Küstenausblicke von oben
Schon wieder zwei Uhr nachmittags – wo bleibt nur unsere Zeit? Dennoch lassen wir es uns nicht entnehmen, nach dem Einkaufen und Tanken im geschäftigen Kaitaia eines der verlockenden Cafés zu besuchen. Die Stunden unseres Camperalltags verfliegen im Nu – das fängt schon morgens an. Bis unser Schlafgemach in eine Stube verwandelt, das Frühstück und der Abwasch über die Bühne ist, alle Siebensachen verstaut und wir abfahrbereit sind, dauert es eine geraume Weile. Viel Zeit frisst auch das Abfahren der Regale in einem uns unbekannten Supermarkt. Sind die Lebensmittel dann endlich gefunden, bezahlt und in unseren engen Schränken gestapelt, kitzelt mich bereits wieder ein Hungergefühl. Aber trotz gefühltem Zeitmangel gefällt uns das unabhängige Camperleben ausgezeichnet…
Die Kleinstadt verlassen, steuern wir der Ostküste entgegen. Nun führt unsere Reise südwärts, in zahlreichen Kehren bis nach Wangharoa. In einem kurzen Marsch erklimmen wir den Gipfel vom St. Paul’s Hill, von wo wir weit über den beinahe gänzlich von Land umschlossenen Whangaroa Harbour blicken. Die Aussicht über die von Klippen und steilen Hügeln eingerahmten Buchten ist reizend, die Sonne aber unglücklicherweise meist hinter Wolken versteckt.
Auch das Fahren verschluckt unsere Stunden – die Zeit rast schneller wie wir. Verhältnismässig legen wir wenige Kilometer zurück, lassen aber unzählige Kurven hinter uns – das hügelige Northland lässt grüssen. Die Uhr zeigt schon fast Sechs, als wir in Tauranga Bay auf einem Campingplatz einfahren. Der Holiday Park ist ziemlich gross und liegt unmittelbar am Wasser. Mit vielen dicht aneinander gereihten Stellplätzen sowie einfachen Hütten, sogenannten Cabins – ein richtiges Feriencamp für Kiwis. So benennen sich die Neuseeländer selbst, nach dem scheuen, nachtaktiven Vogel, der im Laufe der Zeit mangels natürlicher Feinde seine Flugunfähigkeit einbüsste.
Momentan sind noch Sommerschulferien – von Mitte Dezember bis Anfangs Februar – und es geht lebhaft zu und her. Zwar sind nicht alle Plätze belegt, doch die freien werden von den herumtollenden Kindern eingenommen. Für uns ist nicht Spielen, sondern Planen angesagt. Neuseeland bietet unendlich viel, die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. Wir können weder jeden Winkel abklappern, noch jede Wanderung bestreiten, es gilt wohlweislich zu selektieren. Reiseführer, Broschüren, Tipps und Apps – wir verlieren uns in den zahlreichen Infos und sind mit der Entscheidung gelegentlich überfordert. Wie schnell dabei die Zeit verstreicht, muss ich wohl nicht erneut erwähnen…
Nun sind wir seit einer Woche auf Fahrt und es bot sich bis heute kaum eine Gelegenheit, draussen zu speisen. Stets zu kühl oder windig, sei es morgens oder abends. Über unser kleines fahrbares Daheim sind wir äusserst dankbar, möchten keinesfalls mit jenen Campern tauschen, die im Zelt schlafen und deren Leben sich vorwiegend im Freien abspielt… Einmal mehr fallen die Temperaturen nachts im Schlafzimmer bis auf frostige zehn Grad, und dass auf Meereshöhe. Dafür blüht uns ein klarer Morgen. Als die Sonne endlich den Hügelkamm erreicht und neckisch hervorlugt, kommt umgehend Wärme und Freude auf. Wir zelebrieren ein erstes Frühstück vor der Haustüre!
Die Tauranga Bay ist eine kleine Bucht, zu beiden Seiten malerisch von grün überwachsenen Felsen eingerahmt. Bevor wir weiterfahren, schweifen wir barfuss am Strand umher. “Kalt wie ein Bergsee”, seufzt Roland beim Eintauchen des kleinen Zehs ins ruhige Wasser. Das Meer um Neuseeland erreicht laut Reisehandbuch selbst im Hochsommer selten mehr als 18 Grad. Die Kiwis scheinen abgebrüht, doch für uns, an tropische Badewannentemperaturen gewohnte Naturen, ist es viel zu kalt. Planschen wäre hier eine Strafe und wir bezweifeln, dass die genannte Höchsttemperatur bereits erreicht ist.
