Kunterbunter Basar in Osh
Bewölkt bei 25 Grad. Für unsere Verhältnisse kühles Wetter begrüsst uns in Osh, im kirgisischen Teil des Fergana-Tals. Abends fallen sogar ein paar Tropfen und es ist nach langer Zeit erstmals nötig, etwas Langärmliges überzuziehen. Nun wird es erst um neun Uhr dunkel – Kirgistan eilt Usbekistan eine Stunde voraus. Die Mehrheit der kirgisischen Bevölkerung bekennt sich zum Islam. Der Gebetsaufruf weht uns sanft zu Ohren, ganz ungewohnt nach dem Fehlen des Muezzins im Nachbarland…
Unser Hostel liegt etwas ausserhalb des Zentrums. Hier treffen wir auf weitere Backpackers und Reisende, die mit dem Fahrrad oder Motorrad unterwegs sind. Ein grosses Zimmer mit bequemer Sofaecke und schattige (oder regengeschützte) Sitzgelegenheiten im Freien verschaffen uns ein angenehmes Daheim. Die angestellten Frauen sprechen hervorragend Englisch, sind herzlich und hilfsbereit. Wir schätzen diese Oase mit westlich orientiertem Restaurant, denn die zentralasiatische Küche verspricht keine kulinarischen Höhenflüge. Wir fühlen uns willkommen und sind glücklich – Unterkünfte wie diese sind hierzulande dünn gesät.
Osh liegt auf rund 950 Metern Höhe, an einer ehemaligen Route der Seidenstrasse. Mit knapp 300’000 Einwohnern ist es die zweitgrösste Stadt des Landes. Die Bevölkerung ist durchmischt – den grössten Anteil stellen Kirgisen, Usbeken und Russen dar. In der ganzen Stadt verkehren zahlreiche Marschrutkas – Minibusse, welche entlang festgelegten Routen verkehren. Direkt vor unserem Hostel findet sich eine Haltestelle, was sich für die zehnminütige Fahrt ins Zentrum als praktisch erweist – zu Fuss sind wir eine knappe Stunde unterwegs. Sofort fallen uns Kleinbusse mit deutschen Aufschriften, wie “tiefgekühlt bis ins Haus”, ins Auge – importierte Gebrauchtwagen aus Europa.
Die Stadt ist nichts besonderes, die Strassenzüge keine Schönheit, jedoch ist es hier freundlich grün – und bunt. Wir haben das Gefühl, das ganze Stadtzentrum ist ein riesiger farbenfroher Basar mit kleinen Shops, Minimärkten, Bäckereien, Fruchtständen und Imbissbuden. Verhungern muss hier definitiv keiner, auch stehen alle Ladentüren offen – trotz Ramadan. Die islamische Fastenzeit nimmt nun seit zwei Wochen ihren Lauf und unsere Befürchtung, tagsüber vor verschlossenen Einkaufsläden und Restaurants zu stehen, ist bis jetzt unbegründet.
