Pasikudah – Balsam für die Seele
Unsere gutherzige Gastfamilie bedankt sich beim Abschied überschwänglich für unseren Aufenthalt, ein Neffe kutschiert uns mit seinem knallroten Tuk Tuk zum Bahnhof von Polonnaruwa. Unser nächstes Reiseziel liegt an der Eisenbahnstrecke – eine zweistündige Bummelfahrt steht auf dem Programm. Überraschend wenige Menschen bevölkern den Bahnsteig, obwohl nur vier Züge täglich an die Ostküste pendeln. Ob die Einheimischen den Bus bevorzugen? Dem Schienenverkehr haftet der Hang zur Verspätung an, umso mehr verblüfft es uns, dass der Zug eine Viertelstunde zu früh antanzt. Auf die Minute pünktlich ein ohrenbetäubender Pfiff ausgestossen, ruckeln wir los…
Die Lokomotive mit nur zwei verlotterten Personenwagons im Schlepptau, schnaubt gemächlich ostwärts. Längst nicht jeder Sitzplatz ist belegt, mühelos ergatterten wir einen Fensterplatz. In der dritten Klasse sind geschlossene Fenster und Klimaanlage Fremdwörter – uns ist das recht, wir begrüssen den lauen Fahrtwind. Die alten Eisenbahnwagen schlagen laut aneinander und schwanken aufgeregt hin und her. Ihr energisches Hüpfen mutet fast etwas beängstigend an, wie ein Ritt im Pferdesattel. Demzufolge hopst die ländliche Szenerie vorbei. Mit Reisfeldern gesegnet und mit Dörfern gespickt, an deren Bahnhöfen kaum Betrieb herrscht.
In Valaichchennai sind wir fast die einzigen, die von Bord gehen. Niemand stürzt sich auf uns, ganz ungewohnt. Abwartend schlendern wir ein paar Schritte, bis ein Tuk Tuk-Fahrer uns unaufdringlich aufgabelt. Eine weisse Muslim-Kappe thront stolz auf seinem Kopf, aus seinem Mund purzeln zaghaft ein paar englische Silben. Geduckt auf die Hinterbank gekrochen, schlängelt sich der nette Herr mit seinem knatternden Dreirad durch den gemässigten Verkehr. Nur noch wenige Kilometer trennen uns von Pasikudah – aufgeregt fiebern wir dem Indischen Ozean entgegen. Wir tuckern sozusagen in die Badeferien…
Knapp vierzig Kilometer nördlich der Stadt Batticaloa erstrecken sich zwei langgezogene Sandbuchten, die angeblich zu den reizendsten der Insel zählen. Während ausländische Besucher, darunter viele Pauschaltouristen, meist Pasikudah bevorzugen, tummeln sich
einheimische Besucher lieber an der sich südlich anschliessenden Bucht von Kalkudah. Das Badeziel ist jung, und gleichzeitig alt. Anfang der 80er-Jahre strömten scharenweise Sonnenhungrige an die ausgesprochen flachen Strände der schmalen Halbinsel, bis der Bürgerkrieg die Zerstörung fast aller touristischen Einrichtungen mit sich brachte und die Gebäude zunehmend verfielen. Der sich über Jahrzehnte hinziehende Krieg ist ein tragisches Kapitel in der Geschichte Sri Lankas, der eine vorher nicht gekannte Welle der Gewalt gegen die Tamilen hegte. Erst seit 2009, nach 26 zermürbenden Jahren und literweisem Blutvergiessen, schweigen die Waffen.
Der vorwiegend im Osten und Norden tobende Bürgerkrieg hat gewisse Landstriche in Orte des Grauens verwandelt und viele Erholungssuchende abgeschreckt. Doch noch vor dem Kriegsende folgte mit dem Tsunami ein weiterer Schrecken und die kleine Insel erlebte die grösste Naturkatastrophe ihrer jüngeren Geschichte. Die gewaltigen Wassermassen verursachten immense Verwüstung und die in den Kriegsjahren zunehmend verfallenen Gebäude wurden auf einen Schlag endgültig bis auf Grundmauern, Fundamente und Ziegelschrott dezimiert. Dominierte hier bis 2011 noch weitgehend Trostlosigkeit, sind die mageren Jahre nun endlich vorbei und es wird kräftig investiert.
