„Nadelkissen“ in den Hartz Mountains
Von New Norfolk, einem nordwestlichen Vorort von Hobart, dringen wir tiefer in den Inselsüden vor. Ehe wir uns versehen breitet sich die tasmanische Hauptstadt grossflächig vor uns aus. Kaum Wohnblocks ragen aus dem Häuserteppich, fast alle Einwohner residieren in eigenen Anwesen. Der einzige Verkehrsweg führt inmitten durch die historische Innenstadt – zu jeder Tageszeit ein Nadelöhr. Immerhin klemmen wir zu später Morgenstunde nicht im Stau, zu Stosszeiten wäre das unvermeidbar. Aber dank des ausgedehnten Frühstücks läuft alles wie am Schnürchen. Der südliche Inselzipfel ist je länger desto weniger dicht besiedelt. Nach insgesamt zwei Fahrstunden begrüsst uns das Ortsschild: Geevston. Das raue Holzfällerdorf gilt als Tor zur weiten Wildnis des Südwestens und liegt unauffällig am Rande des Hartz Mountains Nationalparks…
„Die prophezeiten elf Sonnenstunden finden wohl über den Wolken statt“, spottet Roland. Frühmorgens kaum aus den Federn gekrochen, ballten sich am Himmel bereits erste Wattebäusche, trotz prächtigem Wetterbericht. Der Bergwelt nun auf die Pelle gerückt, überschattet uns ein weisses Wolkendach. Die letzten Kilometer rütteln wir über eine Schotterpiste, die sich durch eine bewaldete Düsterheit in die Höhe schlängelt. Auf Fusse der Hartz Mountains
auf 840 Metern über Meer, schlägt uns kalte Luft entgegen, unerwartet wie ein harter Fausthieb. Das Thermometer inzwischen auf zehn Grad abgesackt, fühlt sich der Dezembertag des tasmanischen Sommers auf einmal winterlich an. Der Nationalpark ist berühmt für seine zerklüfteten Gipfel, Gletscherseen, Hochmoore und das kühle, neblige Klima. Mit Wetterkapriolen sei stets zu rechnen. Im Winter ist das durch die letzten Eiszeiten geformte Gebiet meist vollständig mit Schnee bedeckt.
Zügig nehmen wir den Aufstieg unter die Sohlen, um uns eigens wieder Wärme einzuhauchen. Über sumpfige Abschnitte führt der Wanderpfad über Holzplanken, ansonsten über Stock und Stein. Erst nimmt uns eine buschige Vegetation gefangen, die aber rasch in einen niedrigen alpinen Bewuchs übergeht.
Unser Blickfeld zwar jetzt zu allen Seiten offen, offenbart sich lediglich eine schleierhafte Fernsicht. Vor uns thront der graue Gipfel des Hartz Peak, unser Tagesziel. Nach einem kurzen Abstecher zum Esperance Lake, gilt es das steilste Wegstück zu meistern. Kraxelnd bezwingen wir grosse Felsbrocken und geraten arg ins Schwitzen. Die langen Kleider vom Leib gerissen, frieren wir beim ersten Windhauch in Nu.
Im Endspurt eine Geröllhalde erklommen, stehen wir nach eineinhalb Stunden ganz oben. Enormen Windstössen ausgesetzt, auf dem Hartz Peak auf 1254 Metern. Das Wetter macht uns einen Strich durch den grandiosen Panoramablick. Die umliegenden Berge nur vage Silhouetten, die Gletscherseen und der Ozean, alles wirkt schemenhaft und farblos. Eiskalt wie auf der Skipiste, spüren wir ein Plätzchen im Windschatten auf. Enttäuscht klauben
wir das Picknick hervor, schmausen und warten. Ein Glück reisst unser Geduldsfaden nicht, denn plötzlich tut sich was. Die Sonne kämpft und die antarktische Biese fegt allmählich die Wolkenschwaden zusammen. Der flinke Wetterumschwung drückt dem Landschaftsbild malerisch einen Farbstempel auf – wir können uns kaum sattsehen.
Auf dem Abstieg. Der Weg zwar derselbe, und doch ist er uns fremd. Unglaublich, was strahlendes Sonnenlicht zu bewirken vermag. Das mit Wasserpfützen durchsetzte Patchwork an zauberhaften Hochgebirgspflanzen und Wildblumen leuchtet wie frisch gepinselt. Immer wieder halten wir inne und staunen. Die moosgrünen Cushion Plants haben es uns
angetan. Enthusiastisch nehmen wir die eigentümlichen „Kissenpflanzen“, richtigerweise Polsterpflanzen genannt, unter die Lupe. Das vermeintlich sanftweiche Gewächs entpuppt sich als steinhart – der Name bezieht sich lediglich auf die charakteristische Wuchsform.
