Monteverde – im märchenhaften Nebelwald
Allmählich gewinnen wir an Höhe, die Temperatur sinkt. Eine angenehme Brise strömt durch das Autofenster. Im Tiefland zeigte das Thermometer noch stickige 30 Grad an, und wir steckten auf der Hauptverkehrsachse in einer Blechlawine. Die Pazifikküste verlassen, kurven wir durch eine ländliche Gegend, an den kleinen Ortschaften Sardinal und Guacimal vorbei, stets Richtung Norden. Dicke Wolkenfetzen schmiegen sich über die Bergkämme. Monteverde zeigt uns die kühle Schulter und empfängt uns mit windigen 23 Grad…
Übersetzt bedeutet Monteverde „grüner Berg“. Es ist die Bezeichnung für die ganze Region: bekannt und beliebt, ein wahrer Besuchermagnet. Santa Elena bettet sich auf rund 1300 Metern in eine hügelige Landschaft und bildet das touristische Herz mit einer Fülle an Unterkünften, Restaurants und Tourenveranstalter. Das geschäftige Zentrum ist winzig, das Gewusel am
Samstagnachmittag gross. Der Wegweiser zur Arco Iris Lodge lotst uns unverzüglich in eine andere Welt: eine weitläufige Oase zwischen Bananenbäumen und bunten Blumen, mitten im Dorf. Auf Anhieb fühlen wir uns wohl. Rund um eine Wiese verteilen sich rustikale Holzchalets verschiedener Art und Grösse, Liegestühle laden zum Ausspannen ein. Die Wolkendecke hat etwas aufgerissen und im ruhigen Garten tanken wir eine Prise Sonnenschein. Später erkunden wir die überschaubaren Strassenzüge, bevor uns eines der vielen Cafés verführt.
Regendusche im Santa Elena Reservat
Der sonnige Maimorgen läutet einen vielversprechenden Tag ein. Da man in der Bergwelt auf rasche Wetterwechsel gefasst sein muss, wollen wir keine unnötige Zeit verlieren, und holpern nach dem Sonntagsfrühstück kurz vor acht bergwärts zum Reserva Santa Elena. Dieses Nebelwaldreservat ist weniger bekannt wie der grosse Bruder, das Reserva Monteverde, mit fast zehnmal so vielen Besuchern. Flora und Fauna der beiden geschützten Privatreservate sind fast identisch, zumindest der Laie erkennt keinen Unterschied.
Auf rund 1700 Metern über Meer ist es noch kühl. Tief atmen wir die frische Morgenluft ein. Ein Dutzend Wanderkilometer liegt uns zu Füssen, verteilt auf verschiedene Rundwege. Ein Nasenbär huscht ins Gebüsch, munter tauchen auch wir ins schattige Dickicht ein. Das Orchester des Nebelwaldes musiziert, zarte Vogelstimmen mischen sich unter zirpende Insekten. Angetan bleibe ich stehen, schliesse meine Augen und lausche ganz bewusst der harmonischen
Symphonie. Blätter rascheln im leichten Wind, der Bach plätschert – eine Wohltat für Sinne und Seele. Der Flügelschlag eines vorbei flatternden Vogels dringt in mein Ohr, bevor das Knacken eines abbrechenden Astes das sanfte Konzert durchschneidet und mich in die Welt der Sehenden zurückholt. Sonnenstrahlen blinzeln in den vielstimmigen Dschungel, ein bunter Schmetterling flattert scheinbar ziellos umher. Inzwischen ist Roland spurlos im Nebelwald verschwunden.
Was ist Nebelwald überhaupt? Nebelwald wächst überall dort, wo tagtäglich Nebel herrscht. Oft sind höchstens die frühen Morgenstunden sonnig und über den Wäldern schweben jeweils bald
Nebelschwaden. Diese entstehen durch die von der Karibik herüber wehenden feuchtwarmen Winde, die in der Höhe abkühlen. Wenn sich die Nebeldecke über dem Blätterdach zu Niederschlag auflöst, tropft es konstant auf die unteren Stockwerke und im Wald herrscht eine hundertprozentige Luftfeuchtigkeit. Selbst während der Trockenzeit von Dezember bis April regnet es im Nebelwald häufig. Der jährliche Niederschlag liegt bei 3000 Millimetern, ist in manchen Ecken aber auch doppelt so hoch.
