KL zum Dritten…
In Gedanken versunken schwirren wir dem asiatischen Kontinent entgegen. Fast ein ganzes Jahr weilten wir in Ozeanien. Nun entfernen wir uns immer weiter von Australien und rücken gleichzeitig der Schweiz ein grosses Stück näher. Schlagartig wird uns bewusst, dass wir uns sozusagen auf dem Heimweg befinden. Allerdings gehen wir es gemächlich an. Unterwegs werden wir noch ein paar ausgedehnte Zwischenstopps einschalten, bevor wir uns wieder auf heimischen Boden begeben…
Als der Flieger in der Morgenfrühe behutsam auf der Landepiste in Kuala Lumpur aufsetzt, ist es noch stockdunkel. Gähnend reibe ich meine Augen, haben wir auf der achtstündigen Flugetappe nicht ausreichend Schlaf abgekriegt. Flink einen malaysischen Stempel im Pass, flössen wir uns einen aufmunternden Kaffee ein, bevor wir uns auf die Rückbank eines Taxis verdrücken. Auf diese Weise gelangen wir am bequemsten ins Stadtzentrum, keine Frage, aber erstaunlicherweise ist die Fahrt bei zwei Personen sogar weniger teuer wie der Zug. Und eine Dreiviertelstunde später werden wir obendrein unmittelbar vor der Türe der reservierten Unterkunft abgesetzt.
KL zum Dritten. Warum? Wir haben uns nicht etwa in die Millionenmetropole verguckt, nein, Kuala Lumpur ist eine wichtige und kostengünstige Drehscheibe im Flugverkehr. Auch gibt es haufenweise kleine Apartments mit Kochmöglichkeit – unseren Vorstellungen entsprechend ideal für eine Reisepause. Zwischendurch mögen wir es, für eine Weile sesshaft zu sein und zu verschnaufen. Wir gönnen uns wieder einmal Ferien vom ständigen Unterwegssein, vorwiegend um zu „Arbeiten“. Auch in einem Reisealltag fallen immer wieder Pendenzen an und jetzt, wo unsere Rückkehr in greifbare Nähe rückt, sowieso. Unsere To-Do-Liste ist lang, in den nächsten Wochen wird es uns bestimmt nicht langweilig…
An der Rezeption hocken drei herrliche Angestellte – einer arbeitet, die anderen zwei schauen zu. Das Geschäft wird unter Männern abgewickelt, ich halte mich im Hintergrund. Der Papierkram zieht sich unglaublich in die Länge, man könnte meinen, Roland möchte das Hotelapartment kaufen. Immerhin klappt es letztendlich, dass wir wieder denselben Schlüssel in den Händen halten, wie bei unserem letzten Aufenthalt vor fünfzehn Monaten. Denn wir wissen, einige der Wohnungen sind zappenduster und man glotzt nur an die nächste Häuserwand. Nervös drehen wir den Schlüssel. Erleichtert stellen wir fest, das alles ist, wie es war, hell und freundlich. Oder etwa doch nicht? Das Putzpersonal lief offenbar nicht in Bestform auf – das Bad ist echt schmutzig und auch die Küche sehnt sich nach den Streicheleinheiten eines Putzlappens. Obwohl wir uns am liebsten aufs Ohr hauen würden, legen wir selber Hand an und schrubben.
Derweil stösst uns die Vorgeschichte erneut sauer auf. Vorderhand war es nicht geplant, noch einmal hier abzusteigen, wie bei „KL zum Ersten“. Bereits ein halbes Jahr zuvor buchten – und bezahlten – wir über das Buchungsportal Airbnb jenes Privatapartment, das wir bei „KL zum Zweiten“ zur letzten Jahreswende bewohnten. Wir freuten uns, über Weihnachten und Neujahr frühzeitig für drei Wochen versorgt zu sein. Doch leider kam alles anders. Unsere Vermieterin
stellte uns kurzfristig vor vollendete Tatsachen, gewährte sie ihren jetzigen Mietern eine Verlängerung, trotz unserer bestätigten Buchung! Wir waren entrüstet und finden das Vorgehen alles andere als fair. Aber exakt mit derselben Situation waren wir schon in Perth konfrontiert – damals haben wir die angebotene Alternative angenommen. Diesmal erschien uns der offerierte Ersatz überhaupt nicht gleichwertig und wir lehnten ab. Zehn Tage vor Mietantritt hatten wir nun anstelle unserer behaglichen Lieblingswohnung die Kündigung in der Tasche. Vieles für die kommenden Festtage zwischenzeitlich vergeben, war uns nicht der Sinn nach zeitraubender Recherche. Auf die Schnelle ergatterten wir glücklicherweise dieses altbekannte Apartment.