Cushion Plants kommen in alpinen und arktischen Umgebungen auf der ganzen Welt vor. Bedingungslos ertragen sie die rauen Umweltbedingungen. Sie haben sich erfolgreich angepasst und wachsen in nährstoffarmen Gegenden, jedoch nur im Schneckentempo. Im Laufe der Jahrhunderte können sie einen stolzen Durchmesser von bis zu drei Metern
erreichen. Die kompakte, niedrig wachsende Pflanze breitet sich in rundlichen Matten aus. Bestehend aus dicht aneinander liegenden Stängeln, die alle mit derselben Geschwindigkeit wachsen, lugt keine der filigranen Rosetten über den Rest hinaus. Besonders runde, kugelig geformte Exemplare muten wie gigantische Nadelkissen an, erinnern ihre winzig weissen Blüten an Stecknadelköpfe.
Der Nationalpark ist nur für Tagesbesucher ausgelegt, Übernachtungsmöglichkeiten gibt es keine. Doch nur schon den Temperaturen wegen, schlummern wir lieber in tieferen Lagen. Der grosszügig angelegte Campingplatz bettet sich an einen geschwungenen Flusslauf und trumpft mit flauschigem Rasengrün auf. In der Abendsonne kippen wir zufrieden einen Sundowner – den letzten in Tasmanien. Bewusst sparen wir den letzten Tropfen Rotwein nicht auf den letzten Abend, ist es
stets ungewiss, ob einem die Sommerwitterung nicht erneut einen Streich spielt. Das Glück, heute beim Wetter letztendlich gepachtet, verlässt uns auf der Pirsch. Die für Australien typischen, gelben Schilder weisen auf im Fluss lebende Platypuse hin. Aber leider spotten wir keines der scheuen Schnabeltiere an der Wasseroberfläche…
Im landwirtschaftlich geprägten Huonville dreht sich alles um den Apfel. Die gesamte Region gilt als Früchtekorb Tasmaniens, wird hier ein Vielerlei an Obst geerntet. Auch ranken sich mancherorts Weinreben. Eine Spazierfahrt der gewundenen Küste der fruchtbaren Huon-Halbinsel entlang, bringt uns auf Abwegen ins historisch geprägte Cygnet. Das Künstlerdorf versprüht Charme und wartet mit alternativen Läden mit originellem Angebot auf. Doch unser Interesse liegt eher bei den vielen anheimelnden Cafés. Hinter den Fensterscheiben vertilgen wir einen frischen, hausgemachten Apfelkuchen, währenddessen der schwarze Himmel seine Schleusen öffnet.
Frühzeitig brechen wir unseren Ausflug ab und kehren kurzentschlossen nochmals auf denselben Campingplatz zurück, der an einen Farmbetrieb angeschlossen ist. Die nachmittägliche Show mit Kühen und Gänsen wird ergänzt durch zwei Tasmanische Teufel. Die beiden Raubtiere fortgeschrittenen Alters gewinnen keinen Schönheitswettbewerb, auch wenn ihr lieblicher Gesichtsausdruck zeitweilig entzückt. Eine Glasfront trennt die Zuschauer von den rabenschwarzen Beuteltieren. Während das eine mit seinen scharfen Zähnen gierig einen gefrorenen Happen Fleisch zermalmt, harrt das andere geduldig der Dinge. Die nachtaktiven Teufel
verhalten sich in Gefangenschaft scheinbar gesitteter wie in freier Natur, wo sie einem leider nur ganz selten unter die Augen geraten.
Unsere Lebensmittelvorräte schwinden, der Kühlschrank ist fast leergefressen. Die allerletzte Campernacht. Die letzte in Tasmanien und gleichzeitig die letzte unserer gesamten Reise. Insgesamt nächtigten wir 50 Wochen in einem rollenden Daheim… Etwas Wehmut schwingt mit, als wir am nächsten Tag unsere Habseligkeiten zusammenkramen. Nun gilt es wieder den Rucksack zu buckeln und aus dessen Tiefen zu leben.
Bald ist das 40 Kilometer entfernte Hobart erreicht. Auf dem Weg zur Vermietstation statten wir dem über alles erhabenen Mount Wellington eine Stippvisite ab. Die schmale Strasse schraubt sich den Berg hoch, feindselig lauern beachtliche Löcher im Belag – der allgemeine Gesundheitszustand des Asphalts lässt zu wünschen übrig. Den Gipfelbereich ziert eine alpine Heidelandschaft. Hier oben auf 1250 Metern erwarten uns einmal mehr heftige Windböen und bissige zehn Grad – rund zehn Grad weniger als auf Meereshöhe. Der Ausblick auf die Grossstadt, die sich zwischen Hügeln und Wasser ansehnlich ausbreitet, ist imposant, teilen wir aber mit Menschenhorden. Manche ahnten wohl nicht, auf was sie sich einlassen, schlottern im Sommerkleid und Sandalen, während wir schon im Faserpelz frösteln.
