Palmenbuchten der Südküste
Die Zehen im Sand schweifen unsere Augen verträumt über den Strand. Durch wispernde Palmwedel hindurch fällt unser Blick auf den in der bereits kräftigen Morgensonne glitzernden Ozean. Im Schatten liebkost uns angenehm eine leichte Brise, während wir ein spätes Frühstück vertilgen. In dieser Tropenidylle legt sich eine wohltuende Entspannung über uns und wir freuen uns auf die kommenden Tage an der Südküste, wo sich Sandstreifen mit dichten Palmengürteln und einem Hauch Fischerromantik erstrecken. Mit Kokospalmen gesäumte Buchten sind für uns der Inbegriff eines tropischen Strandes, versprühen sie natürliche Schönheit und pure Exotik…
Tangalle, rund 200 Kilometer von Colombo entfernt, lebt vorwiegend von der Fischerei. Die Kleinstadt selbst bietet ausser einem belebten Marktplatz und einem geschäftigen Hafen nichts Besonderes, der Reiz liegt in der Küstenlandschaft. Der langgezogene Strand beginnt gleich bei den farbenfrohen Fischerbooten, wo er in Stadtnähe mit störenden Befestigungen gegen die Erosion geschützt wird und auch die
Unterkünfte in unseren Augen nicht sehr einladend wirken. Auch Bauruinen und Müll sind nicht zu übersehen sowie zahlreiche Liegestühle in der prallen Sonne im Sand – allesamt nicht unser Ding. Weiter im Osten geht der verbaute Strand nahtlos in den makellosen Marakollyia Beach über, wo die Brandung über flache und von Seegrün überwucherte Felsformationen schäumt.
Hier haben wir uns in einem kleinen, ruhigen Strandresort eingenistet, etwa zwei Kilometer vom quirligen Zentrum entfernt. In der familiengeführten Bleibe ergatterten wir ein Schlafgemach im Obergeschoss einer der schlichten Hütten, wo wir auf dem lauschigen Balkon in der Hängematte baumeln können – Meeresrauschen inklusive. Bei einem Drink auf der Restaurantterrasse kommen wir mit dem älteren Besitzer ins Gespräch, der uns von seinem Besuch in der Schweiz vor Jahrzehnten erzählt. Des Weiteren erfahren wir, dass die Unterkunft schon seit über dreissig Jahren existiert. „War die Anlage auch vom Tsunami betroffen?“, platzt es neugierig aus mir heraus. Nachdenklich gibt der Mann leise preis, dass alles dem Erdboden gleichgemacht war und wiederaufgebaut werden musste. Gedankenverloren schaut er auf das tosende Meer hinaus – wir fragen nicht mehr weiter.
Tangalle war vom gewaltigen Seebeben im Jahre 2004 sehr stark betroffen. Die immensen Flutwellen zerstörten ganze Küstenstriche und hinterliessen unendlich viel Leid. Insgesamt verloren in Sri Lanka etwa 35’000 Menschen ihr Leben und mehr als 800’000 ihr Obdach. Noch heute sind vereinzelt Überbleibsel der Verwüstungen sichtbar – Häuserruinen als stumme Zeugen der Naturkatastrophe. Wegen den schlimmen Tsunami-Schäden wurden fast alle Unterkünfte umfassend renoviert oder gar neu erbaut. Daraus resultiert sind einige nette Bungalowresorts mit verlockenden Restaurants, die sich am Marakolliya Beach meist unauffällig in den Palmen verstecken. An diesem Strandabschnitt sind die Betten verhältnismässig dünn gesät und jetzt in der Hochsaison ist vieles ausgebucht. Trotzdem wirkt es hier nicht voll und es geht geruhsam zu und her. Ohne viel Trubel, genauso wie es uns behagt.
Unser Strandspaziergang entpuppt sich rasch als anstrengend, ist der helle Sand grob und weich. Bei jedem Schritt sinken unsere Füsse tief ein, und wäre da kein üppiger Palmenbewuchs, wähnten wir uns in der Wüste. Je weiter östlich wir stapfen, desto unberührter die Natur. Der kilometerlange breite Sandkasten ist beinahe menschenleer und zu unserem Entzücken sauber. Gegen Süden ausgerichtet, sucht man hier im Verlaufe des Tages jedoch vergeblich Schatten. Auch von einer Abkühlung im wild schäumenden Ozean ist besser abzusehen, herrschen hier starker Wellengang und gefährliche Unterströmungen, weil der Meeresboden stellenweise stark abfällt – ein Wermutstropfen im Paradies.