Übernächtigt schleichen wir uns nach getaner Arbeit ins nahe Kaufhaus. Den etwas versteckt liegenden Supermarkt finden wir bestimmt noch immer im Schlaf… Wir tauchen ein in das Gewusel, in eine so andere, aber uns vertraute Welt. Laut das Gehupe, ein widerlicher Geruch dringt aus einem Abwasserschacht – unsere Sinne werden schleunig geweckt. Kopftücher wandeln, der satte Verkehrsstrom reisst kaum ab. Menschen eilen bei Rotlicht über die Strasse, drängen sich zwischen abbremsenden Autos hindurch. Die Ampel endlich auf Grün gehupft, rächen sich die rollenden Vehikel und schneiden korrekten Fussgängern frech den Weg ab. Den Lebensmitteleinkauf getätigt, überrascht uns ein heftiger Wolkenbruch. Auf Besserung wartend beobachten wir das bunte Treiben beim Ausgang. Ein Sicherheitsangestellter verteilt lange, schmale Plastiktüten an die ankommende Kundschaft. „Pariser“ für den triefenden Regenschirm – spätestens hier hört es mit dem bei uns Vertrauten auf…
In den ersten Tagen fühlen wir uns in unseren vier Wänden fast etwas eingesperrt. Kein Fenster kann geöffnet werden – frische Luft berieselt uns lediglich aus der Klimaanlage. Nach unserer naturnahen Campertour durch Tasmanien benötigen wir etwas Eingewöhnungszeit. Draussen ist es häufig grau in grau und abends regnet es manchmal sintflutartig. Trotzdem müssen wir betreffend Temperaturen keine Gedanken verschwenden. Ob bewölkt oder nicht, konstant heizen gute 30 Grad, auch nachts bleibt die Luft lau. Lange Kleider benötigen wir allerhöchstens in den Einkaufszentren, obwohl diese noch längst nicht so unterkühlt sind wie die australischen Supermärkte – dort mutete das Ladenlokal fast kälter an, wie hier das Kühlregal. Auch die vergangene Flugreise war frostig wie ein Eisschrank, was sich jetzt in Form einer fetten Erkältung bemerkbar macht.
Weihnachten. Anlässlich der Festtage gönnen wir uns eine grosse Tasse Chai – einen süssen Milchtee – und ein verlockendes Stück aus der Tortenvitrine. Auf der schwülen Veranda des Cafés drückt das dampfende Getränk erst recht den Schweiss aus unseren Poren. Im brummenden Verkehrsgewimmel von Bukit Bintang vermag keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen. In den Shopping Malls geht es jedoch weihnächtlich zu und her, eine Menschenmenge ist auf den Beinen. Der moderne Konsumtempel üppig geschmückt, Jingle Bells und Co. läuft in der Endlosschlaufe. Zwischen kitschig wirkenden Christbäumen sitzen rotweisse Weihnachtsmänner – asiatische Kindergesichter strahlen.
Genau wie der Heiligabend plätschert auch der Silvester friedlich dahin. Daheim, hoch oben im 15. Stock – unsere gute Stube schenkt uns einen Ausblick auf die innerstädtischen Wolkenkratzer. In einem australisch orientierten Supermarkt mit ein paar Importprodukten und weiteren Köstlichkeiten eingedeckt, zelebrieren wir auch heute in Zweisamkeit. Zur Feier des Tages habe ich leckere Lachsbrötli auf den
Tisch gezaubert – bei dessen Anblick läuft uns das Wasser im Mund zusammen. Bereits das dritte Mal rutschen wir in der Ferne ins neue Jahr. Gedanklich schweifen wir zu unseren Liebsten in die Heimat, die uns sieben Stunden hinterherhinken. Zufrieden stossen wir um Mitternacht an und erhaschen an der Fensterfront sogar etwas vom Gefunkel des Feuerwerks am Nachthimmel.