Mittlerweile den protzigen Eingangsbereich unseres gebuchten Hotels erreicht, beschleicht uns ein beklemmendes Gefühl. Im Vergleich zum hohen Mauerwerk wirkt das kleine Tuk Tuk richtig mickrig. Mit einem fast schlechten Gewissen drücken wir dem Fahrer das geforderte Kleingeld in die Hand. Wie mag es ihm erscheinen, uns vor einem schicken Hotel abzusetzen, das er sich in seinem, wahrscheinlich bescheidenen, Leben nie leisten kann? Verschiedene Welten prallen aufeinander. Alle in den letzten Jahren neu eröffneten Strandresorts an der Bucht von Pasekudah, gehören gehobener Klasse an. Günstig absteigen lässt es sich lediglich im Hinterland, in Unterkünften, die meist an der Hauptstrasse liegen.
Ein Angestellter begleitet uns zu unserer Villa. Das grosszügige Zimmer in der oberen Etage lässt unser Herz einen Freudentanz aufführen, und keinerlei Wünsche offen. Alleine das offene Badezimmer ist grösser wie die meisten der Budget-Zimmer, in denen wir uns in der Regel einquartieren. Stilvoll eingerichtet mit allem Schnickschnack, zwar nicht alles praktisch und durchdacht.
Das selbsternannte 5-Sterne-Boutique-Resort wirkt zu unserem Erstaunen nach nur dreijährigem Bestehen bereits etwas abgewohnt – mangelt es an Qualität und Wartung. Trotzdem sind wir hin und weg. Auch nicht zu verachten sind die Ausmasse des luftigen Balkons, der auf einen gepflegten grünen Garten hinausblickt. Mit Wonne nisten wir uns zwischen die behaglichen Kissen auf dem Sofa.
Ein Schnäppchen, das wir nicht ausschlagen konnten. In der Hauptsaison kostet das luxuriöse Zimmer beinahe dreimal so viel. Doch jetzt ist das Preis-Leistungs-Verhältnis unschlagbar – kommen wir mit unter hundert Franken pro Nacht für uns beide davon, inklusive ausgiebigem Morgenessen. Obendrein haben wir die Hotelanlage momentan fast für uns alleine, residieren in der Nebensaison nur eine überschaubare Anzahl an Gästen. An der Ostküste fällt die Monsunzeit entgegengesetzt zur Westküste aus – die regenreichere Periode dauert etwa von November bis April. Von der Hotellobby in Richtung Strand, offenbart sich mit jedem Schritt ein noch besserer Blickwinkel auf den eleganten, pechschwarzen Pool und darüber hinaus auf das Blau des Meeres. Uns übermannt ein grossartiges Gefühl, als Überschreiten wir einen roten Teppich. Wow, hier lässt es sich verweilen…
Kaum den sauber gewischten Strandabschnitt unseres Hoteltempels verlassen, verschandelt Plastik den breiten Sandstreifen. Am Strand von Pasikudah reiht sich zwar ein Resort ans nächste, aber bleibt zwischendrin etwas freier Platz, trübt diesen leider Müll – dafür fühlt sich offenbar niemand verantwortlich. Langsam schlendern wir dem hellen Strand entlang, lassen den feinen Sand durch unsere Zehen rieseln und lauschen dem plätschernden Wasser. Mancherorts lauert scharfkantiger Korallenschrott, da vorgelagerte Korallenriffe die Küste säumen. Beim wuchtigen Seebeben damals arg in Mitleidenschaft gezogen, erholt sich die Unterwasserwelt zwar allmählich, aber Korallen gedeihen bekanntlich nur im Schneckentempo.