Nach sechs Kilometern erlangen wir den verwaisten Strand von Rekawa im eigenen Saft badend. Tagsüber schwitzen wir jeweils bei 33 Grad, was uns dafür laue Abende beschert – um zehn Uhr nachts zeigt das Thermometer auf dem Balkon noch immer 27 Grad an. Wenn auch stets feucht und klebrig, fühlen wir uns hier rundum wohl und verlängern unseren Aufenthalt, was glücklicherweise klappt. Unsere nur kalt fliessende Dusche ist in dieser Tropenhitze gut zu ertragen, ja eigentlich willkommen…
Im Ferienrhythmus. Nach dem Ausschlafen und anschliessenden Morgenessen schlägt die Uhr schon fast elf. Mit dem öffentlichen Bus pilgern wir durch ländliches Grün, vorbei an Reisfeldern und Palmenhainen, nach Mulkirigala im Inland. Das auf einem 200 Meter hohen, schwarzen Felsen thronende Kloster, ist die bedeutendste kulturhistorische Sehenswürdigkeit der Region. Steil führen Treppenstufen –
angeblich 450 – in die Höhe, unregelmässig angelegt, bringen sie uns in der Mittagssonne aus der Puste. Die auf fünf Ebenen liegenden Höhlen, Nischen und Andachtsstätten des heiligen Felsens sind mit farbenprächtigen Wandgemälden aus dem 19. Jahrhundert und Statuen geschmückt, darunter ein paar liegende Buddha-Riesen. Auch werden wir mit wunderbaren Ausblicken in die Weite belohnt.
Am nächsten Tag kundschaften wir den Ortsteil Goyambokka aus, nur wenige Kilometer westlich von Tangalle. Wieder mit einem ächzenden Bus unterwegs – in dessen Bauch fühlt es sich heiss wie in einer Sauna an, zumindest bis er loslegt. In Sri Lanka kommt man mit den öffentlichen Autobussen fast überall hin, allerdings braucht man dafür manchmal verhältnismässig lange. Aufgrund malerischer Felsformationen zähle der Strand von Goyambokka zu den bezauberndsten der Südküste. Die winzige Bucht ist von vielen Kokospalmen perfekt eingerahmt, doch haben wir weniger Infrastruktur erwartet. Die einfachen Lokale mit Palmblätterdächern fügen sich zwar beinahe unscheinbar in die Naturkulisse ein, da fallen die Liegestühle und Touristen mehr ins Bild.
Ein paar Meter weiter, in der danebenliegenden Bucht, gewinnt eine aus Holz zusammengezimmerte Bretterbude unsere Beachtung. „Father fishes, son cooks“, verlockt das urige Lokal, das wie ein Baumhaus anmutet. Das Essen war es allerdings nicht wert, die vor Fett triefenden Portionen klein, aber die Lage unschlagbar – hoch über dem Indischen Ozean.
Erst hin- und hergerissen, ziehen wir nach vier Tagen schliesslich weiter, wollen wir noch weitere Palmenbuchten der Südküste entdecken. Unsere heutige Reise bringt uns nicht weit, lediglich ins fünfzehn Kilometer entfernte Dickwella. Bevor wir uns niederlassen inspizieren wir verschiedene Zimmer. Die Preise sind stolz und das Preisniveau ziemlich hoch. Etwas Zeit verbummelt, entscheiden wir uns schlussendlich für ein brandneues Hotel, dessen Lage nur durch eine schmale Strasse vom Strand getrennt ist. Der weiss getünchte, schicke Bau, umgeben von einem grünen Rasenteppich, wirkt völlig fehl am Platz. Vom Balkon des modernen Zimmers blicken wir über das türkisblaue Schwimmbecken auf das weite Meer. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist hier besser als anderswo, profitieren wir von einem Eröffnungsrabatt.
