Orientalisches Zanzibar
Das ist Afrika – einmal mehr warten wir seit einer knappen Stunde auf das gestern vorbestellte Taxi. “Hakuna matata”, meint der Kerl vom Hotel schulterzuckend, als der Fahrer endlich eintrifft. Eine Redewendung, die aus dem Swahili übersetzt soviel heisst wie “kein Problem” oder “alles in bester Ordnung”. Nach ein paar Minuten im Dorfkern von Matemwe angekommen, offenbart uns der Fahrer: “Ihr müsst hier in ein anderes Auto umsteigen, aber das ist noch nicht da.” Was, nochmals warten? Wir verstehen es nicht, denn eine Handvoll Taxis parkt unmittelbar neben uns, deren Fahrer tratschen im Schatten. “So nehmen wir ein anderes Taxi”, wendet Roland leicht genervt ein, was unserem Fahrer natürlich nicht passt. Er will uns weismachen, dass Hochsaison ist und es deshalb so lange dauert, was natürlich völliger Unsinn ist. Immerhin organisiert er nun einen anderen Chauffeur und wir legen los – warum er nicht selber fahren kann, bleibt uns ein Rätsel. “Hakuna matata”, muntert uns der neue Fahrer auf, lässt sein Fuss schwer auf das Gaspedal sinken.
Nach einer guten halben Stunde treffen wir in Zanzibar-Stadt ein – das Verkehrsaufkommen ist riesig. Es geht nur noch ächzend voran, oft stecken wir im Chaos der Strassen fest. Obwohl der Fahrer das genannte Guesthouse angeblich kennt, scheint er offensichtlich keinen blassen Schimmer zu haben. Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? Er versucht nun, uns loszuwerden, zeigt auf die enge Gasse zu unserer Linken: “Ihr müsst zu Fuss da lang”. Nicht mit uns, “my friend” – wir kennen zwar den Anfahrtsweg nicht, aber uns
ist klar, noch in einer völlig anderen Ecke der Altstadt zu stecken. Mittlerweile sind wir ziemlich sauer. Der Taxilenker winkt ein Junge auf der Strasse ins Auto, um uns den Weg zu weisen. Ein zweites Mal setzt der Chauffeur uns ab, aber erneut nicht vor dem Hotel. Na gut, dann geht es eben ab hier zu Fuss weiter… Wir misstrauen jedoch der ganzen Angelegenheit, wohl zu Recht, und bitten den Fahrer, mitzukommen. “Sobald wir beim Ziel angelangt sind, geben wir dir das Geld”, verspreche ich, “hakuna matata”. Doch der
aufgebrachte Fahrer hört uns nicht zu – ein “hakuna matata” unsererseits gilt scheinbar nicht. Mehrmals bekundet er entrüstet: “You didn’t pay yet”. Schlussendlich hechtet er uns hinterher – gut so. Der ortskundige Junge schleust uns durch die Gassen. Nach einem zehnminütigen Fussmarsch gelangen wir endlich – mittlerweile zwei Stunden verspätet – zum besagten Guesthouse. Wir fragen uns, was mit unseren Taxifahrten in letzter Zeit ständig schief läuft… Gut, diese ganze Gegebenheit hätte uns kaum gleichermassen empört, wenn es sich um einen afrikanischen Fahrpreis gehandelt hätte. Aber auf Zanzibar kassiert die Taximafia für eine solche Fahrt saftige 50 US-Dollar – ein überrissener Touristenpreis!
Die historische Altstadt Stone Town ist ein Gassenlabyrinth. Im Gewirr der schmalen Strässchen lässt es sich herrlich verlieren. Irgendwo kommen wir immer wieder raus, wo genau jedoch, bleibt dem Zufall überlassen. Somit lassen wir uns ziellos durch die Gassen treiben, beobachten, wie das traditionelle Leben der Zanzibari seinen Lauf nimmt. Männer sitzen gemütlich in der Runde, trinken schwatzend eine Tasse Kaffee, Kinder spielen
Fussball, verschleierte Frauen wandeln vorbei, Mopeds und Fahrräder schiessen durch die für die Autos zu engen Passagen. Verschiedene Gerüche kitzeln unsere Nasen – von grässlichem Abwassergestank bis hin zu süssem Shampooduft. Wir halten inne, bestaunen die für hier typischen, kunstvoll geschnitzten Haustüren. Die Zeit nagt an den Fassaden, viele der alten Gebäude sind leider vom Zerfall bedroht. Hübsch restaurierte
Häuser beherbergen oft ein Hotel. Und Hotels sowie Souvenir- und Kunsthandwerksläden gibt es jede Menge. Oft quatscht uns jemand an, immer wieder versuchen uns Händler in ihre Shops zu locken: “Looking for free!” Überall werden Gewürze in bunten Geschenkpäckchen angepriesen. Zimt, Nelken, Vanille, Kardamon und Pfeffer wird auf den Plantagen im Landesinneren angepflanzt, weshalb Zanzibar auch Gewürzinsel genannt wird.