Eine Waldlichtung wartet mit einem Aussichtsturm auf, hoffnungsvoll schweifen unsere Blicke in alle Himmelsrichtungen. „Schon zu spät“, seufzt Roland, und deutet mit seinem Zeigefinger auf eine blassgraue Bergspitze, die vage durch geballte Wolken guckt. Der perfekt geformte Vulkankegel des Arenal ist nur zu erahnen, blitzschnell auch sein oberes Ende verschluckt. Trotzdem beflügelt uns die Weitsicht über den buckligen Dschungelteppich.
Die Vegetation im Bergnebelwald ist dicht. Wegen beständigen Niederschlägen sind fast alle Bäume märchenhaft mit Moos oder Flechten überzogen. Da wenig Sonnenlicht in den Wald
dringt, sitzen kleinere Pflanzen auf Baumriesen, um zu überleben. Orchideen zieren die Stämme und rot blühende Bromelien thronen auf Astgabeln, deren trichterförmige Blätter das Regenwasser auffangen. Würgefeigen umarmen ihre Wirtsbäume, Lianen baumeln vom Geäst. Im Schatten gedeihen riesige Baumfarne, die anmuten wie Sonnenschirme. Oder Regenschirme? Hingerissen durchstreifen wir das üppige Paradies – ein grünes Wunder. Vierbeiner lassen sich keine mehr blicken, dafür hin und wieder ein Vogel oder ein paar Menschenseelen.
Längst dringt kein einziger Sonnenstrahl mehr auf den weichen Waldboden, fette Nebelschwaden kriechen näher. In der Ferne grollt Donner; sorglos stiefeln wir auf und ab, auch als erste Tropfen fallen. Gerade noch rechtzeitig zücken wir intuitiv die Regenjacke. Dann strömt Regen, fast wie ein Wasserfall. Im Nu ist alles triefend nass, die Hose klebt unangenehm an den Schenkeln. Erleichtert erlangen wir einen überdachten Aussichtspunkt: Vulkanblick gibts keinen, stattdessen trommelt Regen auf das löchrige Wellblech. Stehend schnabulieren wir das Picknick und warten, bis der Regenguss etwas nachlässt.
Die Pfade sind mittlerweile aufgeweicht, die Schuhe schmatzen bei jedem Schritt. Die Augen auf den Boden geheftet und bedacht, nicht auszurutschen, kommen wir nur langsam voran. Noch liegt ein grosses Wegstück vor uns. Es giesst unaufhörlich, unglaubliche Wassermassen stürzen vom Himmel. Endlich beim Auto zurück, haben weder Schuhe noch Regenjacke den Härtetest überstanden – tropfnass frösteln wir bei 16 Grad. Nichts wie ab unter die heisse Dusche und danach ins behagliche Café.
Mystische Stimmung im Reserva Monteverde
„Die Nase voll vom nassen Nebelwald“ ist Schnee von gestern. Als uns heute die Morgensonne entgegen lacht, entscheiden wir spontan, eine Nacht anzuhängen, um auch noch die Reserva Monteverde hautnah zu erleben. Schleunig legen wir die nasse Wanderausrüstung zum Trocken ins Freie. Nach dem Frühstücksschmaus packen wir unsere Siebensachen und steigen in die noch immer feuchten Schuhe. Die Zufahrtstrasse nach Monteverde ist gesäumt von Geschäften und Kunstgalerien, Restaurants und Hotels, hauptsächlich der oberen Preisklasse. Während ich das Wegnetz studiere, reiht sich Roland in die Warteschlange an der Kasse. Mit 25 US-Dollar pro Person ist es das teuerste Naturschutzgebiet, das wir in Costa Rica besuchen.
Ein junger Latino kontrolliert die Eintrittskarten und empfiehlt uns wohlwollend eine geeignete Abfolge der Rundwege. Gut so, aber wir halten uns absichtlich nicht daran, und hoffen, mit
unserer Taktik den anderen Besuchern eher auszuweichen. Die Wege von insgesamt dreizehn Kilometern sind mit Steinen oder Holz befestigt und tendenziell breiter angelegt wie im Reserva Santa Elena, was das Naturerlebnis etwas schmälert. Auch hier erreichen Bäume enorme Höhen und es herrschen optimale Wuchsbedingungen für Moose und Aufsitzerpflanzen, sogenannte Epiphyten. Noch immer scheint die Sonne kräftig und im Wald ist es ungewohnt hell. Ein Abstecher bringt uns zu einer exponierten Stelle; Wind und Wetter ausgesetzt, sind die Pflanzen deshalb zwergwüchsig.
