Kauris – uralte Baumriesen
Morgens um Neun, bei der Campervermietung ist nicht viel los. “Jetzt in der Hochsaison sind die meisten unserer Fahrzeuge bereits auf Achse”, erläutert die Deutsch sprechende Angestellte. Es ist angenehm, dass der bürokratische Teil in unserer Muttersprache über die Bühne geht. Die Abwicklung ist freundlich, die Fahrzeugübergabe flott – fast zu flott, wie sich später herausstellt… “Hier, ihre Schlüssel”, verabschiedet sich die blonde Dame lachend, “und eine gute Reise.” Die erste Etappe ist kurz und führt uns zum Supermarkt ums Eck, wo wir uns mit Lebensmittelvorräten eindecken. Nebenan im Warehouse, einer Discounter-Kette mit Allerlei, erstehen wir noch ein paar weitere Utensilien. Die Zeit rennt, schon ist es früher Nachmittag. Nun aber nichts wie raus aus der Stadt…
Vom Süden Aucklands lassen wir uns vom Navi durch die stark befahrenen, vielspurigen Strassen lotsen. Oft rollt der Verkehr nur stockend. Wenigstens bietet sich deshalb kaum eine Gelegenheit, sich im Linksverkehr auf die falsche Strassenseite zu verirren. Endlich die Grossstadt durchquert, brausen wir weiter nordwärts. Das Northland erstreckt sich in einem schmalen Streifen über 400 Kilometer in Richtung Nordwesten. Die Strasse windet sich durch grüngelbes Hügelland. Nach den ersten Fahrstunden verlassen wir die stärker bevölkerte Ostseite und treffen frühabends in Baylys Beach, an der dünn besiedelten Westküste ein.
Baylys Beach ist eine Ansammlung von grösstenteils Ferienhäusern am mittleren Abschnitt des 108 Kilometer langen Ripiro Beach, dem längsten Strand Neuseelands. Wie anderswo an der Westküste erweist sich auch hier das Schwimmen aufgrund
ausgeprägter Gezeiten und starker Brandung als gefährlich. Doch wir verspüren sowieso kein Bedürfnis nach Abkühlung, ziehen uns im blasenden Wind lieber eine Schicht über, wie eine aus. Die grossen Wellen schlagen weiss schäumend am breiten Strand auf. Ein kurzer Fussweg schlängelt sich über die Klippen und überwachsenen Sanddünen. Tief atmen wir die frische Meeresbrise ein, geniessen den wilden Anblick und lauschen dem Tosen des Ozeans.
Der Campingplatz liegt leider etwas zurückversetzt und gewährt keinen Meerblick. Sobald sich die Sonne verabschiedet hat, wird es empfindlich kühl. Bald verziehen wir uns in unsere gute Stube – auch sonst trotzt kaum jemand der Kälte. Auf dem Gasherd kochen wir uns ein erstes einfaches Mahl und stossen mit einem Glas australischen Wein aus der Kartonbox auf unser neues Daheim an, welches uns die nächsten zwei Monate hoffentlich treu begleitet… Nach dem Ausschlafen gilt es, uns häuslich einzurichten, unsere Einkäufe und Siebensachen einzuräumen. Der Campervan ist klein und kompakt, ist Küche, Wohn- und Schlafzimmer in einem. Herd, Spühle und Schränke stehen nah beieinander, so dass man kaum an die verstauten Dinge in der Tiefe gelangt – Beweglichkeit ist gefragt. Wir versuchen, allem einen optimalen Platz einzuräumen, was sich wie ein Puzzle gestaltet und Zeit raubt.
Das Wetter zeigt sich heute von der miesen Seite, es stürmt und regnet quer. Darüber ärgern wir uns aber nicht, hingegen über den kaputten Campingstuhl sowie uns selber. Gestern beim Auspacken baumelte Roland ein gebrochenes Stuhlbein entgegen. Unglaublich, welch Schrott uns die Vermietung unterjubelte. Hätten wir gestern nur alles genau unter die Lupe genommen, anstelle blindes Vertrauen zu schenken… Zum Glück gibt es im nahen Dargaville ein Warehouse, wo wir für wenige Dollar den unbrauchbaren Stuhl ersetzen können. Wir nutzen die Gunst der Stunde und gönnen uns in der verschlafenen Kleinstadt einen fein duftenden Kaffee und ein Stück Kuchen. Wieder zurück auf dem Camping schenkt uns die Sonne sogar noch ein paar ihrer Strahlen. Genüsslich tanken wir ihre wohlige Wärme auf…
Nur eine halbe Stunde weiter nördlich befinden sich die grössten noch vorhandenen Kauri-Wälder von Neuseeland – der Höhepunkt der Westküste. Der Kauri-Baum zählt neben den Sequoias, den Mammutbäumen, zu den grössten Bäumen der Welt und erreicht eine Höhe von bis zu 60 Metern. Der nördliche Teil der Nordinsel war einst von einem Mischwald überzogen, der von diesen Baumriesen dominiert wurde. Kauri ist eine Fichtenart, die heute nur noch in Neuseeland wächst, obwohl sie früher auch in Australien und Südostasien vorkam. Im Gegensatz zu den Sequoias, die sich nicht als Möbelholz eignen, liefern die Kauri-Bäume wunderschönes Holz. Eine Tatsache, die ihr Verschwinden beschleunigte und jene Industrien entstehen liess, die Neuseelands Wirtschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beherrschten. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten habgierige Europäer fast den gesamten Bestand gefällt. Die Bemühungen verschiedener Umweltorganisationen trugen in den 60er-Jahren schliesslich Früchte. Drei Viertel aller noch existierenden Kauris werden im Waipoua- und Trounson Forest geschützt. Heute ist das Fällen der hölzernen Riesen gesetzlich verboten.
