand und nimmt verbissen die Fährte des Leoparden auf. Immer wieder hält er inne und lauscht seinem Gebrüll, versucht zuzuordnen, aus welchem Winkel die unverkennbaren Laute kommen. „Da vorne, da ist er“, flüstert
Roland aufgeregt. Viele Meter vor uns trottet die Raubkatze seelenruhig in Fahrtrichtung auf der Strasse – wir sehen vor allem Schwanz. Behutsam verfolgt Vitange den wohlgemusterten Vierbeiner, doch längst bevor wir ihn in voller Pracht zu Gesicht bekommen, biegt er schleunig ins Gebüsch ab. Leider verschwindet er auf Nimmerwiedersehen – trotzdem hüpft unser Herz tierisch vor Freude.
Ansonsten spotten wir hin und wieder ein Wildschein, einen Büffel, ein Krokodil oder einen Pfau, und verschiedene Vertreter der Vogelwelt zwitschern. Wir haben uns erhofft, einem Lippenbären zu begegnen oder eine Herde Elefanten umherstreifen zu sehen. Aber die grauen Rüsseltiere mit
den asiatisch kleinen Ohren zeigen sich kaum, und wenn, sind sie gefühlt noch meilenweit entfernt. Meistens vermag sie auch das Fernglas nicht hautnah heran zaubern. Stattdessen vermehren sich die Safari-Jeeps und wirbeln viel Staub auf. Was ist nur los? Zuvor war es doch einigermassen friedlich und nun rumoren Motoren und wir fahren im Konvoi.
Vitange peilt einen Rastplatz am Meer an, was wir aber weder wissen noch ahnen. Ehe wir uns versehen finden wir uns inmitten eines gigantischen Rudels Fahrzeuge. Auch wimmelt es von Zweibeinern. Es ist ein Kommen und Gehen, wir sind entsetzt. “Wir huschen rasch aufs Klo – und dann nichts wie weg!“, entgegne ich dem Fahrer, zugegeben mit leicht genervtem Unterton. Doch rasch geht hier gar nichts, bildet sich vor dem „stillen“ Örtchen eine elend lange Warteschlange. Unser Fahrer lacht sich bestimmt ins Fäustchen, allerdings verziehen wir uns ohne zu zögern in den Busch. Danach den richtigen Jeep wiederzufinden, ist kein leichtes Unterfangen…
Unsere Safari-Laune ist etwas getrübt, parken hier weit mehr Geländewagen, als wir bis anhin Wildtiere sichteten. Der Morgen schon weit fortgeschritten, geht es nun allmählich auf den Heimweg, der mehrheitlich unspektakulär verläuft. Vielleicht sind wir schlichtweg verwöhnt vom Tierreichtum in Afrika… Die Nationalparkgrenze bereits passiert, lauern unverhofft jede Menge Wildschweine am Wegesrand. Fast aufdringlich schnuppern sie an unserem Gefährt, beinahe als wollten sie zusteigen. Auf den letzten Kilometern ausserhalb des Yala zeigt sich am meisten Wildlife, obschon die Sonne mittlerweile gnadenlos vom Himmel knallt.
Spätvormittags wieder im Hotel zurück, werfen wir uns müde aufs Bett und harren heisshungrig, bis die Zeit reif ist für ein Mittagessen. Endlich halb eins und das Restaurant geöffnet, bestellen wir voller Vorfreude das landestypische „Reis & Curry“. Der Kellner winkt ab: „Nein, nicht um diese Zeit“. Aber wann denn dann? Wieder hapert es mit dem Essen. Gestern um halb drei hiess es, es sei zu spät und man tischte uns nur noch einen eintönigen gebratenen Reis auf. Enttäuscht wehren wir uns, mit Erfolg. „Es dauert eine ganze Stunde!“, warnt uns der hagere Mann achselzuckend. Was solls, so lange warten wir ohnehin häufig. Umso verblüffter schauen wir aus der Wäsche, als uns der Duft der köstlichen Speisen bereits dreissig Minuten später in die Nase steigt.
Nach drei Nächten nimmt unsere Weiterreise ihren Lauf – wieder wie am Schnürchen. In Tissa angekommen, steht der weiterführende Bus an die Südküste schon mit laufendem Motor bereit, was aber noch gar nichts bedeutet. „Five minutes“, wiederholt der Busbegleiter, als ich mich noch schnell aufs Klo verabschiede. Erleichtert wieder zurück, reckt Roland seinen Kopf aus dem Fenster und winkt mich heran, denn das hupende Vehikel ist schon im Rollen begriffen. Beim erstbesten Schrein am Strassenrand nochmals kurz für ein Gebet angehalten, rast der Buslenker, als wäre er auf der Flucht und schert ständig zu gewagten Überholmanövern aus. Das göttliche Zwiegespräch war bestimmt nicht vergebens – auch ich schicke besorgt noch ein Stossgebet ins Universum…
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