Der Dickwella Beach gewinnt keinen Schönheitspreis. Der ansehnlichste Abschnitt ist jener am östlichen Ende, dort wo unser Hotel liegt. Der flach abfallende Strand wird nur von niedrigen Wellen umspült, das Baden ist hier fantastisch und erfrischend. In der Mitte der Bucht an bester Strandlage sind der wuselige Markt und der Busbahnhof angesiedelt, gleich dahinter verläuft die laute Hauptstrasse.
Am nächsten Tag schustern wir einen Kilometer durch besiedeltes Gebiet zum nächsten Strand – Hiriketiya Beach. Die kleine Palmenbucht ist halbmondförmig geschwungen, der schmale Sandstreifen verschwindet bei Flut fast gänzlich. Einmal mehr haben wir mehr erwartet, oder weniger, wie man es nimmt. Proppenvoll mit Touristen und Einheimischen, die ihre Geschäfte anbieten. Liegestühle, Surfbretter, Essen und Getränke – ein fröhliches Ghetto.
Es bleibt kaum ein freier Fleck übrig, und wir fühlen uns fehl am Platz. Doch Platz gibt es für uns eigentlich ohnehin keinen. Ans andere Ende des Strandes geschlendert, klettern wir über ein paar Felsbrocken, setzen uns einen Moment und verdauen. Gebannt beobachten wir das Surfervolk im Wasser, das hauptsächlich auf DIE Welle wartet – die Surfer sind fast zahlreicher vertreten wie die Wogen.
Ernüchtert schleichen wir wieder zum Dickwella Beach zurück und futtern der Umstände
wegen auch heute wieder im Lokal der etwas anderen Art. Ansprechend angelegt unter einem wedelnden Palmendach, merkt man, dass hier ein Westler die Finger im Spiel hat. Auch die Speisekarte ist unverwechselbar – Roti mit raffinierten Füllungen wie Aubergine und orientalischem Hummus, dazu knusprige Pommes, aufgetürmt in einer Tasse. Ein Leckerbissen sondergleichen. Die professionelle Kaffeemaschine ist heute leider nur zur Zierde da – der Barista sei krank und offenbar unersetzlich. Dann muss ein Koffeinschub eben warten.
Gehörig ausschlafen und die Meersicht vom Bett aus geniessen, so das Motto heute Morgen. Zumal die Reiseetappe wieder kurz ist, brauchen wir nicht früh aufzubrechen. Alsbald wir im Bus sitzen, ist es dahin mit unserer Seelenruhe. Einmal mehr ein haarsträubender Ritt, pflegt der Lenker einen ruppigen Fahrstil und schiesst wie ein Irrer mit übersetztem Tempo über die vielbefahrene Strasse. Die langsameren Tuk Tuks überholt er kopflos und für am Strassenrand wartende Passagiere reisst er jeweils eine Vollbremse, sofern er sie nicht stehen lässt. Andauernd klebt er auf der ohrenbetäubenden Hupe, wie wenn er den restlichen Verkehr so von der Strasse fegen könnte. Die Fahrer scheinen immer in Eile, das Ein- und Aussteigen ist stets ein Gehetze. Busfahren in Sri Lanka ist wirklich nichts für schwache Nerven…
Als uns das rasende Gefährt nach eineinhalb Stunden im 35 Kilometer entfernte Mirissa unversehrt ausspuckt, sind wir erleichtert. Erst plante ich, den Strandort erneut zu besuchen, und dann, als ich im Reiseführer darüber gelesen hatte, kam ich ins Zögern. Schliesslich hat es sich doch ergeben, dass wir nun hier sind. Nach meinem ersten Aufenthalt vor zwölf Jahren schwärmte ich vorbehaltlos von Mirissa, dem beschaulichen Ort mit
dem melodischen Namen. Natürlich war mir bewusst, dass sich seither viel verändert hat – aber so viel? Darauf war ich schlichtweg nicht vorbereitet. Als wir einen ersten Fuss an den Strand setzen, bin ich geschockt. Vor lauter Touristen und Sonnenliegen sieht man kaum ein Sandkorn. „Mein“ naturbelassenes Mirissa gibt es nicht mehr. Nichts ist mehr, wie es einmal war – wie damals, wo eben wirklich noch nichts war!