Jeden Morgen erwachen wir mit demselben Bild. Das mausgrau verhangene Himmelsdach über den Hochhäusern erinnert vielmehr an den europäischen Winter wie an tropische Breitengrade. Doch für einmal ist uns das piepegal, verstreicht die meiste Zeit sowieso in unseren vier Wänden. Recherchieren, Planen und Diskutieren. Tagtäglich zeichnen sich Fortschritte in der Zukunftsplanung ab. Das kostenlose WiFi unserer Residenz ist schneckenlangsam und zwang uns, eine lokale SIM-Karte zu beschaffen. Roland nun Herr der eigenen Gigabytes, versinkt regelrecht im Datendschungel. „Je fortschrittlicher das Land und das Internet, desto komplexer die ganze Tarifvielfalt“, meint er frustriert. Hin und wieder bewilligen wir unserem Hirn eine Denkpause und düsen aufs Dach, verschaffen uns etwas Abwechslung im hauseigenen Schwimmbad oder Fitnesscenter.
Dreikönigstag. Die ersten Sonnenstrahlen im neuen Jahr blinzeln durch die Fensterscheibe. Draussen umarmt uns eine ungewohnte Hitze, trotzdem tut es gut, auf einer Sightseeingtour die ewige Stubenhockerei aus den Beinen zu schütteln. Einmal mehr fallen uns die krassen Gegensätze ins Auge – verschiedene Welten prallen hart
aufeinander. Hinter schillernden Kaufhäusern oder mächtigen Hotelkomplexen verstecken sich schäbige Strassenzüge mit bröckelnden Altbauten, auf deren winzigen Balkonen bunte Wäsche an Leinen baumelt. Klimatisierte Ketten-Restaurants wetteifern mit simplen Garküchen, himmlische Essensdüfte vermischen sich mit üblem Müllgestank.
Durch die quirlige Chinatown gelangen wir in das historische Stadtviertel am Fluss. Eine Handvoll prächtiger Kolonialbauten säumt das Ufer. Zwischen dem Wasser und den dahinter aufragenden Neubauten bettet sich die Jamek-Moschee, die letztes Jahr noch eingerüstet unter Renovation stand. Nun strahlen die weissen Türmchen und Kuppeln des orientalischen Gotteshauses, wie einem 1001-Nacht-
Märchen entsprungen. In Kuala Lumpur leben Muslime Tür an Tür mit Hindus oder Buddhisten – ein multikultureller Mix. Ein Mittagessen bei Yusoof, beim Inder ums Eck, rundet unseren Streifzug kulinarisch ab. Während der Gebetsaufruf des Muezzins über die Dächer schallt, schlemmen wir ein knuspriges Tandoori-Hühnerbein mit ofenfrischem Knobli-Naan – ein pikanter Gaumenschmaus.
Die Würfel sind gefallen. Das nächste Reiseziel auserkoren und die weiterführenden Flugstrecken gebucht, inklusive der allerletzten Etappe. Nach zweieinhalb Jahren werden wir Mitte März wieder in der Schweiz landen. Den Rückflug nun im Sack, beschleicht uns ein beklemmendes Gefühl, mischt sich aber auch mit Vorfreude. Mittlerweile mit Tausenden von Eindrücken gesättigt, ist der Zeitpunkt gekommen, heimzukehren. Die stetige Neuorientierung zerrt an unseren Kräften und wir sehnen uns wieder nach einem dauerhaften Nest. Aber bevor es soweit ist, geniessen wir erstmals die noch verbleibenden Monate. Nach zwanzig Tagen in KL steigen wir wieder in die Lüfte. Über den Wolken schweben wir Sri Lanka entgegen und nähern uns der Heimat noch ein weiteres Stück an…
Kommentare
KL zum Dritten… — Keine Kommentare
HTML tags allowed in your comment: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>