Die Abgabe unseres Campervans verläuft komplikationslos, sogar flinker als das vorausgegangene Tanken. An den Zapfsäulen herrschte reger Betrieb, trotzdem liess uns eine Lenkerin hinter ihrem vollgetankten Wagen eine gefühlte Ewigkeit warten. Über eine Viertelstunde später trödelt sie mit ihren Kindern und Einkäufen wieder ein – die Frau hat offenbar kein Gewissen…
Zwei Tage später. Unsere Rucksäcke gepackt und an der Hotelrezeption deponiert, widmen wir unsere letzten Stunden nochmals einem traurigen Geschichtskapitel und besuchen die „Cascades Female Factory“. Das ist nicht etwa eine Fabrik, nein, so wurden die Frauengefängnisse im 19. Jahrhundert im damaligen Van-Diemens-Land – dem heutigen Tasmanien – genannt. In South Hobart, im Schatten vom alles überragenden Mount Wellington, verbüssten von 1828 bis 1856 insgesamt über 5000 Frauen ihre Übeltaten. Zu jenen Armutszeiten wurden Menschen im hungernden Grossbritannien oft nur wegen eines Brotdiebstahls verurteilt und für mindestens sieben Jahre Haft nach Australien deportiert. Die Verschiffung dauerte zwischen drei und sechs Monaten, je nach Wetterverhältnissen. Durch Erziehung, Arbeit und Religion versuchte man, die weiblichen Sträflinge zu ehrbaren Menschen zu formen, und hoffte zudem auf eine Lösung des Frauenmangels in der sich im Aufbau begriffenen weissen Gesellschaft. Die Haftzeit überstanden, wurden sie häufig als Haushaltshilfen an die freien Siedler abgegeben.
Ein Ort unmenschlicher Behandlung und grossen Leides. Heute dient ein Teil der ehemaligen Female Factory als Kulturstätte und Museum. Es ist zwar nur noch ein Bruchteil an Ruinen erhalten, aber mit der lebhaften Darstellung „Her Story“, tauchen wir tief in den harschen Häftlingsalltag ein. Zwei Schauspieler veranschaulichen, was sich damals hinter dem hohen Mauerwerk der Gefängnishöfe abspielte. Uns Besucher beziehen sie gleich mit ein und heissen uns erstmals als neue Ladung Straftäter willkommen. Beeindruckend erzählt uns die Gefangene Mary ihre leidvolle Geschichte, stets ein kratzbürstiger Wärter mit missbilligendem Blick im Nacken,
der uns alle herumkommandiert. Alle Neuankömmlinge – Frauen und ihre kleinen Kinder – wurden umgehend in Sträflingsklamotten gezwängt, die langen Haare abgeschnitten, manche legte man sogar an eiserne Ketten. Ein Klassensystem regulierte die Aufgaben und Unterkunftsart. Die Verbrecherklasse liess man hart und isoliert in düsteren Einzelzellen schuften, während die vertrauenswürdigeren Frauen der höheren Klassen sich gemeinsam um das Kochen oder Flicken kümmern durften. Gerechtigkeit blieb jedoch ein Fremdwort, wie es auch Mary am eigenen Leib wahrhaftig erfahren musste.
Tragische Geschichten, erschütternde Schicksale, grässliche Zeiten. Das Frauengefängnis war für eine hohe Krankheits- und Todesrate bekannt. In den meist schattigen Bauten regierten nebst brutalen Gefängniswärtern auch Feuchte und Kälte, oft waren die Böden überschwemmt und die klammen Frauenfüsse standen obendrein in eisigem Wasser. Erhebliche Gesundheitsprobleme waren an der Tagesordnung und die Todesrate von Babys dementsprechend hoch. Kinder die überlebten, wurden den Müttern im Alter von rund drei Jahren weggenommen und auf Nimmerwiedersehen in Schulen gesteckt. Bestürzt versuchen wir uns den Lärm und das Kindergeschrei vorzustellen, welches einst die Mauern der „Gefangenenfabrik“ schwängerte.
Ein bedrückender Abschluss unserer frohen Australienzeit. Nachdenklich gestimmt lassen wir uns nachmittags zum Flughafen chauffieren. Noch einmal werden wir kräftig durchgeschüttelt – Turbulenzen lassen den Flieger durch die Lüfte tanzen. Die Landung in Melbourne verzögert sich immens, eine Zusatzschleife jagt die nächste. Mein Magen schlägt Purzelbäume und ich bin erleichtert, als wir endlich den Erdboden erlangen. Mit dem gesamten Gepäck werden wir am Flughafen vor dem Durchleuchten einer zusätzlichen Kontrolle unterzogen. Die ruppige Angestellte dirigiert uns in barschem Ton überheblich herum, was uns augenblicklich den schauderhaften Gefängnismorgen in Erinnerung ruft. Die ursprünglich lange Umsteigezeit von sechs Stunden verkürzt sich schliesslich auf knapp zwei. Denn zusätzlich zum verspäteten Landeanflug zieht sich das Anstehen am Gepäckabgabeschalter gummiartig in die Länge. Um Mitternacht hinterher vom grossen Bauch des Jets verschlungen, nehmen wir endgültig Abschied von Down Under…
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