Bald kehren wir nach einem ersten Streifzug in unser Guesthouse inmitten der entzückenden Altstadt zurück. Stone Town begeistert uns zum zweiten Mal – auf unserer Tanzania-Reise vor vier Jahren waren wir schon hier – übt aber nicht mehr den genau gleichen Reiz wie damals aus. Uns fällt auch der extreme Verkehr tagsüber auf, der seither bestimmt zugenommen hat. Von der gedeckten, aber luftigen Dachterrasse unseres Daheims blicken wir über die Dächer des Häusermeers. Reich gesegnet mit Moscheen ertönen die Rufe der Muezzins von allen Seiten. Die Bewohner Zanzibars sind zwar zu über 90 Prozent Muslime, sind aber sehr offen und tolerant Andersgläubigen gegenüber.
Der Tag startet düster, stundenlang giesst es aus dem Wolkendach. Bereits über eine Woche ist es her, seit die letzten Tropfen fielen. Die eigentliche Regenzeit beschert uns vorwiegend trockenes Wetter. Schon nach wenigen Stunden strahlt die Sonne wieder kräftig vom blauen Himmel, beschert uns Temperaturen über 30 Grad. Hinzu kommt eine Luftfeuchtigkeit von 80 Prozent, welche die Hitze schier unerträglich macht. Auch abends bleibt es drückend heiss, was wir uns aber bereits von Malawi und Co. gewöhnt sind. Immerhin verbreiten hier allfällige Mücken keine Malaria und somit sehen wir abends vom Tragen langer Kleidung ab – eine Wohltat. Wir sind mit der Kleiderwahl etwas überfordert, haben wir während zweier Monate ab der Dämmerung stets dieselben, mit Mückenspray imprägnierten Klamotten getragen…
Abends brodelt das Leben vorallem entlang der Uferpromenade, wo Händler ab Sonnenuntergang Köstlichkeiten des Meeres, Zuckerrohrsaft und weitere Snacks anbieten. In einer Bar am Strand genehmigen wir uns einen Drink, strecken unseren Füsse in den Sand und stossen auf ein halbes Jahr Afrika an. Der letzte Abend ist da – wir blicken auf die vergangenen Monate zurück, sind dankbar für die unzähligen wundervollen Erlebnisse und bereichernden Begegnungen mit Zwei- und Vierbeinern. Wir sind durch das Südliche Afrika und weiter über Land nach Ostafrika gereist, haben den afrikanischen Kontinent von West nach Ost durchquert.
In Tanzania leben viele Inder, die ihre Kochkunst bestens beherrschen. Ein letztes Mal lassen wir uns von einem leckeren indischen Essen verwöhnen, beobachten das Geschehen auf der belebten Strasse. Stone Town mutet orientalisch an, hier vermischt sich schwarzes Afrika mit arabischen und indischen Einflüssen. Zanzibar schlägt eine Brücke zwischen Afrika und Asien, auch für uns. Der Islam ist allgegenwärtig und wir können uns bestens auf unser nächstes Reiseziel – Vereinigte Arabische Emirate – einstellen.
- Februar 2012
- März 2016
Heftige Niederschläge prasseln vom Himmel, schon bald tropft es auch von der Decke der Abflughalle – der bereitgestellte Plastikeimer kann nicht viel dagegen ausrichten. Der Flieger ist verspätet, angeblich des miesen Wetters wegen, was wir aber erst viel später vom Piloten erfahren. Am Flughafen kommuniziert der Bildschirm stets, unser Flug sei “on time”. Eine halbe Stunde nach geplanter Startzeit wird unsere Flugnummer aus der Abflugliste verbannt. Immerhin ist dies nur systemtechnisch der Fall und zwei Stunden später lehnen wir im Flugzeugsitz, verabschieden uns endgültig von Afrika. Der Himmel weint noch immer, die grauen Wolken schweben mittlerweile unter uns. Der Blechvogel nimmt Kurs in Richtung Norden, flattert Asien entgegen – Dubai, wir kommen!
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