Kulinarisch farbenfrohes Penang
Spätnachmittags, unser Flieger ist im Landeanflug auf Penang. Nach etwas über zwei Stunden in der Luft spüren wir wieder festen Boden unter den Füssen. Zurück in Malaysia. Die Warteschlangen vor den Einreiseschaltern sind kurz, unkompliziert das gesamte Prozedere. Flink stehen wir samt Rucksäcken am Ausgang und sausen mit einem Taxi über die Insel. Penang, etwa so gross wie der Kanton Genf, liegt nur wenige Kilometer vor der nördlichen Westküste der malaiischen Halbinsel. Schon bald stecken wir im Stau fest. Die lebhaften Strassen von Penangs Hauptstadt sind hoffnungslos verstopft – zu Fuss wären wir bestimmt schneller am Ziel…
Der historische Kern von Georgetown schmiegt sich über einen dem Festland zugewandten Zipfel der Insel. Die Stadt, mehrheitlich chinesisch angehaucht, versprüht auch malaiische und indische Düfte. Zudem haben rege Handelsbeziehungen über Jahrhunderte auch Spuren von Arabern, Thais, Burmesen und Europäern hinterlassen. Noch immer leben Moslems, Hindus, Buddhisten und Christen Tür an Tür. Abends brennen Chinesen in Ahnentempeln Räucherstäbchen ab, während ein paar Strassen weiter der Muezzin zum Gebet ruft. Multikulturelle Traditionen haben eine lebendige einmalige Kultur hervorgebracht.
Unser Guesthouse liegt an bester Lage in einem ansprechend restaurierten Gebäude. Ausnahmsweise haben wir ein Zimmer vorgebucht, da sich zwischen Weihnachten und Neujahr wohl nicht mühelos eine Bleibe finden lässt. Über einen kleinen Innenhof und knarrende Holzdielen führt uns eine Dame mit indischen Zügen in unser Zimmer im ersten Stock. Das Schlafgemach ist zwar einfach, doch versprüht mit seinen warmen Farben und antiken Lampen einen gewissen Charme. Wir sind zufrieden mit unserer Wahl, vom kalorienarmen Frühstück einmal abgesehen. In Selbstbedienung sind Toast und Wassermelonen im Angebot, der Abwasch wird den Gästen aufgebrummt…
Doch am Hungertuch nagen wir keinesfalls – Penang gilt als kulinarisches Schlaraffenland. Dank des Kulturenmix sind hier verschiedene Küchen auf engstem Raum versammelt und die Auswahl ist immens. Restaurants, Cafés, Garküchen und Essensstände laden ein, oder auch nicht. Es bietet sich nicht überall ein appetitlicher Anblick, anstelle im Hinterhof stapelt sich bei den Chinesen schmutziges Geschirr und Abfall an vorderster Front. Nun schon seit einem Dreivierteljahr im asiatischen Raum unterwegs, widmen wir uns erst der
europäischen Küche. Inmitten der wuseligen Chinatown residiert das Edelweiss – in einem alten, mit Antiquitäten eingerichteten Haus servieren Schweizer ihre Köstlichkeiten. Schon das Studieren der Speisekarte lässt uns das Wasser im Munde zusammenfliessen. Mit Appetit schlemmen wir einen knackigen Wurst-Käse-Salat und eine braungebrannte Bratwurst mit Rösti. Uns Langzeitreisenden schmecken die Speisen hervorragend. Doch zugegeben, vom offerierten Senf machen wir gerne Gebrauch – an eine würzige St. Galler Bratwurst kommt die malaysische Wurst nämlich längst nicht an. Zum Nachtisch verwöhnt uns der Gastgeber sogar mit ein paar feinen, selbstgebackenen Weihnachtsguetzli – mmhhh, wie gut es uns heute geht.
Frisch gestärkt flanieren wir durch das historische Zentrum. Das Stadtbild wird noch immer von zweistöckigen Wohn- und Geschäftshäusern, alten chinesischen Tempeln sowie herrschaftlichen Kolonialbauten der einstigen englischen Machthaber beherrscht. Gewisse Häuserzeilen sind liebevoll renoviert und bunt zu neuem Leben erwacht, bei anderen bröckelt der Verputz und die Farbe blättert traurig von den in die Jahre gekommenen Fassaden. Die schmalen Häuser sind
dicht aneinander gebaut und mit den für die chinesische Bauart typischen hölzernen Fensterläden geschmückt. Zum Glück zwängt sich nicht durch alle Strassen massenhaft Verkehr, dennoch wird das Bummeln oftmals getrübt. Uns von anderen südostasiatischen Städten bestens bekannt, sind auch hier oft keine richtigen Gehsteige vorhanden oder geparkte Fahrzeuge stellen sich quer in unseren Weg. Motorisierte, Fussgänger und mit kitschigen Blumen geschmückte Fahrradrikschas teilen sich somit häufig die Fahrbahn, quälen sich wagemutig aneinander vorbei.