Dutzende Wanderwege verschiedener Längen durchziehen die beiden Schutzgebiete und führen zu mächtigen Exemplaren. Kaum einen Fuss aus dem Fahrzeug gesetzt, überrascht uns ein kurzer Regenguss, der jedoch so rasch versiegt, wie er aufgezogen ist. Eine Warntafel hält die Besucher an, stets auf den Wegen zu bleiben, um den Kauris
nicht auf die Füsse zu treten. Tappt man über deren empfindlichen, knapp unter der Erdoberfläche verlaufenden Wurzeln, ist ihre Lebenserwartung deutlich kürzer. Einzelne Bäume werden über 2000 Jahre alt. Am Ende ihres Daseins wird ihr verwesender Kern zu schwach, um das enorme Gewicht zu tragen und sie stürzen um.
Nach zwei ausgiebigen Spaziergängen durch die Wälder, der Blick meist nach oben gerichtet, lassen wir uns auf dem kleinen Campingplatz im Waipoua Forest nieder. Sonne und Wolken stehen im gegenseitigen Kampf, gelegentlich weht ein bissiger Wind. Mit einer dampfenden Tasse Tee setzen wir uns ins Grüne, später wärmt uns ein Glas Wein. Schieben sich Wolkenschwaden vor den glühenden Ball, wird es von einer Sekunde auf die nächste bedeutend kühler. Ständig bin ich am An- und Ausziehen von Jacke und Schal – das Wetter kann sich einfach nicht festlegen.
In der Nacht sinkt die Temperatur beträchtlich und frühmorgens ist es in unserem Schlafgemacht richtig kalt. Zu unserem Entsetzen zeigt das Thermometer nur noch neun Grad an. Es ist uns überhaupt nicht ums Aufstehen, wir verkriechen uns lieber noch tiefer unter die Bettdecke, zumal es sowieso bewölkt ist. Ist das Hochsommer in Neuseeland? Das Northland ist eigentlich die wärmste und einzige subtropische Region Neuseelands. Der hohe Norden wird gern als “winterloser Norden” bezeichnet, obwohl die kältere Jahreszeit – und offensichtlich selbst die Sommerzeit – frisch sein kann. Tagsüber durchschnittlich 24 Grad im Sommer und 16 Grad im Winter, unter Null fallen die Temperaturen nie.
Fast zwanzig Kilometer windet sich die Strasse durch die Kauri-Wälder. Am nördlichen Ende erwarten uns die ältesten Baumriesen. Der Wald ist sehr dicht. Nebst hohen Kauris wachsen auch niedrige Gewächse, darunter viele Farne. Um die Stämme der Baumriesen ranken sich oft reizvoll Pflanzen, in den Astgabeln wimmelt es von Epiphyten. Auf den längeren Rundwegen treffen wir auf erstaunlich wenige Touristen, doch nähern wir uns den wuchtigsten, leicht zugänglichen Giganten, bleiben wir nicht weiter allein.
Der Tane Mahuta, der “Gott des Waldes”, ragt mit 52 Metern Höhe weit über die restlichen Baumwipfel – erst bei 18 Metern sind die untersten Äste erreicht. Der Stamm misst 14 Meter im Umfang und knapp 5 Meter im Durchmesser – seine Masse sind imposant. Über sein Alter ist man sich nicht schlüssig, jedenfalls soll es zwischen 1200 bis 2500 Jahren liegen… Ein zweiter bemerkenswerter, uralter Kerl steht nicht weit entfernt. Der Te Matua Ngahere, der “Vater des Waldes”, gilt als zweitgrösster Baum von Neuseeland. Zwar dicker und eigentlich noch majestätischer, doch “nur” 30 Meter hoch gewachsen. Der Umfang seines fetten Leibes beträgt erstaunliche 16 Meter – ein wahrer Koloss.
Nach kurzer Fahrzeit nordwärts gelangen wir zurück an die Küste. Die von Mangroven gesäumten, schmalen Meeresarme des Hokianga Harbour ragen weit ins Landesinnere. Bei Omapere führt ein Spazierweg über hohe Klippen und gewährt uns grossartige Ausblicke. Böenartige Windstösse drohen uns beinahe wegzublasen, zumindest Rolands Schirmmütze. Die sich auf der gegenüber liegenden Seite auftürmenden Sanddünen kommen leider nicht gut zur Geltung, denn der Himmel zeigt sich meist bedeckt. Das heutige Bild stimmt farblich nicht mit der Beschreibung des Reiseführers überein… Entlang des Hokianga erreichen wir über etliche Kehren das beschauliche Dorf Rawene, wo wir einen nächtlichen Zwischenstopp auf einem kleinen windgeschützten Camping einlegen.
Die einzige Möglichkeit den Hokianga zu überqueren ist mit einer Autofähre, was uns einen ziemlich langen Umweg um die grosse Bucht erspart. Eine Viertelstunde später legt der Kahn in Kohukohu am Nordufer an, einem winzigen Ort mit alten niedlichen Häusern. Das Wetter ist unberechenbar – kitzeln uns einst Sonnenstrahlen, spritzt es einen Augenblick später von einem grauen Himmel. Und dann beginnt das Spiel wieder von vorne… Die Strasse schlängelt sich zwischen grünen Hügeln, Kühe grasen – manchmal ähnelt die Szenerie jener unserer Heimat. Einzig die subtropische Vegetation mit Farngewächsen und Palmen passt nicht in eine Schweizer Alpenlandschaft. Ahipara, eine Streusiedlung an der Westküste liegt vor uns. Der abgeschiedene Ort an einem schier endlos langen, breiten Sandstrand markiert das südliche Ende des legendären Ninety Mile Beach…
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