Trotz Regenzeit hält unser Wetterglück an. Heute strahlt das Himmelblau besonders
intensiv und lädt zu einem weiteren Strandbummel ein. Die Bucht von Kalkudah zieht sich über mehrere Kilometer, verliert sich weit hinten am Horizont im Sand. Nur am nördlichen Ende etwas verbaut, ansonsten mehrheitlich naturbelassen und menschenleer. Grosse Wellen schlagen schäumend am Strand auf, wo seelenruhig bunte Fischerboote ruhen. Wäre die sanft geschwungene Bucht mit schattenspendenden Palmen eingerahmt, was allenfalls vor dem verheerenden Tsunami der Fall war, wäre der Traumstrand in unseren Augen perfekt….
Auf dem Rückweg decken wir uns in der Bäckerei an der Strasse für wenige Rupien ein – für den entsprechenden Betrag kriegen wir im Hotel nicht einmal eine Flasche Wasser. Genüsslich knabbern wir das ofenwarme Gebäck auf unserem Balkon, schlürfen dazu einen selbstgebrühten Pulverkaffee. Das Essen in den Strandhotels ist sündhaft teuer, auch wenn es nicht immer schmeckt oder den gedeckten Tisch nur noch lauwarm
erreicht. Das Preiskonzept ist undurchsichtig, meist kommt zum gedruckten Preis nochmals knapp ein Drittel an Steuern und irgendwelchen hausgemachten Gebühren hinzu. Als Entschädigung trägt das liebenswürdige Personal ständig ein Lächeln im Gesicht, fragt uns stets nach unserem Befinden und ist äusserst aufmerksam. Manchmal fast zu aufmerksam. Wechselt die Handtücher im Zimmer sogar zweimal im Tag, was wir völlig übertrieben finden.
Drei Tage im Nu verflogen, verlängern wir spontan um weitere zwei. Nach einem späten Frühstück an den Strand, nach dem Liegestuhl ein paar Schwimmzüge im wunderschönen Pool, und schon ist es beinahe wieder Abend. Entspannung pur, das Faulenzen tut gut. Fotografisch wollen wir noch den sagenhaften Meerblick mit Sandstrand und Kokospalmen festhalten – für ein gelungenes Bild bringe ich Roland auf die Palme! Heute verwöhnen wir uns mit einem Drink. Währenddessen die Sonne ihre letzten Strahlen sendet, stossen wir zufrieden an – auf die gelungene Hotelwahl sowie den gnädigen Wettergott. Und die erholsame Zeit, die Balsam für die Seele war.
Etwas wehmütig nehmen wir Abschied. Doch es ist auch an der Zeit, weiterzuziehen, und uns wieder in die echte Welt ausserhalb der Hotelmauern zu stürzen. Genauso wie wir angereist sind, zotteln wir auch wieder ab – mit Tuk Tuk und Zug. Zurück nach Polonnaruwa, von wo es weiter ins kulturelle Inselherzen geht. Der Bahnhof ist noch vollständig verwaist. „Die Eisenbahn hat Verspätung“, weiss der Schalterbeamte. Ein Ticket
erhalten wir noch nicht, der Verkauf sei noch nicht eröffnet. Mit einem unguten Gefühl setzen wir uns auf die harte Bank und warten ab. Doch dann, erstaunlicherweise erst kurz nach der regulären Abfahrtszeit, trudeln ein paar Menschen ein, und eine Dreiviertelstunde später auch der Zug. Bald kehren wir der Ostküste ratternd den Rücken. Wieder auf Achse wie ein hupfender Gummiball, drohen die Wagen schier aus den Schienen zu springen.
In Polonnaruwa tauschen wir Bahn gegen Bus. Kaum eingestiegen, verlässt das Riesenvehikel das Busterminal, um erstmals der Strasse entlang zu kriechen und weitere Fahrgäste anzuheuern. Daraufhin zügig unterwegs und alles überholend, was in die Quere kommt – die öffentlichen Busse sind für ihr übersetztes Tempo berüchtigt. Unerwartet reisst der Fahrer ein Stopp und sein hagerer Assistent hetzt zu einem kleinen Altar am Wegesrand. In aller Eile kurz die Hände zum Gebet gefaltet, wirft er hiernach einen Geldschein in den Schlitz. Ob das Beten hilft, den draufgängerischen Verkehr wohlbehalten zu überstehen? Wir hoffen es innig, drückt danach unser Buslenker umso kräftiger aufs Gaspedal…
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