Wieder auf Achse, immer weiter gegen Süden. Die Bay of Islands lockt mit einer prächtigen Küstenlandschaft und vielen verstreuten Inseln, doch die beliebte Bucht zieht Tausende von Besuchern an. Zwar tuckern wir durch die Touristenhochburgen Kerikeri und Paihia, lassen diese belebten Orte mit historischer Vergangenheit aber links liegen. Wir entscheiden, stattdessen weiter südlich die weniger populären
Whangarei Heads anzupeilen. Die Halbinsel ist 35 Kilometer lang, gesäumt von Buchten und Mangroven. Auf einer winzigen Landzunge liegt ein schmucker Campingplatz, zu drei Seiten vom Meer umgeben. Wir lassen den wunderbaren Sommertag mit einen feinen Glas Rotwein und pikanten Chips ausklingen. So ein Camperdasein hat doch seinen Reiz, auch wenn der Tag stets zu wenige Stunden hergibt…
Ein prächtiger Morgen läutet einen Tag mit viel Sonnenschein ein. In einer ersten Wanderung besteigen wir den Mount Manaia, einen 420 Meter hohen Vulkankegel. Der Pfad schlängelt sich mehrheitlich durch Wald, führt immer wieder über hölzerne Treppen bergan. Angeblich seien es mehr als 1000 Stufen – es sind wirklich eine Menge, doch mitgezählt haben wir nicht. Erstaunlich viele sportlich Betuchte überholen uns flotten Schrittes oder halten schnaubend
am Wegesrand inne. “Oh yes, the young generation!”, japst eine junge Frau mit Fettpölsterchen auf den Hüften, als wir auf der Überholspur an ihr vorbei stiefeln. Na ja, nicht alle die schlanker sind, sind zwingendermassen auch jünger… Auf dem Felsrücken am Endpunkt ist es gerammelt voll. Rasch werfen wir einen Blick über die maritime Gegend mit ihren Buchten, bevor wir dem schweissüberströmten Gewusel entfliehen…
Mit unserem fahrbaren Untersatz etwas weiter der Küste entlang gerollt, eine nächste Wanderstrecke im Visier. Die Smugglers Bay ist eine mit feinem, weissem Sand gesegnete Bucht, die nur zu Fuss, oder natürlich mit einem Boot, zugänglich ist. Der Weg führt auf und ab, über Wiesen und durch Wald, bis sich von einer Anhöhe eine fantastische Aussicht über den sanft geschwungenen Sandkasten bietet. “Wow, dieses Blau!”,
juble ich. Das Wasser mutet wie ein in verschiedenen Farbnuancen schimmernder Samtteppich an – ein Postkartenidyll. Der Wanderweg gehört uns, es ist friedlich, im Sand vergnügen sich nur vereinzelt Menschen. Nachmittags macht sich eine Hitze breit, so dass wir unseren Leckerbissen sogar im Schatten der Bäume vertilgen. Hält der Hochsommer langsam Einzug?
Von der Halbinsel zurück an die Küste, weiter südwärts. Freitag, 16 Uhr. Der Verkehr auf der Hauptstrasse ist immens. Wahrscheinlich Wochenendtouristen. Fast jedes zweite Auto mit auf dem Dach festgezurrten Surfbrettern oder einem Boot im Schlepptau. Binnen weniger als einer Stunde sülzt unsere “Navi-Susi” – sie haben ihr Ziel erreicht: Uretiti Beach. Ein grosser einfacher Camping des DOC
erstreckt sich unweit der Strasse in einer Sanddünenlandschaft, dahinter verbirgt sind ein endlos flacher Strand mit brechenden Surfer-Wellen. Wir drehen eine Ehrenrunde und entscheiden uns für ein freies, geeignetes Plätzchen – Meerblick exklusive, Strassenlärm inklusive. Was solls, es ist nur für eine Nacht. Unsere Freude gilt dem Nachtessen, das wir erstmals draussen im Schein der untergehenden Sonne schnabulieren können.
Eine halbe Fahrstunde südlich von Uretiti überziehen die Ferienhäuser von Mangawhai Heads die Hänge. Am langen Sandstrand ist der Clifftop Walkway ausgeschildert. Erst über steile Stufen, später entlang eines angenehmen Weges, leiten uns Markierungen in schwindelerregende Höhen über grün bewachsene Felsklippen. Manchmal durch schattigen Wald, vorbei an knorrigen Bäumen, doch meistens
ist der Blickwinkel auf die schroffe Küstenlandschaft und das fabelhafte Blauwasser gerichtet. Nach eineinhalb Stunden wieder Meereshöhe erlangt, spottet Roland zwischen dem Funkeln auf dem Wasser Flossen von Delfinen. Die grosse Schule tummelt sich leider nur knapp erkennbar in der Ferne, trotzdem ziehen uns ihre eleganten Luftsprünge in den Bann. Wir lassen etwas
Zeit verstreichen, warten bis sich die Flut noch mehr zurückzieht. Erst dann ist es möglich, den Rückweg über die Küste gefahrlos anzutreten. Über spitze Felsformationen, rund geschliffene Steine und mit Muscheln gespickter Sand schlendern wir vergnügt zum Ausgangspunkt zurück. Ein entzückendes Unterfangen – unser Highlight der Ostküste des Northlands.
Glücklich treten wir am Nachmittag die Weiterfahrt an. Zehn Tage Northland sind um – heute düsen wir zurück nach Auckland und noch weiter südwärts. Am Benzinpfosten freut sich der Tankwart über die seit einigen Tagen strahlende Sonne. “Rubbish”, antwortet er kurz und bündig auf meine Frage, wie sich das bisherige Sommerwetter zeigte… In zwei Stunden die Grossstadt erreicht, gestaltet sich die Durchquerung auf der Autobahn kurz und schmerzlos. Danach gleiten wir das erste Mal mehrheitlich geradeaus und kommen zügig voran. Eine flache goldgelbe Ebene breitet sich vor uns aus, bevor sich am Horizont wieder gebirgige Erhebungen vor die Windschutzscheibe schieben. Frühabends, die Coromandel Halbinsel liegt nicht mehr fern…
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