Entsetzt nehmen wir Reissaus und flüchten erstmals ins Hinterland, wo wir uns in einem Gartenrestaurant kulinarisch aufmuntern. Der Laden läuft wie geschmiert und das zu Recht, feiern wenigstens unsere Geschmacksnerven ein Freudenfest. Bananen-Schokoladen-Roti und dazu ein Vanille-Milchshake – die tropische Variante von Kaffee & Kuchen. Der emsigen Mannschaft sprechen wir ein aufrichtiges Lob aus. Morgen kommen wir wieder, versprochen.In Mirissa beherbergt mittlerweile wohl jedes zweite Haus bezahlende Gäste. Unsere
Unterkunft liegt einigermassen ruhig zwischen der rumorenden Hauptstrasse und dem Meer. Das Homestay hat nur wenige Zimmer, gefrühstückt wird im Reich der Familie. Ein „Gutes Morgen“ kommt den Gastgebern nicht unaufgefordert über die Lippen. Der Sohn, der auftischt, versteckt sich hinter einer riesigen Schirmmütze. Der im Reisehandbuch versprochene „big smile“ gehört wohl der Vergangenheit an – ernten wir ein Lächeln, scheint es erzwungen. Wer das Privileg hat, unter Unzähligen im Lonely Planet erwähnt zu sein, braucht sich vielleicht nicht mehr gleich viel Mühe zu geben wie anfänglich.
Mirissa ist in den letzten Jahren zu einem neuen Lieblingsziel mutiert. Die dörflichen Strassen mit einfachen Unterkünften erwecken den Eindruck, dass hier vorwiegend
Rucksackreisende absteigen. Doch die sichelförmige Bucht versprüht eher das Flair von pauschalem Massentourismus, dem wir wenig abgewinnen können. Hotels und Restaurants säumen fast ohne Unterbruch den Strand – leider mussten zwangsläufig viele Palmen dem Bauwahnsinn weichen. Was uns zusätzlich traurig stimmt, ist der herumliegende Abfall und Gerümpel, der sich mancherorts geradezu widerlich unmittelbar neben touristischer Infrastruktur verteilt. Und das, obwohl hier sogar ein Kehrichtwagen seine Runden dreht…
Zuversichtlich flanieren wir dennoch über den zuckerfeinen Sand und erhoffen uns einen nicht tapezierten Schattenflecken. Vergebens. Der ganze Strand ist vollgepackt, auch im Wasser wimmelt es von Menschen. Kunterbunt gemischt, auch viele Familien – käseweisses Fleisch, chinesische Gesichtszüge, häufig kommt uns Russisch zu Ohren. Liegestuhl an Liegestuhl, Tisch an Tisch, in manchen Lokalen ist kaum Luft zum Atmen auszumachen. Die Sonnenschirme bunt wie Papageie, farbige Überdachungen vermitteln Festzeltstimmung. Dutzende Tafeln werben für die hier veranstalteten Walbeobachtungstouren, über die Wellen flitzt ein lärmender Wassertöff. Die hereinkommende Flut mittlerweile einen beträchtlichen Teil des Sandstreifens verschlingend, muss die Meute noch enger zusammenrücken.
Gedämpft kehren wir dem Getümmel den Rücken. Stattdessen nehmen wir den Hafen in Augenschein, wo tonnenweise Fischerboote im Sonnenschein schaukeln, bevor wir uns in unserer Kammer verschanzen und einer ausgedehnten Siesta frönen. Gegen Abend wagen wir uns nochmals zum Strand vor, einen
Sundowner lassen wir uns trotz alldem nicht nehmen. Während die letzten Sonnenstrahlen schräg über den schillernden Ozean tanzen, gönnen wir uns einen Cocktail. Bald legt sich die Dunkelheit über die belebte Strandkulisse, und bei Kerzenschein lassen wir den Abend ausklingen. Rundum die Bucht zwar poppig wie ein Lunapark erleuchtet, kommt letztendlich doch noch eine Prise Romantik auf.
Mirissa, als eine der schönsten Buchten Sri Lankas gerühmt, hat für mich seinen Zauber
jedoch vollständig eingebüsst. Bestimmt geht es hier in der Nebensaison um einiges friedlicher zu und her, doch die ursprüngliche Atmosphäre und Naturbelassenheit ist leider auf immer und ewig verloren. Gedanklich schweifen wir zurück und ziehen ein Fazit der vergangenen acht Tage. Drei besuchte Küstenorte – wir sind uns einig. Vom erstbesuchten Tangalle sind wir zweifelsohne am meisten angetan…
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