Es dauert eine Weile, bis wir uns an die unzähligen Besucher gewöhnen, mit denen wir Georgetowns Strassen und Lokale teilen. Insbesondere nach den Molukken, wo wir häufig allein auf weiter Flur waren, kommt uns das touristische Geschehen sonderbar vor. Auch ist es eine geraume Weile her, seit wir so viele Weisse auf einem Fleck sichteten. Doch nicht nur Westler sind auszumachen, auch jede
Menge asiatische Gesichter verschlägt es hierhin… Edle Stoffe, exotische Gewürze, glänzende Kupferwaren sowie Bollywood-Filme stapeln sich in engen Läden. Little India – das kunterbunte Angebot strahlt über die ganzen Gassen. Auch der farbenprächtige hinduistische Sri Mariamman-Tempel aus dem Jahr 1833 leuchtet schon von weitem, sein Eingangsturm ist mit zahlreichen Götterstatuen üppig verziert. Im indischen Quartier sind
vorwiegend indischstämmige Bewohner mit auffallend dunkler Haut daheim. Ihre Küche lassen wir uns nicht entgehen – für nur wenige Ringgits können wir uns hier lecker verköstigen. Das Fladenbrot kommt heiss aus dem Ofen und mundet zusammen mit dem rassig gewürzten Tandoori Chicken und einem süssen Mango Lassie hervorragend. Wir kommen wieder – versprochen.
Raus aus der Stadt. Mit dem öffentlichen Bus gondeln wir ins Inselinnere. Viele hohe und hässliche Wohnbauten verunstalten die Gegend, erinnern uns an schäbige Sowjetblocks vergangener Zeiten in Zentralasien. Der Kek Lok Si Tempel fällt uns schon aus der Ferne ins Auge – am liebsten würde ich im Bus sitzen bleiben und vorbeifahren. Es sei der grösste buddhistische Tempel von Malaysia, doch so wuchtig haben wir uns die göttliche Anlage nicht vorgestellt. Das riesige Grundstück am Hang ist fast
komplett mit klotzigen Bauten zugepflastert, nur die weisse Pagode der zehntausend Buddhas ragt hübsch heraus. Die alten Tempel hätten Stil, wären da nebst den reizenden traditionellen Lampions in Rot und Gelb nicht noch solche aus billigem Kunststoff, welche die ursprüngliche Atmosphäre zerstören. Tonnenweise künstliches Gold protzt, Buddhas mit pinken Gesichtern wirken überaus kitschig… Auch der zweite Teil unseres Ausfluges entpuppt sich als Reinfall. An der
Talstation der Standseilbahn wimmelt es von Menschen. Die Feiertage lassen grüssen – doch mit so vielen Leuten haben wir nicht gerechnet. Die Bahn führt auf den über 800 Meter hohen Penang Hill, eigentlich ein Hochland mit mehreren Gipfeln, mit einer Rundumsicht über die Insel. Uns ist es zuwider, uns endlos lange anzustellen, um uns dann später mit den ganzen Menschenmassen oben auf den Hügeln zu tummeln.
Ernüchtert kehren wir in die Altstadt zurück. Die Sonne glüht vom blauen Himmel und wir legen unter der kühlenden Klimaanlage in unserem Guesthouse eine Pause ein. Später entschädigen wir uns mit einem Besuch in unserem Lieblingscafé, wo ein grünes Plätzchen im Freien zum Verweilen einlädt – eine Rarität in Penang. Ein feiner Kaffee und ein grosses Stück Schokotorte müssen her – welch Gaumenschmaus. Mittlerweile bricht die Dämmerung ein, und wir brechen zu einem Verdauungsspaziergang auf. An verschiedenen Ecken der Stadt locken Nachtmärkte mit ihrer berühmten Penang-Küche hungrige Gäste an. Doch gemütliches Schlendern und Speisen bleibt einem vergönnt, rauscht Verkehr dicht an den Ständen vorbei, stets ist Achtsamkeit gefragt. Kein Wunder fühlen wir uns in unserem lauschigen Café wohler, und satt sind wir für heute sowieso.