Unser erster Tag nimmt uns mit den anstehenden Erledigungen voll und ganz ein. Die Geldbeschaffung entpuppt sich im Vergleich zu Usbekistan als einfach und angenehm. Uns sagt es mehr zu, die Scheine dem Bankomaten zu entlocken anstelle uns unter Schwarzhändler auf dem Basar zu mischen. Auch mit der kirgisischen Währung mit weniger Nullen tun wir uns einfacher – eine Note von 1000 Som ist immerhin 15 Franken wert… Nach der Benutzung vom kostenlosen, oft unzuverlässigen Wifi in usbekischen Hotels, beschliessen wir, hier gleich zu Beginn wieder auf mobiles Internet zu setzen und eine lokale SIM-Karte zu erwerben. Als wir das Geschäft nach endlos scheinender Suche finden, gestaltet sich der Kauf als problemlos… Nachdem Roland kürzlich seine Haarpracht stutzen liess, ist es nun auch für mich an der Zeit, meine verfilzten Haarspitzen loszuwerden. Die junge Frisöse versteht zwar kein Englisch, interpretiert meine Gesten aber richtig und führt ihre Aufgabe haargenau aus. Wie bei uns dauert “Waschen, Schneiden, Föhnen” eine Stunde, kostet aber umgerechnet nur sechs Franken… Im Restaurant weht auf der Dachterrasse eine angenehme Brise, das sonnige, warme Wetter ist zurück. Oh weh, die Speisekarte ist nur in Russisch abgefasst und der Kellner spricht kein Wort Englisch, aber ein hilfsbereiter Gast rettet uns vor einen Hungerloch oder einem Griff in die Wundertüte…
Der Suleiman Too, ein hoher Fels, ragt mit rund 200 Metern Höhe mitten aus der Stadt und ist schon von weitem gut sichtbar. Das beliebte Ausflugsziel ist auch ein wichtiger islamischer Wallfahrtsort. In einem kurzen Aufstieg gelangen wir über Treppen auf den Gipfel. Die grosse Stadt liegt uns zu Füssen – wir blicken hinweg über Wellblechdächer bis hin zu Gebirgszügen in der Ferne. Verschiedene Wanderwege ziehen sich über die schroffe Felslandschaft, vorbei an mehreren Höhlen. Sehr beliebt sei der Berg bei Frauen, denen nach dem Besuch der heiligen Stätte bald gesunde Kinder geschenkt werden sollen.
Der Markt in Osh gehört angeblich zu den grössten Basaren in Kirgistan oder sogar ganz
Zentralasien. Hauptmarktzeit ist wie überall in der Gegend der Sonntagmorgen, an anderen Wochentagen ist der Betrieb besser überschaubar. Der kunterbunte Basar erstreckt sich beidseits entlang des Flusses, schmale Brücken verbinden die verschiedenen Winkel. Rund um den Markt geht es hektisch zu und her, Menschen und Verkehr versuchen, unbeschadet aneinander vorbei zu kommen. Beinahe eine Stadt innerhalb des Basars bilden die Gassen mit ausrangierten Schiffscontainern, wo Billigware aus China gelagert und verkauft
wird. Wir tauchen ein in das wirre Gewusel, verlieren uns schnell im engen, verwinkelten Gassenlabyrinth. Der chaotische Basar gibt ein farbenprächtiges, aber auch etwas verwahrlostes Bild ab. Unzählige zusammengeschusterte Verkaufsstände, behelfsmässig mit Plastikplanen überdacht, vielerorts türmt sich Müll – ein krasser Gegensatz zu den sauberen und ordentlichen Märkten in Usbekistan. Duftende Gewürze lenken uns vom Dreck ab, Früchte und Gemüse leuchten in allen Farben. Auch die Marktfrauen
mit gemusterten Kopftüchern tragen zum quirligen Marktbild bei. Monster-Karotten, die bestimmt ein Pfund wiegen, versetzen uns regelrecht ins Staunen. Doch oft wirkt das Frischzeug lahm statt knackig, schimmelt oder weist braune Dellen auf. Wir fragen uns, ob diese Mangelware überhaupt Abnehmer findet… Das Angebot ist unüberschaubar, geht weit über Obst und Gemüse hinaus – es gibt wohl nichts, was es nicht gibt! Für uns vereint der lebhafte Basar Sightseeing und Einkaufen für ein gesundes Mittagessen – das kunterbunte Unterfangen hat seinen Reiz, uns gefällts…
Hallo, wir sind auch gerade in Osh und lassen uns von Eurem Beitrag inspirieren. Gleich geht’s zum Basar und der Hügel mit Blick auf Osh wird später wohl auch noch bestiegen. Schönes Weiterreisen und Gruß von Micha und Suse, http://www.emmenreiter.de
Hallo ihr beiden
Besten Dank für euren Kommentar – hoffentlich verbringt ihr eine gute Zeit in und um Osh. Wir haben auf eurer Website gestöbert… Seid ihr also auch auf einer längeren Reise und das nicht das erste Mal. Spannende Berichte, gut geschrieben. Wir wünschen euch eine erlebnisreiche und sichrere Weiterreise.
Liebe Grüsse
Christine & Roland