Der Weg endet beim Mirador La Ventana, einem Aussichtspunkt, wo sich bereits Touristen sammeln. Der Ausblick ist fantastisch und reicht bis zur Nicoya-Halbinsel und dem blauen
Pazifik hinab. Inzwischen ballen sich weisse Wolken am Himmel. Nebel wabert über das bewaldete Hügelland und raubt uns zeitweise die Sicht. Wir befinden uns genau auf der kontinentalen Wasserscheide: Das Wetter wird sowohl vom pazifischen wie vom atlantischen Klima beeinflusst. Drastische Wetterumschwünge und hohe Niederschlagsmengen innert Kürze sind die Folge. Fällt Regen, läuft das Wasser auf der einen Seite zum Pazifik und auf der anderen zur Karibik.
Die Sonne verschwunden, verschwinden auch wir. Wieder im Dickicht untergetaucht, finden wir
abseits der Hauptwege mystischen Naturfrieden. Nebelfetzen segeln durchs Geäst – der Begriff Nebelwald macht auf einmal Sinn. Alles ist feucht und moosbewachsen, beschwingt strolchen wir durch den geheimnisvollen Dschungel. Die Nebelwälder sind bekannt für den prächtigen Quetzal, auch leben hier Affen, Faultiere und Wildkatzen. Doch Tiere sieht man selbst mit
einem aufmerksamen Führer kaum – verständlicherweise halten sie sich meistens in abgelegenen Parkabschnitten auf. Vom grossen Reservat sind nur zwei Prozent zugänglich; dieses Bruchstück liegt auf einer Höhe zwischen 1550 und 1720 Metern. Aus Nebel wird Regen. Die Niederschläge sind im Vergleich zu gestern jedoch gering, gar geniessen wir die feine Dusche von oben. Vergnügt breite ich die Arme aus und fühle mich eins mit dem Regenwald.
Vom Café Monteverde verführt…
Am frühen Nachmittag sind wir in Santa Elena zurück. Mein Magen knurrt. Wie magisch zieht es uns Schleckmäuler erneut ins nahegelegene Café Monteverde auf der anderen Dorfseite. Am Fenster naschen wir bei einer Tasse Kaffee genussvoll ein Stück Torte und blicken dabei gelassen auf den prasselnden Regenschauer. Die Höhenlage und die vulkanischen Böden machen Monteverde und
Umgebung zu einem der besten Kaffeeanbaugebiete des Landes. In unserem Stammcafé gebe es gar einen der besten Kaffees der Welt aus biologischem Anbau. Allerdings haben wir uns eher ins anheimelnde Lokal wie in den Kaffee verliebt; heute schlürfen wir nämlich einen Chai Latte, da uns das koffeinhaltige Gebräu hier nicht besonders schmeckt.
In Monteverde boomt das Geschäft mit Canopy-Touren, wo man über schwindelerregende Hängebrücken balancieren oder an Stahlseilen über Baumkronen sausen kann. Noch sind wir unschlüssig, ob wir uns eines der teuren Angebote zu Gemüte führen wollen. Als es morgens bewölkt und im höher gelegenen Wald die Aussicht vermutlich vernebelt ist, reisen wir ohne Adrenalinkick weiter. Die Luftlinie zum Vulkan Arenal beträgt nur 25 Kilometer, die Strasse hingegen zieht eine weite Schleife um den Arenalsee und wir sind zweieinhalb Stunden auf Achse. Es ist noch nicht allzu lange her, als nur haarsträubende Pisten nach Monteverde führten. Naturschützer wehrten sich lange gegen Asphalt, in der Meinung, so den Touristenstrom eindämmen zu können. Heute kurvt man geschmeidig auf Teer, nur mancherorts ist die Fahrbahn von Schlaglöchern zerfressen.
Kühe kauen grünes Gras, der hügelige Landstrich erinnert uns an die Schweiz. In zahllosen Kehren bergab erreichen wir das Städtchen Tilaran und daraufhin den Lago Arenal auf knapp 600 Metern. Das nördliche Ufer des Stausees ist von einem Schilfgürtel umsäumt. Eine malerische Strecke, allerdings kommen jetzt keinerlei Farben zur Geltung: Das Wasser und der Himmel sind kaum voneinander zu unterscheiden, beides mausgrau. In Nuevo Arenal erinnern uns nahrhafte Vollkornbrötchen aus der deutschen Bäckerei ein zweites Mal an die Heimat. In der Ortschaft leben auch viele Schweizer und Österreicher, angezogen vom milden Klima. Das kurvige Teerband schlängelt sich fortan durch dschungeliges Grün, bis sich im Nebel unverhofft die Silhouette des Arenal abzeichnet. Ich bin sprachlos. Der Vulkankegel wirkt übermächtig. Wir hoffen, dass sich sein Wolkenkleid bald in Luft auflöst…
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