Die Sonne schläft noch tief und fest, als die riesige Fähre um halb sieben in der Früh gemächlich dem Festland entgegen schippert. Nach einer Viertelstunde legen wir in Butterworth an, dem Drehkreuz für den Fernverkehr – Fährhafen, Busterminal und Bahnhof liegen dort unmittelbar nebeneinander. Unser Zug setzt sich fahrplanmässig in Bewegung, mit bis zu 140 Stundenkilometern fegen wir in Richtung Süden. Gelegentlich unterbricht eine Ortschaft die vorbeiziehenden Palmenplantagen. Vier Stunden später rollen wir in Kuala Lumpur ein. Auf die Minute pünktlich gabelt uns der Bruder von Suyi beim vereinbarten Treffpunkt ausserhalb des Bahnhofgebäudes auf und schleust uns durch die verkehrsgeplagten Strassen der Hauptstadt. Wir sind zurück in jener Stadt, welche wir schon vor dreieinhalb Monaten besuchten, weil sich Kuala Lumpur als geeigneter und günstiger Ausgangspunkt für unsere Weiterreise ergeben hat…
Andere machen Ferien vom Alltag, wir suchen etwas Alltag vom Reisen. Deshalb haben wir für die nächsten zwei Wochen eine kleine Wohnung gemietet. Unser junger Chauffeur lädt uns eine Viertelstunde später in Suyis Apartment ab, welches sie immer wieder an Gäste vermietet. Es ist gemütlich eingerichtet und das helle Wohnzimmer offenbart uns einen Weitblick auf die Wolkenkratzer der Metropole. Es dauert nicht lange und wir fühlen uns so richtig daheim… Der erste Gang führt in einen Supermarkt, um unseren Kühlschrank zu füttern. Wir geniessen es enorm, einst wieder selber zu kochen, sind es auch nur einfache Gerichte wie Spaghetti, Salat oder Müesli. Doch es ist das, was wir in den vergangenen fünf Monaten in Südostasien oft vermissten.
Silvester. Schon wieder geht ein Jahr in der Ferne zu Ende – unsere Gedanken schweifen nach Namibia, wo das letzte Jahr gemeinsam mit unseren Freunden Pia und Felix gemütlich ausklang. Heute bleiben wir zuhause, zu zweit allein. Auf dem Sofa sippen wir an der Fensterfront an einem feinen Glas Wein, während um Mitternacht der Himmel hell von einem knalligen Feuerwerk erleuchtet wird… Die nächsten Tage verbringen wir die meiste Zeit in unserem Daheim – beschäftigen uns mit unserem Blog, halten Kontakt mit der Heimat und widmen uns ausgiebig der weiteren Reiseplanung. Auch suchen wir oft das hausinterne Schwimmbad oder Fitness-Studio auf und trainieren unsere zwischenzeitlich etwas lahmen Muskeln.
Ab und zu verlassen wir zwar unsere vier Wände, doch diesmal kaum für Sightseeing. Ein kurzer Spaziergang durch die Chinatown zeigt, dass die Bauarbeiten vom letzten Besuch noch immer im Gang sind und wir auch heute nur über Absperrungen hinweg einen Blick auf die märchenhafte Jamek-Moschee werfen können. Ansonsten irren wir durch verschiedene Shopping Malls, doch es ist nicht das erste Mal, dass unsere hoffnungsvolle Suche nach gewissen Dingen wie Trekkinghose oder Brillengestell erfolglos endet. Viele Läden bieten ein und dasselbe, der Markt ist – verständlicherweise – auf den oft etwas anderen Geschmack und die Bedürfnisse der Asiaten ausgerichtet. Und die Preise gewisser Artikel übersteigen sogar jene der Heimat. Immerhin landet ein neues iPad in unserer Einkaufstasche und bietet uns wieder mehr Flexibilität, um unseren Leidenschaften Fotografie und Schreiben nachzugehen.
Die Zeit schreitet flink voran. Wir geniessen unser Daheim und die Tage scheinen zu verfliegen. Einen unserer letzten Abende verbringen wir – wie schon damals – bei Sonnenuntergang in der Heli Lounge Bar, einem umfunktionierten Hubschrauberlandeplatz hoch über den Dächern der Stadt. Uns offenbart sich ein stimmungsvoller Rundumblick auf zahlreiche Wolkenkratzer, die in der untergehenden Sonne in einem warmen Licht schimmern. Prost! In schwindelerregender Höhe stossen wir mit einem Cocktail glücklich auf unsere nächsten Reiseabenteuer an. Wir freuen uns sehr auf den Kontinentenwechsel und vor allem auch darauf, wieder mit einem Campervan in der Natur unterwegs zu sein. Neuseeland – wir kommen!
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